Krisenzeiten und demographische Entwicklung
Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über Forschungen des theoretischen Biologen Peter Turchin und des Althistorikers Walter Scheidel zur Bevölkerungsgeschichte des antiken Rom. Turchin und Scheidel hätten eine neue Methode zur Lösung des Rätsels, ob die damalige Bevölkerung zugenommen oder abgenommen habe, vorgestellt. Dazu heißt es, die neue Methode gehe davon aus, dass Zeiten von Krieg und Gewalt zweierlei Folgen haben: "Zum einen pflanzen die Menschen sich weniger fort, zum anderen neigen sie dazu, ihr Geld und ihre Wertsachen zu verstecken."
Was die erste These betrifft, so lässt sie sich in dieser Allgemeinheit keinesfalls vertreten. Wenn man sich beispielsweise in der Gegenwart die Bevölerungsentwicklung im Gaza-Streifen, der seit Jahrzehnten von enormen Konflikten und Gewalt geprägt wird, anschaut, so stellt man fest, dass dort dennoch eine geradezu extreme Bevölkerungszunahme stattgefunden hat. Auch in einer anderen Weltgegend, in Südostasien, hat die vietnamesische Bevölkerung während der Jahre des Vietnam-Krieges einen deutlichen Bevölkerungszuwachs erlebt. Als letztes von vielen weiteren möglichen Beispielen sei auf die Entwicklung in Afrika hingewiesen, wo es selbst in von Krisen und Bürgerkriegen heimgesuchten Staaten zu einer starken Vermehrung der Bevölkerung gekommen ist.
Das Vorhandensein von Not und Gewalt allein sagt also nichts darüber aus, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies in der Antike anders gewesen ist. Die demographische Enwticklung hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der heute in westlichen Gesellschaften völlig unterschätzten Einstellung der Bevölkerung zu Kindern und Familiengröße. Dass beispielsweise zum Reformjudentum gehörende Menschen deutlich weniger Kinder haben als konservative Juden und diese wiederum weit weniger als ultraorthodoxe, hat weit mehr mit der jeweiligen religiösen Überzeugung zu tun als mit der materiellen Situation. Wenn Peter Turchin feststellt: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Bevölekrung in einer solchen Zeit der Gewalt gewachsen ist", dann drückt er damit ein neuzeitliches religionsentfremdetes europäisches Denken aus, das sich - wie erwähnt - in keiner Weise pauschal auf alle Phasen der Geschichte übertragen lässt.
Fazit: Mit dem erwähnten Ansatz von Turchin und Scheidel lässt sich die Frage nach der antiken Bevölkerungsentwicklung nicht beantworten. Selbst wenn man unterstellt, dass ihre zweite Hypothese - mehr Schatz-und Münzfunde bedeuten Zeiten von Krisen und Gewalt - zutrifft, so sagt das nichts Zwingendes über die Bevölkerungsentwicklung in solchen Zeiten aus.
Was die erste These betrifft, so lässt sie sich in dieser Allgemeinheit keinesfalls vertreten. Wenn man sich beispielsweise in der Gegenwart die Bevölerungsentwicklung im Gaza-Streifen, der seit Jahrzehnten von enormen Konflikten und Gewalt geprägt wird, anschaut, so stellt man fest, dass dort dennoch eine geradezu extreme Bevölkerungszunahme stattgefunden hat. Auch in einer anderen Weltgegend, in Südostasien, hat die vietnamesische Bevölkerung während der Jahre des Vietnam-Krieges einen deutlichen Bevölkerungszuwachs erlebt. Als letztes von vielen weiteren möglichen Beispielen sei auf die Entwicklung in Afrika hingewiesen, wo es selbst in von Krisen und Bürgerkriegen heimgesuchten Staaten zu einer starken Vermehrung der Bevölkerung gekommen ist.
Das Vorhandensein von Not und Gewalt allein sagt also nichts darüber aus, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies in der Antike anders gewesen ist. Die demographische Enwticklung hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der heute in westlichen Gesellschaften völlig unterschätzten Einstellung der Bevölkerung zu Kindern und Familiengröße. Dass beispielsweise zum Reformjudentum gehörende Menschen deutlich weniger Kinder haben als konservative Juden und diese wiederum weit weniger als ultraorthodoxe, hat weit mehr mit der jeweiligen religiösen Überzeugung zu tun als mit der materiellen Situation. Wenn Peter Turchin feststellt: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Bevölekrung in einer solchen Zeit der Gewalt gewachsen ist", dann drückt er damit ein neuzeitliches religionsentfremdetes europäisches Denken aus, das sich - wie erwähnt - in keiner Weise pauschal auf alle Phasen der Geschichte übertragen lässt.
Fazit: Mit dem erwähnten Ansatz von Turchin und Scheidel lässt sich die Frage nach der antiken Bevölkerungsentwicklung nicht beantworten. Selbst wenn man unterstellt, dass ihre zweite Hypothese - mehr Schatz-und Münzfunde bedeuten Zeiten von Krisen und Gewalt - zutrifft, so sagt das nichts Zwingendes über die Bevölkerungsentwicklung in solchen Zeiten aus.
gregorbrand - 6. Okt, 10:53

