Autobiografisches

Montag, 9. November 2009

Tagebuchnotiz über Arnold Gehlen

Am 21. 12. 1989, einem Donnerstag in einem hyperhistorischen Jahr, schrieb ich in mein Tagebuch:

" Wenn die Neue Rechte sich auf Arnold Gehlen beruft, auf sein Konzept der Weltoffenheit, der organischen Mangelhaftigkeit, dann ist dies keine rechte, sondern eine linke Position. Das Machbare steht dann im Vordergrund, die Umwelt, die tabula rasa. Wenn solches als rechts verkauft wird, dann wird ein trojanisches Pferd konstruiert."

Von den gehlenschen Gedanken der Mängelhaftigkeit oder Mangelhaftigkeit des Menschen halte ich nach wie vor nichts; von dieser abschätzigen Beurteilung hat mich auch Odo Marquard nicht abbringen können. Und nur meine eigenen physischen Mängel hindern mich jetzt wie meistens, Gehlens gravierende gedankliche Mängel en detail aufzuzeigen und schriftlich zu beschreiben.

Dienstag, 7. Juli 2009

Die Struktur der Rechtfertigungsgründe

Ich habe diese normtheoretische Studie jetzt erstmals online gestellt:
www.gregorbrand.wordpress.com

Weiteres dazu demnächst hier.

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Engelbert Klauk (1933-2008)

Durch eine kurze Notiz im „Prümer Landboten“, der Zeitschrift des Geschichtsvereins Prümer Land, habe ich am Ende dieses Jahres erfahren, dass Studiendirektor a. D. Engelbert Klauk gestorben ist.

Herr Klauk, der im Mai 2008 noch seinen 75. Geburtstag feiern konnte, war auf dem Prümer Regino-Gymnasium mein erster Latein- und Klassenlehrer (1967 – 1969) und wurde etwas später auch mein erster Griechischlehrer, ehe ihn in beiden Fächern sein Bruder Edgar Klauk ablöste. Ich bin mir nicht sicher, ob er bei all seinen Schülern auf Sympathie gestoßen ist, denn er konnte bei einer angenehmen und frohgemut-heiteren Grundhaltung doch auch plötzlich sehr ungehalten und wütend werden. Ich gehörte aber nicht zu den Schülern, die unter diesen seltenen und schnell abflauenden Übellaunigkeiten zu leiden hatten. Bereits in einer der ersten Stunden Ende August 1967 hatte ich mir anscheinend seine Sympathie dadurch erworben, dass ich nicht nur zutreffend eine Karte im Lateinbuch als Darstellung des Imperium Romanum deuten konnte, sondern auch historische Einzelheiten dazu wusste, was ihn ziemlich verblüffte. Und da auch meine Lateinarbeiten sehr zu seiner Zufriedenheit ausfielen, hatte er keinen Grund, mit mir unzufrieden zu sein.

Im Griechischunterricht sahen meine Noten zeitweise weniger gut aus. Aber Engelbert Klauk merkte sowenig wie irgendein anderer Lehrer, dass dies entscheidend damit zusammenhing, dass ich – aus mir heute beinahe unerklärlichen Gründen - partout keine Brille haben wollte, obwohl ich sie wegen zunehmender Kurzsichtigkeit dringendst gebraucht hätte. Vokabeln, die an die Tafel geschrieben wurden, konnte ich in der Mittelstufe allmählich ebensowenig lesen wie grammatikalische Erläuterungen und sonstige wichtige Angaben. Ich war damit in Griechisch – natürlich ebenso in den anderen Fächern - von einem nicht unwichtigen Teil des Unterrichts gewissermaßen abgeschnitten. Erst als ich meine psychologisch seltsame Brillenphobie überwunden hatte, sah die Sache wieder grundlegend und im wahrsten Wortsinn besser aus. Aber von meiner verbesserten Schulleistung profitierte nun nicht mehr Engelbert Klauk, sondern sein Bruder.

