Der Philosoph Ernst Bergmann

Montag, 1. Oktober 2007

Kulturphilosophie und der europäische Absturz

„Kulturphilosophie als Wort finden wir nicht vor dem Beginn unseres Jahrhunderts.“

Der Österreicher Franz Martin Wimmer schrieb dies 1989 in seinem Beitrag „Rassismus und Kulturphilosophie“. Wimmers Feststellung zur historischen Semantik des Begriffs Kulturphilosophie ist allerdings – wie so vieles andere in seiner Abhandlung - falsch. Bereits 1899, also noch im 19. Jahrhundert, veröffentlichte der in Bern lehrende jüdische Philosoph Ludwig Stein seinen „Versuch über die Kulturphilosophie“. Der Begriff einer Kulturphilosophie ist sogar noch fast zwei Dekaden älter – eine ganz und gar nicht unerhebliche Zeitspanne in der dynamischen Geistesgeschichte der Neuzeit. Bereits 1881 wird der Terminus – in älterer Rechtschreibung - von dem herausragenden schleswig-holsteinischen Soziologen und Philosophen Ferdinand Tönnies geschaffen, als dieser in seiner berühmt gewordenen Habilitionssschrift die Thematik von „Gemeinschaft und Gesellschaft“ als „Theorem der Cultur-Philosophie“ behandelt. Darauf weist Ralf Konersmann in der von ihm herausgegebenen „Kulturphilosophie“ (3., aktualisierte Aufl. Leipzig 2004) zu Recht hin. Konersmann ist als Professor der Philosophie an der Universität Kiel im übrigen einer der Nachfolger eben jenes in Kiel in den Dreißiger Jahren lehrenden Philosophen Ferdinand Weinhandl, gegen dessen kulturphilosophische Gedanken Wimmer in der eingangs genannten Abhandlung mit antifaschistischer Gesinnung zu Felde zieht.

Über Ludwig Stein notierte Karl Kraus in der „Fackel“ vom 23. November 1906, dabei eine Berliner Zeitung zitierend – und hier nun also selbst Gegenstand eines Zitats:

Die Berliner ›Post‹ schreibt am 14. November unter dem Titel »Ein jäher Fall«: »An der Berner Universität wirkte seit etlichen Jahren der aus Pest gebürtige, aber in Zürich eingebürgerte Philosophieprofessor Doktor Ludwig Stein. Er war namentlich ein großer Anziehungspunkt der russischen Studenten mosaischer Richtung und auch seine sozialdemokratischen Ansätze übten auf die vielen Töchter des Ostens merklichen Einfluß aus. Er galt lange Zeit als hohe wissenschaftliche Zierde der Hochschule der Bundesstadt, und Bern schien ohne Ludwig Stein gar nicht denkbar zu sein. Bezüglich der blumenreichen und schwülstigen Beredsamkeit ist ihm zweifellos ein gutes Zeugnis auszustellen. Im Verlag von B. G. Teubner in Leipzig hat nun Herr Prof. Stein eine Schrift erscheinen lassen, die den Titel führt: ›Die Anfänge der menschlichen Kultur, eine naturwissenschaftlich-kritische Betrachtung‹. Dieses kleine Werk hat durch Prof. Konrad Keller, Lehrer der Zoologie an der Universität Zürich, eine vernichtende Kritik erfahren, in welcher Stein der Kompilation haarsträubenden Unsinns und der Ignoranz in naturwissenschaftlichen Problemen beschuldigt wird. Prof. Keller läßt Herrn Stein eine Abfertigung zu teil werden, die namentlich durch das Stillschweigen des Angegriffenen und das volle intellektuelle Versagen seiner Freunde doppelt verblüffen mußte. Und statt sich zur Wehr zu setzen, hat Herr Prof. Stein in möglichster Eile Bern verlassen und sich in Berlin niedergelassen. Seine prächtig gelegene Villa über dem Aarestrom und der romantischen Hufeisenstadt steht nun einsam und verlassen da und ist zum Verkauf ausgeschrieben …« Um Herrn Stein dürfte seinen Anhängern nicht bange sein. Sie schätzen ihn als spekulativen Philosophen und wissen, dass er auch in Berlin mehrere Häuser besitzt und dort aus dem »Satz vom zureichenden Grund« größten wissenschaftlichen Gewinn gezogen hat.


