Kulturkritik

Samstag, 19. Juli 2008

Allgegenwärtige Inkompetenz

In einem Artikel auf der Seite der „Linken Ottakringer Grundorganisation“ wird die „Höchstgradige Inkompetenz bei führenden Politiker(innen) beklagt:

http://logo.kpoe.at/news/article.php/200707_inkompetenz

Als Beleg dafür dient die Ahnungslosigkeit der SPD-Ministerin Brigitte Zypries gegenüber dem Begriff „Browser“. Dass führende deutsche – und andere – Politiker auf zahlreichen wichtigen Feldern höchst inkompetent sind – wer kann daran ernsthaft zweifeln? Die Politiker selbst werden ihre Unkenntnis gewiss damit verteidigen, dass sie sehr viel zu tun haben und angesichts der riesigen Fülle des Wissens notwendigerweise große Wissenslücken aufweisen müssen. Ihre Kritiker werden demgegenüber sagen: Ja, zugeben – aber gerade diese und jene spezielle Sache - die muss man doch heutzutage einfach wissen!

Ich glaube, man sollte sich zumindest mit dem auskennen, wozu man sich dezidiert äußert. In diesem Punkt schneidet nun der linke Ottakringer Internet-Autor miserabel ab: In dem Artikel zur angeblich höchstgradigen Inkompetenz der Politikerin beweist er gerade diese Inkompetenz bei sich selbst. Nicht nur, dass der Name der Ministerin mit „Zypris“ permanent falsch geschrieben wird und auch ansonsten jeder Satz von Unkenntnis über richtige Rechtschreibung überquillt: Weniger verzeihlich ist die sachliche Unwissenheit. So wird die langjährige Justizministerin Zypries fälschlich als Innenministerin bezeichnet und daraus werden dann prompt falsche Schlussfolgerungen gezogen: "Als deutsche Innenministerin ist Zypris eine der mächtigsten Personen in der EU."

Wer anderen höchstgradige Inkompetenz vorwirft, sollte selbst über zumindest minimale Kompetenz verfügen. An dieser Forderung ist festzuhalten, auch wenn sie heutzutage wahrscheinlich so oft missachtet wird wie nie zuvor.

Sonntag, 6. Juli 2008

Erich Jaensch und Konrad Lorenz

Offensichtlich glauben viele, über tatsächliche oder vermeintliche nationalsozialistische Wissenschaftler oder Philosophen – ein völlig ungeklärter Begriff - ohne nennenswerte Sachkenntnis schreiben zu können, sofern nur ihre Aussagen die Kriterien der intellektuellen Diffamierung und der moralischen Diskreditierung erfüllen.

Ein Beispiel für diese Vorgehensweise findet sich wieder im Zusammenhang mit dem hier schon mehrfach erwähnten Philosophen und Psychologen Erich Jaensch. So schrieb der Medienwissenschaftler Frank Hartmann in einer 2001 publizierten Online-Rezension der Konrad Lorenz-Biographie von Benedikt Föger und Klaus Taschwer über ihn:

„Der Argwohn war nicht unbegründet, wie vor allem die Texte des überzeugten Nationalsozialisten Erich Jaensch bald zeigen sollten. Der Marburger Professor für psychologische Anthropologie entwickelte aus einer vergleichenden Rassenpsychologie zwischen Tier und Mensch jene "Typenlehre", die NS-Psychologen zur Unterscheidung von "Vollwertigkeit" und "Minderwertigkeit" legitimieren sollte. Als Förderer der Tierpsychologie spielte Jaensch den Mentor für den Eintritt des jungen Konrad Lorenz in die deutsche Wissenschaftswelt.“

Bei diesen Formulierungen hat Hartmann die Charakterisierung Jaenschs als überzeugten Nationalsozialisten ebenso wie die Erwähnung als „Professor für psychologische Anthropologie“ direkt von Föger/ Taschwer übernommen, für die restliche – sachlich völlig falsche – Aussage muss er allerdings selbst die volle Verantwortung übernehmen. Man kann durchaus darüber streiten, wie sinnvoll die generelle Bezeichnung Erich Jaenschs als Nationalsozialist ist. Immerhin hat er einen wesentlichen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit vor der NS-Zeit geleistet und ist dabei keineswegs als Nationalsozialist in Erscheinung getreten. Frank Hartmann mag ein nützlicher Medientheoretiker sein, aber was er von Jaensch zu sagen weiß, ist Ausdruck schlichter Ignoranz. Erich Jaensch hat sich zwar um Psychologie und Anthropologie Verdienste erworben, aber er war deswegen noch lange kein „Professor für psychologische Anthropologie“, sondern vielmehr 1913 als Professor für Philosophie auf den berühmten Lehrstuhl des großen Marburger Neukantianers Hermann Cohen berufen worden. Angesichts der Tatsache, dass diese Berufung damals erhebliches Aufsehen und heftigste Diskussionen in der Gelehrtenwelt hervorgerufen hat, besagt die von Hartmann unkritisch übernommene Berufsbeschreibung Jaenschs durch Föger/Taschwer auch, dass sie alle drei mit der Philosophiegeschichte Deutschlands im zweiten und dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts offenbar nicht sonderlich vertraut sind. Keine gute Voraussetzung, um über das akademische Geschehen der vierten Dekade zutreffend urteilen zu können.

