Kulturkritik

Montag, 18. August 2014

Peter Scholl-Latour - ein Marranenleben? Anmerkungen zur jüdischen Herkunft eines großen Publizisten


Der am 16. August 2014 hochbetagt verstorbene Journalist, Publizist und Bestseller-Autor Dr. Peter Scholl-Latour stand jahrzehntelang im medialen Blickpunkt und zählte zu den bekanntesten Intellektuellen Deutschlands.

Nahezu unbekannt ist erstaunlicherweise der konkrete jüdische Hintergrund seines außergewöhnlichen Lebens. Zwar verheimlichte Scholl-Latour seine Herkunft nicht völlig. Sogar im Wikipedia-Artikel über ihn findet sich der Hinweis auf seine jüdische Mutter. Aber während Scholls Vater Otto dort mit Namen genannt wird, blieb seine Mutter Mathilde Nußbaum bis jetzt anonym (Das wird sich hoffentlich nach diesem Beitrag ändern). Diese Anonymität ist durchaus bezeichnend. Jahrzehntelang war im Zusammenhang mit Scholl-Latours Herkunft meist nur von „deutsch-französisch“ die Rede – passend zu seinem entsprechend klingenden Doppelnamen. Wenn es etwas konkreter wurde, fielen noch Stichworte wie Saarland und Elsaß-Lothringen, also Gebiete, bei denen viele ohnehin nicht wissen, ob sie deren Bewohner eher als Deutsche oder als Franzosen betrachten sollen. Dabei könnte man gerade auch in Wikipedia Näheres über Scholl-Latours mütterliche Verwandtschaft finden. Sein Onkel, Bruder seiner Mutter, war der sozial hoch engagierte Arzt Dr. Robert Nußbaum (1892–1941), über den dort wichtige und nützliche Informationen zu finden sind. Dr. Nußbaum wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet.

http://stolpersteine-minden.de/2-station-steinstrase-9ecke-stiftstrase/
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Nu%C3%9Fbaum

Der in Straßburg geborene Robert Nußbaum war wie seine Schwester Mathilde Nußbaum, die Ehefrau von Otto Scholl und Mutter von Peter Scholl-Latour, ein Kind der jüdischen Eheleute Dr. Moritz Nußbaum und Ida Koppel. Peter Scholl-Latours jüdischer Großvater Moritz Nußbaum, später Gymnasialdirektor in Straßburg, hatte mit einer 1875 veröffentlichten Arbeit zum Thema „Observationes in Flavii Josephi Antiquitaties, lib. XII. 3-XIII. 14“ zum Doktor der Philologie promoviert. Man könnte in der Beschäftigung mit dem berühmten jüdischen Autor Flavius Josephus (ca. 37–100), der sich in den Dienst der römischen Staatsmacht stellte, ebenso eine Art Vorgriff auf die nichtjüdisch-jüdische Doppelexistenz seines Enkels Peter Scholl-Latour sehen wie in Moritz Nußbaums Beruf als Lehrer einen Bezug zum pädagogischen Impetus des „Welterklärers“ Scholl-Latour.

War Peter Scholl-Latour Jude? Über die Frage, wer Jude ist, existieren viele unterschiedliche Meinungen, auch im Judentum selbst. Reformjudentum und orthodoxes Judentum beantworten die Frage nicht gleich; in Israel gab und gibt es heftige Debatten über diese Problematik und zu der damit zusammenhängenden Frage, wem die Definitionsmacht darüber zukommen soll. Soviel kann man allerdings sagen: Nach traditioneller jüdischer Auffassung ist Jude jedes Kind einer jüdischen Mutter. Nach dieser konventionellen Auffassung könnte man Peter Scholl-Latour mit Fug und Recht als Juden bezeichnen. Andererseits bleibt natürlich das Faktum, dass er katholisch getauft und erzogen wurde und seine Wurzeln väterlicherseits nicht zuletzt in die katholische Eifel führen. In zahlreichen Interview-Äußerungen äußerte Peter Scholl-Latour seine Sympathien für das römisch-katholische Christentum. Und ich bin sicher, auch wenn ich nicht dabei war: Wenn er irgendwo auf seinen vielen Reisen in der Welt nach seiner Religion gefragt wurde, hat er sich als katholischen Christen bezeichnet.

