Carl Schmitt, Peter Drucker, Hans Kelsen

In seiner im Jahr 2000 bei Suhrkamp veröffentlichten Dissertation „Carl Schmitt und die Juden“ zählt Raphael Gross zahlreiche Juden auf, mit denen Carl Schmitt Kontakt hatte und teilweise sogar befreundet war. Die Nennung wirkt so, als sei sie abschließend, auch wenn Groß selbst diesen Anspruch nicht ausdrücklich erhebt. Zu den fehlenden, aber in diesem Zusammenhang zu nennenden Namen gehört auf jeden Fall auch derjenige des Wieners Peter Drucker. Drucker, der sich als Mangementdenker nach dem Zweiten Weltkrieg einen überragenden Namen verschaffte, hat Carl Schmitt gegen Ende der Weimarer Republik persönlich kennengelernt:

www.peterdrucker.at/de/bio/bio_05.html

Die hilfsbereite Art und Weise, in der Carl Schmitt dem jungen österreichischen Juristen und Publizisten gegenübergetreten ist, fügt sich in das rätselhafte Bild, das nicht nur Raphael Gross, sondern vielen anderen zu schaffen gemacht hat: Wie passt dieser persönlich freundliche Umgang gegenüber einem Juden zu den vielen antisemitischen Äußerungen Carl Schmitts und zu seiner katholisch-antijudaistischen Grundhaltung? Dabei kann wohl davon ausgegangen werden, dass Schmitt wusste, dass Drucker Jude war. Ob ihm allerdings auch bekannt war, dass ausgerechnet sein großer Gegenspieler Hans Kelsen der Ehemann von Druckers Tante war, erscheint mir dagegen zweifelhaft. Dies um so mehr, als Drucker mit Kelsens Ruhm nicht gerade hausieren ging. In seinem biographischen Bestseller „Schlüsseljahre. Stationen meines Lebens“ (Original: „Adventures of a Bystander“, 1979) erwähnt er noch nicht einmal Kelsens Nachnamen, sondern schreibt lediglich von dem weltweit bekannten Juristen in lächelndem Understatement als von seinem „Onkel Hans, der ein hervorragender Rechtsgelehrter war“ und „einer der großen Rechtsgelehrten in Berkely“.

Wenn Schmitt diese Verwandtschaft bekannt gewesen wäre – die Veröffentlichung der schmittschen Tagebücher aus jener Zeit wird vielleicht Aufschluss darüber bringen -, dann würde sein Umgang mit Peter Drucker ein interessantes Schlaglicht auf seinen Charakter werfen. Immerhin war Druckers Onkel Kelsen ein Mensch, den Schmitt zutiefst gehasst hat. In seinem „Glossarium“-Eintrag vom 11. 6. 1948 beispielsweise ist Kelsen – der emigrieren musste, um nicht wie seine europäischen Mitjuden ermordet zu werden – in einer grotesken Umkehr der Realität für den Ex-Staatsrat Schmitt einer der „Vernichter, Ausrotter, Ausradierer und Zertreter“ und erinnert ihn an die „kleinen Gehilfen in den Höllen des Hieronymus Bosch“.

Eine kleine Zwischenbemerkung: Die Kelsen-Bemerkungen finden sich mit wenigen Änderungen in einem Brief vom gleichen Tag an Ernst Jünger wieder. Zu den Unterschieden gehört der, dass im "Glossarium"-Eintrag, der vielleicht dem Brief zeitlich kurz vorausging, Ernst Jünger direkt als "großer Entologe [sic!]" angesprochen und Spinoza ohne jedes weitere Adjektiv genannt wird, während umgekehrt im Brief an Jünger "der grosse Spinoza" dem nun schlichten "Sie, als Entomologe" gegenübersteht. Ob es sich hier um bewusst vorgenommene Änderungen handelt, bleibt vorerst ungewiss, aber vielleicht sind sie als unbewusste sogar noch aufschlussreicher. Dass der schmittsche Glossarium-Jünger durchaus ein anderer als der schmittsche Brief-Jünger ist, ist ja bekannt und zeigt sich in kaum merklicher Weise auch hier.

Um nun wieder auf Peter Drucker zurückzukommen, so hat ihn Carl Schmitt auch in der Nachkriegszeit nicht vergessen. Im „Glossarium“-Eintrag vom 25. 9. 47 zitiert er aus dessen Buch „The end of economic man – the origins of totalitarianism“ (1939) die druckersche Erkenntnis: „totalitarism must invent new personifications of new demons. In comparison with the Jews, even the communists are of doubtful value as demonic enemies.” Weiter heißt es dann im "Glossarium":

“Denn Juden bleiben immer Juden. Während der Kommunist sich bessern und ändern kann. Das hat nichts mit nordischer Rasse usw. zu tun. Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind. Es hat gar keinen Zweck, die Parole der Weisen von Zion als falsch zu beweisen.“

Andreas Raithel hatte seinerzeit in einem sehr verdienstvollen FAZ-Leserbrief darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Aussage - entgegen dem äußeren Anschein in der "Glossarium"-Ausgabe - nicht um einen Kommentar Schmitts, sondern um ein Weiterzitieren Peter Druckers handelt:

RaithelFAZ (pdf, 102 KB)

Leider sagt Schmitt (allerdings scheint das Original-Manuskript an dieser Stelle sehr unleserlich zu sein) hier so wenig wie sonst, was Juden seiner Ansicht nach eigentlich sind. Juden scheinen für Schmitt – wenn vielleicht auch nicht immer, so doch über lange Strecken seines Lebens - etwas geradezu Mythisches, Außermenschliches und – da nur negativ gesehen – Dämonisches zu sein. Sehr deutlich wird diese Sicht des Judentums in seinen Ausfällen gegen F. J. Stahl in den späten Dreißiger Jahren. Und da wiederum ist es vielleicht kein Zufall, dass Drucker – wie Schmitt wusste – gerade über diesen konvertierten Juden-Christen geschrieben hatte. In Druckers kleinem Werk über „Friedrich Julius Stahl. Konservative Staatslehre und geschichtliche Entwicklung (1933) wird Stahl bei aller Kritik in Einzelfragen als als der Staatsphilosoph des Deutschen Reichs gewürdigt, dessen konservative Staatslehre nach Druckers Auffassung „Grundlage des Staatslebens“ war.

Was hätte Carl Schmitt wohl dazu gesagt, wenn er mitbekommen hätte, dass dieser Peter Drucker in der westlichen Welt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Guru der Gurus in Mangementfragen wurde? Er hätte möglicherweise wieder einmal fasziniert-verschreckt vor dieser von ihm als dämonisch wahrgenommenen Macht und Vielschichtigkeit des Judentums gestanden, die er sich letztlich nicht rational erklären konnte und die er als "grauenvoll" empfand. Das wiederum ist kein Wunder bei einem Menschen, der die Bedeutung und den Zusammenhang von Intelligenz und Vererbung zeitlebens unterschätzte und sich damit wichtiger partieller Ansätze auch zur Erklärung des jüdischen Phänomens begab.


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