Ernst Jünger

Mittwoch, 16. April 2008

Eponyme und Taten

In seinem Pariser Tagebuch-Eintrag vom 18. September 1943 macht sich Ernst Jünger Gedanken zu Eponymen. Ohne diesen Ausdruck zu nennen, schreibt er:
„Wenn Namen in die Sprache eingehen und dort Begriffe, Kategorien bilden, so pflegt das selten auf Grund von Taten zu geschehen. Unter den großen Tätern und Fürsten ist es nur Cäsar, der auf diese Weise vorleuchtet.“
Den angeblich wenigen Tätereponymen stellt er andere gegenüber: „Weit häufiger sind Fälle, in denen der Name an eine Lehre sich heftet wie in Calvinismus, Darwinismus, Malthusianismus und anderen. Solche Wörter sind zahlreich, beliebig und meist von kurzer Lebenszeit.“
Erstaunlich ist hier das Aufleuchten eines engen und verengten Tatbegriff. Gibt es „Taten“ nur von kriegführenden Politikern und Militärs? Vollbringen nur Täter Taten? Haben demgegenüber in Wirklichkeit nicht der hartherzige Calvin und die großen Briten Darwin und Malthus sehr viel getan? Sie haben zumindest viel geschrieben – und Schreiben ist an sich schon eine Tat. Es wird zur großen Tat, wenn es auf hohem Niveau geschieht, wenn sich das Geschriebene aufgrund der Qualität seines Inhalts deutlich vom Durchschnitt unterscheidet. Hinter solchen Schreib- und Gedankenleistungen, wie sie bei Darwin und Malthus vorliegen, steckt nicht nur bewundernswerte geistige und seelische Kraft, sondern auch eine ungewöhnliche physische Energie, auch wenn diese leicht und oft übersehen und unterschätzt wird. Um Gedanken zu konzipieren und wirkungsvoll zu äußern, wie dies Charles Darwin tat oder sein Großvater Erasmus Darwin oder sein Vetter Francis Galton, bedarf es wertvoller Eigenschaften, die vielen anderen abgehen, deren Taten als Tun mehr hervorstechen. Noch unüberzeugender ist Jüngers Einordnung, einen nicht nur gedankenreichen, sondern auch vielfältig kraftvoll handelnden religiösen und politischen Gestalter wie Calvin nicht unter diejenigen zu rechnen, die ihren Namen auf Grund von Taten verewigt haben. Apropos verewigt: Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die Namen - von historischen Personen abgeleiteter - Lehren kurzlebiger sind; gerade die von Jünger genannten Exempel deuten eher auf das Gegenteil hin. Auch hier scheinen seine Präferenz und Prädilektion für kriegerische Täter ihn zu voreiligen Folgerungen verleitet zu haben.

Calv
Jean Calvin (1509 - 1564)

Donnerstag, 10. April 2008

Ernst Jünger und Karl Wand

Vieles von dem, was große Dichter und Denker gelesen haben, ist der Nachwelt bekannt, vieles aber bleibt auch lange oder für immer unbekannt. Oder es ist zwar irgendwo festgehalten, aber an so versteckter Stelle, dass es fast wie ganz verborgen ist. Was Ernst Jünger betrifft, so hat er in Paris im Zweiten Weltkrieg nicht nur Katherine Mansfield, Washington Irving, Léon Bloy, Létaud und all die anderen gelesen, deren Lektüre er in seinen Pariser Tagebüchern ausdrücklich erwähnt, sondern beispielsweise 1942 auch unveröffentlichte Gedichte eines jungen Eifeler Leutnants, der später promovierter Historiker wurde, deutscher Botschafter in verschiedenen Staaten Afrikas und Autor von Gedichtbänden und Sachbüchern: Dr. Karl Wand.

Der 1920 in der bekannten Eifelstadt Gerolstein geborene Wand erwähnt dies beiläufig in seinem autobiographischen Buch: „Zwei Brüder im Hitlerkrieg“, das vor wenigen Jahren in Schweden, wo Dr. Wand nun lebt, erschienen ist. Dort heißt es (S. 230):

Die Bekannte eines Freundes entpuppte sich als Sekretärin von Ernst Jünger, der bei Stülpnagel im Stabe arbeitete. Hatte ich in Berlin seine „Stahlgewitter“ gelesen, so las ich jetzt in Paris seine „Marmorklippen“. Seine Sekretärin zeigte ihm einige meiner Gedichte. Jünger dankte mit der Aufmunterung „weiterzudichten“.

