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Kulturkritik

Dienstag, 6. Oktober 2009

Krisenzeiten und demographische Entwicklung

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über Forschungen des theoretischen Biologen Peter Turchin und des Althistorikers Walter Scheidel zur Bevölkerungsgeschichte des antiken Rom. Turchin und Scheidel hätten eine neue Methode zur Lösung des Rätsels, ob die damalige Bevölkerung zugenommen oder abgenommen habe, vorgestellt. Dazu heißt es, die neue Methode gehe davon aus, dass Zeiten von Krieg und Gewalt zweierlei Folgen haben: "Zum einen pflanzen die Menschen sich weniger fort, zum anderen neigen sie dazu, ihr Geld und ihre Wertsachen zu verstecken."

Was die erste These betrifft, so lässt sie sich in dieser Allgemeinheit keinesfalls vertreten. Wenn man sich beispielsweise in der Gegenwart die Bevölerungsentwicklung im Gaza-Streifen, der seit Jahrzehnten von enormen Konflikten und Gewalt geprägt wird, anschaut, so stellt man fest, dass dort dennoch eine geradezu extreme Bevölkerungszunahme stattgefunden hat. Auch in einer anderen Weltgegend, in Südostasien, hat die vietnamesische Bevölkerung während der Jahre des Vietnam-Krieges einen deutlichen Bevölkerungszuwachs erlebt. Als letztes von vielen weiteren möglichen Beispielen sei auf die Entwicklung in Afrika hingewiesen, wo es selbst in von Krisen und Bürgerkriegen heimgesuchten Staaten zu einer starken Vermehrung der Bevölkerung gekommen ist.

Das Vorhandensein von Not und Gewalt allein sagt also nichts darüber aus, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies in der Antike anders gewesen ist. Die demographische Enwticklung hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der heute in westlichen Gesellschaften völlig unterschätzten Einstellung der Bevölkerung zu Kindern und Familiengröße. Dass beispielsweise zum Reformjudentum gehörende Menschen deutlich weniger Kinder haben als konservative Juden und diese wiederum weit weniger als ultraorthodoxe, hat weit mehr mit der jeweiligen religiösen Überzeugung zu tun als mit der materiellen Situation. Wenn Peter Turchin feststellt: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Bevölekrung in einer solchen Zeit der Gewalt gewachsen ist", dann drückt er damit ein neuzeitliches religionsentfremdetes europäisches Denken aus, das sich - wie erwähnt - in keiner Weise pauschal auf alle Phasen der Geschichte übertragen lässt.

Fazit: Mit dem erwähnten Ansatz von Turchin und Scheidel lässt sich die Frage nach der antiken Bevölkerungsentwicklung nicht beantworten. Selbst wenn man unterstellt, dass ihre zweite Hypothese - mehr Schatz-und Münzfunde bedeuten Zeiten von Krisen und Gewalt - zutrifft, so sagt das nichts Zwingendes über die Bevölkerungsentwicklung in solchen Zeiten aus.

Donnerstag, 10. September 2009

Deutsche Googlebildungen

Ich finde die deutsche Sprache wundervoll! Auch deshalb, weil es nach meinem Eindruck keine andere Sprache gibt, die neuen Gedanken und Begriffen weniger Hindernisse in den Weg legt, sondern sogar im Gegenteil dazu reizt, mit neugeformten Begriffen und Ausdrücken zugleich neue Weltphänomene sprachlich zu erfassen. Eines von Myriaden möglicher Exempel: Die auf "google" bezogenen Verbkreationen des frühen 3. Jahrtausends: entgooglen, zergooglen, nachgooglen, übergooglen, runtergooglen, vergooglen, abgooglen, vorgooglen, untergooglen und dergleichen mehr. So akkumuliert sich der Reichtum einer prä- und transtodesfugalen meisterlichen Sprache.

Samstag, 8. August 2009

Demographie, transsurrealistisch

Demographie könnte transsurrealistische Realität werden: So sollen nach einer Sachverständigenschätzung beispielsweise in Brandenburg im Jahr 2050 neunzig Prozent der Bevölkerung älter als 65 sein. Welch eine Vorstellung! Wenn man dann noch bedenkt, was für Alte das sein werden - hinsichtlich Intelligenz, Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsniveau - , dann entsteht daraus ein derart unwirkliches Bild der Zukunft, dass ich glaube, das diese so nicht sein kann und sein wird. Wird es unter den dann fast 10 Milliarden Menschen der Welt wirklich keine Einzelpersonen oder Gruppen gehen, die erfolgreich nach Brandenburg und in andere entvölkerte Landstriche drängen? Wird es noch eine deutsche Regierung geben, die dies dann verhindern und verbieten will?