Wieso aber nun „Marranenleben“? Marranen, das waren vor allem jene Nachfahren iberischer Juden, die sich zum Christentum bekannten. Viele gezwungenermaßen und aufgrund existenzieller Bedrohung, weil ihnen durch die Inquisition Folter und Tod drohte. Andere aus christlicher Überzeugung. Insgesamt sind die mit den Namen illustrer Persönlichkeiten verbundenen Biographien marranischer Juden eine faszinierende Geschichte verschwimmender Identitäten. Ob sie nun innerlich dem Judentum oder aber dem Christentum oder gar keiner Religion nahestanden, eines ist für Marranen kennzeichnend gewesen: Sie mussten ihre jüdische Herkunft verbergen oder mindestens stark im Dunkeln halten, um ein nicht durch Identitätsprobleme belastetes Leben in einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft und nichtjüdischen Mehrheitswelt führen zu können. Und damit sind wir wieder bei Peter Scholl-Latour: Hätte er beispielsweise in der islamischen Welt so herumreisen können, wie er es tat, wenn er als Jude bekannt gewesen wäre? Hätte ihm Ajatollah Chomeini Interviews gewährt? Oder wäre er in manchen islamischen Ländern nicht zeitweise sogar Gefahr gelaufen, ein ähnliches Schicksal wie der amerikanisch-jüdische Journalist Daniel Pearl (1963–2002) zu erleiden, dem in Pakistan die Kehle durchgeschnitten wurde?
Und wie wäre er in deutschen Talk-Shows oder andernorts angesprochen worden, wenn man in ihm den Juden gesehen hätte? Welche Stellungnahmen hätte man von ihm erwartet, die er vielleicht nicht geben wollte? Eines kann man sicherlich sagen: Peter Scholl-Latour hätte nicht das Leben führen können, das er führte. Verdunkeln des Wissens um die eigene jüdische Herkunft als Lebensnotwendigkeit – ein Schicksal des 20. Jahrhunderts ebenso wie vor 500 Jahren nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Und es sieht so aus, als würde in Teilen der Welt die marranische Notwendigkeit im 21. Jahrhundert eher zunehmen als abnehmen.


Detailliertere Angaben zu den Vorfahren von Peter Scholl-Latours Mutter Mathilde Nußbaum:
http://www.geni.com/people/Mathilde-Nussbaum/6000000018978022580

Mittwoch, 15. August 2012

Kurze Notiz über Hühner und Wurstmacher.

Deutsche Kommunisten in der Sowjetunion, Dezember 1930:

"Im übrigen war die Gastfreundschaft der Sowjetmenschen überall, wo wir hinkamen, ob in Sibirien, an der Wolga oder im Süden, so groß, daß man uns stets nur von allem das Beste geben wollte. Und das Beste war zur damaligen Zeit stets das Hühnchen. Nach einigen Wochen unserer Reise sagte ich zu Genossen Pieck, es sei so weit, daß ich schon morgens Eier lege, worauf Genosse Pieck herzhaft lachend hinzufügte, daß er beim Aufwachen Kikeriki mache."



(Aus der Autobiographie des Kommunisten und SED-Funktionärs Erich Glückauf: Begegnungen und Signale. Erinnerungen eines Revolutionärs. Verlag Neues Leben. Berlin 1976, S. 170.)

Das politisch-historische Umfeld jener frühen Dreißiger Jahre unter dem von Glückauf, Pieck und anderen Antifaschisten gefeierten Stalin: "In der größten menschengemachten Hungersnot der Geschichte" (Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. München 2011, S. 41) verhungerten Millionen Ukrainer infolge der von Stalin und seiner Clique angeordneten Terrorpolitik: "So konnte ein hungernder Bauer erschossen werden, wenn er eine Kartoffelschale von einem Stück Land aufhob, das vor kurzem noch ihm gehört hatte." (Snyder, S. 59). 1932 schickte Stalin den Genossen Lazar Kaganowitsch in die Ukraine, der sofort das ukrainische Politbüro zusammentreten ließ: "Bei der Sitzung, die bis vier Uhr früh dauerte, wurde beschlossen, die Regierungsziele zu erfüllen. Das war ein Todesurteil für drei Millionen Menschen." (Snyder, S. 65). Ein Überlebender berichtete: "In dem schrecklichen Frühjahr 1933 sah ich Menschen Hungers sterben. Ich sah Frauen und Kinder mit aufgedunsenen Bäuchen, sah sie blau werden, noch atmend, aber mit leeren, leblosen Augen ..." (Snyder, S. 66).

Erich Glückauf (S.243): "Wie rasend schnell war die erste Hälfte des Jahres 1934 vergangen. Das lag sicher auch am stark pulsierenden Leben in Moskau."

"Bauern hatten kein Recht auf Lebensmittelkarten, während die Parteikader in besonderen Läden eine reiche Lebensmittelauswahl genossen. Wenn sie allerdings zu dick wurden, mussten sie sich vor den umherziehenden 'Wurstmachern' in Acht nehmen, besonders nachts." (Snyder, S. 75).

Dienstag, 10. Mai 2011

Aphorismen von Gregor Brand - eine Auswahl

"Am Anfang war das Wort, heißt es. Aber was ist mit den Buchstaben? Waren die nicht schon vorher da? Eine alte und immer noch ungelöste kabbalistische Frage."

"Auch im Zeitalter des Internets werden Buchstäbe zu den beliebtesten Mitteln gehören, um andere damit zu schlagen."

"Bei vielen Früchten möchte man nicht den Baum, sondern nur den Kopf schütteln."
"Das All lügt: Es ist nicht alles."

"Das neutrale Publikum hält angeblich immer dem vermeintlich Schwächeren bei. Also gibt es kein neutrales Publikum."

"Den zölibatären katholischen Priestern werden die Hoden belassen, aber ihre Gene gleichwohl enteignet. Kann man einen Menschen gründlicher abwerten, als wenn ihm untersagt, sich fortzupflanzen? Kann dies hinterhältiger begründet werden als mit der Behauptung, dadurch würde er sich selbst in hohem Maße aufwerten?"

"Der Punkt, bei dem vielen Deutschen der Geist reicht, ist nicht weit entfernt von dem was sie »geistreich« nennen."