Was der damalige Enddreißiger Oberstudienrat Engelbert Klauk von mir seinerzeit gehalten hat, lässt sich vielleicht am besten an seiner ambivalenten und zeitkritischen Bemerkung erkennen, die in dem biographischen Artikel über mich im von Prof. Hermann Simon herausgegebenen Buch „Kinder der Eifel“ (2008) zitiert ist: „Was könnte aus Dir in einer anderen Zeit und bei mehr Ehrgeiz werden! So aber vergammelst Du nur.“

Nach dem Abitur bin ich meinem guten ersten Latein- und Griechischlehrer nur noch einmal begegnet: Bei einem Klassentreffen in Prüm im Jahr 1985. Dass er mich nun siezte, kam mir seltsam vor, schließlich hatte ich das in der Schulzeit bei ihm nie erlebt. Im Grunde war es nicht ungewöhnlich, sondern eher selbstverständlich, aber es schuf sofort eine unerwartete und nicht mehr vergehende Distanz. Ich überließ ihm ein Exemplar meines ersten Gedichtbuches „Ausschaltversuche“, das wenige Wochen vorher erschienen war und das ich zum Klassentreffen mitgebracht hatte. Spätestens beim Lesen des zweiten Gedichtes „kommt sagen wir das rot“ konnte Engelbert Klauk nicht mehr an sich halten, in ehrlicher Verwunderung zu fragen: „Wie kommt man nur darauf, sich so etwas auszudenken?“ Er zeigte zögernd auf den Text, dessen erste beiden Zeilen lauten: „sie war als ob sie bluten könne rot / die brüste die auch nicht gespitzte flammen röten“. Ich weiß nicht mehr, was ich darauf geantwortet habe, aber sein irritierter Blick ist mir noch vor Augen und dieser fragende Ausdruck wird immer meine letzte persönliche Erinnerung an ihn bleiben.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Medizin und Aphorismus

Ich habe vorhin mehr oder minder zufällig entdeckt, dass ich in einer aktuellen Bonner medizinischen Dissertation zitiert werde: Potthoff, Inga Karen: "Der Stellenwert der Lasertherapie in der Behandlung venöser vaskulärer Malformationen im Kopf-, Halsbereich" (2008). Das freut mich.

Montag, 17. November 2008

Reifeprüfung 1975: Mein Deutsch-Abituraufsatz

„Als bloßes Machtmittel des Genusses ist Besitz nicht heilig, sondern schmutzig. Gegen ein Eigentum ohne Pflichten hat der Kommunismus Recht“

(Ludwig von Gerlach 1848 vor dem „Preußischen Junkerparlament“).

Nehmen Sie dazu Stellung!
____________________________________________________________

In einer Rede vor Parlamentariern macht v. Gerlach die Aussage des abgedruckten Textes. Seine Wortwahl ist also einmal auf seine Zuhörer hin getroffen worden, zum anderen verwendet er Begriffe, die in der deutschen Geistestradition, vor allem in Philosophie, Politik und Literatur, eine bedeutende Rolle spielten und zum Teil heute noch spielen. In dieser Zeit und in diesen Bereichen bekamen sie ihren Inhalt und Aussagewert. Diesen Bedeutungsinhalt der verwendeten Begriffe näher darzustellen, um so die Aussage des Textes klar werden zu lassen, ist unter anderem Aufgabe dieser Erörterung. Daß diese Aufgabe nie mehr vollständig gelöst werden kann, ist einleuchtend, denn Ludwig von Gerlach, dessen Hilfe nötig wäre, ist tot.

L. v. Gerlach sagt: „Machtmittel des Genusses“. Von diesen drei Wörtern ist besonders Genuß ein Begriff, der in der Philosophiegeschichte zu den bedeutendsten gehörte. Für diesen Text relevant ist nur die abendländische Philosophie, die von Gerlach genau kannte. Bereits in der griechischen Frühlyrik, die ja auch Ausdruck ihrer Zeit war, spielt der Begriff des Genusses eine große Rolle. In ihr wurde er für das europäische Denken zum erstenmal von der Gemeinschaft losgelöst und auf das Individuum hin erweitert. Genuß, das bedeutet in dieser Zeit Liebe (Eros) - bei Sappho und Alkaios -, Wein und Ausgelassenheit und Festlichkeit bei andern (Archilochos, Pindar). Demgegenüber steht die philos. Auffassung des Heraklit, dessen geistige Nachwirkungen bei einem Zeitgenossen von L. v. Gerlach sichtbar werden, bei Goethe („Dauer im Wechsel“). Heraklit sieht den Genuß als das Ziel der unphilosophen Masse, die nur auf der Suche nach Genuß dahinvegetiert. War bei Heraklit Genuß das Ziel der Masse, nicht der Philosophen, so ist er bei Epikur das, was alle erstreben, auch die Philosophen. Deren Ziel sollte es sein, diesen Genuß rein und ungeschmälert zu erreichen. Um diesen Genuß, diese Lust, zu erreichen, sind alle Mittel recht.

