Peter Scholl-Latour - ein Marranenleben? Anmerkungen zur jüdischen Herkunft eines großen Publizisten


Der am 16. August 2014 hochbetagt verstorbene Journalist, Publizist und Bestseller-Autor Dr. Peter Scholl-Latour stand jahrzehntelang im medialen Blickpunkt und zählte zu den bekanntesten Intellektuellen Deutschlands.

Nahezu unbekannt ist erstaunlicherweise der konkrete jüdische Hintergrund seines außergewöhnlichen Lebens. Zwar verheimlichte Scholl-Latour seine Herkunft nicht völlig. Sogar im Wikipedia-Artikel über ihn findet sich der Hinweis auf seine jüdische Mutter. Aber während Scholls Vater Otto dort mit Namen genannt wird, blieb seine Mutter Mathilde Nußbaum bis jetzt anonym (Das wird sich hoffentlich nach diesem Beitrag ändern). Diese Anonymität ist durchaus bezeichnend. Jahrzehntelang war im Zusammenhang mit Scholl-Latours Herkunft meist nur von „deutsch-französisch“ die Rede – passend zu seinem entsprechend klingenden Doppelnamen. Wenn es etwas konkreter wurde, fielen noch Stichworte wie Saarland und Elsaß-Lothringen, also Gebiete, bei denen viele ohnehin nicht wissen, ob sie deren Bewohner eher als Deutsche oder als Franzosen betrachten sollen. Dabei könnte man gerade auch in Wikipedia Näheres über Scholl-Latours mütterliche Verwandtschaft finden. Sein Onkel, Bruder seiner Mutter, war der sozial hoch engagierte Arzt Dr. Robert Nußbaum (1892–1941), über den dort wichtige und nützliche Informationen zu finden sind. Dr. Nußbaum wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet.

http://stolpersteine-minden.de/2-station-steinstrase-9ecke-stiftstrase/
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Nu%C3%9Fbaum

Der in Straßburg geborene Robert Nußbaum war wie seine Schwester Mathilde Nußbaum, die Ehefrau von Otto Scholl und Mutter von Peter Scholl-Latour, ein Kind der jüdischen Eheleute Dr. Moritz Nußbaum und Ida Koppel. Peter Scholl-Latours jüdischer Großvater Moritz Nußbaum, später Gymnasialdirektor in Straßburg, hatte mit einer 1875 veröffentlichten Arbeit zum Thema „Observationes in Flavii Josephi Antiquitaties, lib. XII. 3-XIII. 14“ zum Doktor der Philologie promoviert. Man könnte in der Beschäftigung mit dem berühmten jüdischen Autor Flavius Josephus (ca. 37–100), der sich in den Dienst der römischen Staatsmacht stellte, ebenso eine Art Vorgriff auf die nichtjüdisch-jüdische Doppelexistenz seines Enkels Peter Scholl-Latour sehen wie in Moritz Nußbaums Beruf als Lehrer einen Bezug zum pädagogischen Impetus des „Welterklärers“ Scholl-Latour.

War Peter Scholl-Latour Jude? Über die Frage, wer Jude ist, existieren viele unterschiedliche Meinungen, auch im Judentum selbst. Reformjudentum und orthodoxes Judentum beantworten die Frage nicht gleich; in Israel gab und gibt es heftige Debatten über diese Problematik und zu der damit zusammenhängenden Frage, wem die Definitionsmacht darüber zukommen soll. Soviel kann man allerdings sagen: Nach traditioneller jüdischer Auffassung ist Jude jedes Kind einer jüdischen Mutter. Nach dieser konventionellen Auffassung könnte man Peter Scholl-Latour mit Fug und Recht als Juden bezeichnen. Andererseits bleibt natürlich das Faktum, dass er katholisch getauft und erzogen wurde und seine Wurzeln väterlicherseits nicht zuletzt in die katholische Eifel führen. In zahlreichen Interview-Äußerungen äußerte Peter Scholl-Latour seine Sympathien für das römisch-katholische Christentum. Und ich bin sicher, auch wenn ich nicht dabei war: Wenn er irgendwo auf seinen vielen Reisen in der Welt nach seiner Religion gefragt wurde, hat er sich als katholischen Christen bezeichnet.

Wieso aber nun „Marranenleben“? Marranen, das waren vor allem jene Nachfahren iberischer Juden, die sich zum Christentum bekannten. Viele gezwungenermaßen und aufgrund existenzieller Bedrohung, weil ihnen durch die Inquisition Folter und Tod drohte. Andere aus christlicher Überzeugung. Insgesamt sind die mit den Namen illustrer Persönlichkeiten verbundenen Biographien marranischer Juden eine faszinierende Geschichte verschwimmender Identitäten. Ob sie nun innerlich dem Judentum oder aber dem Christentum oder gar keiner Religion nahestanden, eines ist für Marranen kennzeichnend gewesen: Sie mussten ihre jüdische Herkunft verbergen oder mindestens stark im Dunkeln halten, um ein nicht durch Identitätsprobleme belastetes Leben in einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft und nichtjüdischen Mehrheitswelt führen zu können. Und damit sind wir wieder bei Peter Scholl-Latour: Hätte er beispielsweise in der islamischen Welt so herumreisen können, wie er es tat, wenn er als Jude bekannt gewesen wäre? Hätte ihm Ajatollah Chomeini Interviews gewährt? Oder wäre er in manchen islamischen Ländern nicht zeitweise sogar Gefahr gelaufen, ein ähnliches Schicksal wie der amerikanisch-jüdische Journalist Daniel Pearl (1963–2002) zu erleiden, dem in Pakistan die Kehle durchgeschnitten wurde?
Und wie wäre er in deutschen Talk-Shows oder andernorts angesprochen worden, wenn man in ihm den Juden gesehen hätte? Welche Stellungnahmen hätte man von ihm erwartet, die er vielleicht nicht geben wollte? Eines kann man sicherlich sagen: Peter Scholl-Latour hätte nicht das Leben führen können, das er führte. Verdunkeln des Wissens um die eigene jüdische Herkunft als Lebensnotwendigkeit – ein Schicksal des 20. Jahrhunderts ebenso wie vor 500 Jahren nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Und es sieht so aus, als würde in Teilen der Welt die marranische Notwendigkeit im 21. Jahrhundert eher zunehmen als abnehmen.


Detailliertere Angaben zu den Vorfahren von Peter Scholl-Latours Mutter Mathilde Nußbaum:
http://www.geni.com/people/Mathilde-Nussbaum/6000000018978022580

Gregor Brand - Schriftsteller

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