"Die Alldeutschen waren vor hundert Jahren mit ihren düsteren Prognosen zur deutschen Zukunft in vielen Punkten größere Realisten als ihre mächtigen Gegner. Warum waren sie dann letztlich nicht erfolgreicher? Auch deswegen, weil es in der Weltgeschichte nicht rational zugeht, sondern unberechenbar und zufällig. Andererseits: Nicht jeder historische Misserfolg ist unberrechenbar."

"Die frömmsten Geschichten habe ich selbst erfunden - behauptet der Teufel. Und fast scheint es, als habe er Recht."

"Die Gegenwart, der wenig einfällt, lässt der Zukunft immerhin die Chance der Originalität."

"Die Geschichte der Menschheit wäre vernünftiger verlaufen, wenn man nicht die Menschen, sondern die Ideen belehrt hätte, dass es süß und ehrenvoll ist, wenn sie für das Vaterland sterben."

"Die Macht der Arbeiter und Bauern erwies sich als Ohnmacht der Phrasen und Mauern."
"Die meisten Menschen legen, wenn sie sich gesellig treffen, auf Nachschenken viel mehr Wert als auf Nachdenken."

"Die meisten Menschen wissen halbwegs, was sie denken, aber nicht im geringsten, welche Philosophie sie haben."

"Die Natur macht keine Sprünge, heißt es. Und die Kinder: Sind sie etwa keine Natur?"

"Die rituellen Segnungen von Priestern sind ein blasser Schatten gegenüber dem freundlichen Zuwinken einer schönen Frau."

"Die Zulassung der Priesterehe durch Luther hat viele vormals uneheliche Kinder ehelich und ehrlich gemacht, wenn ihr priesterlicher Vater nun heiratete. In der katholischen Kirche dagegen mussten Priesterkinder die Schande bleiben, die sie niemals waren."

"Diejenigen, die die Gleichheit der Menschen hervorheben, sind immer auch solche, für die Intelligenz nicht zu den wichtigsten menschlichen Eigenschaften gehört."

"Diejenigen, die guten Mutes waren, haben oft mehr erreicht als diejenigen, die nur klugen Mutes waren."

"Ein Volk ohne Schattenseiten kennt auch kein Licht."

"Eine Heizung, die gluckert, wärmt mehr als eine gleich warme, die reibungslos funktioniert und schweigt."

"Eine Kultur, in der Alkohol verboten ist, hat es ebenso schwer, geistreich zu sein wie eine Kultur, in der Alkohol eine zu große Rolle spielt."

"Einen schweren Stand haben diejenigen Regierenden, die bestimmen, dass sich A auf B zu reimen hat. Trotzdem versuchen sie es immer wieder."

"Es gab schon allzu viele politische und ideologische Bewegungen, die - hätte man sie gewähren lassen - alles zum Stillstand gebracht hätten."

"Es gibt Kulturen, in denen hält man ein dauerhaft Zölibatäres Leben für eine Art sexuellen Missbrauchs."

"Es gibt nicht nur einen einzigen Baum der Erkenntnis für Alle: Jedem wird ein anderer Baum der Erkenntnis gepflanzt. Und es sind nicht nur jeweils andere Bäume, sondern sogar verschiedene Baumarten. Wer von den Früchten nur eines Baumes der Erkenntnis gegessen hat, weiß noch nicht, wie die Früchte der anderen Bäume schmecken."

"Es ist besser, sich einen Gedanken aus dem Kopf zu streicheln, als ihn sich aus dem Kopf zu schlagen."

"Es ist durchaus ein Fortschritt, wenn Soldaten das Wort Zivilcourage nicht mehr mit einem Ausdruck der Verachtung aussprechen."

"Es ist eine Gemeinheit der Natur, dass man fremde Fehler oft schon vorher und eigene häufig nicht einmal nachher erkennt."

"Es ist zum Glück ungleich einfacher, jemandem ins Wort als um den Hals zu fallen."

"Es soll Historiker geben, die Saumagen für eine altertümliche Verwandtschaftsbezeichnung halten."

"Es sollte dem Licht ein Trost sein, dass die Schatten es nicht überleben werden."

"Friedrich Hebbel schrieb, bei den grossen Schriftstellern habe jeder Satz ein Menschengesicht. Wahrscheinlich verbot ihm nur sein Taktgefühl festzustellen, dass ansonsten viele Sätze ganz andere menschliche Körperteile repräsentieren."

"Früher glaubten manche, den Wert des Christentums schon mit dem Nachweis erhöhen zu können, dass es keine jüdische Sekte sei. Heute würden sich viele Christen freuen, wenn sie sicher sein könnten, dass sie auch eine Art Juden sind."

"Für niemanden sollte die Tiefe seines Falls ein Grund sein, hochmütig zu werden."

"»Gefährlich Leben!« Diese Forderung Nietzsches wird von Kleinkindern täglich gelebt."

"Gibt es Gedanken und Überlegungen, die derart klar sind, dass man sie gerade deswegen als solche gar nicht wahrnimmt? Gedanken, deren Existenznachweis erst durch sehr kluge Menschen erbracht werden muss?"

