Religion

Mittwoch, 25. November 2009

Ewig aktuelles Theodizee-Problem

Wenn Gott so "lebensschützerisch" gesonnen wäre wie deutsche und internationale Katholiken und sonstige Christen - warum produziert er dann dauernd und mit nicht selten tückisch anmutender Kreativität bei Menschen überall auf der Welt Mutationen, die die vielfältigsten und oft sehr schmerzlichen Krankheiten und Leiden hervorrufen? Falls aber der liebe Gott nicht für die Krankheiten verantwortlich ist, dann braucht man ihn auch nicht wegen deren Heilung zu belangen. Steckt er jedoch - als allväterlicher und allmütterlicher Herr und Meister aller Dinge - ururheberisch hinter jeder Erkrankung jedes Menschen und jeden Insekts, wieso soll es dann ethisch-moralisch geboten sein, gegen diese göttlich-teuflische Art morbider Weltgestaltung anzugehen?

Donnerstag, 10. September 2009

Von Vögeln und Fledermäusen

Wenn in Gottesdiensten, im Konfirmationsunterricht oder bei katholischen Messen wieder salbungsvoll davon geredet wird, wie wunderbar Gott die Welt eingerichtet hat, darf man auch daran denken: Kohlmeisen picken Fledermäusen, die gerade aus dem Winterschlaf erwachen, die Köpfe auf und bekämpfen mit deren Fleisch und Blut dann die eigene Nahrungsnot.

Great tits bite off bats' heads

Ein Vorgang, der eigentlich mit seinem Töten und Getötetwerden in der Tierwelt nichts Besonderes darstellt, aber doch aufhorchen lässt, weil man beim munteren Zwitschern und Tirillieren von Singvögeln meistens nicht an solche Vorgänge denkt. Gerade unsere kleinen gefiederten Freunde haben zudem in der Geistes- und Kulturgeschichte schon oft manche zum Lob über die Schönheit und Lieblichkeit der Schöpfung und zum Preisen des Schöpfers veranlasst. Ich will mit diesem Hinweis auf die Kohlmeisen in Ungarn auch nicht - wie Schopenhauer dies angesichts der Weltgrausamkeit getan hat - behaupten, dass deswegen solches Gotteslob völlig unberechtigt ist - aber man muss dann doch diesen blutigen Teil des Weltlebens mitbedenken und einbeziehen.

Dienstag, 28. April 2009

Der freie Gott

"Gott ist kein Christ", stellt der jüdische Professor Michael Brenner fest (FAZ vom 28. 4. 2009). Da hat er Recht. Aber ebenso gilt: Gott ist kein Jude.

Sonntag, 15. Februar 2009

Polytheismus

Wenn man schon Polytheist ist, dann sollte jedes Atom, ja jedes subatomare Partikel, ein Gott oder eine Göttin sein dürfen.

Donnerstag, 13. November 2008

Barack Obama und Reinhold Niebuhr


Von Barack Obama, dem neuen Präsidenten der USA, wird berichtet, er habe einst intensiv Nietzsche gelesen und Reinhold Niebuhr sei einer seiner Lieblingsphilosophen. Dass amerikanische Präsidenten Philosophen kennen, ist erfreulich, wenn auch nicht völlig überraschend. Schon Obamas Vorgänger in dem ehrwürdigen Amt, George W. Bush, wusste einen Lieblingsphilosophen zu nennen: Jesus.