Wenn es aber doch zu dieser Extremveraltung kommt, dann wünsche ich mir, dass in dem gar nicht mehr so zukünftigen Greisenland Brandenburg unter all den Alten auch die dann nahezu 100-jährige Angela Merkel wohnen wird und sich zumindest gelegentlich fragt, ob sie nicht in jüngeren Jahren kapitale Fehler gemacht hat: persönlich durch den Verzicht auf Kinder, politisch durch zu schwache Maßnahmen gegen die Entkinderung und Dejuvenisierung der deutschen Gesellschaft.

Samstag, 1. August 2009

Frage an Europäer

Vor allem bei Europäern darf man sich immer wieder fragen: Auf wieviel Gramm Alkohol geht dieser und jener Kulturbeitrag zurück?

Philosophen sind Müller

Philosophen sind Müller in der altertümlichen Mühle des Weltwissens, in der immer wieder die kleinen und großen Körner alter und neuer Erkenntnisse knirschend gemahlen werden.

Kognitive Bedingungen kultureller Entwicklung

Georg W. Osterdieckhoff veröffentlichte gegen Ende des 20. Jahrhunderts sein Buch über "Kulturelle Bedingungen kognitiver Entwicklung. Der strukturgenetische Ansatz in der Soziologie". Was demgegenüber leider immer noch fehlt: Ein Buch über "Kognitive Bedingungen kultureller Entwicklung", in dem die entscheidende Rolle der Intelligenz - im Sinne kognitiver Leistungsfähigkeit - auf die Entstehung und Ausformung von Kulturen und Zivilisationen gewürdigt wird. Die Intelligenz ihrer Mitglieder bestimmt und begrenzt das kulturelle Entwicklungsniveau einer Gesellschaft. Und daran ändert sich auch nichts dadurch, dass sich nicht selten gerade einige der Intelligentesten weigern, diese Bedeutung differierender Gehirnleistungsfähigkeit in allen möglichen Lebensbereichen und Lebenswelten anzuerkennen.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Anamorph

Wenn Slavoj Zizek, wie in der neuen Ausgabe der Kieler "Zeitschrift für Kulturphilosophie", über "anamorphe Längen" schreibt, dann sollte man nicht vergessen und überhören, dass er mit Analia verheiratet ist.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Der Popo der Philosophen

Theodor W. Adorno gehört zu den wenigen Philosophen, die den Ausdruck "Popo" drucken ließen und somit zu seiner verdienten Philosophiefähigkeit beitrugen. Dafür sollten die anderen Philosophen und Philosophinnen vielleicht - und sei es postum - ein paar leichte Schläge auf eben diesen Körperteil bekommen: Warum haben sie denn nicht den Körper allgemein und speziell diesen Teil größerer Beachtung gewürdigt?

Sonntag, 7. Dezember 2008

Schwäbische Geilheit

Hunderttausende Bücher gelangen allein aufgrund ihres Titels in den unverdienten Genuss des Gelesenwerdens. Der Erfolg der Lektüre bedeutet keineswegs, dass es sich um einen guten Titel handeln muss – es sei denn, man sieht bei einem Buch alles als gut an, was dessen Verkauf und Verbreitung fördert; dieser bedauerlichen Ansicht scheint M. Reich-Ranicki oft anzuhängen. Der Titel kann demgegenüber wirklich schlecht sein, aber vielleicht gerade dadurch oder durch seine Skurrilität oder Absurdität Neugier auf das Buch erwecken. So erging es mir beispielsweise mit der 1932 erschienenen Schrift des damaligen Reichstagsabgeordneten Hans Fabricius: „Schiller als Kampfgenosse Hitlers. Nationalsozialismus in Schillers Dramen“. Gleich im ersten Kapitel „Sozialismus und Führertum“, einer Interpretation von Schillers „Räubern“, findet und benennt Fabricius seinen Todfeind: „Moritz Spiegelberg. Der Todfeind des deutschen Sozialisten. Der Todfeind Karl’s, des Volksführers.“

