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Barack Obama und Reinhold Niebuhr


Von Barack Obama, dem neuen Präsidenten der USA, wird berichtet, er habe einst intensiv Nietzsche gelesen und Reinhold Niebuhr sei einer seiner Lieblingsphilosophen. Dass amerikanische Präsidenten Philosophen kennen, ist erfreulich, wenn auch nicht völlig überraschend. Schon Obamas Vorgänger in dem ehrwürdigen Amt, George W. Bush, wusste einen Lieblingsphilosophen zu nennen: Jesus.

Diejenigen Intellektuellen und weniger Intellektuellen, die gern über den kargen geistigen Horizont George W. Bush spotten, kann man bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass sich Bush mit seiner Nennung von Jesus wenigstens an einen Primärdenker gehalten hat, während Obama anscheinend mit Niebuhr einen christlichen Sekundärdenker vorzieht. Niebuhr ist nicht weniger christlich als Jesus, sondern im Gegenteil noch viel mehr. Niebuhrs deutschamerikanisches Denken ist mit all der christlichen Theologie aufgeladen, die sich erst postjesuanisch im Lauf der Jahrhunderte inflationär entwickelte. Es ist beispielsweise christliches und niebuhrsches Denken zugleich, dass ein maximal nachtragender Gott dem Menschen Jahrtausende lang nicht verziehen hat, dass er so war, wie er war. Auch dass sich in Christus die Geschichte vollendet und neu beginnt, ist zwar christliches und niebuhrsches Denken – ob es jesuanisches Denken ist, ist dagegen eine ganz andere und viel zweifelhaftere Frage. Davon abgesehen: Wenn der historische Jesus ebenso gedacht hätte, würde es überdies die Sache nicht besser machen. Es wäre eine Hybris sondergleichen des galiläischen Juden und Wanderpredigers gewesen, anzunehmen, dass er Mittelpunkt und Endpunkt der Geschichte ist. Wenn man ihm einen solchen Glauben unterstellt, darf man sich nicht wundern, dass ihn neuzeitliche Wissenschaftler in eine Reihe mit seelisch gestörten und psychiatrisch behandlungsbedürftigen Personen stellen, für die es gar nicht so selten kennzeichnend ist, dass sie glauben, Alpha und Omega der Weltgeschichte zu sein. So aber dachte und war der historische Jesus nicht, behauptete Emil G. Hirsch, der große amerikanische Rabbinerphilosoph. Ich glaube, er hatte Recht. Ob Obama diesen Emil G. Hirsch kennt? Ausgeschlossen ist es nicht, da er zu den Pionieren der University of Chicago gehörte, die Obama bekanntlich stark beeinflusste, und auch sein Enkel Edward Levi, Juraprofessor und zeitweiliger Justizminister, dort lehrte.

Um es abzukürzen: Wer Reinhold Niebuhr - an dessen menschlicher Lauterkeit und großem Intellekt man keinen Grund zum Zweifeln hat - zu seinem Lieblingsphilosophen erklärt und seiner christlichen Philosophie applaudiert, der steht insofern weder intellektuell noch moralisch höher als derjenige, der sich unmittelbar auf den Philosophen Jesus beruft.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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