Rezensionen

Donnerstag, 23. Juli 2009

Neues Buch: Pascal Faustini: La communauté juive de Metz et ses familles 1565 – 1700. Seconde Edition 2009

Der Privatgelehrte Pascal Faustini aus Thionville ist weltweit die größte Autorität auf dem Gebiet der Genealogie des lothringischen Judentums. Dabei gehen sein Wissen und seine Forschungen noch deutlich über den lothringischen Rahmen hinaus, wie beispielsweise seine Publikationen zur jüdischen Genealogie im Saarland, in Worms oder Koblenz zeigen. Durch zahlreiche Aufsätze, mehrere Bücher und unzählige persönliche Hilfeleistungen hat er sich höchste Verdienste erworben. Als er im Jahr 2001 sein 283 DIN A 4-Seiten starkes Buch „La communauté juive de Metz et ses familles“ (1565 – 1665) veröffentlichte, legte er damit ein einzigartiges Grundlagenwerk zur Geschichte der Metzer jüdischen Familien vor. Es enthielt die Erstveröffentlichung zahlreicher Notariatseinträge aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie eine übersichtliche Zusammenstellung der Verwandtschaftsverhältnisse und der Herkunft der jüdischen Familien aus Metz. P. Faustini hatte in größtem Maß nicht bereits Bekanntes zusammengetragen, sondern Neuland erschlossen.

In den folgenden Jahren setzte er die intensive Forschung fort und weitere wichtige Publikationen folgten. Jetzt liegt ein neues beeindruckendes Opus magnum vor: die wesentlich erweiterte zweite Auflage des Werkes von 2001. Das neue Buch aus dem Jahr 2009 wiegt 1, 3 kg und umfasst 500 Seiten im DIN A 4-Format. Faustini hat den Forschungszeitraum bis zum Jahr 1700 erweitert und kann zahlreiche neue Daten und viele spannende Entdeckungen präsentieren. Die 2. Auflage enthält mit 1126 fast doppelt so viele Notariatseinträge zu Juden aus Metz und präsentiert auf 250 Seiten die Genealogie der Metzer Familien. Eine unglaubliche Fleißarbeit und ein beeindruckendes Zeugnis der jüdisch-genealogischen Gelehrsamkeit Faustinis. Kurzum: Ein unverzichtbares Werk nicht nur für aus privaten Gründen am Metzer Judentum Interessierte, sondern gerade auch für deutsche Universitäten, an denen man sich mit der Geschichte Lothringens und des Judentums befasst. Immerhin zählte Metz zu den Zentren des europäischen Judentums und war – wie gerade Faustinis Buch dokumentiert – auf vielfältigste und familiärste Weise mit anderen Mittelpunkten jüdischen Lebens in Europa (zum Beispiel Prag und Frankfurt) verbunden.

Wie schon beim ersten Buch, so wird auch die zweite Auflage von Pascal Faustini im Selbstverlag vertrieben. Der Verkaufspreis von 45,- € (plus Versandkosten) erscheint für dieses Mammutwerk keineswegs zu hoch. Bestellungen können über seine Mailadresse: pascal.faustini@free.fr erfolgen.



Auch er entstammte mütterlicherseits zum guten Teil dem Metzer Judentum: Marcel Proust (1871 - 1922)

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Stephanie Irrgang über Peter Krause - Rezension einer Rezension

Die Historikerin Dr. Stephanie Irrgang hat sich in einer Rezension des jüngsten Buches des emeritierten Trierer Juristen Prof. Peter Krause angenommen: „Rechtswissenschaften in Trier. Die Geschichte der juristischen Fakultät von 1473 bis 1798“:

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=11465

Das ist zunächst einmal verdienstvoll, weil es dazu beiträgt, diesem hochlöblichen Werk zumindest in Fachkreisen größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Irrgang-Rezension ist allerdings eine Mischung aus verständlichem außerordentlichem Lob und sachlich nicht nachvollziehbarer unberechtigter Kritik. Frau Irrgang schreibt einerseits: „Umfang der Studie und Detaildichte muten fast wie ein Wunder an“ und verweist auf Krauses „akribische Lektüre der Quellen“. Mit Recht bemerkt sie, dass an dem Werk von Krause künftig kein Weg mehr vorbeiführen wird.