Ludwig Stein trug mit seinem Programm in seinem erwähnten „Versuch über die Kulturphilosophie“ seinen Teil dazu bei, das Vorurteil über Juden zu festigen, diese seien bei der Betrachtung menschlicher Eigenschaften allzu einseitig auf den Intellekt fixiert. Für Stein war der Intellekt das Kulturheilmittel schlechthin. So schreibt er:

„Fort daher mit allem verweichlichenden Pessimismus und entnervenden Fatalismus, welcher die Kultursysteme der Araber, Inder und Chinas an den Rand des Abgrunds geführt haben! Ihre Geschichte sei für uns das Weltgericht. Lernen wir aus dem selbstmörderischen Schicksal der drei übrigen rivalisierenden Kultursysteme, wie wir es nicht machen sollen. Bilden wir vielmehr unseren Intellekt immer vollkommener, immer allseitiger, immer tiefgreifender aus, und schöpfen wir aus diesem Intellekt Entschlossenheit und Selbstsicherheit in der Niederhaltung aller übrigen Kultursysteme!“

Nur wenige Jahre später waren viele europäische Denker der Überzeugung, dass sie gerade aus ihrem eigenen – europäischen - selbstmörderischen Schicksal - wie es sich im Ersten Weltkrieg vollzog - lernen sollten, „wie wir es nicht machen sollen.“ Zu denjenigen, für die diese Frage wichtigster Inhalt des philosophischen Denkens überhaupt wurde und die sich leidenschaftlich gegen den Absturz der deutschen Kultur in den Abgrund wehren wollten, gehört Ernst Bergmann. Ausdrücklich setzt er an die Stelle des auch von Stein kritisierten Pessimismus und Fatalismus Zuversicht und fichteschen Willen zur Tat. Gleichzeitig kritisiert er aber aufs heftigste die Vorherrschaft des männlich bestimmten Intellekts in der europäischen Kultur, ohne deswegen im geringsten Irrationalität zu propagieren. Im Gegenteil: Die einseitige Höherschätzung des Intellekts ist für ihn krasser Ausdruck von Unvernunft und biologisch letztlich verhängnisvoll.

Dienstag, 18. September 2007

Ernsthaftes über Sokrates

Ernst Cassirer hat sich in seiner 1944 erschienenen Spätschrift „An Essay on Man“ (Versuch über den Menschen, Hamburg 1996) zunächst mit der „Krise der menschlichen Selbsterkenntnis“ befasst und sein Buch mit der Feststellung eröffnet: „Daß Selbsterkenntnis das höchste Ziel philosophischen Fragens und Forschens ist, scheint allgemein anerkannt.“ Alsbald kommt er in diesem Zusammenhang auf Sokrates zu sprechen, der die Aufgabe der Selbsterkenntnis zuerst in den Mittelpunkt des philosophischen Denkens stellte und dessen einzige Frage im Grunde gewesen sei: „Was ist der Mensch?“ Cassirer schreibt dazu:

„Sokrates behauptet und verficht das Ideal einer objektiven, absoluten, universalen Weisheit. Doch das einzige Universum, das er kennt und auf das sich seine Fragen beziehen, ist das Universum des Menschen. Seine Philosophie – wenn er denn eine solche besitzt – ist strikt anthropologisch.“

Cassirer stellt dies mit seiner gewohnten olympischen Ruhe fest und sagt nichts Kritisches zu diesem sokratischen Ansatz. Zustimmend zitiert er vielmehr die Äußerung des Sokrates aus dessen Verteidigungsrede, dass ein Leben ohne Selbsterforschung gar nicht verdiene, gelebt zu werden. Cassirer findet das anthropozentrische sokratische Menschenbild – so wie er es versteht – richtig und gelangt zu der Feststellung:

„Wir können nämlich das Wesen des Menschen nicht auf die gleiche Weise entdecken, wie wir das Wesen der natürlichen Dinge zu enthüllen vermögen. Die natürlichen Dinge lassen sich durch ihre objektiven Eigenschaften beschreiben, der Mensch jedoch läßt sich nur durch sein Bewußtsein beschreiben und bestimmen.“

