Klugheit und Sprichwörter

Das biblische „Buch der Sprichwörter“ ist voller Lob auf die wirklich Klugen und Weisen, und diese Wertschätzung ist überhaupt der charakteristischste Zug der ganzen Aphorismensammlung. Intelligenz ist eindeutig etwas, was in dieser antiken jüdischen Welt aufs Höchste geschätzt wurde – so hoch sogar, dass den Urhebern dieser Meschalim vielleicht gar nicht bewusst war, dass dies keine selbstverständliche Einstellung ist. Wenn es beispielsweise verallgemeinernd heißt „Ein kluger Sohn macht dem Vater Freude, ein dummer Sohn ist der Kummer der Mutter“ (Spr 10, 1), so gilt das – wenn man unter Klugheit wirklich Intelligenz versteht oder hohe Intelligenz zumindest für ein notwendiges Erfordernis von Weisheit und Klugheit erachtet – ganz gewiss nicht für alle Väter und Mütter, möglicherweise noch nicht einmal für die Mehrheit. Um Intelligenz wirklich schätzen zu können, muss man davon mehr haben, als etlichen Menschen damals und heute real zur Verfügung steht. Wirklich schätzen: Das heißt, intellektuelle Begabung nicht als probates Mittel zur Erlangung eines größeren Einkommens und eines höheren Sozialstatus sehen, sondern in erster Linie als meisterliches Werkzeug zur Erlangung größerer Bewusstheit und damit eines geistig und seelisch reicheren Lebens. Je mehr Menschen es in einer Kultur gibt, für die Intelligenz eine der allerwichtigsten menschlichen Eigenschaften ist, desto intelligenzproduzierender wird diese Kultur sein. Insofern tragen Aphorismen, in denen diese Wertschätzung deutlich geäußert und propagiert wird, ihren stillen Teil dazu bei, eine Gesellschaft geistig leistungsfähiger zu machen oder zumindest den immer drohenden Prozess der kognitiven Degeneration zu verlangsamen. Den Verfassern der biblischen Meschalim kommt insofern auch ein Verdienst an den unglaublich zahlreichen jüdischen Nobelpreisen und anderen wissenschaftlichen Auszeichnungen des 20. und 21. Jahrhunderts zu.

Weisheit und Klugheit setzen natürlich mehr voraus als hohe Intelligenz: Diese ist für jene zwar notwendig, aber nicht hinreichend.

„Ab einem gewissen Grad von Intelligenz sind Menschen zu jeder Dummheit fähig.“
(Gregor Brand, Meschalim Nr. 4)

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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© 2007 by Gregor Brand
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