Andererseits glaubt sie, angebliche Misstände des Werks bemängeln zu müssen. Da heißt es beispielsweise bei ihr: „Leider mangelt es vielfach an klaren Belegen für dessen neue Befunde, was für weitergehende Untersuchungen an sich bedeutet, erneut alle Angaben zu prüfen. Besonders die Eintragungen aus dem Statutenbuch sind nicht mit genauer Seitenangabe belegt. Der Leser muss sich umständlich selber die Belege heraussuchen.“ Eine höchst seltsame Kritik, denn Krause hat seine Erkenntnisse und Forschungen sehr wohl mit aller wissenschaftlich erwünschten Klarheit belegt: Gerade die Eintragungen aus dem Statutenbuch sind mit genauer Seitenangabe wiedergegeben! Jede einzelne Seite des abgedruckten Statutenbuchs ist am Seitenrand von Krauses Buch mit exakter Seitenangabe versehen. Das muss Stephanie Irrgang völlig übersehen haben – vielleicht weil ihr anscheinend recht oberflächlicher Blick zu sehr auf die Fußnoten fixiert war.

Oder wollte sie Krause „eins auswischen“? Solche allzumenschlichen Motive sind ja auch in Gelehrtenkreisen weder unbekannt noch selten. Immerhin hat der sorgfältig lesende Peter Krause auf S. 291 in Fußnote 4 auf einen inhaltlichen Fehler in Irrgangs Dissertation hingewiesen – und zwar auch diesmal wieder mit genauen Seitenangaben. Vielleicht erklärt sich aus diesem Zusammenhang heraus eine weitere ungerechtfertigte und überflüssige Anmerkung Irrgangs: „Überhaupt erscheint die Materialdichte auch in den Fußnoten, Anhängen und Listen derart überorganisiert, dass sich die Lektüre selbst für den geübten Leser serieller Quellen und prosopographischer Kataloge beschwerlich gestaltet.“ Krauses Fußnotenapparat hält sich bei aller Sorgfalt sehr in Grenzen. Ich selbst habe jedenfalls nicht im Geringsten den Eindruck einer beschwerlichen Lektüre gehabt – ganz abgesehen davon, dass man an ein solches Werk ohnehin nicht in der Erwartung einer anspruchslosen Feierabendlektüre herangehen sollte. Eine Überorganisation hätte vielleicht dann vorgelegen, wenn Krause den wenig hilfreichen Rat Irrgangs beherzigt hätte, auch die ungedruckten Quellen ins Literaturverzeichnis zu übernehmen. Was hätte dort die Aufzählung von Beständen aus dem Landeshauptarchiv in Koblenz oder aus der Stadtbibliothek an zusätzlichem Nuitzen bringen sollen? So findet man sie dagegen mühelos an den richtigen Stellen des Buches – dort, wo man sie thematisch erwartet und wo sie bei diesem umfangreichen Werk hingehört.

Kurzes Fazit: Irrgangs Rezension wird der exzellenten Arbeit Krauses nur teilweise gerecht.