Nun spricht v. Gerlach von den „Machtmittel(n) des Genusses“. „Des Genusses“ ist an dieser Stelle Genetivus obiectivus, d. h. „Machtmittel“ zum Genuß, Machtmittel, Genuß zu erreichen. Daß Besitz „bloßes Machtmittel des Genusses“ ist, ist für die Epikureer, die ja keineswegs mit dem Tod Epikurs ausstarben, eine Selbstverständlichkeit, für den Redner aber „schmutzig“. Mit diesem Wort wendet v. Gerlach sich scharf gegen diese epikureische Auffassung des Besitzes. Genuß ist für Gerlach also keineswegs ein höchster Wert, und er folgt auch darin einer alten philosophischen Tradition, die über Heraklit, Platon, die Stoa ins Christentum hineinreicht, besonders ins Luthertum und den Calvinismus der preußischen Hohenzollern. An der Tatsache, daß er „Machtmittel“, diesen politischen Begriff, verbindet mit „Genuß“, wird die enge Verknüpfung von Politik und Philosophie in diesem Text deutlich. Daß er nicht nur "Mittel" sagt, kann noch zusätzliche Gründe haben. Von der rhetorisch vielleicht wichtigen Alliteration abgesehen, erhält das neutralere „Mittel“ einen anderen Charakter und zwar einen negativen. Denn Macht, das ist seit Platons Apologie und Gorgias ein negativ gefärbter Begriff, besonders seit der Renaissance (Macchiavelli). L. v. Gerlach spricht im zweiten der zitierten Sätze von dem Kommunismus und gerade in diesem ist die Macht, die gegenwärtige, die nichtkommunistische, ein Objekt der Zerstörung. Macht, das bedeutet für den Schiller-Kenner v. Gerlach auch die Macht der Natur, die zu ersetzen ist, was den Staat betrifft, durch die moralische Macht eines zukünftigen und freien Staates. Das Wort „Macht“ in Machtmittel dient also zu einer Negativierung von „Mittel“, und beides zusammen bezieht sich auf „Besitz“. Der Begriff des Besitzes ist mit dem des Eigentums der zentrale Begriff der beiden Sätze. Besitz ist als Individualbesitz oder als Kollektivbesitz denkbar. Besitzfreiheit im Sinne eines völligen Fehlens ist nur theoretisch denkbar und selbst da ein Verstoß gegen von Allen anerkannte Rechte des Menschen z. B. auf seinen Körper. Sehr wohl denkbar und auch real ist das Fehlen von Individualbesitz an Grund und Boden oder gar an Produktionsmitteln. Besitz, das ist für viele Naturvölker der Stammesbesitz oder der Besitz eines Gottes an Kultplätzen oder heiligen Gegenständen, und für etliche von Naturvölkern ist Besitz überhaupt heilig und in dieser Auffassung mögen manche Sakrilegien wurzeln und auch selbst christliche Privilegien, so das des Altarschutzes, des Asyls und andere. Eine solche Auffassung ist vor allem kleinen, abgeschlossenen Populationen eigen. Doch mit der Bevölkerungs-vermehrung zu Beginn des Neolithikums im Gefolge der Seßhaftwerdung einzelner Gruppen und der daraus resultierenden Arbeitsteilung ging in diesen Kulturen die Zeit der Freiheit von Privateigentum zu Ende. Mögen zur Zeit nomadisierender Jägervölker nur einzelne Gegenstände in Privatbesitz gewesen sein, so wurden jetzt Bodenbesitz und auch Menschen (Sklaven) privatisiert; das Zeitalter des „Weg von der Natur“ begann, zumindest verstand Rousseau es so, der ja starken Einfluß auf die franz. Frühsozialisten (Proudhon) hatte und über diese zu den gerlachschen Kommunisten. Besitz wurde nun so selbstverständlich vor allem als Privatbesitz verstanden, daß bei Platos in der Politeia entwickelten Vorstellung von der (Privat-)Besitzlosigkeit der Archontes und Philosophoi von Utopie und Weltabgewandheit geredet wurde. Eine andere Entwicklung nahm der Besitzbegriff dann seit etwa 300 n. Chr. durch den Einfluß des Christentums. Dieses - beeinflußt von den Vorstellungen des Judentums, in dem bis zu den Propheten Amos und Isaias die Vorstellung galt, daß eigentlich das ganze Land Jahwe gehört, Eigentum nur als „Pacht“ zu verstehen ist und dies eigentlich der Idealzustand ist - betonte fortan die soziale Verpflichtung des Eigentums. Diese Auffassung setzte sich im folgenden durch, ins Extrem gesteigert von manchen Gruppen der sogenannten Ketzer (Manichäer, Wiedertäufer). Der Gedanke, den v. Gerlach in dieser Rede äußert: „Als bloßes ... Recht“ ist eigentlich abendländisches Gedankengut überhaupt geworden, von unbedeutenderen Gruppen abgesehen, so daß sich v. Gerlach wohl gegen die wendet, die die Sozialverpflichtung des Besitzes praktisch ablehnen und weniger theoretisch.