"Goethe trank täglich mehr als zwei Liter Wein und wurde über 80 Jahre alt. Und niemand sage, mit nur einem Liter hätte er zweimal so viel geschrieben und wäre er doppelt so alt geworden."

"Gott muss bei der Erschaffung der Welt schon ziemlich erwachsen gewesen sein, auch wenn vieles auf der Erde nach Spielerei aussieht."

"Ich habe auch dann sinnvoll gelebt, wenn ich als Hund wiedergeboren werde. Den Sinn des Lebens will ich mir weder von Tieren noch gar von Philosophen oder Theologen nehmen lassen."

"Im Verlauf der Geschichte waren sich denkende Menschen nicht immer einig darüber, ob man am Schlüsselloch der Welt mehr mit dem Auge oder mit dem Ohr erfährt."

"In beiden Weltkriegen hat man es zwar geschafft, Millionen Menschen umzubringen, aber keine einzige Idee. Einige Ideen sind vorübergehend an ihrer weiteren Vermehrung gehindert worden, andere wurden arg dezimiert, aber völlig ausgerottet wurde keine."

"In jedem Alter denkt die Natur über einen Menschen anders. Das sieht man ihr genau an."

"Ist es fair, dass das Gehirn darüber entscheidet, welche Körperteile am wichtigsten sind?"

"Ist es gut, einem Volk von Dichtern und Denkern anzugehören? Ist es auch dann noch gut, wenn andere Völker sich als unfähig erweisen würden, dieses Denken zu verstehen und zu würdigen? Wenn dieses Volk gar für sein Denken bestraft würde? Die Juden sind ein Volk der Dichter und Denker."

"Je sicherer das Leben, desto bedrohter die Religion."

"Je tödlicher die Feindschaft, desto lebendiger die Waffen."

"Kultur ist in den meisten Fällen nur das Gerücht von Kultur."

"Man darf der Wirklichkeit vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie wirkt."

"Man kann eine Kultur auch dadurch enthaupten, dass man ihre fähigsten Köpfe hindert, sich zu entfalten."

"Man kann strohdumm sein, aber man kann auch frohdumm sein."

"Man sollte nicht erst Veteran werden müssen, ehe man auch Niederlagen feiern darf."

"Man sollte sich moralisch nichts darauf einbilden, wenn man beim Schreiben des Wortes »rassistisch«" ins Stocken kommt."

"Manche Gedanken kehren immer wieder. Aber leider nicht vor der eigenen Tür."

"Manche Denkenden, die ihre Botschaften zugleich offenbaren und verheimlichen möchten, fangen an, Gedichte zu schreiben."

"Manche intelligenten Menschen halten sich mehr an Vorbücher als an Vorbilder. Aber ohne Vorbücher kann man leben, ohne Vorbilder dagegen nicht."

"Manchmal ist man so müde, dass man zwar keine neue Gedanken entwickeln, wohl aber schon vorgedachte noch übernehmen kann. Bisweilen scheint es, als seien ganze Kulturen in dieser Weise müde."

"Menschen, die ihre Religion nicht frei wählen können, sollten sich wenigstens ihren Glauben aussuchen dürfen."

"Mindestens so oft wie Lebende Toten die Augen schlossen, haben Tote Lebenden die Augen geöffnet."

"Mit dem Messer der Gegenwart versucht man immer vergeblich, die Vergangenheit anzuschneiden. Die Vergangenheit ist unverwundbar. Man kann dabei nur die Gegenwart oder die Zukunft zum Bluten bringen."

"Mit jedem guten Gedicht von mir und mit jeder klugen Bemerkung steigt meine Achtung vor meinen Vorfahren."

"Moralisten versuchen vergeblich, dem Feuer das Rauchen abzugewöhnen."

"Mystisch oder mystig: Welten liegen dazwischen."

"Nicht immer geht die Vernunft baden, wenn die Buchstaben anfangen zu verschwimmen."

"Nicht nur hervorragende Pferde - auch die intelligentesten Schriftsteller zeigen immer wieder, wozu Gene fähig sind."

"Nur diejenigen verdienen langen Nachruhm, die schon zu ihren Lebzeiten wissen, wie eitel das Streben danach ist.

"Philosophen sind so verweichlicht, dass sie selbst die Sprache nicht mehr roh essen können."

"Reichtum des Geistes - lässt er sich an die Armen im Geiste überhaupt weitergeben? Am wirkungsvollsten wird Geistreichtum auf biologischem Weg, durch Zeugung und Geburt, fortgepflanzt."

"Seher sind meist keine scharfen Beobachter - auch wenn sie ausnahmsweise nicht blind sind."

"Sehr dumme und sehr intelligente Menschen sind sich wechselseitig ein Sicherheitsrisiko."

"Sogar in der Wüste herrscht das Gesetz des Dschungels."

"Ständig zu neuen Dummheiten fähig zu sein, wird allzu häufig für Einfallsreichtum gehalten."

"Und die Ungerechtigkeit nahm wieder ihren Gewehrlauf."

"Vernünftige Menschen sind für das Gedeihen der Menschheit wichtiger als religiöse Menschen. Allerdings sind die religiösen Menschen oft die vernünftigeren."

"Viele Wahrheiten werden täglich geschlachtet. Soll man es für einen Fortschritt halten, wenn sie wenigstens vorher noch betäubt werden?"