Sonntag, 27. Juli 2008

Reinhold Bohlen (Hg.): Begegnung mit dem Judentum. 2. durchgesehene Auflage. Trier: Paulinus, 2007 (Schriften des Emil-Frank-Instituts, Band 9)

Das von Prof. Bohlen, dem Rektor der Theologischen Fakultät Trier und Direktor des Emil-Frank-Instituts an der Universität Trier und an der Theologischen Fakultät Trier, herausgegebene Werk befasst sich in den sieben Beiträgen seiner Autoren teils mit speziell jüdischen, teils mit christlich-jüdischen Themen. Rabbiner Walter Homolka, sicher einer der wichtigsten Vertreter des heutigen Progressiven Judentums, widmet seinen biographisch orientierten Beitrag der jüdisch-liberalen Theologie des berühmtesten deutschen Reformrabbiners Leo Baeck (1873 – 1956). Der Historiker Uri Kaufmann untersucht „Die Bedeutung der mittelalterlichen spanischen Juden für die Entwicklung der jüdischen Tradition“ – ein kurzer, aber nützlicher Überblick über Historie und Leistungen des sephardischen Judentums. Der dritte jüdische Autor, der Thionviller Rabbiner Gérald Rosenfeld, betont die herausragende Bedeutung der Tora und des Torastudiums in der jüdischen Geschichte. Er vertritt die Ansicht, dass die Tora das Judentum vor der historischen Auslöschung bewahrt habe. Wegen dieser existenziellen Bedeutung müsse sie auch in der religiösen Erziehung im Mittelpunkt stehen. Dabei komme der beständigen Wiederholung eine zentrale Rolle zu. Die übrigen Autoren – die Theologieprofessoren Andreas Heinz und Walter A. Euler, der Historiker Alfred Haverkamp sowie Dr. Marianne Bühler – kommen alle von der Uni Trier. Den wohl interessantesten Aufsatz steuert dabei Prof. Heinz bei, der kenntnisreich und unvoreingenommen der Frage nachgeht: „Antijudaismus in der römischen Liturgie“? Für die vorkonziliare röm. Liturgie wird dies von ihm eindeutig bejaht, für die erneuerte röm. Liturgie verneint. Allerdings ist der Beitrag vor den neueren Diskussionen um Papst Benedikt XVI. geschrieben worden, so dass sich seine Aussage nur auf die Botschaft des Konzils selbst bezieht.
Der Fundamentaltheologe und Cusanus-Experte Prof. W. A. Euler stellt in seiner Abhandlung über „Die Bedeutung des Judentums für den christlichen Glauben“ den zuerst von Julius Wellhausen formulierten Gedanken: „Jesus war kein Christ, sondern Jude“ heraus. Sein Überblick belegt die These von Amos Funkenstein, dass Judentum und Christentum wechselseitig ein permanentes „mysterium tremendum et fascinosum“ seien. Euler stellt die bemerkenswerte Behauptung auf, dass die christliche Bewertung des Judentums „die wohl größte Baustelle der gegenwärtigen Theologie“ sei. Er wagt aber keine Prognose, wie dieser Bau schließlich aussehen wird – vielleicht auch deshalb, weil er davon überzeugt ist, dass er nie zu einem definitiven Ende kommen wird.

Insgesamt ein durchaus lesenswertes Buch, bei dem nicht zuletzt auch die Kurzbiographien der Autoren interessante Auskünfte enthalten. Was dem Inhalt noch gut getan hätte, wäre ein Beitrag, der sich mit der religiösen Vielfalt des Judentums befasst. Gerade über die unterschiedlichen Gestalten dieser faszinierend vielfältigen Weltreligion ist allgemein zu wenig bekannt.

Freitag, 14. Dezember 2007

Sieg über Paul de Lagarde. Eine Rezension.