Die im Text auf „Besitz“ folgenden Worte „heilig“ oder „schmutzig“ sind nicht nur ob ihrer Antithetik verwendete Begriffe zur Steigerung rhetorischer Wirksamkeit. „Heilig“ bezieht sich wohl auf die, die aus dem praktischen Zustand des Besitzes ohne sichtbare Pflichten einen theoretisch fundierten machen wollen, indem sie diesen Zustand für „heilig“ erklären. Daß er nun dabei das Wort „schmutzig“ verwendet, geschieht wohl aus 2 Gründen: Einmal ist die epikur. Haltung, den Genuß als höchstes Ziel und alles andere als Mittel dazu zu behandeln, höchst unchristlich, hat sogar etwas Erotisches an sich und ist deshalb von dem konservativen Partner Bismarcks, L. v. Gerlach, als „schmutzig“ zu bezeichnen. Zum anderen kann v. Gerlach es nicht zulassen, die praktische Haltung damaliger Grundbesitzer und Industrieller zu einer theoretisch fundierten machen zu lassen - dazu war 1848 nicht die Zeit und schon gar nicht für v. Gerlach. Daß er diesen theoretischen Gedanken meint, zeigt die Verwendung des Wortes „Eigentum“, das vor allem in der philosophischen Diskussion auftaucht, während Besitz mehr die reale Seite betont, sozusagen das Eigentum als Erscheinung.

„Eigentum ohne Pflichten“, mittlerweile fast zu einem Schlagwort geworden für das, was nicht gewollt wird, hat diesen Charakter in dem abgedruckten Text nicht, dazu ist die Aussage vor dem preuß. Parlament zu gewichtig, um nicht genau abgewogen zu sein. Pflichten sind seit Kant fast überall, gerade auch da, wo es das Eigentum betrifft, und zusammen mit dem christlichen Gedanken des „geliehenen“ Eigentums wird die Forderung: „Eigentum nur mit Pflichten“ nicht nur politisch motiviert werden können, sondern religiös-moralisch gefordert werden müssen. Dies war dem christl. L. v. Gerlach auch mehr als 100 Jahre vor „Mater et magistra“ klar, der Enzyklika Johannes XXIII.. Daß er in diesem Zusammenhang aber den Kommunismus erwähnt, ist von der Sache her, soweit sie aus diesem kleinen Text zu entwickeln ist, nicht notwendig. Es mag sein, daß sich die Debatte auch über den Kommunismus ausgelassen hat, oder aber v. Gerlach hat seine Aussage besonders nuancieren wollen, indem er behauptet, daß der Kommunismus auch einmal Recht haben kann. Kommunismus ist zu dieser Zeit nämlich noch keine politische Macht, etwa vertreten durch eine organisierte Partei, sondern lediglich „ein Gespenst“, wie Marx es in diesen Jahren formuliert. „Gespenster“ aber können Angst einflößen, zumal wenn sie „umgehen“ (ebenfalls Kommun. Manifest) oder gar keine Gespenster sind. Das letztere haben wohl manche der ostelbischen Parlamentsjunker geahnt, sonst wäre das „Gespenst“ nicht Gegenstand politischer Auseinandersetzungen geworden.

