Erich Jaensch und Konrad Lorenz

Offensichtlich glauben viele, über tatsächliche oder vermeintliche nationalsozialistische Wissenschaftler oder Philosophen – ein völlig ungeklärter Begriff - ohne nennenswerte Sachkenntnis schreiben zu können, sofern nur ihre Aussagen die Kriterien der intellektuellen Diffamierung und der moralischen Diskreditierung erfüllen.

Ein Beispiel für diese Vorgehensweise findet sich wieder im Zusammenhang mit dem hier schon mehrfach erwähnten Philosophen und Psychologen Erich Jaensch. So schrieb der Medienwissenschaftler Frank Hartmann in einer 2001 publizierten Online-Rezension der Konrad Lorenz-Biographie von Benedikt Föger und Klaus Taschwer über ihn:

„Der Argwohn war nicht unbegründet, wie vor allem die Texte des überzeugten Nationalsozialisten Erich Jaensch bald zeigen sollten. Der Marburger Professor für psychologische Anthropologie entwickelte aus einer vergleichenden Rassenpsychologie zwischen Tier und Mensch jene "Typenlehre", die NS-Psychologen zur Unterscheidung von "Vollwertigkeit" und "Minderwertigkeit" legitimieren sollte. Als Förderer der Tierpsychologie spielte Jaensch den Mentor für den Eintritt des jungen Konrad Lorenz in die deutsche Wissenschaftswelt.“

Bei diesen Formulierungen hat Hartmann die Charakterisierung Jaenschs als überzeugten Nationalsozialisten ebenso wie die Erwähnung als „Professor für psychologische Anthropologie“ direkt von Föger/ Taschwer übernommen, für die restliche – sachlich völlig falsche – Aussage muss er allerdings selbst die volle Verantwortung übernehmen. Man kann durchaus darüber streiten, wie sinnvoll die generelle Bezeichnung Erich Jaenschs als Nationalsozialist ist. Immerhin hat er einen wesentlichen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit vor der NS-Zeit geleistet und ist dabei keineswegs als Nationalsozialist in Erscheinung getreten. Frank Hartmann mag ein nützlicher Medientheoretiker sein, aber was er von Jaensch zu sagen weiß, ist Ausdruck schlichter Ignoranz. Erich Jaensch hat sich zwar um Psychologie und Anthropologie Verdienste erworben, aber er war deswegen noch lange kein „Professor für psychologische Anthropologie“, sondern vielmehr 1913 als Professor für Philosophie auf den berühmten Lehrstuhl des großen Marburger Neukantianers Hermann Cohen berufen worden. Angesichts der Tatsache, dass diese Berufung damals erhebliches Aufsehen und heftigste Diskussionen in der Gelehrtenwelt hervorgerufen hat, besagt die von Hartmann unkritisch übernommene Berufsbeschreibung Jaenschs durch Föger/Taschwer auch, dass sie alle drei mit der Philosophiegeschichte Deutschlands im zweiten und dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts offenbar nicht sonderlich vertraut sind. Keine gute Voraussetzung, um über das akademische Geschehen der vierten Dekade zutreffend urteilen zu können.

Die von Jaensch in den Zwanziger Jahren entwickelte und damals viel beachtete Typenlehre – Typenlehren waren damals in gewisser Weise Mode - ist nicht im geringsten aus einer „vergleichenden Rassenpsychologie zwischen Tier und Mensch“ entwickelt worden, sondern aufgrund experimenteller Forschungen und Beobachtungen im Zusammenhang mit Jaenschs Grund legenden Arbeiten zur Eidetik entstanden. Davon weiß Hartmann nichts. Es drängt sich in diesem Zusammenhang unweigerlich der Eindruck auf, dass er ein paar scheinbar in die Zeit passende Begriffe ohne nähere Kenntnis zusammengeworfen hat, vermutlich, weil „Rassenpsychologie“ und die Assoziation „zwischen Tier und Mensch“ besonders verwerflich klingen. Jaensch ging es dagegen bei der Aufstellung seiner Typenlehre – noch zur Zeit der Weimarer Republik – nicht darum, damals überhaupt noch nicht vorhandenen „NS-Psychologen“ theoretisches Rüstzeug zu liefern. Dass er die von ihm festgestellten Typen gesundheitlich unterschiedlich bewertete, hat grundsätzlich noch nichts mit nationalsozialistischer Politik zu tun, sondern entsprach gängiger Praxis auch anderer deutscher oder internationaler Typenpsychologen wie Kretschmer oder Sheldon. Den von Jaensch als biologisch und kulturell weniger wertvoll eingeschätzten „S-Typus“ sah Jaensch zwar stark bei Juden vertreten, aber nicht weniger zahlreich auch bei Nichtjuden in zahlreichen europäischen Ländern - und vor allem auch in den kulturell führenden Schichten Deutschlands, mögen sie auch noch so viele „nordische“ Vorfahren aufweisen. Die Konzeption des „S-Typus“ war bei Jaensch kein antisemitischer Akt, auch wenn er in seinen letzten Lebensjahren versucht hat, seine Typenlehre für Nationalsozialisten attraktiv zu machen.

Von welch zweifelhaftem Niveau das von Hartmann so positiv besprochene Buch von Föger/Taschwer ist, zeigt sich exemplarisch auch bei einer weiteren Erwähnung von Erich Jaensch. Da ist auf Seite 219 von „Erwin Jaentsch“ die Rede - diese Fehlbezeichnung kann auch deswegen nicht mehr als Druckfehler entschuldigt werden, weil sie hundertprozentig zu der sonstigen Unkenntnis über Prof. Erich Jaensch und sein Werk passt. Wenn dann noch „das 400-seitige Buch ´Der Gegentypus´“ von Jaensch zitiert wird, dann drängt sich endgültig der massive Verdacht auf, dass die Autoren das in Wirklichkeit 512 Seiten umfassende Werk Jaenschs nie wirklich gesehen, geschweige denn sorgfältig gelesen haben.
Es spricht für den - in vielen Fragen irrenden – Philosophen und Psychologen Jaensch, dass er sich trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme gegen Ende seines unglaublich produktiven und leider zu früh abgebrochenen Lebens auch selbst auf dem damals neuen Gebiet der Tierpsychologie versucht hat. Wer – wie das immer noch modisch ist - über Jaenschs Versuche mit Hühnern spottet, der muss sich fragen lassen, warum er zu Millionen anderer keineswegs sinnvollerer Tierversuche schweigt. Und es spricht letztlich auch nicht gegen den sich auch als Kulturphilosophen verstehenden Jaensch, dass er einen so begabten jungen Tierforscher wie Konrad Lorenz förderte.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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