Moritz Spiegelberg, der von Schiller in dem Drama nirgends direkt als Jude bezeichnet wird, ist für Fabricius „Ein Jude, wie er im Buche steht. Dessen orientalische Geilheit Orgien feiert, als er den Überfall auf das Nonnenkloster beschreibt.“

An dieser Stelle vergisst Fabricius das für seine Polemik Entscheidende: Der Überfall auf das Nonnenkloster wird in Wirklichkeit nicht von einem Juden beschrieben, sondern von vom deutschen Dichterfürsten Schiller. Wenn also hier irgendeine Geilheit Orgien feiert, dann ist es allenfalls die „nordische“ des Schwaben, auf dessen Blondheit und Blauäugigkeit nicht nur Rassenkundler wie Hans F. K. Günther damals so gern und stolz hingewiesen haben. Und wenn man zusätzlich auf den historischen Kern solcher Überfälle auf Nonnenkloster blickt, so sind sie – man denke nur an die Wikinger – unzählige Male häufiger von „Ariern“ als von Juden ausgeführt worden. So hat also bei Schiller gewiss keine orientalische Geilheit Orgien gefeiert, wohl aber bei Dr. Fabricius geschichtsblinder Hass, zu dessen Opfern auch Friedrich Schiller selbst zählt - weil er zu Unrecht als Kampfgenosse dieses Hasses vereinnahmt wird.

Fabricius

Donnerstag, 13. November 2008

Riesengestalten

Theodor Däubler (1876 – 1934), in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der bekanntesten deutschsprachigen Dichter, verfasste mit dem „Nordlicht“ ein monumentales Epos von 30 000 Versen, das nicht nur den jungen Juristen Carl Schmitt mitten im Ersten Weltkrieg zu einer Flut von Superlativen hinriss. In Schmitts Monographie „Theodor Däublers ´Nordlicht´. Drei Studien über die Elemente, den Geist und die Aktualität des Werkes“. München 1916) bezeichnet er Däubler nicht nur – wie dies vorher schon Johannes Schlaf getan hatte – als „Epiker des Europäers“, sondern auch als den vielleicht ersten, „in dem die geistige Einheit des Okzidents aus der Sehnsucht zur Erfüllung gelangt ist“. Für Carl Schmitt war das „Nordlicht“ ohne Wenn und Aber „das Gedicht des Okzidents“.

daeubler

In zeitgenössischen Zeugnissen zu Däubler wird immer wieder das Riesenhafte und Außerordentliche seiner Gestalt hervorgehoben und typischerweise verbunden mit einer entsprechenden Sicht seiner Seele und seines Geistes nach dem Motto: Gewaltiger Körper, gewaltiger Geist. Man muss den Eindruck haben, dass sich manche der damaligen Intellektuellen von Grund auf freuten, endlich einmal jemanden zu erleben, dessen Körperlichkeit anscheinend nicht in Widerspruch zu seiner Geistigkeit stand. Der Literaturkritiker und Schriftsteller Paul Fechter (1880 – 1958) gehörte zu denen, die den Halbschwaben Däubler in dieser Form wahrnahmen. In seiner Autobiographie „Menschen und Zeiten. Begegnungen aus fünf Jahrhunderten“ (Gütersloh 1948) schreibt er:

„Theodor Däubler, das war die Abundanz in Person in Person, das Überfließende, Überströmende, alle Form Überlaufende im Äußeren wie im Inneren. Es ging das Riesenmaß seines Leibes in Länge wie in Breite und Rundung weit über Menschliches hinaus. Um mehr als Haupteslänge überragte sein bärtiger Brahmsschädel die Zeitgenossen, und sein Umfang fand nur schwer in einem normal gebauten Sessel Platz.“

Bei Beschreibungen von Däublers körperlicher Erscheinung muss ich immer an den Kieler Studenten und SPD-Nachwuchspolitiker Lars Juister (Jahrgang 1972) denken. Er ist an der Uni Kiel auch als „Die Wucht“ bekannt und dieser Beiname drückt aus, wie Däublers Zeitgenossen den Schriftsteller empfanden. Ich kenne Lars Juister nur vom Sehen und weiß nicht, ob seine geistige Substanz seiner körperlichen entspricht. Mir ist allerdings nichts bekannt, was darauf schließen lassen würde, dass er eine däublersche Seele und däublerschen Geist besitzen würde. Auch insofern zeigt sich, dass die seinerzeitigen Schnellschlüsse von Däublers Riesengestalt auf seinen angeblichen Riesengeist an der Oberfläche blieben.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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