"Vielleicht sind Mathematiker die am wenigsten berechnenden Menschen - und haben dadurch oft so große Schwierigkeiten, das berechnende Verhalten Anderer zu verstehen."

"Während an den Gottesbeweisen schon die größten Denker gescheitert sind, beweist jeder gemeine Lump mit Leichtigkeit die Existenz des Teufels."

"Wären geliebte Menschen für unser Glück nicht so gefährlich, dann beachteten wir sie weniger."

"Was die einen in Willkür zerstören, bauen die anderen in Willpflicht wieder auf."

"Was soll man von Traumdeutern halten, die nicht einmal das wache Leben erklären können?"

"Wenn jemand mit Tatsachen Missbrauch betreibt, muss man den Missbrauch bekämpfen, aber nicht die Tatsachen verschweigen."

"Wer an ein Leben nach dem Tod glaubt - hält der nicht die Toten für Schauspieler?"

"Wer Aphorismen noch nicht zu schätzen weiss, der sollte zunächst Dissertationen lesen."

"Wer bestimmte Menschen hasst, der hasst auch bestimmte Gene. Dieser Zusammenhang wird im 21. Jahrhundert immer deutlicher werden."

"Wer Geistesblitze für cerebrale Energieverschwendung hält, mag sein Leben weiter auf Sparflamme brennen lassen."

"Wer hässliche Gedanken in wohlgeformten Sätzen formuliert, der sündigt doppelt."

"Wer jemanden ohne Hoffnung liebt, der liebt vor allem sein Lieben."

"Wer mit seinen Geistesschöpfungen lange überdauern will, der sollte Vorurteile schaffen: Nichts
besteht länger."

"Wer nur im Kreis Gleichgesinnter verkehrt, übersieht die Ecken und Kanten seiner Weltanschauung."

"Wer zum Zölibat berufen ist, sündigt - wenn er heiratet. Wer zum Alkohol berufen ist, sündigt wenn er nüchtern bleibt."

"Wieviel mehr Wirkung und Nutzen hätte mancher Gedanken stiften können, wenn er nur kursiv oder fett gedruckt worden wäre! Wie auch im sonstigen Leben, ist Unauffälligkeit nicht immer eine Tugend."

"Will man in einer Gesellschaft, in der fast alles erlaubt ist, frei bleiben, so muss man sich vieles verbieten."

"Zuviel Wahrheit betäubt uns, meinte Pascal. Er glaubte, den Grund der Betäubung in der Wahrheit gefunden zu haben, aber es ist nur das Zuviel, das uns betäubt. Alles, was zuviel ist, betäubt - ob mit oder ohne Wahrheit."

"Zwei Weltgenies, jahrzehntelang gleichzeitig lebend, die gleiche Sprache sprechend, nur ein paar hundert Kilometer voneinander entfernt wohnend, aber: Kant habe nie von ihm Kenntnis genommen, stellte Goethe nüchtern fest. Spätestens seit selbst der überintelligente Kant nicht von Goethe Kenntnis nahm, braucht sich kein Genie mehr über Nichtbeachtung zu grämen."

Mittwoch, 12. Januar 2011

Max René Hesse - Schriftsteller und Arzt aus Wittlich


Als 2006 der französische Großroman „Les Bienveillantes“ („Die Wohlgesinnten“) des jüdischen Schriftstellers Jonathan Littell erschien, wurde dieses Werk zu einem literarischen Weltereignis. Die Verkaufszahlen gingen rasch in die Hunderttausende und Littell wurde mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet. Gerade auch in Deutschland rief der sensationelle „Jahrhundertroman“ heftige Diskussionen hervor. In Littells Buch erzählt der fiktive SS-Mann Dr. Max Aue seine Lebensgeschichte; Weltkrieg und Judenvernichtung nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. In einem kurzen, aber wichtigen Teil des Buches schildert Max Aue seine homosexuelle Beziehung zu dem Leutnant der Waffen-SS Willi Partenau.

MRHesse

Was hat all dies mit der Eifel zu tun? Was anscheinend selbst Literaturwissenschaftlern nicht aufgefallen ist: Die Figur Partenau stellt einen klaren Bezug zu dem 1929 erschienenen Roman „Partenau“ des in Wittlich geborenen Schriftstellers Max René Hesse (1877–1952) dar. Das ergibt sich nicht nur aus der Gleichheit der Namen, sondern auch aus der Thematik: Im Mittelpunkt des Romans von Hesse steht die Beziehung des homosexuellen Offiziers Partenau zum Oberfähnrich Kiebold. Darüber hinaus lassen sich weitere Entsprechungen finden, so etwa die Erwähnung von Platons Werk „Symposion“, von dem Max Aue behauptet, es auswendig zu kennen, und das in Hesses Roman für Kiebold wichtig ist. Dass die zahlreichen Analysen des Littell-Romans dem Verhältnis zu Hesses „Partenau“ bisher keine Beachtung schenkten, zeigt allerdings auch, dass der Wittlicher heute selbst für Literaturkenner meist ein Unbekannter ist. Das war einmal völlig anders: Als Hesse mit „Partenau“ sein Debüt als Romanautor gab, wurde dieser „erste Reichswehrroman“ nicht nur ein Bestseller, sondern rief beispielsweise bei Ernst Jünger hohes Lob hervor. Jünger, schon damals berühmt, sprach dem Roman des Eiflers „nicht nur eine ungewöhnliche literarische, sondern auch eine ausgesprochen männliche Potenz“ zu. Zwiespältig war dagegen das Urteil des Romanisten Viktor Klemperer. In seinem Werk über die Sprache des Dritten Reiches beurteilte er den literarischen Wert von „Partenau“ als gering, schätzte aber dessen ideengeschichtliche Bedeutung sehr hoch ein. In Sprache und Geisteswelt der „Partenau“-Offiziere sah Klemperer die NS-Sprache vorweggenommen – freilich ohne deswegen den Autor selbst als Nazi zu bezeichnen. Obwohl Hesse auch in der NS-Zeit erfolgreich Romane veröffentlichte, konnten ihn die Nationalsozialisten in der Tat schwerlich als einen der ihren vereinnahmen. Im Gegenteil: „Ein typisches Judenbuch“ – so lautete 1933 das Urteil brauner Zeitgenossen, als Hesse seinen Arztroman „Morath schlägt sich durch“ im Verlag des jüdischen Verlegers Bruno Cassirer veröffentlichte. Auch der Folgeband „Morath verwirklicht einen Traum“ wurde zeitweilig verboten.