Ernst Cassirers sieben Jahre jüngerer Zeitgenosse und Kollege als Professor der Philosophie Ernst Bergmann vertritt zur Erkenntnis des Menschen eine ganz gegensätzliche Position. Nach seiner Auffassung muss der Mensch grundsätzlich wie andere Naturwesen erforscht und beschrieben werden, weil die Menschen selbst gewissermaßen zu den „natürlichen Dingen“ gehören. Von dieser Einstellung aus ist es nicht verwunderlich, dass Bergmann gegenüber Sokrates – ähnlich Nietzsche, aber ganz anders als Cassirer und die meisten abendländischen Philosophen – eine sehr ablehnende Haltung einnimmt. Wie Cassirer meint auch Bergmann, dass für Sokrates das Bewusstsein der Dreh- und Angelpunkt von wirklicher Erkenntnis gewesen ist. In „Erkenntnisgeist und Muttergeist“ schreibt er: „Sokrates als erster entdeckte und pries in der Episteme das Bewußtsein als Bringer alles, auch des sittlichen Heils.“ Aber das Bewusstsein des Sokrates ist ein naturfremdes – und das hält Bergmann in krassem Gegensatz zu Cassirer und der Hauptlinie abendländischer Philosophie für das entscheidende und zutiefst verhängnisvolle denkerische Defizit des Atheners. In der delphischen und dann sokratischen Maxime „Erkenne dich selbst“ – sieht Bergmann die Aufforderung zu naturferner und naturabgewandter egoistischer Selbstbetrachtung und geistigen Selbstbefriedigung. Sie sei von Männern – gerade auch Philosophen – seit den Tagen des Sokrates exzessiv betrieben worden. Gegenüber einer solchen Selbsterforschung fordert Bergmann die Hinwendung zur Erkenntnis der ewigen „Mutternatur aller Dinge“, wobei zu beachten ist, dass „Mutter“ für Bergmann der vermutlich am positivsten besetzte Ausdruck überhaupt ist. Wer junge Männer zur Selbstbetrachtung und Selbstanalyse auffordert – wie dies Sokrates getan habe, der entfremde ihren Verstand vom eigentlichen „Naturzweck“, in erster Linie die objektive Welt zu erkennen. Dies hält Bergmann für genauso naturwidrig und kulturbiologisch schädlich wie die bekannten sokratischen päderastischen Aktivitäten. Der Leipziger Denker gehört damit eindeutig zu denjenigen, die Sokrates für ein abendländische Verhängnis halten.

Montag, 17. September 2007

Ernst Bergmann als radikaler Kulturkritiker

Viele Intellektuelle wollten im 20. Jahrhundert Kulturkritiker sein und einige waren es tatsächlich von Grund auf. Zu den radikalsten Kritikern der abendländischen modernen Kulturentwicklung gehört Ernst Bergmann. Zentrale Schrift seiner grundlegenden Kulturkritik ist sein Werk „Erkenntnisgeist und Muttergeist“, in dem er die Entwicklung der letzten Jahrhunderte zutiefst kritisch und pessimistisch beurteilt:

„Wahrhaftig: Immer hemmungsloser ist unser Denken im Laufe der letzten Jahrhunderte geworden. Schritt vor Schritt geht es abwärts und endet bei dem, was wir heute sehen ...“

Bergmann notiert Anfang der Dreißiger Jahre, lange vor Adorno/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“:

„Der Mensch löst sich auf am Erkenntnisgeist, an der Entgleisung und am Fehlschließen einer emanzipierten Vernunft. Sein Gehirn ist losgetrennt vom natürlichen Blutkreislauf und somit erkrankt und in Fieberhitze arbeitend, nicht mehr dem Ganzen dienend und der Totalität unseres Wesens.“

Keine ökologische Radikalkritik wird übertroffen von Bergmanns Beurteilung der aktuellen Situation der Menschheit:

„Ein Besessener sitzt am Steuer, dessen Hand wahllos in den Gängen herumtastet. Fünf Minuten vor uns aber gähnt der Abgrund. Wer legt das Steuer herum?“

Samstag, 15. September 2007

Postmoderne Aspekte der Philosophie Ernst Bergmanns

Monika Walter, Professorin für Französische Philologie an der TU Berlin, ist in einem 2002 erschienenen Beitrag über Ortega y Gasset der Frage nachgegangen, ob der berühmte spanische Philosoph ein Vordenker der Postmoderne gewesen ist. Dabei hat sie einige Gesichtspunkte genannt, die durchaus auch im Hinblick auf die Philosophie Ernst Bergmanns diskutiert werden könnten. Ihre Aussage „Überraschend sind in jedem Fall Parallelen zwischen zahlreichen Ideen aus dem Gesamtwerk des Spaniers und den Thesen postmoderner Denker“ lässt sich auch auch auf Ernst Bergmann übertragen. Wenn sie etwa darauf verweist, dass Ortegas Kategorien des Zweifels und der Krise ihre Entsprechung finden „in dem Bemühen von Denkern wie Jacques Derrida, dem Unbestimmten einen rechtmäßigen Status in der Philosophie zurückzugeben“, so könnte man in diesem Zusammenhang auf die besondere Bedeutung des „vielleicht“ in Bergmanns Philosophie verweisen. In seinem dialogisch formulierten philosophischen Hauptwerk „Die natürliche Geistlehre“ (1937) bringt Bergmann – in der Rolle des „Gesprächsführers“ („G.F.“) seinen Gesprächspartner mit der Hervorhebung des „vielleicht“ fast zur Verzweiflung (S. 363 f.), so dass dieser beinahe verzweifelt ausruft:
„Vielleicht, vielleicht, vielleicht! Immer dieses fatale Wörtchen „vielleicht“ ! Sie meinen: die Welt lernt eines Tages ohne Geistesauge sehen, ohne Denken zu denken, ohne Wissen zu wissen.“
Ernst Bergmann in der Person des G. F. antwortet ihm ruhig: „Vielleicht!“ Schließlich meint sein fiktiver Gesprächspartner: „Mir scheint, das Wörtchen „vielleicht“ ist der am meisten philosophische Ausdruck, den es gibt.“ Bergmanns eindeutige Antwort darauf: „Vielleicht!“
Klarer kann man die philosophische Bedeutung des Ungewissen und Unbestimmten kaum hervorheben.