Wenn v. Gerlach in diesem Zusammenhang von Recht haben spricht, so erscheint mir der Begriff „Recht“ hier vor allem als Redewendung gebraucht zu sein, mit „haben“ zusammen natürlich, so daß er keine lange Untersuchung rechtfertigt, vielmehr aber einen Hinweis auf die gesteigerte Aussagekraft des Ganzen.

Ludwig von Gerlach gebraucht in diesem Text niemals das Wort Philosophie oder Religion oder Moral oder Geschichte. Dennoch setzt er zum vollen Verständnis des Textes ein erhebliches Wissen zu bestimmten Begriffen aus den vorhin genannten Bereichen voraus. Aufgrund dieses Wissens erhält die Aussage erst ihre Aussagekraft.
In seinem 1. Satz der beiden abgedruckten setzt v. Gerlach voraus, daß Besitz nicht grundsätzlich, d. h. immer, heilig ist. Nun scheint dies der christlichen Sozial-verpflichtung des Eigentums zu entsprechen, nach der Besitzmißbrauch den Besitz nicht mehr „heilig“ erscheinen lassen kann, wobei „heilig“ hier nur Ausdruck einer stark betonten Wertschätzung und eines starken Wertes sein soll. Doch kann das zu betonen, nicht Grund einer solchen parlamentarischen Aussage sein, zumal ein Gespräch über den christlichen Eigentumsbegriff weit ausführlicher gestaltet sein müßte (vielleicht hat v. Gerlach das auch getan), da auch im Christentum stark voneinander abweichende Meinungen vorhanden sind, so daß der Ausdruck „christlich“ im strengen Sinn keineswegs zulässig ist, bedenkt man, daß dazu auch Griechisch-Orthodoxe, Anglikaner, Lutheraner und viele andere gezählt werden müssen. „Christlich“ bedeutete also bisher, daß in dieser Auffassung die verschiedenen Teile des Christentums weitgehend übereinstimmen. Ludwig von Gerlach wendet sich also vor allem gegen den praktischen Mißbrauch des Besitzes als „Machtmittel des Genusses“. Er selber scheint eine konservative Auffassung zu vertreten in diesem Punkt, denn er sagt „bloßes Machtmittel“, ist also bereit, den Besitz weitgehend in seiner Macht zu erhalten, keineswegs aber läßt er eine ausschließlich eudämonistische Haltung zu. Eine solche Haltung nützte den Besitzenden der damaligen Zeit selbst auch nicht, war ihrem Ansehen vielmehr sehr abträglich. Wenn er sich gegen diese Haltung ausspricht, indem er behauptet, Besitz sei nicht grundsätzlich heilig, unterstützt er damit - wahrscheinlich bewußt - die Besitzenden. Auch heute existiert dieses Problem. Konservative, christliche Politiker treten für das Privateigentum ein. Diesem Eigentum schadet es, wenn es „mißbraucht“ wird. Unter Mißbrauch wird dabei die Schädigung anderer durch Eigentum verstanden. Um diese Schädigung zu verhindern, wird die Sozialver-pflichtung des Eigentums betont. Die Betonung der Sozialverpflichtung nutzt dem Ansehen des Eigentums, festigt dessen Position, so daß schließlich das Eigentum eine so starke Position einnimmt, daß es seine Sozialverpflichtung vergessen kann. Wer also gegen Privateigentum an Produktionsmitteln oder an Grund und Boden ist, weil er glaubt, dadurch würden andere geschädigt, weil sie ausgebeutet würden, der muß betonen, daß Eigentum von einer bestimmten Art oder von einer bestimmten Größe an immer schädlich ist und niemals „heilig“. Gegen diese Auffassung ist v. Gerlach. Er spricht nur von „Eigentum ohne Pflichten“, und er hält die Ausbeutungstheorie der Kommunisten für nicht zutreffend, sonst müßte er vom christlichen Standpunkt aus zu denselben Ergebnissen, die Praxis betreffend, kommen. Demgegenüber erscheint mir die Ausbeutungsgefahr gegeben bei einer bestimmten Art von Privatbesitz - aber auch bei Kollektivbesitz. Da diese grundsätzlichen Mängel nicht gelöst werden können, kommt es darauf an, gesetzlich sie zu mildern. Daß Besitz ein bloßes Machtmittel des Genusses sein kann, wie v. Gerlach behauptet, gebe ich zu. Dabei kommt es aber darauf an, was man unter Genuß versteht. L. v. Gerlach versteht darunter etwas Schmutziges, wohl Sinnengenuß, wenn man dieses veraltete Wort gebrauchen will. Für den Platoniker ist das Gute zu besitzen, d. h. die Idee des Guten zu sehen, ein höchster Genuß, für den Märtyrer das Erreichen des Paradieses und für andere anderes. Das Ziel kann überhaupt nur sein, das Eigentum – in welcher Form auch immer – zu einem „Genuß“ für möglichst viele zu machen, und das ist es wohl auch, was v. Gerlach will, denn er wendet sich eigentlich nur gegen die Gelüste Einzelner, die glauben, diese mit dem Mittel des Besitzes befriedigen zu können. Besitz als bloßes Machtmittel des Genusses im Sinn von v. Gerlach ist schmutzig in dem Sinn, dass er mehr Menschen schadet als nützt.