Der Berliner Oberlehrersohn und Orientalist Paul Bötticher (1827 – 1891), der nach der Adoption durch eine Großtante Paul de Lagarde hieß, ist vor der Veröffentlichung der Biographie von Ulrich Sieg nur noch wenigen bekannt gewesen. Und von diesen wussten die meisten wohl kaum mehr über ihn, als dass er ein bekannter Antisemit gewesen sein soll. Bis 1945 sah es mit der Prominenz und kulturellen Virulenz de Lagardes grundlegend anders aus. Spätestens seit der Veröffentlichung seines weltanschaulichen Hauptwerkes „Deutsche Schriften“ , in dem er sowohl Staat und Gesellschaft als vor allem auch Christentum und Judentum heftigster Kritik unterzog und für eine nationale Religion plädierte, wurde er zu einem auch von bedeutenden Persönlichkeiten geschätzten Ideologen. Der unter Altphilologen und Historikern international berühmte Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff verglich – man mag es heute kaum glauben - Lagarde in seiner Grabrede mit großen Philosophen wie Parmenides oder Fichte. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fand das publizistische Werk Lagardes, eines in Göttinger dozierenden Spezialisten für Sprachen und Kultur des Nahen Ostens, die Aufmerksamkeit von Dichtern wie Christian Morgenstern und Thomas Mann, kurz: Er gehörte zum Kanon bürgerlicher Intellektueller.

Sein deutscher Ruhm stieg weiter an, als er von den Ideologen des Dritten Reiches als als einer der wichtigsten Vordenker des Nationalsozialismus gefeiert wurde. Adolf Hitler selbst hat Lagardes politisch-ideologisches Hauptwerk – die bereits genannten „Deutsche Schriften“ aufmerksam gelesen - und mit vielen Unterstreichungen versehen, wie der Historiker Sieg nun in seiner Biographie erstmals hochinteressant und ausführlich dokumentiert. Die Berücksichtigung dieser Lese-Erfahrung Hitlers unter Verwendung der spärlich erhaltenen Reste von Hitlers Bibliothek gehört zu den nicht geringen Verdiensten Siegs bei seiner Lagarde-Biographie. Einschränkend muss dazu allerdings festgestellt werden, dass Siegs Kommentare zu den Anstreichungen Hitlers rein spekulativ sind. Niemand, auch Ulrich Sieg nicht, weiß bisher, was Unterstreichungen Hitlers unter bestimmte Sätze zu bedeuten haben. Sie können ebenso Zustimmungen zu den Ausführungen Lagardes signalisieren wie auch Ablehnung. Dass Hitler sich anscheinend besonders für wissenschaftliche Passagen im Werk Lagardes interessiert hat, kann zwar einerseits gedeutet werden – wie Sieg dies tut - , als habe sich Hitler wissenschaftlich munitionieren wollen, es kann aber auch ein genuines wissenschaftliches Eigeninteresse des Braunauers an dieser Thematik widerspiegeln.

Dass ein von den Nationalsozialisten gefeierter Denker eine objektive und unverzerrte Darstellung erhält, ist nicht selbstverständlich. Ulrich Sieg hat sich unverkennbar um eine solche Darstellung bemüht und sie ist ihm auch überwiegend gelungen. Vermutlich war sein Bemühen um Objektivität sogar der Grund dafür, dass er Lagardes geistige Leistungen zu unkritisch betrachtet. Ausführlich, aber durchaus nicht langatmig, schildert Ulrich Sieg den Lebensweg des intelligenten Paul Bötticher, der bereits in der Schule mit seiner Sprachbegabung brillierte und später ein ungemein produktiver und kenntnisreicher Orientalist wurde. Ergänzt wird diese Lebensbeschreibung durch eine Darstellung der Wirkungsgeschichte von Lagardes Werk, die lange vor der NS-Zeit begann und dann mit dem Jahr 1945 abrupt fast völlig abgebrochen wurde. Siegs detaillierte Darstellung bringt es geradezu zwangsläufig mit sich, dass der Leser auch über wichtige politische und ideengeschichtliche Ereignisse und Tendenzen informiert wird, die sich zu und seit Lagardes Zeit in Deutschland vollzogen haben.