Wer war nun eigentlich dieser M. R. Hesse, um dessen Wiederentdeckung in seiner Eifeler Heimat sich Albert Klein große Verdienste erworben hat? Hesse war ein Sohn des aus Benrath kommenden Oberkontrolleurs Jacob Hesse und dessen Ehefrau Anna geb. Corneli. Zu seinen väterlichen Vorfahren zählen nicht nur erfolgreiche Gastwirte, sondern auch die bedeutenden Gartenbaufamilien Weyhe und Lenné; die Familie Corneli stellte angesehene Bürgermeister in Ahlen und Kleve. Der Beamtensohn wurde nach vielfältigen Studien Mediziner und lebte zwischen 1910 und 1927 in Argentinien. In Buenos Aires arbeitete er als Arzt der wohlsituierten deutschen Kolonie. In diesem Milieu spielen auch seine Morath-Romane, die einen Skandal hervorriefen, da sie als Schlüsselroman verstanden wurden und durch medizinischen Realismus schockierten. 1928 bereiste Hesse als Großwildjäger Südamerika und Afrika, ehe er sich von 1929 bis 1933 in Berlin niederließ. Während der NS-Zeit lebte er in Wien und Split, im Krieg war er als Journalist in Madrid tätig und bewegte sich zwischen Berlin und Argentinien. Bei deutschen Verlegern war er als erfolgreicher Autor begehrt, galt aber auch als problematisch. Der Romanist K. E. Gass notierte 1944 zu einem neuen Buch: „Der Roman von Hesse hat mir unendliches Vergnügen bereitet“. Solches Lob, Hesses Produktivität und Neuauflagen seiner Werke konnten nicht verhindern, dass seine Bekanntheit bald stark nachließ. Dass aber sein Werk untergründig wirksam bleibt, zeigt Littells Buch auf eindrucksvolle Weise.


(Quelle: Gregor Brand: Max René Hesse - Schriftsteller und Arzt aus Wittlich. In: Eifelzeitung vom 12. 1. 2011)

Freitag, 26. Februar 2010

"Feststellungen und Versuche": Ein paar Sätze über Franz Baermann Steiner.


I. "Nicht Ethnologie - sondern Ethnosophie!" Ethnosophie ersetzt keine Ethnologie. Keine Weisheit ersetzt den Logos.

II. "In jeder Minoritätenfrage enthüllt sich die ganze Erbärmlichkeit und Verlogenheit der europäischen Zivilisation. Asien hat dies nie gekannt." In solchen Sätzen enthüllt sich die ganze Erbärmlichkeit ud Verlogenheit des Europäers Steiner. Asien hat dies nie gekannt.

III. Es hätte Franz Baermann Steiner größer gemacht, wenn er nicht so oft versucht hätte, Deutsche und Deutsches kleiner zu machen. Wenn ihn schon das Bedürfnis dazu erfüllte, dann hätte er zumindest eine andere Sprache als Deutsch wählen sollen. Andererseits setzte er damit eine alte Tradition fort: Deutsche deutsch zu kritisieren.

IV. "Das Sterben ist die größte Verwandlung. Wer das einmal erfahren hat, muß bei jeder Verwandlung an den Tod mit denken." Ist dieser Gedanke Steiners aus dem Mai 1948 so wichtig, dass es gerechtfertigt ist, ihn auf Seite 242 der "Feststellungen und Versuche" (Göttingen 2009) zweimal abzudrucken? Wie oft ist Gregor Samsa gestorben? Ist Kafka der Tod? Bei jeder Verwandlung muss ich an ihn denken.

V. "Das Wesentlichste des jüdischen Rechts ist wohl ...." Doch: Das Wesenliche kennt keinen Superlativ.

VI. Der eigenartige Franz B. Steiner war unfähig, den Unterschied zwischen "artfremd" und "fremdartig" zu erkennen. Es rechtfertigt ihn nicht, dass dabei die Unwilligkeit gewiss noch größer war als die Unfähigkeit.