Monika Walter betont bezüglich Ortega y Gasset, dass „der spanische Philosoph bereits ein halbes Jahrhundert vor den Postmodernen die biologischen Dimensionen des Denkens“ betont und „mit der grundsätzlichen Demontage jeder metaphysischen Darstellung vom ´Wesen´ des Menschen begonnen habe und sieht Ortega y Gasset auch insofern in der Rolle eines frühen „Propheten“ der Postmoderne.
Dazu ist zu bemerken, dass Bergmann in seinen Schriften Anfang der Dreißiger Jahre immer wieder gerade diese beiden Aspekte betont hat – weit eindringlicher und prägnanter als Ortega y Gasset. So bekennt er unumwunden in dem oben erwähnten Buch mit dem in dieser Hinsicht schon viel sagenden Titel: „Die natürliche Geistlehre“ (S. 64), nachdem der M. U. festgestellt hat: „Sie verlangen deshalb die Einführung biologischen Denkens auch in die Erkenntnistheorie“:
„Sehr richtig! Das verlange ich in der Tat. Ich verlange eine Erkenntnisbiologie. Ohne sie ist das Erkenntnisproblem gar nicht richtig zu stellen, geschweige denn zu lösen.“

Abgesehen davon, dass die Demontage jeder metaphysischen Darstellung vom Wesen des Menschen lange vor Ortega und Bergmann beispielsweise auch schon bei Nietzsche zu finden ist, so hat Ernst Bergmann an seiner antimetaphysischen Einstellung gegenüber dem Wesen des Menschen keinen Zweifel gelassen. So schreibt er auch dazu in seiner „Natürlichen Geistlehre“ unter anderem (S. 254):

„Die Tierpsychologie ist der Menschenpsychologie verwandter, als man denkt und gemeinhin zugibt. Zoologisch ist der Sapienstyp längst in die höheren Formenreiche der Lebewesen eingeordnet worden, geistphilosophisch aber noch nicht, wie denn auch die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ Ernst Haeckels auf dem Gebiet der Geistlehre bis heute noch keine Fortsetzung gefunden hat. Ich möchte das nachholen und das Intelligenztier Mensch auch geistphilosophisch einreihen in das natürliche System.“

Und eine Seite weiter formuliert Bergmann, nachdem er die sittliche Entscheidungsfreiheit als Hauptunterschied zwischen Mensch und Tier herausgestellt hat:

„Als metaphysische Wesen jedoch sind beide grundsätzlich gleichzustellen und unterscheiden sich nur durch die Grade der Entwicklung ihres seelisch-geistigen Wesens.“

Bergmanns immer noch hoch lesenswertes Werk „Erkenntnisgeist und Muttergeist. Eine Soziosophie der Geschlechter“ (Breslau 1931) basiert ganz auf der Annahme, dass das „Wesen“ des Menschen nicht metaphysisch, sondern nur biologisch zu erfassen ist. Für Bergmann ist der Mensch auch ein „Bewußtseinstier“. Die von Kant kritisierte „reine Vernunft“ ist für den Leipziger Philosophen eine „unreine Vernunft“ und „zweifellos männlichen Geschlechts“ – und er sagt dies nicht, um sie dadurch auszuzeichnen, sondern um ihre biologische Bedingtheit und ihre Grenzen aufzuzeigen. Eine überindividuelle, ungeschlechtliche „asexuelle Vernunft“ gibt es für ihn nicht. Bergmann sieht und untersucht die Vernunft vielmehr im Rahmen des Lebendigen und sein Vernunftbegriff ist schon insofern mindestens so „lebendig“ wie der orteguistische Gedanke vom „razón vital“.

ErnstBergmann
Ernst Bergmann (1881 - 1945)

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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