Geringfügig getrübt wird der Wert der wichtigen Biographie allerdings dann, wenn der Historiker Sieg sich in psychologische und psychoanalytische Spekulationen einlässt. Dass der sehr frühe Tod der Mutter – 12 Tage nach Pauls Geburt – in Verbindung mit einer strengen und gefühlskalten Erziehung durch den frömmelnden Vater sich nicht günstig auf Lagardes Psyche ausgewirkt hat, ist noch ohne weiteres nachzuvollziehen. Rein spekulativ und geradezu widersprüchlich sind aber beispielsweise die Ausführungen zu Lagardes Kinderlosigkeit, wobei hier der nahe liegendste Grund – biologisdche Unfruchtbarkeit – erstaunlicherweise gar nicht weiter in Betracht gezogen wird.

Im Grunde wird auch nicht genau deutlich, in welcher Weise der vor allem als Judenfeind berühmte Lagarde als Antisemit zu bezeichnen ist. Zwar gibt es von dem groben Polemiker höchst abwertende und abstoßende Urteile von ihm über Juden, aber solche formulierte er auch – um nur diese zu nennen - gegenüber anderen Nationalitäten wie Ungarn und Iren oder anderen Religionsgemeinschaften wie Protestanten und Katholiken. Der nicht nur antijüdische , sondern auch antichristliche Lagarde forderte ausdrücklich: „Ultramontanismus und …Protestantismus müssen vernichtet werden …“. Lagarde war – wie immer wieder deutlcih wird - kein Freund des Floretts, sondern zog den Säbel vor, wobei er eine Vorliebe für zoologische Ausdrücke hatte. – nicht nur in stilistischer, sondern auch in denkerischer Hinsicht. Einfache Bürger bezeichnete er despektierlich als „rauchende Pithekoiden“, Journalisten als „Reptilien“ und Literaten waren für ihn eine schlicht eine „Wasserpest“. Eine derartige Ausdrucksweise erschwert es natürlich, ihn schon deswegen als Antisemiten zu qualifizieren, weil er Juden mit „Bakterien“ vergleicht. Zudem äußerte und verhielt sich Lagarde gegenüber einzelnen Juden – etwa gegenüber dem Midraschforscher Salomon Buber, dem Großvater Martin Bubers – durchaus freundlich und positiv, was genausowenig zu dem gängigen Bild des rabiaten Antisemiten passt wie seine Überlegung, Juden ins Deutschtum eingliedern zu können. Ulrich Sieg ist sich dieser Problematik durchaus bewusst und schreibt treuherzig zu Lagardes Antisemitismus: „Es ist gar nicht so einfach, diesen auf eine schlüssige Formel zu bringen.“ Trotz dieser Schwierigkeit hält Sieg aber - zu Recht! - an Lagardes Antisemitismus fest. Dessen seltsam groteske Fehlurteile über Juden – etwa, wenn er meint, jüdische Schüler blieben nach der Pubertät intellektuell gegenüber deutschen zurück – können schließlich nicht mehr mit religiösem Antijudaismus erklärt werden.

Lagardes ideologische Wirkung lag, wie Sieg nachweist, zum Teil an einer geschickten Selbstinszenierung als prophetischer Außenseiter, zum Teil an einer klugen „Werkpolitik“ (Steffen Martus) hinsichtlich seiner Veröffentlichungen, zum größten Teil aber wohl daran, dass er ein treffliches Sprachrohr für ohnehin wachsende völkische und antijüdische Tendenzen in Teilen der Bevölkerung und gerade auch der akademischen Elite war. Seine Radikalität als Kritiker der politischen und kulturellen Verhältnisse seiner Zeit fand bei vielen Unzufriedenen einen aufnahmebereiten Nährboden. Ausführlich prangerte er beispielsweise Missstände des damaligen deutschen Bildungssystems an und machte Vorschläge zu ihrer Behebung.