L. v. Gerlach geht stets davon aus, dass ein Eigentum ohne Pflichten denkbar ist, und in der Tat wäre wohl zum Beispiel eine Figur wie der platonische Kallikles auf einen solchen Gedanken gekommen, hätte er von sich aus darüber nachgedacht. Was ich damit sagen will: Pflicht ist nicht erst seit Schiller ein moralisches Problem, für den Amoralisten ist also auch Eigentum ohne Pflichten denkbar und nicht nur für den, wenn das Problem auf der Ebene der Theorie bleibt. Als Politiker dagegen ist es für v. Gerlach klar, dass jeder Recht hat, wenn er gegen Eigentum ohne Pflichten ist, denn als Politiker muß er „basisbezogen“ denken, wie es die von ihm zitierten Kommunisten vielleicht sagen würden, wobei „basisbezogen denken“ heißt, er muß sich klar sein, von der Basis in seinem Denken beeinflusst worden zu sein. Wenn einer solchermaßen denkt, kommt er zu dem Schluß, dass Eigentum ohne Pflichten auf die Dauer zu etwas ganz anderem führte, wenn er ein Eigentum ohne Pflichten will, kann er also nicht wollen, dass das überhaupt realisiert wird – ein Widerspruch, der nur dadurch zu lösen ist, dass man kein Eigentum ohne jegliche Pflichten will, wenn man ein Eigentum mit möglichst wenigen Pflichten will.

Wenn man zugibt, wie v. Gerlach, dass der Kommunismus Recht haben kann in einer bestimmten Auffassung, so ist das an sich eine Banalität. Vor dem „Preuß. Parlament der Junker 1848“ dagegen ist es beinahe eine handfeste Provokation. Der Gerlachsche Hinweis auf die Kommunisten ist also vor allem, soweit dieser Textstelle zu entnehmen ist, eine rhetorisch wirksame Aussage. L. v. Gerlach grenzt das Rechthaben der Kommunisten (oder wie er sagt: „des Kommunismus“) auf die Stellung gegen ein Eigentum ohne Pflichten ein (an dieser Stelle, aber wohl auch sonst), meines Erachtens mit Recht, wenn man die theoret. Aussagen des dialektischen Materialismus als Gesamtaussage betrachtet, was v. Gerlach wohl tut. Einzelne Punkte ohne Beachtung des Gesamtzusammenhanges herausgreifen zu wollen, ist nicht nur intellektuell bedenklich, sondern auch politisch gefährlich.