Diejenigen Intellektuellen und weniger Intellektuellen, die gern über den kargen geistigen Horizont George W. Bush spotten, kann man bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass sich Bush mit seiner Nennung von Jesus wenigstens an einen Primärdenker gehalten hat, während Obama anscheinend mit Niebuhr einen christlichen Sekundärdenker vorzieht. Niebuhr ist nicht weniger christlich als Jesus, sondern im Gegenteil noch viel mehr. Niebuhrs deutschamerikanisches Denken ist mit all der christlichen Theologie aufgeladen, die sich erst postjesuanisch im Lauf der Jahrhunderte inflationär entwickelte. Es ist beispielsweise christliches und niebuhrsches Denken zugleich, dass ein maximal nachtragender Gott dem Menschen Jahrtausende lang nicht verziehen hat, dass er so war, wie er war. Auch dass sich in Christus die Geschichte vollendet und neu beginnt, ist zwar christliches und niebuhrsches Denken – ob es jesuanisches Denken ist, ist dagegen eine ganz andere und viel zweifelhaftere Frage. Davon abgesehen: Wenn der historische Jesus ebenso gedacht hätte, würde es überdies die Sache nicht besser machen. Es wäre eine Hybris sondergleichen des galiläischen Juden und Wanderpredigers gewesen, anzunehmen, dass er Mittelpunkt und Endpunkt der Geschichte ist. Wenn man ihm einen solchen Glauben unterstellt, darf man sich nicht wundern, dass ihn neuzeitliche Wissenschaftler in eine Reihe mit seelisch gestörten und psychiatrisch behandlungsbedürftigen Personen stellen, für die es gar nicht so selten kennzeichnend ist, dass sie glauben, Alpha und Omega der Weltgeschichte zu sein. So aber dachte und war der historische Jesus nicht, behauptete Emil G. Hirsch, der große amerikanische Rabbinerphilosoph. Ich glaube, er hatte Recht. Ob Obama diesen Emil G. Hirsch kennt? Ausgeschlossen ist es nicht, da er zu den Pionieren der University of Chicago gehörte, die Obama bekanntlich stark beeinflusste, und auch sein Enkel Edward Levi, Juraprofessor und zeitweiliger Justizminister, dort lehrte.

Um es abzukürzen: Wer Reinhold Niebuhr - an dessen menschlicher Lauterkeit und großem Intellekt man keinen Grund zum Zweifeln hat - zu seinem Lieblingsphilosophen erklärt und seiner christlichen Philosophie applaudiert, der steht insofern weder intellektuell noch moralisch höher als derjenige, der sich unmittelbar auf den Philosophen Jesus beruft.

Dienstag, 15. April 2008

Herrenwort

Wenn Benedikt XVI. Jesus zitiert, nennt er dessen Aussprüche gern – wie so viele deutschsprachige Christen vor und neben ihm - „Herrenworte“. Der traditionelle Ausdruck scheint ihm zu gefallen. Auch wenn er mit sanfter Stimme spricht oder mit nur leiser Bestimmtheit schreibt, steht er allerdings als Papst in der Nachfolge vieler Vorgänger, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln oft erfolgreich dafür gesorgt haben, dass die jesuanischen Herrenworte vor allem auch als Machtworte erlebt wurden: Millionen erfuhren noch bis ins 20. Jahrhundert hinein Herrenworte als Gewaltworte christianisierender Herrenmenschen. Mir gefällt der Ausdruck „Herrenwort“ aus diesem Grund noch weniger als der Begriff „Damenwort“, mit dem Christen im Grunde auch die allzu wenigen überlieferten Sätze Mariens bezeichnen könnten.

Mittwoch, 2. April 2008

Rabe und Rabbiner

In mittelalterlichen und frühneuzeitlichen deutschen Dokumenten heißt es manchmal "der Rabe", wenn von einem Rabbiner die Rede ist.
Ob die christlichen Schreiber dabei auch an den klugen schwarzen Vogel dachten, der ihren germanisch-heidnischen Vorfahren heilig war? Ob bei ihren zwiespältigen Empfindungen gegenüber den geheimnisvollen jüdischen Wissenden auch Bruchstücke des paganen Wissens um die düstere Sakralität des Wodansvogels eine Rolle spielte?

Dienstag, 1. April 2008

Tägliches Brot und langes Leben

Papst Benedikt XVI. zitiert in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ im Zusammenhang mit der Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot zustimmend aus der Schrift Cyprians „De dominica oratione“. Cyprian schreibt darin, dass es für den Jünger Christi nicht angebracht ist, um mehr als das für einen Tag Ausreichende zu beten: „Es wäre für ihn ja auch widersprüchlich, lange in dieser Welt zu leben zu wollen, da wir doch darum bitten, dass das Reich Gottes bald komme.“ Cyprian betont – in Übereinstimmung mit den meisten der frühen christlichen Autoren - , dass es dem Christen verboten ist, sich um das Morgen zu kümmern.