Sieg hebt sich mit seioner differenzierenden Darstellung wohltuend von all denen ab, die Lagarde auf eine intellektuelle Beschränktheit festlegen wollen, die bei ihm durchaus nicht vorlag. Dies bedeutet natürlich keineswegs, dass dieser eigenwillige Hochleistungskopf mit seinen bildungsgesättigten Räsonnements und Ressentiments im Ergebnis immer – oder auch nur überwiegend richtig lag. Siegs Schilderung des lagardeschen Charakters legt es allerdings nahe, dass die Irrtümer Lagardes weniger seinem Intellekt als seiner teilweise tragischen psychologischen Verfasstheit zuzuschreiben sind.

Insgesamt ist das enorme Verdienst Ulrich Siegs festzuhalten, den Lebensgang einer Persönlichkeit umfassend nachzuzeichnen, deren Werk im geistigen Leben Deutschlands etwa ein halbes Jahrhundert lang eine beträchtliche und verhängnisvolle Präsenz entwickelte. Das Einzige, was man Siegs Biographie wirklich vorwerfen kann, ist, dass er – oder sein Verlag - mit dem griffigen Ausdruck „Deutschlands Prophet“ eine theatralische Überschrift gewählt hat, die zwar der Stilisierung Lagardes im untergehenden Kaiserreich und im Nationalsozialismus – vor allem durch Alfred Rosenberg – entspricht, die aber der tatsächlichen letztlich geringen denkerisch-moralischen Substanz und Bedeutung Paul de Lagardes Hohn spricht.

Ulrich Sieg. Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus. München: Carl Hanser. 2007

Dienstag, 4. Dezember 2007

Über Parmenides. Eine Hörbuchrezension.

Parmenides

Kurz vor der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends wurde in der kurz zuvor von eingewanderten Griechen gegründeten Stadt Elea an der Westküste Unteritaliens einer der wichtigsten europäischen Philosophen überhaupt geboren: Parmenides (gestorben ca. 445 v. Chr.). Trotz der kaum zu überschätzenden Bedeutung dieses Denkers ist sein Name außerhalb des Kreises der philosophisch und historisch besonders Kundigen leider kaum bekannt. Um so erfreulicher ist es, dass der Hörbuchverlag auditorium maximum ein Werk produziert hat, das sich auf 2 CDs 155 Minuten lang mit Leben und Werk dieses Vorsokratikers befasst. Der Verlag stellt damit Parmenides in seinem Programm auf eine Stufe unter anderem mit Aristoteles, Kant, Nietzsche und Wittgenstein – und genau unter diesen ungleich bekannteren Spitzendenkern ist Parmenides seiner denkerischen Substanz wegen auch richtig aufgehoben.

Verfasser des Hörbuches ist der italienische Philosoph Giuseppe Scuto (geb. 1968), der durch seine vor einigen Jahren erschienene Dissertation über Parmenides als Parmenides-Kenner ausgewiesen ist. Scuto beginnt die Hörbuch-Vorlesung mit einer Einordnung des Eleaten sowohl in dessen geschichtliches Umfeld als auch mit eindringlichen Hinweisen auf dessen eminente philosophiegeschichtliche Bedeutung. Obwohl die biographische Überlieferung über Parmenides spärlich ist, weiß man doch, dass er aus dem gleichen wagemutigen Kolonialgriechentum hervorgegangen ist, dem auch die anderen großen vorsokratischen Denker entstammten. Diese vorwiegend an der ionischen Küste lebenden Persönlichkeiten wie Thales aus Milet oder Heraklit aus Ephesos legten, worauf Scuto zu Recht hinweist, den Grundstein für das klassisch-griechische Denken, das in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden welthistorische Bedeutung gewann. Mit der griechischen Ausbreitung im Mittelmeerraum gelangte die vermutlich zur Oberschicht gehörende Familie des Parmenides nach Unteritalien. Parmenides selbst scheint in seiner Vaterstadt eine hoch angesehene Persönlichkeit gewesen zu sein und sich sowohl als Politiker wie auch als Arzt beträchtliche Verdienste um seine Heimat erworben zu haben – ein Umstand, der allein schon alle gelegentlichen Versuche, ihn als weltfremden Theoretiker abzustempeln, unberechtigt erscheinen lässt.

