Ernst Jünger und Karl Wand

Vieles von dem, was große Dichter und Denker gelesen haben, ist der Nachwelt bekannt, vieles aber bleibt auch lange oder für immer unbekannt. Oder es ist zwar irgendwo festgehalten, aber an so versteckter Stelle, dass es fast wie ganz verborgen ist. Was Ernst Jünger betrifft, so hat er in Paris im Zweiten Weltkrieg nicht nur Katherine Mansfield, Washington Irving, Léon Bloy, Létaud und all die anderen gelesen, deren Lektüre er in seinen Pariser Tagebüchern ausdrücklich erwähnt, sondern beispielsweise 1942 auch unveröffentlichte Gedichte eines jungen Eifeler Leutnants, der später promovierter Historiker wurde, deutscher Botschafter in verschiedenen Staaten Afrikas und Autor von Gedichtbänden und Sachbüchern: Dr. Karl Wand.

Der 1920 in der bekannten Eifelstadt Gerolstein geborene Wand erwähnt dies beiläufig in seinem autobiographischen Buch: „Zwei Brüder im Hitlerkrieg“, das vor wenigen Jahren in Schweden, wo Dr. Wand nun lebt, erschienen ist. Dort heißt es (S. 230):

Die Bekannte eines Freundes entpuppte sich als Sekretärin von Ernst Jünger, der bei Stülpnagel im Stabe arbeitete. Hatte ich in Berlin seine „Stahlgewitter“ gelesen, so las ich jetzt in Paris seine „Marmorklippen“. Seine Sekretärin zeigte ihm einige meiner Gedichte. Jünger dankte mit der Aufmunterung „weiterzudichten“.

Karl Wand hat sich an diese Aufmunterung gehalten und später unter anderem „Leier, Schwert und Liebe. Gedichte einer verlorenen Generation“ veröffentlicht (Frankfurt am Main 1992). Persönlich hat Karl Wand den großen Ernst Jünger nie kennengelernt. Der Eifeler aus dem Sicherungsregiment 1, das dem Kommandanten von Groß-Paris (General von Boineburg-Lengsfeld) und dem Militärbefehlshaber von Frankreich (General von Stülpnagel, zu dessen Stab Jünger bekanntlich gehörte) unterstand, gehörte zu denjenigen Offizieren, die abends am 20. Juli 1944 in Paris die Hauptdienststelle des SD in der Avenue Foch 84 stürmten und mit vorgehaltener Maschinenpistole die SD- und SS-Leute verhafteten und ins Staatsgefängnis Frèsnes brachten. „Gegen Mitternacht war der Befehl ausgeführt und über 1000 Mann SS- und SD-Leute mit ihren obersten Führen festgesetzt“, notiert Karl Wand über diese Aktion, über die sich Ernst Jünger in seinem Eintrag vom 21. Juli 1944 düstere Gedanken machte, weil er ein furchtbares Gemetzel als Folge befürchtete. Zu diesem Gemetzel aufgrund der Verhaftungsaktion kam es gottlob nicht. Aber für antinationalsozialistische Offiziere wie den Katholiken Karl Wand und den nachmaligen Katholiken Ernst Jünger war es schon schlimm genug, dass als Reaktion auf den 20. Juli der Nazigruß auch für die Wehrmacht eingeführt wurde. Dies war ein zusätzliches Zeichen, dass es weiter der noch größeren Katastrophe entgegenging. Der Abgrund des Krieges hatte im Sommer 1944 schon dem einen den Bruder Ernst Wand (1918 – 1942) genommen und wird dem anderen bald den Sohn Ernstel Jünger (1926 – 1944) entreißen.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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