Die von Jaensch in den Zwanziger Jahren entwickelte und damals viel beachtete Typenlehre – Typenlehren waren damals in gewisser Weise Mode - ist nicht im geringsten aus einer „vergleichenden Rassenpsychologie zwischen Tier und Mensch“ entwickelt worden, sondern aufgrund experimenteller Forschungen und Beobachtungen im Zusammenhang mit Jaenschs Grund legenden Arbeiten zur Eidetik entstanden. Davon weiß Hartmann nichts. Es drängt sich in diesem Zusammenhang unweigerlich der Eindruck auf, dass er ein paar scheinbar in die Zeit passende Begriffe ohne nähere Kenntnis zusammengeworfen hat, vermutlich, weil „Rassenpsychologie“ und die Assoziation „zwischen Tier und Mensch“ besonders verwerflich klingen. Jaensch ging es dagegen bei der Aufstellung seiner Typenlehre – noch zur Zeit der Weimarer Republik – nicht darum, damals überhaupt noch nicht vorhandenen „NS-Psychologen“ theoretisches Rüstzeug zu liefern. Dass er die von ihm festgestellten Typen gesundheitlich unterschiedlich bewertete, hat grundsätzlich noch nichts mit nationalsozialistischer Politik zu tun, sondern entsprach gängiger Praxis auch anderer deutscher oder internationaler Typenpsychologen wie Kretschmer oder Sheldon. Den von Jaensch als biologisch und kulturell weniger wertvoll eingeschätzten „S-Typus“ sah Jaensch zwar stark bei Juden vertreten, aber nicht weniger zahlreich auch bei Nichtjuden in zahlreichen europäischen Ländern - und vor allem auch in den kulturell führenden Schichten Deutschlands, mögen sie auch noch so viele „nordische“ Vorfahren aufweisen. Die Konzeption des „S-Typus“ war bei Jaensch kein antisemitischer Akt, auch wenn er in seinen letzten Lebensjahren versucht hat, seine Typenlehre für Nationalsozialisten attraktiv zu machen.

Von welch zweifelhaftem Niveau das von Hartmann so positiv besprochene Buch von Föger/Taschwer ist, zeigt sich exemplarisch auch bei einer weiteren Erwähnung von Erich Jaensch. Da ist auf Seite 219 von „Erwin Jaentsch“ die Rede - diese Fehlbezeichnung kann auch deswegen nicht mehr als Druckfehler entschuldigt werden, weil sie hundertprozentig zu der sonstigen Unkenntnis über Prof. Erich Jaensch und sein Werk passt. Wenn dann noch „das 400-seitige Buch ´Der Gegentypus´“ von Jaensch zitiert wird, dann drängt sich endgültig der massive Verdacht auf, dass die Autoren das in Wirklichkeit 512 Seiten umfassende Werk Jaenschs nie wirklich gesehen, geschweige denn sorgfältig gelesen haben.
Es spricht für den - in vielen Fragen irrenden – Philosophen und Psychologen Jaensch, dass er sich trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme gegen Ende seines unglaublich produktiven und leider zu früh abgebrochenen Lebens auch selbst auf dem damals neuen Gebiet der Tierpsychologie versucht hat. Wer – wie das immer noch modisch ist - über Jaenschs Versuche mit Hühnern spottet, der muss sich fragen lassen, warum er zu Millionen anderer keineswegs sinnvollerer Tierversuche schweigt. Und es spricht letztlich auch nicht gegen den sich auch als Kulturphilosophen verstehenden Jaensch, dass er einen so begabten jungen Tierforscher wie Konrad Lorenz förderte.