Ludwig von Gerlach hat den Ausspruch in einer Zeit bürgerlicher Revolutionen getan, und er macht eine Aussage über Besitz und Eigentum. Die Tatsache, daß die Diskussion um diese Begriffe keineswegs abflaute in der Zeit von 1848 bis heute, sondern vielmehr von höchster Bedeutung war, zeigt einerseits das erhebliche (auch materielle) Interesse gewisser Leute (Industrielle, Marxisten) an einer bestimmten Lösung der Besitz- und Eigentumsfrage und andererseits den weiten Kreis von Problemen, den die Besitz- und Eigentumsfrage berührt und die vor der Eigentumsfrage gelöst werden müssen. Seit 1848 und vorher schon wurde dies versucht, aber nicht erreicht.
_____________________________________________________________________________

Mittwoch, 3. September 2008

Auf dem Mosenberg, mittags

Als ich am vergangenen Sonntag, dem 31. 8., zur Mittagsstunde auf der Gipfelhütte des Mosenberg war, also auf jenem Vulkanberg, den ich meinen „Meschalim“ als „Olymp der Eifel“ gewürdigt habe, musste ich daran denken, dass fast auf den Tag genau vor 69 Jahren dort mein damals 28-jähriger Vater und der sechzehnjährige Christian Pütz gewesen waren: Am 1. September 1939, einem stillen Eifeler Spätsommerfreitag, hatten sie an diesem Ort mit der ungewöhnlichen panoramischen Aussicht an einem neuen Gipfelhäuschen gemauert und gezimmert, als sie um die Mittagszeit alle Glocken ihres nahen Heimatortes Bettenfeld lang und laut läuten hörten. Sie machten sich auf den Weg zum Dorf, um zu erfahren, was Ungewöhnliches vorgefallen war, und erfuhren: Es ist Krieg.

Vier Jahre später heiratete mein Vater und Christian Pütz war nun sein Schwager. Ein weiteres Jahr später war mein Onkel Christian Pütz tot, 21-jährig erschossen vor Smolensk, und meinem Vater standen noch ein ein weiteres Jahr Krieg an der Ostfront und vier Jahre sowjetische Kriegsgefangenschaft bevor. Das hatte er auf der Gipfelhütte am Mosenberg so wenig voraussehen können, wie ich wissen kann, was in vier und in zehn Jahren sein wird.

Sonntag, 10. August 2008

Henri Michaux, Quall und das finale Buch der alten Bundesrepublik Deutschland

Für Cioran war Henri Michaux der vielleicht intelligenteste Schriftsteller, den er kennenlernte. Hätte Cioran Recht, dann müsste der vielseitige Michaux intelligenter gewesen sein als Ernst Jünger, Eugène Ionesco, Saint-John Perse, Mircea Eliade und viele andere – eine beeindruckende Sache. Vielleicht ist es tatsächlich so gewesen, obwohl man allgemein gegenüber Urteilen von Cioran sehr skeptisch sein sollte.

Ich selbst habe Michaux nie persönlich getroffen. Dennoch ist er mir begegnet: Hermann-Josef Schüren hat sein Buch „Gestatten: Quall“ , das er 1990 im Gregor Brand Verlag veröffentlichte, eben diesem Henri Michaux „als Dank für seinen ‚Plume’ gewidmet“. Und er fügte dieser Widmung noch ein Zitat von Michaux hinzu: „Andere sind mehr für den inneren Monolog. Ich nicht. Mir ist Schlagen lieber.“

Die grotesken Geschichten um den unverwechselbaren Protagonisten Quall, waren das letzte Buch, das in der alten Bundesrepublik Deutschland erschienen ist. Kurz vor der Wiedervereinigung, am späten Herbstabend des 2. Oktober 1990, konnte ich die fertigen Exemplare in der Koblenzer Buchbinderei Kneip abholen. Somit gehört dieser feine 83-seitige Band mit der Titelzeichnung von Hans Hochhaus nicht nur seiner literarischen Qualität wegen, sondern auch aufgrund der genannten historischen Besonderheit zu den Büchern, die in deutschen Nachkriegsliteraturgeschichten unbedingt erwähnt werden sollten und die noch auf ganz lange Zeit hin beachtenswert sind.

Freitag, 6. Juni 2008

Vertraute Unverständlichkeit

Im Jahr 2004 habe ich zum ersten Mal einen Aphorismus von mir in einer slawischen Sprache gelesen. Ohne kroatisch zu können, verstand ich gleich, wovon die Rede war.

