Jacob Meckel: Reformer der japanischen Armee und Militärtheoretiker aus Eifler Familie


Japan, das bis 1945 eine militärische Großmacht war und seit Jahrzehnten eine wirtschaftliche und technologische Weltmacht ist, galt noch Mitte des 19. Jahrhunderts als abgeschlossenes Inselreich. Erst unter dem Modernisierer Kaiser Meiji (1852–1912) erfolgte eine entschlossene Öffnung nach außen. Ausländische Experten wurden ins Land gerufen, um mit ihrer Hilfe den Sprung in die erste Reihe der Staaten der Erde zu schaffen. Unter diesen Beratern gilt eine Person als historisch besonders bedeutsam: der 1842 als Sohn eines Blankenheimers in Köln geborene Militärreformer Jacob Meckel. Von allen hochkarätigen ausländischen Beratern hinterließ Meckel „den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck auf die Modernisierung Japans“ (so der Historiker John Moses). Als der preußische Major Meckel von 1885 bis 1888 an der neugegründeten Kriegsakademie in Tokio unterrichtete, wurde er zum verehrten Lehrmeister einer ganzen Generation japanischer Offiziere. Unter der Führung seiner Schüler und mit Hilfe der meckelschen Lehren über Aufbau und Führung einer modernen Armee konnte sich Japan nicht nur dem kolonialistischen Zugriff des zaristischen Russland erfolgreich widersetzen, sondern sogar selbst als einziges nichteuropäisches Land in den zweifelhaften Konkurrenzkampf der imperialistischen Großmächte eingreifen. Im Streit um die Vorherrschaft in Ostasien besiegten die Japaner im chinesisch-japanischen Krieg das chinesische Kaiserreich und waren dank Meckels radikalen Reformen in der Lage, im russisch-japanischen Krieg 1904/1905 dem Zarenreich eine für die russische Geschichte folgenreiche Niederlage beizubringen. Der japanische Sieg über Russland erregte weltweit riesiges Aufsehen. Erstmals erlitt das europäische Überlegenheitsgefühl durch diese Niederlage gegen eine asiatische Macht einen nachhaltigen Dämpfer. Militärexperten in aller Welt, vor allem auch in Japan selbst, sahen in Generalmajor (seit 1894) Meckel den geistigen Vater der japanischen Siege. Die Bewunderung Meckels zeigte sich am deutlichsten in den zahlreichen Nachrufen, die nach seinem Tod in Japan erschienen; sie sind in der grundlegenden Meckel-Biographie von Georg Kerst veröffentlicht.

Major Meckel hatte an der Kriegsakademie von vornherein enormen Eindruck gemacht, der bis zur Gegenwart nicht verblasst ist. Durch die Verfilmung des Romans „Wolken über dem Hügel“ des Bestseller-Königs Shiba Ryotaro, in dem Meckel eine markante Rolle spielt, ist der Eifelspross vielen heutigen Japanern vertraut. Obwohl der selbstbewusste Preuße Meckel aus seiner Geringschätzung für die damalige japanische Armee kein Hehl machte, schilderten ihn seine Schüler als sehr beliebten Lehrer und großen Freund Japans. Ähnlich positive Urteile gibt es aus Deutschland, wo Meckel – hochgeschätzt vom legendären Helmuth von Moltke (1800-1891) – an der Berliner Kriegsakademie Taktik unterrichtete.

Aber trotz aller Anerkennung machten manche Umstände den als genial gerühmten Militärtheoretiker in seinem preußischen Umfeld suspekt. Als rheinischer bürgerlicher Katholik war Meckel in der protestantischen und meist adligen altpreußischen Führungskaste eine Art weißer Rabe. Seine Mutter Johanna Catharina Führer war Tochter eines Kölner Schneiders, sein Vater Karl Anton Meckel Notar. In Blankenheim hatten die Meckel-Vorfahren über Generationen im Dienst der Manderscheider Grafen gestanden. Zu den Ahnen Jacob Meckels zählte der gräfliche Kanzler Rudolf Bernhard Schaep, der später nach Trier zog und dessen Nachfahre Joseph Schaab dort im 19. Jahrhundert die größte Blaudruckfabrik Deutschlands begründete. Jacob Meckel hatte zahlreiche Geschwister, darunter Generalleutnant Wilhelm Meckel (1859–1935) und der bedeutende Architekt Max Meckel (1847–1910), zu dessen Nachkommen der Schriftsteller Christoph Meckel (geb. 1935) zählt.

Jacob Meckel, der das Gymnasium in Düren kurz vor dem Abitur verlassen hatte und 1860 in die preußische Armee eingetreten war, lebte später als Offizier bei allem Pflichtbewusstsein nur teilweise „preußisch spartanisch“. Unumwunden gab er zu, er könne keinen Tag ohne Moselwein sein. Überhaupt hatte er die ehrenvolle Berufung nach Japan erst angenommen, nachdem ihm sein Trierer Weinlieferant versichert hatte, auch nach Japan liefern zu können. Neben dem Militärischen liebte Meckel die Musik und komponierte unter anderem die Oper „Teja“. Schließlich gab es anscheinend noch eine weitere Leidenschaft: „Meckel war ein wertvoller Mensch. Doch er hielt es mit den Weibern, daher wurde er entlassen. Schade!“, sagte Kaiser Wilhelm II über ihn. Was genau dazu führte, dass Meckel 1896 verbittert seinen Abschied einreichte, ist nicht bekannt, fest steht aber, dass er von Wilhelm II wenig hielt. Meckel, seit 1897 kinderlos verheiratet, starb 1906 an „Gehirnschlagfluss“. In Japan hatte man schon damals keinen Zweifel an seiner historischen Bedeutung. Dass die weitere japanische Politik in den nächsten Jahrzehnten General Meckel keineswegs immer gefallen hätte, kann als sicher gelten.

Gregor Brand - Schriftsteller

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