Karl Wand hat sich an diese Aufmunterung gehalten und später unter anderem „Leier, Schwert und Liebe. Gedichte einer verlorenen Generation“ veröffentlicht (Frankfurt am Main 1992). Persönlich hat Karl Wand den großen Ernst Jünger nie kennengelernt. Der Eifeler aus dem Sicherungsregiment 1, das dem Kommandanten von Groß-Paris (General von Boineburg-Lengsfeld) und dem Militärbefehlshaber von Frankreich (General von Stülpnagel, zu dessen Stab Jünger bekanntlich gehörte) unterstand, gehörte zu denjenigen Offizieren, die abends am 20. Juli 1944 in Paris die Hauptdienststelle des SD in der Avenue Foch 84 stürmten und mit vorgehaltener Maschinenpistole die SD- und SS-Leute verhafteten und ins Staatsgefängnis Frèsnes brachten. „Gegen Mitternacht war der Befehl ausgeführt und über 1000 Mann SS- und SD-Leute mit ihren obersten Führen festgesetzt“, notiert Karl Wand über diese Aktion, über die sich Ernst Jünger in seinem Eintrag vom 21. Juli 1944 düstere Gedanken machte, weil er ein furchtbares Gemetzel als Folge befürchtete. Zu diesem Gemetzel aufgrund der Verhaftungsaktion kam es gottlob nicht. Aber für antinationalsozialistische Offiziere wie den Katholiken Karl Wand und den nachmaligen Katholiken Ernst Jünger war es schon schlimm genug, dass als Reaktion auf den 20. Juli der Nazigruß auch für die Wehrmacht eingeführt wurde. Dies war ein zusätzliches Zeichen, dass es weiter der noch größeren Katastrophe entgegenging. Der Abgrund des Krieges hatte im Sommer 1944 schon dem einen den Bruder Ernst Wand (1918 – 1942) genommen und wird dem anderen bald den Sohn Ernstel Jünger (1926 – 1944) entreißen.

Samstag, 17. November 2007

Ernst Georg Jünger und die Menschenzüchtung

Heimo Schwilk zitiert in seiner Ernst-Jünger-Biographie aus einem Brief von dessen Vater, in dem dieser dem Sohn gut gemeinte Ratschläge zur richtigen Wahl der Frau gibt. Ernst Georg Jünger schreibt darin unter anderem, der Sohn solle darauf achten, dass die Frau nicht krank sei. Wie so viele seiner deutschen Zeitgenossen gehen dem Vater bei der Frage der richtigen Gattenwahl Zuchtgedanken durch den Kopf: „Jeder Bauer nimmt sich zur Zucht prämierte Eltern“ meint Vater Jünger, wobei er darin offenkundig ein nachahmenswertes Vorbild sieht.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass ein so intelligenter Mann wie dieser Chemiker gegenüber seinem nicht minder intelligenten Sohn mit einem solchen fragwürdigen Hinweis argumentiert. Immerhin bezieht sich der Hinweis mit den angeblich bäuerlichen Zuchtpraktiken auf die Auswahl von tierischen Partnern, nicht auf die von Menschen. Neben diesem Hinweis hätte der Sohn dem Vater entgegenhalten können, dass die Bauern selbst bei ihrer Partnerwahl nach anderen Grundsätzen vorgehen, als sie es bei ihren Tieren praktizieren. Auch gute Viehzüchter unter den Bauern wählen sich ihre Ehepartner nur ausnahmsweise nach züchterischen Gesichtspunkten. Worauf der Vater ihm wiederum hätte entgegnen können: Ja, leider – und das Ergebnis sieht man in vielen Dörfern der Bevölkerung an.

Etwa zur gleichen Zeit wie Ernst Georg Jünger hat der seinerzeit sehr bekannte Schriftsteller Gustav Frenssen in seinen „Grübeleien“ ebenfalls darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig züchterische Aspekte bei der Gattenwahl seien. Zugleich war ihm, der aus einem Dithmarscher Dorf stammte und lange Jahre als Pastor unter der Dorfbevölkerung lebte, sehr bewusst, dass solche Aspekte bei den Bauern allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Frenssen wies öfters beinahe beschwörend darauf hin, dass dies immer schädliche und traurig machende Folgen nach sich zieht.

Menschenzuchtgedanken waren in Jüngers ersten Lebensjahrzehnten en vogue. Um nur einige – wichtige – Beispiele zu nennen: Im „Archiv für Wirtschafts- und Sozialphilosophie (6. Band) hatte der Soziologe Alfred Vierkandt schon 1912 über „Rationelle Menschenzucht“ geschrieben, wobei er sich mit dem Werk des jüdischen Wiener Schriftstellers und Soziologen Rudolph Goldscheid über „Höherentwicklung und Menschenökonomie. Grundlegung der Sozialbiologie“ auseinandersetzte. Menschenzüchterische und kulturbiologische Gedanken spielten auch bei Goldscheids Landsmann und Mitvordenker der Soziobiologie, dem Philosophen Christian von Ehrenfels, eine zentrale Rolle.

