Eponyme und Taten
„Wenn Namen in die Sprache eingehen und dort Begriffe, Kategorien bilden, so pflegt das selten auf Grund von Taten zu geschehen. Unter den großen Tätern und Fürsten ist es nur Cäsar, der auf diese Weise vorleuchtet.“
Den angeblich wenigen Tätereponymen stellt er andere gegenüber: „Weit häufiger sind Fälle, in denen der Name an eine Lehre sich heftet wie in Calvinismus, Darwinismus, Malthusianismus und anderen. Solche Wörter sind zahlreich, beliebig und meist von kurzer Lebenszeit.“
Erstaunlich ist hier das Aufleuchten eines engen und verengten Tatbegriff. Gibt es „Taten“ nur von kriegführenden Politikern und Militärs? Vollbringen nur Täter Taten? Haben demgegenüber in Wirklichkeit nicht der hartherzige Calvin und die großen Briten Darwin und Malthus sehr viel getan? Sie haben zumindest viel geschrieben – und Schreiben ist an sich schon eine Tat. Es wird zur großen Tat, wenn es auf hohem Niveau geschieht, wenn sich das Geschriebene aufgrund der Qualität seines Inhalts deutlich vom Durchschnitt unterscheidet. Hinter solchen Schreib- und Gedankenleistungen, wie sie bei Darwin und Malthus vorliegen, steckt nicht nur bewundernswerte geistige und seelische Kraft, sondern auch eine ungewöhnliche physische Energie, auch wenn diese leicht und oft übersehen und unterschätzt wird. Um Gedanken zu konzipieren und wirkungsvoll zu äußern, wie dies Charles Darwin tat oder sein Großvater Erasmus Darwin oder sein Vetter Francis Galton, bedarf es wertvoller Eigenschaften, die vielen anderen abgehen, deren Taten als Tun mehr hervorstechen. Noch unüberzeugender ist Jüngers Einordnung, einen nicht nur gedankenreichen, sondern auch vielfältig kraftvoll handelnden religiösen und politischen Gestalter wie Calvin nicht unter diejenigen zu rechnen, die ihren Namen auf Grund von Taten verewigt haben. Apropos verewigt: Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die Namen - von historischen Personen abgeleiteter - Lehren kurzlebiger sind; gerade die von Jünger genannten Exempel deuten eher auf das Gegenteil hin. Auch hier scheinen seine Präferenz und Prädilektion für kriegerische Täter ihn zu voreiligen Folgerungen verleitet zu haben.

Jean Calvin (1509 - 1564)