Donnerstag, 5. Juni 2008

Konviktsgedanken

Carl Schmitt, mein Eifelaner Landsmann trotz seines Geborenwerdens und Aufwachsens im Sauerland, besuchte das Gymnasium in Attendorn. Es war, wie Christian Linder in seiner CS-Biographie „Der Bahnhof von Finnentrop. Eine Reise ins Carl Schmitt Land“ (Berlin 2008) vermerkt, die einzige humanistische Schule in der Gegend. Linders unmittelbar darauf folgender Kurzsatz: „Katholisches Konvikt und Internat“ lassen bei mir noch stärker Erinnerungen an meine Schulzeit wach werden: Ich war schließlich auch in einem katholischen Konvikt und auf einer humanistischen Schule. Gehen die Parallelen weiter? Linder schreibt:

Frühe intellektuelle Neugier, schon der Unterprimaner las nicht nur Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum“, sondern auch David Friedrich Strauß´ „Das Leben Jesu“ – als das Buch des liberalen protestantischen Theologen bei ihm entdeckt wurde, schrieb der Präses an Carl Schmitts Eltern, das Betragen des Jungen entspreche nicht seinem Wesen, und er wurde aus dem Konvikt genommen; auch ein unerlaubter Wirtshausbesuch soll eine Rolle gespielt haben.

Ich habe schon an anderer Stelle – in meinem Beitrag für das jüngste Buch von Ulrike Siegel – erwähnt, dass ich bereits als Sextaner und Quintaner Nietzsche, Hitler, A. S. Neill und Marx gelesen hatte. Bis zur Unterprima war eine ganze Menge weiterer Lektüre hinzugekommen - und es freut mich, dass man das als „frühe intellektuelle Neugier“ bezeichnet. Noch besser finde ich es, dass mein damaliger erzkonservativer Konviktsdirektor Helmut Loescher, der im Zusammenhang mit den prominenten Prümer Konviktoristen Oskar Lafontaine und Alfred Gulden so schlecht wegkommt, trotz meiner frühen Lektüre von Nietzsche, Reich, Freud und Konsorten keinen Brief an meine Eltern geschrieben hat und ich nicht in der geringsten Gefahr war, aus dem Konvikt genommen zu werden. Er beobachtete vielmehr meine Lektüre mit einem eigenartigen Wohlwollen und ich glaube im Nachhinein, dass seine Faszination über diese Art geistigen Interesses stärker war als die pädagogisch-weltanschauliche Ablehnung solcher Lektüren. Dass der ansonsten so strenge Mann mit dieser toleranten Haltung mir gegenüber auf dem richtigen Weg war, dürften ihm manche Gespräche gezeigt haben, in denen offensichtlich wurde, dass ich trotz gefährlicher Lektüre nicht vom Glauben abgefallen war. In meinem Hauszeugnis aus der Quinta bescheinigte man - mit einer ganz aus dem damaligen Rahmen solcher Zeugnisse fallenden Bemerkung - dem Elfjährigen: „Gregor weiß sich mit Überlegung für das Gute einzusetzen.“ Auf dieses „mit Überlegung“ bin ich wahrscheinlich – und der Sünde damit doch näher als die geistlichen Leiter des Internats ahnten – stolzer gewesen als auf den Einsatz für das Gute.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

Impressum:

© 2007-2017 by Gregor Brand www.gregorbrand.de

Aktuelle Beiträge

Peter Scholl-Latour -...
Der am 16. August 2014 hochbetagt verstorbene Journalist,...
gregorbrand - 7. Okt, 02:56
Nobelpreis für Gerhard...
Einen Tag, nachdem der Physiknobelpreis 2007 dem deutschen...
gregorbrand - 7. Okt, 02:53
Henri Owen Tudor - Erfinder...
VARTA – wer weiß schon, dass am Ursprung...
gregorbrand - 20. Mrz, 01:44
Ambiorix - König...
Der römische Politiker Gaius Iulius Caesar (100...
gregorbrand - 17. Mrz, 00:46
Hugo Zöller: Journalist...
Der imposante „Mount Wilhelm“ (Wilhelmsberg)...
gregorbrand - 27. Dez, 23:44

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Aphorismen
Autobiografisches
Bibliographie
Eifel
Gedichte
Genealogie
Intelligenz
Kulturkritik
Religion
Rezensionen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren