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Jüdischer Missionierungseifer

Kürzlich schrieb der jüdische Historiker Michael Brenner in einer Erwiderung auf den katholischen Philosophen Robert Spaemann:

„Spaemann sagt, auch das frühe Judentum war missionarisch. Das ist richtig, doch seit zweitausend Jahren ist es dies eben nicht mehr.“

Abgesehen davon, dass Juden sehr wohl auch in den letzten zweitausend Jahren noch vielfach missioniert haben, stellt sich die Frage, warum sie ihre Missionstätigkeit seit antiker Zeit heruntergefahren haben. Geschah aus der Einsicht heraus, dass auch andere Religionen ein gleiches Maß an Wahrheit besitzen, dass griechische, römische, germanische, keltische Gläubigkeit - oder wenigstens Christentum, Buddhismus oder Islam - der jüdischen Religion gegenüber gleichwertig und ihre Anhänger daher mit dem entsprechenden Respekt zu behandeln sind? Davon kann natürlich nicht die Rede sein. Selbst äußerlich dem orthodoxen Judentum nicht nah verbundene jüdische Theologen und Philosophen des 20. Jahrhunderts – von den tonangebenden Rabbinern ganz zu schweigen! - wie Erich Fromm, Hermann Cohen oder Pinchas Lapide bezeichnen jeden nichtjüdischen Gott nur verächtlich und überheblich als „Götzen“.

Es sind letztlich lediglich politisch-taktische Gründe gewesen, die dem jüdischen Missionierungseifer Grenzen gesetzt haben. Leo Baeck, eine nicht nur in dieser Hinsicht gewiss bedeutendere Autorität als Michael Brenner, schreibt dazu ehrlich und richtig in seinem berühmten „Das Wesen des Judentums“:

„Das Judentum war die erste Religion, die im Dienste einer Religion Mission trieb, und jüdische Propaganda hat dem Christentum den Boden für seine Ausbreitung gegeben. Nicht religiöse, sondern politische Gründe sind es vor allem gewesen, welche dann diesem Streben, das Reich der Gläubigen auszudehnen, im Judentum allzufrüh Schranke und Ende bereitet haben. Aber das Bewußtsein des Missionsrechtes und der Missionspflicht ist darum nicht geschwunden.“

Baeck bejaht diese jüdische Missionsverpflichtung zutiefst – und er ist mit dieser Haltung wahrlich nicht der einzige Vertreter seiner Religionsgemeinschaft. Nicht nur er, sondern auch die meisten heutigen ebenso wie die früheren jüdischen Gegner einer christlichen Judenmission sind selbstverständlich überzeugt von der inneren Überlegenheit des Judentums. Wer dagegen diese angebliche Superiorität nicht selbst bejaht, kann aus der jüdischen, auf andere Religionen bezogenen Antimissionierungshaltung wahrlich keine generellen und grundsätzlichen Gründe gegen religiöses Missionieren überhaupt gewinnen.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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