Muss man nicht froh sein, dass sich dieser urchristliche Gedanke der verbotenen Vorsorge, der auch von Jesus selbt mehrfach ausgesprochen und in den folgenden Jahrhunderten von Theologen tausendfach wiederholt wurde, in der Praxis nur selten durchgesetzt hat? Wo wäre die Menschheit, wenn sie sich christlich verhalten und wirklich nicht um das Morgen gekümmert hätte? Sie wäre längst im Nichts der Evolution und im Nichts Gottes untergegangen. Wäre das schlimm? Vielleicht nicht für die vielen Christen, die sowieso nichts von der Evolution und den Gesetzen des Lebens und Überlebens hören wollen, wohl aber für all die anderen, die wissen, dass sie Teil des Lebens sind und die dies auch nach Kräften bleiben wollen. Vordenken und Vorsorgen gehört zum gesunden Menschsein und keine Erwartung eines baldigen Himmelsreichs ändert daran etwas – zumal das Nichtvorausdenken in Erwartung des Reiches Gottes eben auch nur eine spezielle Art des Vorausplanens und Voraushandelns ist.

Joseph Ratzinger meint an dieser Stelle auch, es müsse in der Kirche immer Menschen geben, die alles verlassen, um dem Herrn nachzufolgen. Abgesehen davon, dass er damit die radikale cyprianische Forderung an alle Christen abmildernd auf eine an eine winzige Minderheit von besonders Frommen verkürzt, offenbart sich auch an dieser Stelle wieder das Bild eines alles beanspruchenden, eifersüchtigen Gottes. Einen Herrn aber, der will, dass man seinetwegen alles verlässt – müsste man den nicht – logischerweise – ebenfalls verlassen?

Sonntag, 30. März 2008

Gleichheit vor Gott

Zu den am wenigsten überzeugenden Argumenten gehört die Folgerung und Forderung, Menschen deswegen gleich zu behandeln, weil sie vor Gott gleich seien. Abgesehen davon, dass die Existenz Gottes ohnehin ungewiss ist, weiß kein Mensch genau, was Gott „denkt“ und wer wirklich vor ihm gleich ist. Wer glaubt, die alle Gesetze transzendierenden Gedanken Gottes zu kennen, befindet sich auf dem hölzernen Irrweg der Hybris. Und selbst wenn man wüsste, dass vor Gott alle Menschen gleich sind – wie soll man von da aus zu der Schlussfolgerung kommen, auch vor dem Menschen alle Menschen gleich zu behandeln? Immerhin muss jedem, der an Gott glaubt, klar sein, dass zwischen diesem und dem Menschen Welten und Aberwelten liegen. Schon die alten Römer wussten überdies: Quod licet Iovi, non licet bovi.

Wie gleich oder ungleich Menschen zu behandeln sind, kann für Menschen nur eine menschliche Frage sein, die nach irdischen Kriterien so oder anders zu entscheiden ist. Sich dabei auf die angebliche Gleichheit vor Gott zu berufen, ist ein verfänglicher und nicht überzeugender Trick politischer Theologie.

Sonntag, 4. November 2007

Die ägyptischen Wurzeln des Judentums

Paul de Lagardes Bemerkungen zu den Juden in seinem auch von Hitler gelesenen Werk „Deutsche Schriften“ enthalten neben absurden Vorurteilen auch einige bemerkenswerte Feststellungen, in denen sich Lagardes außerordentliche orientalistischen Kenntnisse spiegeln. So schreibt er, ein halbes Jahrhundert vor Sigmund Freuds berühmter Moses-Schrift über die nach Kanaan eindringenden Israeliten:

„Die Eindringlinge selbst sind nichts weniger als nur semitischen Ursprungs: ihr Führer, Moses, ohne Zweifel ein Ägypter: der Stamm der Leviten, auf welche dieser Führer sich und seine Verfassung stützte, ebenfalls Ägypter, welche, höherer Bildung und alter Kultur Erben und bewußte Träger, die semitischen Horden, mit denen zu ziehen sie irgendwelche Veranlassung gehabt hatten, lenkten, sittigten und unterwarfen."

Diese These von der ägyptischen Herkunft von Moses und den Leviten ist erst in jüngster Zeit durch Prof. Joseph Davidovits in seinem Buch „La Bible avait raison“ mit interessanten Argumenten wiederholt und neu begründet worden. Wenn sowohl Lagarde als auch Davidovits recht haben, dann spricht viel dafür, dass ein beträchtlicher Teil der heutigen Juden nicht nur Nachkommen der von Lagarde überheblich so bezeichneten „semitischen Horden“ sind, sondern auch direkte Nachfahren altägyptischer Pharaonen und altägyptischer Nobilität.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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