VII. Die meisten "Machtwahnsinnigen" sollen eine neue Zeitrechnung begonnen haben? Es gibt unendlich viel weniger neue Zeitrechnungen als Machtwahnsinnige.

VIII. Das hässliche Fehlwort "Wirtsvolk": Steiner hat es in seltsamer Ahnungslosigkeit und Unwissenheit oft gebraucht, wenn er von den Juden unter den Völkern sprach.

IX. Steiner hielt es für etwas Gutes, dass im Sozialismus der Besitz aufhört, Schutz des Menschen zu sein. Aber er hat nicht gesagt, wer statt dessen die Menschen schützen soll. Wollte er schutzlose Menschen?

X. Es ist armselig und unselig, in deutscher Sprache die angeblich große Überlegenheit der englischen Sprache zu verkünden.

XI. Steiner wusste anscheinend nicht viel von Preußen; kein Grund für ihn, nicht darüber zu urteilen.

XII. Ich kann mir gut vorstellen, dass Steiner bei seinen antigermanischen Äußerungen zufrieden gekichert hat. Das könnte beispielsweise der Fall gewesen sein, als er die "schlechten Könige" der "Gothen" als "die herrlichsten Gestalten germanischer Geschichte" bezeichnete. Oder bei jener Äußerung vom Januar 1947, wo er feststellt: "Die Negervölker und die nordeuropäischen haben manches gemeinsam: ... das maßlose Biertrinken ...". Könnte es ihm nicht ein nahezu diebisches Vergnügen bereitet haben, die "Nordischen" hier gerade in diese Verbindung zu bringen? Inhaltlich ist die Erwähnung solcher Gemeinsamkeiten natürlich albern: Zwischen allen Menschen und Menschengrupen lassen sich banale Gemeinsamkeiten leicht in größter Zahl finden und aufzählen.

XIII. Nicht nur England fragen manche derjenigen "einfachen Leute", denen das Erlernen einer Fremdsprache sehr schwer fällt, warum es nicht bloß eine Sprache gebe.

XIV. "Die Wurzeln des Nationalsozialismus liegen im Investiturstreit." Die Wurzeln des Investiturstreits liegen im Alten Testament.

XV. "Was mit dem Atem zusammenhängt, ist edel." Klingt schön, solange man nicht an Mundgeruch, Lobhudeleien und Hasstiraden denkt.

XVI. Steiner spekuliert, ob nicht der Kampf zwischen David und Goliath Rest einer alten Kyklopensage ist - weil er unbegreiflicherweise nicht wusste, wie tödlich ein einziger Stein für einen Menschen sein kann und wie gut David dies erfasste. In welch weicher, steinloser Welt lebte Steiners Seele?

XVII. Steiner empfindet es als "vielfach störend", dass Max Brod in seiner Kafkabiographie den Dichter mit Vornamen nennt. Mich hat das dagegen noch nie gestört. Der Leser könne die Peinlchkeit nicht überwinden, meint Steiner, wenn er etwa lesen müsse: "Im nächsten Jahr war Franz krank etc.". Ich empfinde dabei nicht die geringste Peinlichkeit - aber ich heiße ja auch nicht, wie Steiner, Franz.

XVIII. War Franz Baermann Steiner untergründig neidisch darauf, nur ein zweiter Franz aus Prag zu sein?

XIX. "Besser ein entwurzelter Volksstamm als ein entblätterter." Ist ein Volksstamm wirklich entwurzelt, wird er bald auch ein entblätterter sein.

XX. Ist Kannibalismus wirklich undenkbar bei viehzüchtenden Völkern? In der Not gewiss nicht - und wenn es bei ihnen keine Not gibt, ist ja tierisches Protein ausreichend vorhanden.

XXI. "Rilke ist der psychologische Dichter." Statt "Rilke" hätte Steiner auch "X" schreiben können, wobei unter X jeder hochintelligente Dichter zu verstehen wäre. Nicht bei jedem Dichter ist das Psychologische so sichtbar verborgen wie bei Rilke.

XXII. Die bewegendsten Worte, die Steiner nach seinem Selbstzeugnis kannte, waren die, "die manchmal englische Protituierte der billigsten Art sprechen ...". In Ihnen fand er die rührendste Vermengung von Einfalt und Erniedrigung. Viele Männer werden durch weibliche Einfalt und Erniedrigung bewegt, und es ist keine Schande, sondern mutvoll, dass Franz B. Steiner dies für sich offen eingesteht.




Donnerstag, 24. Dezember 2009

Die Unvergessenen

Zum Beispiel Georg Friedrich Daumer, Georg Britting oder Lorenzo Mossa: Es irritiert mich immer noch ein wenig, wenn ich von einer Persönlichkeit der Geistesgeschichte, die ich kenne, lese, sie sei heute vergessen. Bin ich denn ein Niemand, dessen Erinnerung nicht zählt? Davon abgesehen ist jeder, den man erwähnt - und sei es, um ihn zu den Vergessenen zu zählen - nicht vergessen. So sollte also vor allem dieser Topos von den angeblich Vergessenen vergessen werden.

Freitag, 27. November 2009

Unkulturkritiker

Bin ich ein Kulturkritiker? Ich fühle mich jedenfalls eher als Unkulturkritiker.