Dienstag, 17. Juni 2008

Rechtsphilosoph und staatsmännisches Lob

Richard Milhous Nixon, der frühere amerikanische Senator, Vizepräsident, Präsident, Jurist und Staatsmann, schreibt in seinem Erinnerungsbuch „In the Arena: A Memoir of Victory, Defeat, and Renewal“ (1990) auch über den eminenten amerikanischen Rechtsphilosophen Lon L. Fuller (1902 – 1978) und bezeichnet ihn darin als denjenigen Professor, der ihn an der Duke Law School am meisten beeinflusst habe. Nixon war in der Tat zutiefst beeindruckt von Fuller:

„It was a mountaintop experience to have one of the top legal philosophers in the nation share his wisdom with us on our legal heritage from the Greeks, the Romans, the Germans, the French, and the British. His book The Morality of Law, based on the Stoors Lectures he delivered in Yale in 1965, should be required reading for anyone interested in law or philosophy”.

Angesichts seines unrühmlichen Abgangs aus dem Präsidentenamt, der gerade auf Rechtsverletzungen durch Nixon und seine Leute zurückging, könnte man zweifeln, ob er dem Gedächtnis Lon Fullers einen Gefallen getan hat, ihn als Juristen herauszustellen, der ihn stark beeinflusste. Auf der anderen Seite war Nixon der Präsident, der den Vietnam-Krieg beendete, und wenn man ihn mit einem seiner republikanischen Nachfolger, nämlich dem Kriegsstifter George W. Bush, vergleicht, so steht er nicht politisch, sondern vor allem auch intellektuell unvergleichlich besser da. Welcher Rechtsphilosoph oder Philosoph überhaupt will denn von Bush gepriesen werden? Käme das nicht einem halben Fluch gleich? Aber ein solches Lob ist freilich auch nicht zu erwarten, und wenn doch jemals ein Rechtstheoretiker oder gar ein philosophisches Werk von George W. Bush gelobt werden sollte, dann wird man wohl fragen müssen, welcher Ghostdenker diesem das vorher eingeflüstert hat. Andererseits spricht die Tatsache, dass der Guantanamo-Präsident auch bei vielen amerikanischen Juristen Unterstützung gefunden hat, findet und sicher auch noch finden wird, dafür, dass ein intellektuell-moralischer und rechtsphilosophischer Niedergang sich nicht bloß auf präsidentieller Ebene vollzogen hat. Zum Glück gibt es Zeichen dafür, dass der Weg wieder in die andere Richtung führen könnte, etwa die jüngste Entscheidung des Supreme Court zu Guantanamo, die – so kann man annehmen – auch die Zustimmung des Texaners Lon L. Fuller gefunden hätte.

Dienstag, 10. Juni 2008

Sudelbücher und Meschalim

Wenn Lichtenbergs Sudelbücher kulturkritisch sind - wie der Kulturphilosoph Ralf Konersmann notierte - , dann sind meine Meschalim es nicht minder. Einer Kultur gegenüber, die deren kulturkritische Substanz nicht wahrnimmt, müsste man äußerst kritisch sein.

Die Hände des Geistes

Fingerbewegungen fördern die Hirndurchblutung – insofern ist auch die frühkindliche Neigung, alles anzufassen und gerne mit Sand und im Sand zu spielen, verständlich und sinnvoll: Die Kinder tun, was ihr Gehirn fördert. Allgemein könnte man sagen, dass die Verbindung zu den Dingen und zur Erde gerade dem Geist gut tut. Er ist wie jener altgriechische Titan, der ohne Berührung mit dem Boden schwach und besiegbar wird. Kein Wunder, dass auch die Evolution Handgreiflichkeit gern belohnt: Bei den europäischen Völkern war es bis vor einiger Zeit so, dass diejenigen Bevölkerungsschichten, die am wenigsten Kopfarbeit und dafür viel Handarbeit verrichteten, die meisten Kinder hatten. Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatten beispielsweise in Preußen Tagelöhner und Knechte durchschnittlich 5, 2 Kinder, dagegen höhere Beamte, Freiberufler und Offiziere nur 2, 0. Bestraft die Evolution höhere Ausbildung oder hat sie nur etwas gegen bestimmte Einstellungen und gesellschaftliche Gewohnheiten?