Von seinem möglicherweise weit umfangreicheren Werk ist nur eine einzige Schrift bekannt, die ihm aber zum bis heute anhaltenden Ruhm verholfen hat: Ein Lehrgedicht, dem später der Titel „Über die Natur“ gegeben wurde. Dieses eigenartige und bis heute faszinierende Gedicht, von dem nur 18 Fragmente mit insgesamt lediglich 153 griechischen Versen erhalten sind, ist der zentrale Text, mit dem sich Giuseppe Scuto umfassend befasst. Er erläutert verständlich, klar und unprätentiös den kulturellen und - aus seiner Sicht vor allem auch bedeutsamen - religiösen Hintergrund dieses Textes und stellt die Bedeutung des Gedichtes dar, wobei er wichtige dazu vertretene unterschiedliche Lehrmeinungen übersichtlich kurz referiert. Der gesamte Inhalt des religiös-philosophischen Lehrgedichts ist auf der CD in deutscher Übersetzung zu hören, dazu sämtliche weiteren Parmenides zugesprochenen Fragmente, sodass der Hörer einen vollständigen Überblick über das quantitativ zwar außerordentlich schmale, qualitativ aber um so grandiosere Werk des hellenischen Meisterdenkers erhält.

Hauptinhalt von Scutos Parmenides-Vortrag ist die eingehende und sorgfältige Darstellung von dessen philosophischen Auffassungen. Die entscheidende Bedeutung des Griechen besteht darin, den Begriff des „Seienden“ in die europäische Philosophie eingeführt und damit die abendländische Metaphysik begründet zu haben. Wie in der Buchdruckkunst gerade schon die frühen Drucke besonders meisterhaft waren, so befindet sich auch das Niveau der parmenidischen Metaphysik und seiner ontologischen Diskussion der Begriffe des Seienden und des Nichtseienden auf höchstem Niveau. Parmenides geht es um den Nachweis, dass nur Seiendes gedacht werden kann und Nichtseiendes weder gedacht werden kann noch sein kann. "Nichts" kann demnach nicht sein. Die ausführlichen Passagen, in denen Scuto die komplexen Gedankengänge des ersten abendländischen Metaphysikers wiedergibt, sind entsprechend ihrem Gegenstand zwar ausgesprochen abstrakt, aber keineswegs unverständlich. Nur wer einen Widerwillen gegen eine metaphysisch-ontologische Begrifflichkeit hat, in der immer wieder von „Seiendem“, Nichtseiendem“, von „Sein“ und „Nichtsein“ und ihren Zusammenhängen die Rede ist, der wird sich von diesen Ausführungen abwenden. Aber für solche Zuhörer ist das Hörbuch sicherlich nicht gedacht. Scutos fein differenzierter Text, aber auch die hörbuch-technische Umsetzung verzichten erfreulicherweise auf jeden bloß ablenkend-unterhaltsamen, modischen Schnickschnack. Gleichwohl wird die sprachliche Darstellung auch dank einer Vielzahl von männlichen und weiblichen Sprechern nicht langweilig und die sparsame musikalische Umrahmung durch die nahezu meditative Klaviermusik John Bickertons trägt dazu bei, den anspruchsvollen Inhalt angemessen und aufmerksam zugleich aufzunehmen. Es gelingt auf diese Weise, die wesentlichen Gedanken des Parmenides von der Identität von Denken und Sein und der Unmöglichkeit des Nichtseins so überzeugend darzustellen, wie man dies bei einer derartigen Hörbuchvorlesung nur leisten kann.

