Kinder der Eifel – Kind der Eifel
Als Prof. Hermann Simon mich im Frühjahr 2007 fragte, ob ich einverstanden sei, wenn ein Porträt über mich in der von ihm herausgegebenen Reihe „Kinder der Eifel“ in der „Eifelzeitung“ erscheinen würde, verband ich den Ausdruck „Kinder der Eifel“ noch in erster Linie mit dem Novellenband „Kinder der Eifel“, der 1897 von Clara Viebig (1860 – 1952) veröffentlicht worden war. In diesem Werk hatte die seinerzeit sehr erfolgreiche Schriftstellerin – nach Josef Zierden die „bedeutendste Erzählerin des deutschen Naturalismus um die Jahrhundertwende“ die Eifel als Literaturlandschaft entdeckt und dabei gerade auch meine engere Heimat, die südliche Vulkaneifel um Bettenfeld, erstmalig zum Ort ihres Erzählens gemacht. In der Novelle „Die Cigarrenarbeiterin“ trägt die schöne Protagonistin Maria Josefa Brand sogar den gleichen Familiennamen wie ich und lebt genau in dem Gebiet, in dem ich aufgewachsen bin. Auch späteren Büchern hätte Clara Viebig im Grunde den Titel „Kinder der Eifel“ geben können: So beispielsweise dem anfangs des 20. Jahrhunderts erfolgreichsten deutschen Roman überhaupt, dem noch lange als skandalös empfundenen Bestseller „Das Weiberdorf“, der das Leben der Menschen aus „Eifelschmitt“ schildert – also Männer und Frauen des Dorfes, das von Viebig im Vorabdruck noch authentisch mit „Eisenschmitt“ genannt wurde und das sich nur wenige Kilometer von meinem Geburtsort Bettenfeld befindet. Kinder der Eifel sind auch die Hauptfiguren in der wunderbaren Erzählung „Vom Müller Hannes“ (1903), deren hauptsächlicher Handlungsort – die Meerfelder Mühle – realer Lebensort meiner Vorfahren gewesen ist.
Dadurch, dass Hermann Simon diesen alten Ausdruck neu aufgegriffen hat, verbindet sich nun die Formel von den „Kindern der Eifel“ neben den viebigschen Persönlichkeiten auch mit solchen, die im 21. Jahrhundert sich auf unterschiedlichen Gebieten hervorgetan haben und die als Gemeinsamkeit die Herkunft aus den Dörfern und Kleinstädten des dauener und Wittliccher Raumes haben: Persönlichkeiten wie die Vulkaneifeler hoch angesehenen Professoren Balling, Baums, Heck oder Stadtfeld, um nur diese wenigen aus einer verblüffenden Reihe erstaunlicher Begabungen zu nennen.
Eine weitere Verwendung der Metapher vom „Kind der Eifel“ ist mir kürzlich bei der Lektüre der 2007 erschienenen großen Stefan George-Biographie von Thomas Karlauf begegnet. Karlauf erwähnt dort den Schriftsteller Paul Gérardy, der eine Zeitlang einer der engsten Mitarbeiter des Rheinländers George war und über den Stefan George schrieb: „mir nachbar und kind der Eiffel“. Dass George den 1870 in einem kleinen ostbelgischen Dorf südlich von Malmedy geborenen Gérardy als „kind der Eiffel“ anspricht, erscheint mir in gewisser Weise symptomatisch für den seltsamen, vielleicht zu berühmten Dichter: Genauigkeit und Exaktheit des Denkens waren Georges Stärken nicht. Die deutschsprachigen Ostbelgier sind gewiss kulturell und sprachlich den angrenzenden Eifelanern eng verbunden, aber man müsste schon chauvinistischer Verfechter einer Großeifel-Ideologie sein, um sie mit Recht noch als Eifeler einordnen zu können. Gérardy selbst scheint sich auch keineswegs als Eifeler gefühlt zu haben, sonst hätte er sich nicht, wie Karlauf zu berichten weiß, kämpferisch für ein eigenständiges Wallonien eingesetzt. Ob der Grenzlandmensch Gérardy als Kind der Eifel auch ein geistiges Licht der Eifel wäre, vermag ich nicht zu entscheiden. Während seine ostbelgische Heimatregion heutzutage seinen Nachlass als „von unschätzbarem Wert“ preist, hält der Biograph Karlauf den Dichter Paul Gérardy für lediglich mittelmäßig und glaubt, dass George ihn eindeutig überschätzt hat. Aber wer weiß? Vielleicht hat Gérardy seinerseits, wie so viele andere, auch Stefan George überschätzt.
„Kinder der Eifel“ ist jedenfalls nun ein schillernder Ausdruck mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte und man kann gespannt sein, wie sich das Bild der Eifelkinder in Zukunft noch weiter entwickeln wird.
Dadurch, dass Hermann Simon diesen alten Ausdruck neu aufgegriffen hat, verbindet sich nun die Formel von den „Kindern der Eifel“ neben den viebigschen Persönlichkeiten auch mit solchen, die im 21. Jahrhundert sich auf unterschiedlichen Gebieten hervorgetan haben und die als Gemeinsamkeit die Herkunft aus den Dörfern und Kleinstädten des dauener und Wittliccher Raumes haben: Persönlichkeiten wie die Vulkaneifeler hoch angesehenen Professoren Balling, Baums, Heck oder Stadtfeld, um nur diese wenigen aus einer verblüffenden Reihe erstaunlicher Begabungen zu nennen.
Eine weitere Verwendung der Metapher vom „Kind der Eifel“ ist mir kürzlich bei der Lektüre der 2007 erschienenen großen Stefan George-Biographie von Thomas Karlauf begegnet. Karlauf erwähnt dort den Schriftsteller Paul Gérardy, der eine Zeitlang einer der engsten Mitarbeiter des Rheinländers George war und über den Stefan George schrieb: „mir nachbar und kind der Eiffel“. Dass George den 1870 in einem kleinen ostbelgischen Dorf südlich von Malmedy geborenen Gérardy als „kind der Eiffel“ anspricht, erscheint mir in gewisser Weise symptomatisch für den seltsamen, vielleicht zu berühmten Dichter: Genauigkeit und Exaktheit des Denkens waren Georges Stärken nicht. Die deutschsprachigen Ostbelgier sind gewiss kulturell und sprachlich den angrenzenden Eifelanern eng verbunden, aber man müsste schon chauvinistischer Verfechter einer Großeifel-Ideologie sein, um sie mit Recht noch als Eifeler einordnen zu können. Gérardy selbst scheint sich auch keineswegs als Eifeler gefühlt zu haben, sonst hätte er sich nicht, wie Karlauf zu berichten weiß, kämpferisch für ein eigenständiges Wallonien eingesetzt. Ob der Grenzlandmensch Gérardy als Kind der Eifel auch ein geistiges Licht der Eifel wäre, vermag ich nicht zu entscheiden. Während seine ostbelgische Heimatregion heutzutage seinen Nachlass als „von unschätzbarem Wert“ preist, hält der Biograph Karlauf den Dichter Paul Gérardy für lediglich mittelmäßig und glaubt, dass George ihn eindeutig überschätzt hat. Aber wer weiß? Vielleicht hat Gérardy seinerseits, wie so viele andere, auch Stefan George überschätzt.
„Kinder der Eifel“ ist jedenfalls nun ein schillernder Ausdruck mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte und man kann gespannt sein, wie sich das Bild der Eifelkinder in Zukunft noch weiter entwickeln wird.
gregorbrand - 10. Dez, 22:28