Freitag, 16. Oktober 2009

Die Flüche der Synagoge

Carl Schmitt wird gern und häufig als Antisemit dargestellt. Gewiss war er zu manchen Zeiten seines langen Lebens antijüdisch eingestellt. Konnte es eigentlich für einen, der das Judentum ernst nahm und kein Jude war, grundlegend anders sein? Müsste man nicht denjenigen, der die jüdische Religion ernst nimmt und vorgibt, nichts gegen das Judentum zu haben, fragen, warum er dann nicht zum Judentum konvertiert? Carl Schmitt kann man vorhalten, in seinen oft langen antijüdischen Momenten seine Ablehnung des Judentums wie ein enttäuschter Liebender entschieden und irrational übertrieben zu haben.

Der gleiche Schmitt hat bei anderer Gelgenheit dagegen sogar die "Flüche der Synagoge" gerechtfertigt und den herrschenden jüdischen Institutionen gegenüber einem jüdischen Abweichler Recht gegeben. Dieser Abweichler ist natürlich niemand anders als der große Spinoza, dessen Gleichsetzung von Gott und Natur Carl Schmitt zutiefst empört und verstört hat. Wenn sich Schmitt in dieser Frage gegen Spinoza wendet, dann stellt er sich zugleich gegen den spinozistischen Goethe. Ich finde: Sowohl Spinoza als auch Goethe haben weder die Flüche von Synagogen noch die Flüche von Kirchen und schon gar nicht die Flüche von Carl Schmitt verdient.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Krisenzeiten und demographische Entwicklung

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über Forschungen des theoretischen Biologen Peter Turchin und des Althistorikers Walter Scheidel zur Bevölkerungsgeschichte des antiken Rom. Turchin und Scheidel hätten eine neue Methode zur Lösung des Rätsels, ob die damalige Bevölkerung zugenommen oder abgenommen habe, vorgestellt. Dazu heißt es, die neue Methode gehe davon aus, dass Zeiten von Krieg und Gewalt zweierlei Folgen haben: "Zum einen pflanzen die Menschen sich weniger fort, zum anderen neigen sie dazu, ihr Geld und ihre Wertsachen zu verstecken."

Was die erste These betrifft, so lässt sie sich in dieser Allgemeinheit keinesfalls vertreten. Wenn man sich beispielsweise in der Gegenwart die Bevölerungsentwicklung im Gaza-Streifen, der seit Jahrzehnten von enormen Konflikten und Gewalt geprägt wird, anschaut, so stellt man fest, dass dort dennoch eine geradezu extreme Bevölkerungszunahme stattgefunden hat. Auch in einer anderen Weltgegend, in Südostasien, hat die vietnamesische Bevölkerung während der Jahre des Vietnam-Krieges einen deutlichen Bevölkerungszuwachs erlebt. Als letztes von vielen weiteren möglichen Beispielen sei auf die Entwicklung in Afrika hingewiesen, wo es selbst in von Krisen und Bürgerkriegen heimgesuchten Staaten zu einer starken Vermehrung der Bevölkerung gekommen ist.

Das Vorhandensein von Not und Gewalt allein sagt also nichts darüber aus, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies in der Antike anders gewesen ist. Die demographische Enwticklung hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der heute in westlichen Gesellschaften völlig unterschätzten Einstellung der Bevölkerung zu Kindern und Familiengröße. Dass beispielsweise zum Reformjudentum gehörende Menschen deutlich weniger Kinder haben als konservative Juden und diese wiederum weit weniger als ultraorthodoxe, hat weit mehr mit der jeweiligen religiösen Überzeugung zu tun als mit der materiellen Situation. Wenn Peter Turchin feststellt: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Bevölekrung in einer solchen Zeit der Gewalt gewachsen ist", dann drückt er damit ein neuzeitliches religionsentfremdetes europäisches Denken aus, das sich - wie erwähnt - in keiner Weise pauschal auf alle Phasen der Geschichte übertragen lässt.

Fazit: Mit dem erwähnten Ansatz von Turchin und Scheidel lässt sich die Frage nach der antiken Bevölkerungsentwicklung nicht beantworten. Selbst wenn man unterstellt, dass ihre zweite Hypothese - mehr Schatz-und Münzfunde bedeuten Zeiten von Krisen und Gewalt - zutrifft, so sagt das nichts Zwingendes über die Bevölkerungsentwicklung in solchen Zeiten aus.

Donnerstag, 10. September 2009

Deutsche Googlebildungen

Ich finde die deutsche Sprache wundervoll! Auch deshalb, weil es nach meinem Eindruck keine andere Sprache gibt, die neuen Gedanken und Begriffen weniger Hindernisse in den Weg legt, sondern sogar im Gegenteil dazu reizt, mit neugeformten Begriffen und Ausdrücken zugleich neue Weltphänomene sprachlich zu erfassen. Eines von Myriaden möglicher Exempel: Die auf "google" bezogenen Verbkreationen des frühen 3. Jahrtausends: entgooglen, zergooglen, nachgooglen, übergooglen, runtergooglen, vergooglen, abgooglen, vorgooglen, untergooglen und dergleichen mehr. So akkumuliert sich der Reichtum einer prä- und transtodesfugalen meisterlichen Sprache.

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