Das Lehrgedicht des Parmenides enthält aber nicht nur – in seinem ersten Teil – dessen Gedanken über den Zusammenhang von Denken und Sein, die ihn vor allem berühmt machten, sondern in der zweiten Hälfte auch naturphilosophische, kosmogonische Gedanken. Scuto tritt bei seiner Darstellung dieses Teils denjenigen Parmenides-Interpreten zur Seite, die darin keinen Widerspruch zu seinen metaphysischen Überzeugungen erkennen. Parmenides leugnet keineswegs die mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit und findet sie auch nicht des Erforschens unwürdig, aber er sieht in ihr keine Wirklichkeit ersten Ranges. Die Welt mit ihrem Werden und Vergehen ist zwar wirklich, aber dahinter gibt es eine wahrere Wirklichkeit, die sich dem Denken erschließt. Auch diese naturphilosophischen Betrachtungen werden von Scuto in vorbildlicher Weise übersichtlich in ihren unterschiedlichen Aspekten ausgeleuchtet.

Über die Darstellung des Inhalts der Philosophie hinaus präsentiert Scuto eine wohlstrukturierte Darstellung der frühen antiken Rezeptionsgeschichte des großen Eleaten. Parmenides´ Wirkung auf zeitgenössische Philosophen wie auf die großen griechischen Denker der nachfolgenden Generationen war außerordentlich. Sowohl Naturphilosophen wie Empedokles, Anaxagoras oder die frühen Atomisten als auch die eleatische Philosophie des Parmenidesschülers Zenon oder die sophistische Dialektik und Sprachtheorie eines Gorgias von Leontinoi verdanken die Ausformung ihrer eigenen denkerischen Ansätze zu einem wesentlichen Teil der Auseinandersetzung mit den ontologischen und naturphilosophischen Konzeptionen des eleatischen Großdenkers. Dass Platon ihm mit seinem Dialog „Parmenides“ ein Denkmal gesetzt hat, spricht dabei ebenso für die Größe des Parmenides wie das platonische Eingeständnis, ihn nicht vollständig verstehen zu können.

Positiv hervorzuheben ist schließlich auch, dass Scuto der Frage nachgeht, ob die durch Parmenides erfolgte revolutionäre Begründung abendländischer Ontologie und Metaphysik gleichsam aus dem Nichts entstanden ist oder ob der italische Grieche nicht doch auf ältere philosophische Konzepte zurückgreifen konnte, die er dann originär weiter entwickelte. Scuto verweist in diesem Zusammenhang auf die philosophische Diskussion in Indien, die sich schon in den Jahrhunderten vor Parmenides mit ganz ähnlichen Gedankengängen beschäftigt hat. Auch wenn Scuto betont, dass der direkte Nachweis eines Einflusses indischer vedischer Philosophen auf Parmenides noch nicht gelungen ist, so ist ein solcher Zusammenhang doch durchaus wahrscheinlich. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat etwa der badische Jurist und Universalgelehrte Josef Kohler auf verblüffende Übereinstimmungen zwischen indischer Vedanta-Philosophie und den ionischen Vorsokratikern, insbesondere Heraklit, hingewiesen. Ein Kontakt der oft weitgereisten und weltkundigen Vorsokratiker mit indischem – auch babylonisch-ägyptischem Gedankengut – ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Insofern bewegen sich Scutos in dieser Hinsicht vorsichtige Ausführungen auch hier zuverlässig auf einem alles andere als spekulativen Grund und verlassen zu keiner Zeit das wissenschaftlich Vertretbare.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Giuseppe Scuto und dem Hörbuchverlag „auditorium maximum“ eine auditive Präsentation gelungen ist, die als gründliche und zur Weiterbeschäftigung anregende Einführung in Leben und Denken des Parmenides nichts zu wünschen übrig lässt.

Giuseppe Scuto: Kann "Nichts" sein? Parmenides´ Entdeckung der Metaphysik.
ISBN 9783938307076 | 2 CDs | 155 Minuten | 22.- Euro
Verlag auditorium maximum

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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