„Kulturphilosophie als Wort finden wir nicht vor dem Beginn unseres Jahrhunderts.“
Der Österreicher Franz Martin Wimmer schrieb dies 1989 in seinem Beitrag „Rassismus und Kulturphilosophie“. Wimmers Feststellung zur historischen Semantik des Begriffs Kulturphilosophie ist allerdings – wie so vieles andere in seiner Abhandlung - haarscharf unzutreffend. Bereits 1899, also noch im 19. Jahrhundert, veröffentlichte der in Bern lehrende jüdische Philosoph Ludwig Stein seinen „Versuch über die Kulturphilosophie“. Der Begriff einer Kulturphilosophie ist sogar noch fast zwei Dekaden älter – eine ganz und gar nicht unerhebliche Zeitspanne in der dynamischen Geistesgeschichte der Neuzeit. Bereits 1881 wird der Terminus – in älterer Rechtschreibung - von dem herausragenden Holsteiner Soziologen und Philosophen Ferdinand Tönnies geschaffen, als dieser in seiner berühmt gewordenen Habilitionssschrift die Thematik von „Gemeinschaft und Gesellschaft“ als „Theorem der Cultur-Philosophie“ behandelt. Darauf weist Ralf Konersmann in der von ihm herausgegebenen „Kulturphilosophie“ (3., aktualisierte Aufl. Leipzig 2004) zu Recht hin. Der Kulturphilosoph Konersmann ist als Professor der Philosophie an der Universität Kiel im übrigen einer der Nachfolger eben jenes in Kiel in den Dreißiger Jahren lehrenden Philosophen Ferdinand Weinhandl, gegen dessen kulturphilosophische Gedanken Wimmer in der eingangs genannten Abhandlung mit antifaschistischem Eifer zu Felde zieht.
Über Ludwig Stein notierte Karl Kraus in seiner „Fackel“ vom 23. November 1906, dabei eine Berliner Zeitung zitierend – und hier nun also selbst Gegenstand eines Zitats:
Die Berliner ›Post‹ schreibt am 14. November unter dem Titel »Ein jäher Fall«: »An der Berner Universität wirkte seit etlichen Jahren der aus Pest gebürtige, aber in Zürich eingebürgerte Philosophieprofessor Doktor Ludwig Stein. Er war namentlich ein großer Anziehungspunkt der russischen Studenten mosaischer Richtung und auch seine sozialdemokratischen Ansätze übten auf die vielen Töchter des Ostens merklichen Einfluß aus. Er galt lange Zeit als hohe wissenschaftliche Zierde der Hochschule der Bundesstadt, und Bern schien ohne Ludwig Stein gar nicht denkbar zu sein. Bezüglich der blumenreichen und schwülstigen Beredsamkeit ist ihm zweifellos ein gutes Zeugnis auszustellen. Im Verlag von B. G. Teubner in Leipzig hat nun Herr Prof. Stein eine Schrift erscheinen lassen, die den Titel führt: ›Die Anfänge der menschlichen Kultur, eine naturwissenschaftlich-kritische Betrachtung‹. Dieses kleine Werk hat durch Prof. Konrad Keller, Lehrer der Zoologie an der Universität Zürich, eine vernichtende Kritik erfahren, in welcher Stein der Kompilation haarsträubenden Unsinns und der Ignoranz in naturwissenschaftlichen Problemen beschuldigt wird. Prof. Keller läßt Herrn Stein eine Abfertigung zu teil werden, die namentlich durch das Stillschweigen des Angegriffenen und das volle intellektuelle Versagen seiner Freunde doppelt verblüffen mußte. Und statt sich zur Wehr zu setzen, hat Herr Prof. Stein in möglichster Eile Bern verlassen und sich in Berlin niedergelassen. Seine prächtig gelegene Villa über dem Aarestrom und der romantischen Hufeisenstadt steht nun einsam und verlassen da und ist zum Verkauf ausgeschrieben …« Um Herrn Stein dürfte seinen Anhängern nicht bange sein. Sie schätzen ihn als spekulativen Philosophen und wissen, dass er auch in Berlin mehrere Häuser besitzt und dort aus dem »Satz vom zureichenden Grund« größten wissenschaftlichen Gewinn gezogen hat.
Ludwig Stein trug mit seinem Programm in seinem erwähnten „Versuch über die Kulturphilosophie“ seinen kleinen Teil dazu bei, das verbreitete Vorurteil über Juden zu festigen, diese seien bei der Betrachtung menschlicher Eigenschaften allzu einseitig auf den Intellekt fixiert. Für Stein war der Intellekt jedenfalls das Kulturheilmittel schlechthin. So schreibt er:
„Fort daher mit allem verweichlichenden Pessimismus und entnervenden Fatalismus, welcher die Kultursysteme der Araber, Inder und Chinas an den Rand des Abgrunds geführt haben! Ihre Geschichte sei für uns das Weltgericht. Lernen wir aus dem selbstmörderischen Schicksal der drei übrigen rivalisierenden Kultursysteme, wie wir es nicht machen sollen. Bilden wir vielmehr unseren Intellekt immer vollkommener, immer allseitiger, immer tiefgreifender aus, und schöpfen wir aus diesem Intellekt Entschlossenheit und Selbstsicherheit in der Niederhaltung aller übrigen Kultursysteme!“
Nur wenige Jahre später waren viele europäische Denker der Überzeugung, dass sie gerade aus ihrem eigenen – europäischen - selbstmörderischen Schicksal - wie es sich im Ersten Weltkrieg vollzog - lernen sollten, „wie wir es nicht machen sollen.“ Zu denjenigen, für die diese Frage wichtigster Inhalt des philosophischen Denkens überhaupt wurde und die sich leidenschaftlich gegen den Absturz der deutschen Kultur in den Abgrund wehren wollten, gehört Ernst Bergmann. Ausdrücklich setzt er an die Stelle des auch von Stein kritisierten Pessimismus und Fatalismus Zuversicht und fichteschen Willen zur Tat. Gleichzeitig kritisiert er aber mit radikaler Vehemenz die Vorherrschaft des männlich bestimmten Intellekts in der europäischen Kultur, ohne deswegen Antirationalität zu propagieren. Im Gegenteil: Die einseitige Höherschätzung des Intellekts ist für ihn krasser Ausdruck von Unvernunft und nicht nur kulturell, sondern auch biologisch letztlich zutiefst verhängnisvoll.
gregorbrand - 8. Mai, 09:30