Mittwoch, 4. Juni 2008

Der Deutsche als Kämpfer

1938 schrieb Karl Arnhold in seinem Buch „Das Ringen um die Arbeitsidee“: „Der Deutsche ist in erster Linie Kämpfer.“ Wahrscheinlich wird dieser Gedanke in leicht veränderter Form auch bei der kommenden Fußball-Europameisterschaft bei jedem Spiel der deutschen Mannschaft zu hören sein – wie schon bei unzähligen Turnieren und Spielen vorher. Sowohl bei Arnhold als auch bei vielen anderen, die die Kämpfereigenschaft der Deutschen betonen, dient dabei die Feststellung nicht nur der Bestandsaufnahme, sondern wird als Ermahnung verstanden: Die Deutschen sind Kämpfer, also sollen sie auch kämpfen!

Gar nicht so viel seltener als das Lob des Kämpfens hört man aber gerade auch von deutscher Seite Kritik am Kämpfen. Offenkundig fühlen sich viele Deutsche nicht wohl beim Gedanken, in erster Linie Kämpfer zu sein, und sie empfinden ihre Kämpferhauptnatur oft zugleich auch als beschämenden Mangel an angeblich fehlenden anderen Eigenschaften. Im Grunde haben sie stets – selbst wenn sie ihn nicht kennen - ihren Friedrich Schiller im Ohr, der den berühmten Satz schrieb:

„Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“


So werden hoffentlich die deutschen Fußballspieler wie überhaupt die Deutschen unverdrossen und mit möglichst viel Erfolg weiter darum kämpfen, nicht nur Kämpfer zu sein.

Montag, 19. Mai 2008

Ein evolutionäres Fernduell

Baruch Weil, der jüdische Großvater Marcel Prousts, heiratete im Jahr 1800 Hélène Schoubach, eine Dreizehnjährige. Fünf Jahre später hatte sie bereits fünf Kindern das Leben geschenkt. Wäre eine solche Heirats- und Ehepraxis auch bei christlichen Deutschen dieser Zeit möglich gewesen? Immerhin war Sophie von Kühn auch erst dreizehn, als sich Novalis mit ihr verlobte. Aber selbst wenn die arme Sophie nicht 1797 bereits mit gerade 15 Jahren gestorben wäre, kinderlos und unverheiratet, kann man davon ausgehen, dass der deutsche romantische Dichter und Denker in diesem imaginären evolutionären Fernduell mit dem Handelsmann Baruch Weil, der am Ende elf Kinder von zwei Frauen hatte, unterlegen wäre. Evelyne Bloch-Dano schreibt zur weilschen Fruchtbarkeit in ihrer Biographie „Madame Proust“ (Berlin 2006) trocken: „Ohne Zweifel hatte Baruch den biblischen Spruch ´Seid fruchtbar und mehret euch´ ernst genommen.“

Vielleicht ist es aber auch nicht angemessen, Baruch Weil mit Friedrich von Hardenberg zu vergleichen, bloß weil sie ungefähr gleichaltrig waren. Müsste man nicht viel eher Proust selbst mit Novalis vergleichen, also Dichter mit Dichter? Dann ergäbe sich in diesem Fall, generativ-evolutionär betrachtet, ein armes, kinderloses und christliches Remis zwischen dem deutschen und dem französischen Genius.

Samstag, 17. Mai 2008

Die Rückkehr der "Zigeuner"

Der Ausdruck „Zigeuner“ ist seit einigen Jahrzehnten in Deutschland, zumindest in Westdeutschland, verpönt und gilt weithin als politisch inkorrekt. Die vormals „Zigeuner“ Genannten sind überwiegend zu „Sinti und Roma“ geworden – ein weiteres Beispiel für den gerade auch in Deutschland verbreiteten Irrglauben, durch Änderung der Bezeichnung eine Änderung in der Auffassung des Bezeichneten herbeiführen zu können. Dabei wird immer wieder übersehen, dass sich bei bloßen Begriffsänderungen die hergebrachten Vorstellungen schnell auf den neuen Begriff übertragen und man außer einem veränderten Ausdruck nichts gewonnen hat. Oder doch? Immerhin eröffnen solche Begriffsänderungen die anscheinend verführerische Möglichkeit, zwischen angeblich „Fortschrittlichen“ - die in Wirklichkeit lediglich solche Wortverschiebungen unkritisch mitmachen - und scheinbar „Rückständigen“ zu differenzieren und sich selbst damit als progressiv zu positionieren. So hat man beispielsweise, was den speziellen Fall der Gypsies angeht, den kenntnisreichen und lobenswert eigenständig denkenden Intelligenztheoretiker Volkmar Weiss deswegen angegriffen, weil er in seinem Buch „Die IQ-Falle“ eben diesen Ausdruck „Zigeuner“ gebraucht hat statt konformistisch und zeitgemäß von „Sinti und Roma“ zu schreiben.