Ernst Jüngers Vater war also jedenfalls mit seinem brieflichen züchterischen Ratschlag, der heute manchen seltsam anmuten mag, auf der Höhe seiner Zeit.

Freitag, 31. August 2007

Ulrich Bergmann (1918 - 1940) und Ernstel Jünger (1926 - 1944)

Christian Tilitzki hat in seinem sehr materialreichen und informativen zweibändigen Werk über "Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich" (Berlin 2002) in einer Fußnote auch einige biographische Angaben zu dem - leider auch von ihm viel zu wenig und zu einseitig gewürdigten - Philosophen Ernst Bergmann gemacht. Dabei sind ihm einige Fehler unterlaufen, die Bergmanns Sohn betreffen: Ernst Bergmanns Erstgeborener hieß nicht - wie Tilitzki angibt - Peter, sondern Ulrich, und er ist nicht 1941, sondern bereits 1940 gefallen.

Wer das von Tilitzki erwähnte, aber von ihm offensichtlich nicht gelesene ergreifende Gedenkbuch von Ernst Bergmann mit dem Titel "Denkmal meines Sohnes Ulrich" (Leipzig 1941) liest, der wird verstehen, dass ein so hochbegabter und vielversprechender junger Mann wie Ulrich Bergmann es posthum verdient hat, dass man seinen Namen richtig wiedergibt und seine Lebensdaten auch. Aber selbst, wenn der junge Mathematik- und Physikstudent Bergmann, über den der Physiker Prof. Friedrich Hund schrieb "Heisenberg und ich verlieren in ihm einen unserer hoffnungsvollsten Schüler", weniger begabt gewesen wäre, so ist es gewiss nicht falsch, seiner auch noch nach vielen Jahrzehnten zu gedenken und vielleicht den ein oder anderen auf das liebevolle Gedenkbuch seines Vaters aufmerksam zu machen.

Laut Tilitzki war Ulrich Bergmanns Mutter - Ernst Bergmanns erste Frau -Jüdin. Wenn diese Angabe zutreffend ist, so wäre dies schon insofern bemerkenswert, als die Philosophie und Religion seines deutschreligiösen Vaters sich ungewöhnlich stark und klar vom jüdischen und christlichen Gottesbegriff und damit zusammenhängenden Vorstellungen abgesetzt hat. Darüberhinaus läge dann bei Ulrich Bergmann der Fall vor, dass jemand, der nach halachischer Auffassung Jude ist, sich voller Überzeugung - soweit bekannt - für das damalige Deutsche Reich eingesetzt hat. Eine ungewöhnliche biographische Konstellation, die zu vielfältigen weiteren Reflexionen Anlass geben kann.

UlrichBergmann
Ulrich Bergmann (am Arm der Großmutter). Rechts: Ernst Bergmann

In ähnlich jungem Alter und im gleichen von ihren Vätern ungewollten und ungeliebten Krieg wie Ernst Bergmanns Erstgeborener Ulrich ist Ernst Jüngers Erstgeborener Ernstel Jünger (1926 – 1944) gefallen. Die Umstände ihres Todes scheinen sich zu ähneln. Ernst Jünger schreibt in seinem Tagebuch zum Tod seines Sohnes:

„Der liebe Junge hat den Tod gefunden am 29. November 1944; er war achtzehn Jahre alt. Er fiel durch Kopfschuß bei einer Spähtruppbegegnung im Marmorgebirge von Carrara in Mittelitalien und war, wie seine Kameraden berichten, sofort tot.“

Ulrich Bergmann starb bei einem allein durchgeführten Meldegang, ebenfalls getötet durch Kopfschüsse. Sein Vater hat sich, nicht anders als Ernst Jünger vier Jahre später, genau über die näheren Umstände des Todes informieren lassen, um über die letzten Stunden seines lieben Sohnes möglichst viel in Erfahrung zu bringen. Er erfuhr, dass Ulrich durch Schüsse getötet wurde, die durch den Stahlhelm von schräg oben her in die Stirn eindrangen. Der Fahnenjunker-Feldwebel Günther Fehse berichtete ihm:

„Drei Kugeln hatten ihn in den Kopf getroffen, ganz auf sich gestellt starb er als Einzelkämpfer einen schönen, schmerzlosen Soldatentod.“

Zu dem Tod von Ernstel Jünger, der wie Ulrich Bergmann ein Tagebuch geführt hatte, schrieb sein Vater:
„Der gute Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat er es gleich beim ersten Mal besser gemacht, ging so unendlich über ihn hinaus.“

Des Physikstudenten Ulrich Bergmanns letzter Satz in seinem Kriegstagebuch war:

„Es ist eine Lust zu leben.“

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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