Konviktsgedanken

Carl Schmitt, mein Eifelaner Landsmann trotz seines Geborenwerdens und Aufwachsens im Sauerland, besuchte das Gymnasium in Attendorn. Es war, wie Christian Linder in seiner CS-Biographie „Der Bahnhof von Finnentrop. Eine Reise ins Carl Schmitt Land“ (Berlin 2008) vermerkt, die einzige humanistische Schule in der Gegend. Linders unmittelbar darauf folgender Kurzsatz: „Katholisches Konvikt und Internat“ lassen bei mir noch stärker Erinnerungen an meine Schulzeit wach werden: Ich war schließlich auch in einem katholischen Konvikt und auf einer humanistischen Schule. Gehen die Parallelen weiter? Linder schreibt:

Frühe intellektuelle Neugier, schon der Unterprimaner las nicht nur Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum“, sondern auch David Friedrich Strauß´ „Das Leben Jesu“ – als das Buch des liberalen protestantischen Theologen bei ihm entdeckt wurde, schrieb der Präses an Carl Schmitts Eltern, das Betragen des Jungen entspreche nicht seinem Wesen, und er wurde aus dem Konvikt genommen; auch ein unerlaubter Wirtshausbesuch soll eine Rolle gespielt haben.

Ich habe schon an anderer Stelle – in meinem Beitrag für das jüngste Buch von Ulrike Siegel – erwähnt, dass ich bereits als Sextaner und Quintaner Nietzsche, Hitler, A. S. Neill und Marx gelesen hatte. Bis zur Unterprima war eine ganze Menge weiterer Lektüre hinzugekommen - und es freut mich, dass man das als „frühe intellektuelle Neugier“ bezeichnet. Noch besser finde ich es, dass mein damaliger erzkonservativer Konviktsdirektor Helmut Loescher, der im Zusammenhang mit den prominenten Prümer Konviktoristen Oskar Lafontaine und Alfred Gulden so schlecht wegkommt, trotz meiner frühen Lektüre von Nietzsche, Reich, Freud und Konsorten keinen Brief an meine Eltern geschrieben hat und ich nicht in der geringsten Gefahr war, aus dem Konvikt genommen zu werden. Er beobachtete vielmehr meine Lektüre mit einem eigenartigen Wohlwollen und ich glaube im Nachhinein, dass seine Faszination über diese Art geistigen Interesses stärker war als die pädagogisch-weltanschauliche Ablehnung solcher Lektüren. Dass der ansonsten so strenge Mann mit dieser toleranten Haltung mir gegenüber auf dem richtigen Weg war, dürften ihm manche Gespräche gezeigt haben, in denen offensichtlich wurde, dass ich trotz gefährlicher Lektüre nicht vom Glauben abgefallen war. In meinem Hauszeugnis aus der Quinta bescheinigte man - mit einer ganz aus dem damaligen Rahmen solcher Zeugnisse fallenden Bemerkung - dem Elfjährigen: „Gregor weiß sich mit Überlegung für das Gute einzusetzen.“ Auf dieses „mit Überlegung“ bin ich wahrscheinlich – und der Sünde damit doch näher als die geistlichen Leiter des Internats ahnten – stolzer gewesen als auf den Einsatz für das Gute.

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