Um so erstaunlicher ist es, dass es langsam immer mehr Menschen zu dämmern beginnt, wie überflüssig solche politterminologischen Korrekturen sind. Jüngstes erfreuliches Beispiel dafür ist der FAZ-Artikel (16. Mai 2008) „Wütende Italiener attackieren Roma-Lager“, indem sich der sprachhistorisch bemerkenswerte Satz findet: „In den vergangenen Tagen ist es in Italien mehrmals zu Übergriffen gegen Zigeuner gekommen.“ Vielleicht wird allmählich immer mehr Menschen klar, dass das Problem, ob es gegen die besagte Ethnie und Kultur zu Über- oder Untergriffen kommt, in keiner Weise davon abhängt, ob es sich um „Zigeuner“ oder „Sinti und Roma“ handelt.

Dienstag, 13. Mai 2008

Adorno und das Ressentiment

Zu den schändlichen Schauspielen, die Adorno, der meist misstönende Sohn einer Sängerin, geliefert hat, gehören seine Ausführungen über Schiller in seinen hoch geschraubten und doch allzu dünn gebohrten „Minima Moralia“. Zu Recht schreibt der Münsteraner Philosoph Volker Gerhardt in einem erfrischenden Beitrag des schönen von Jan Bürger herausgegebenen Buches „Friedrich Schiller. Dichter, Denker, Vor – und Gegenbild“ (Göttingen: Wallstein 2007), dass Adornos abgründige Neid- und Hasstirade - „das pure Ressentiment“ (V. Gerhardt) - gegen Schiller im Grunde ein Fall für Psychoanalytiker ist und Adornos Leser für alle Zeiten vor ihm hätte warnen müssen.

Dass eine Zeitschrift wie „Cicero“ das blindwütige adornosche Hyperpolemisieren im Schiller-Jahr 2005 zustimmend neu veröffentlichte und damit der „posthumen Denunziation eines Schlechtweggekommenen durch einen von der Geschichte selbst Verratenen“ (V. Gerhardt) den Beifall intellektueller Ahnungslosigkeit schenkte, ist zwar betrüblich, aber leider nicht so verwunderlich. Wenn eine bereits verwundete Gesellschaft sich jahre- und jahrzehntelang den Luxus leistet, Adornos Leere zu goutieren – wie soll dies schadenlos bleiben?

Donnerstag, 8. Mai 2008

Kulturphilosophie und der europäische Absturz

„Kulturphilosophie als Wort finden wir nicht vor dem Beginn unseres Jahrhunderts.“

Der Österreicher Franz Martin Wimmer schrieb dies 1989 in seinem Beitrag „Rassismus und Kulturphilosophie“. Wimmers Feststellung zur historischen Semantik des Begriffs Kulturphilosophie ist allerdings – wie so vieles andere in seiner Abhandlung - haarscharf unzutreffend. Bereits 1899, also noch im 19. Jahrhundert, veröffentlichte der in Bern lehrende jüdische Philosoph Ludwig Stein seinen „Versuch über die Kulturphilosophie“. Der Begriff einer Kulturphilosophie ist sogar noch fast zwei Dekaden älter – eine ganz und gar nicht unerhebliche Zeitspanne in der dynamischen Geistesgeschichte der Neuzeit. Bereits 1881 wird der Terminus – in älterer Rechtschreibung - von dem herausragenden Holsteiner Soziologen und Philosophen Ferdinand Tönnies geschaffen, als dieser in seiner berühmt gewordenen Habilitionssschrift die Thematik von „Gemeinschaft und Gesellschaft“ als „Theorem der Cultur-Philosophie“ behandelt. Darauf weist Ralf Konersmann in der von ihm herausgegebenen „Kulturphilosophie“ (3., aktualisierte Aufl. Leipzig 2004) zu Recht hin. Der Kulturphilosoph Konersmann ist als Professor der Philosophie an der Universität Kiel im übrigen einer der Nachfolger eben jenes in Kiel in den Dreißiger Jahren lehrenden Philosophen Ferdinand Weinhandl, gegen dessen kulturphilosophische Gedanken Wimmer in der eingangs genannten Abhandlung mit antifaschistischem Eifer zu Felde zieht.

Über Ludwig Stein notierte Karl Kraus in seiner „Fackel“ vom 23. November 1906, dabei eine Berliner Zeitung zitierend – und hier nun also selbst Gegenstand eines Zitats:

Die Berliner ›Post‹ schreibt am 14. November unter dem Titel »Ein jäher Fall«: »An der Berner Universität wirkte seit etlichen Jahren der aus Pest gebürtige, aber in Zürich eingebürgerte Philosophieprofessor Doktor Ludwig Stein. Er war namentlich ein großer Anziehungspunkt der russischen Studenten mosaischer Richtung und auch seine sozialdemokratischen Ansätze übten auf die vielen Töchter des Ostens merklichen Einfluß aus. Er galt lange Zeit als hohe wissenschaftliche Zierde der Hochschule der Bundesstadt, und Bern schien ohne Ludwig Stein gar nicht denkbar zu sein. Bezüglich der blumenreichen und schwülstigen Beredsamkeit ist ihm zweifellos ein gutes Zeugnis auszustellen. Im Verlag von B. G. Teubner in Leipzig hat nun Herr Prof. Stein eine Schrift erscheinen lassen, die den Titel führt: ›Die Anfänge der menschlichen Kultur, eine naturwissenschaftlich-kritische Betrachtung‹. Dieses kleine Werk hat durch Prof. Konrad Keller, Lehrer der Zoologie an der Universität Zürich, eine vernichtende Kritik erfahren, in welcher Stein der Kompilation haarsträubenden Unsinns und der Ignoranz in naturwissenschaftlichen Problemen beschuldigt wird. Prof. Keller läßt Herrn Stein eine Abfertigung zu teil werden, die namentlich durch das Stillschweigen des Angegriffenen und das volle intellektuelle Versagen seiner Freunde doppelt verblüffen mußte. Und statt sich zur Wehr zu setzen, hat Herr Prof. Stein in möglichster Eile Bern verlassen und sich in Berlin niedergelassen. Seine prächtig gelegene Villa über dem Aarestrom und der romantischen Hufeisenstadt steht nun einsam und verlassen da und ist zum Verkauf ausgeschrieben …« Um Herrn Stein dürfte seinen Anhängern nicht bange sein. Sie schätzen ihn als spekulativen Philosophen und wissen, dass er auch in Berlin mehrere Häuser besitzt und dort aus dem »Satz vom zureichenden Grund« größten wissenschaftlichen Gewinn gezogen hat.

Ludwig Stein trug mit seinem Programm in seinem erwähnten „Versuch über die Kulturphilosophie“ seinen kleinen Teil dazu bei, das verbreitete Vorurteil über Juden zu festigen, diese seien bei der Betrachtung menschlicher Eigenschaften allzu einseitig auf den Intellekt fixiert. Für Stein war der Intellekt jedenfalls das Kulturheilmittel schlechthin. So schreibt er:

„Fort daher mit allem verweichlichenden Pessimismus und entnervenden Fatalismus, welcher die Kultursysteme der Araber, Inder und Chinas an den Rand des Abgrunds geführt haben! Ihre Geschichte sei für uns das Weltgericht. Lernen wir aus dem selbstmörderischen Schicksal der drei übrigen rivalisierenden Kultursysteme, wie wir es nicht machen sollen. Bilden wir vielmehr unseren Intellekt immer vollkommener, immer allseitiger, immer tiefgreifender aus, und schöpfen wir aus diesem Intellekt Entschlossenheit und Selbstsicherheit in der Niederhaltung aller übrigen Kultursysteme!“

Nur wenige Jahre später waren viele europäische Denker der Überzeugung, dass sie gerade aus ihrem eigenen – europäischen - selbstmörderischen Schicksal - wie es sich im Ersten Weltkrieg vollzog - lernen sollten, „wie wir es nicht machen sollen.“ Zu denjenigen, für die diese Frage wichtigster Inhalt des philosophischen Denkens überhaupt wurde und die sich leidenschaftlich gegen den Absturz der deutschen Kultur in den Abgrund wehren wollten, gehört Ernst Bergmann. Ausdrücklich setzt er an die Stelle des auch von Stein kritisierten Pessimismus und Fatalismus Zuversicht und fichteschen Willen zur Tat. Gleichzeitig kritisiert er aber mit radikaler Vehemenz die Vorherrschaft des männlich bestimmten Intellekts in der europäischen Kultur, ohne deswegen Antirationalität zu propagieren. Im Gegenteil: Die einseitige Höherschätzung des Intellekts ist für ihn krasser Ausdruck von Unvernunft und nicht nur kulturell, sondern auch biologisch letztlich zutiefst verhängnisvoll.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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