Die Inflation des Faschismus-Begriffs

Der nicht uneinflussreiche amerikanische neokonservative Publizist und Irak-Kriegstreiber Jonah Goldberg – nicht zu verwechseln mit seinem umstrittenen Landsmann Daniel Jonah Goldhagen – trägt in seinem Buch „Liberal Fascism“ seinen Teil dazu bei, den gerade auch in Deutschland allgegegenwärtigen und beliebten Kampfbegriff „Faschismus“ inflationär weiter ins Uferlose zu erweitern. Faschisten sind für Goldberg nicht nur Rechtsextreme, sondern auch alle „Linken“, wozu er nicht nur Sozialisten und Marxisten, sondern auch so genannte Islamofaschisten und sogar amerikanische „liberals“ rechnet. In Goldbergs Sicht stehen also die demokratischen Präsidenten F. D. Roosevelt und Bill Clinton in einer – faschistischen - Reihe mit Hitler und Osama.
Aus dieser Sichtweise ergibt sich natürlich schnell das Bild einer von Faschisten dominierten Welt Wenn man in solcher Weise gleichermaßen Marxisten, Nationalsozislisten und linke Demokraten unter einen Begriff subsumiert, so bleibt wenig inhaltlich Gemeinsames, was man mit dem Begriff des Faschismus verbinden könnte. Goldberg versucht trotzdem anhand des Beispiels der Nationalsozialisten deutlich zu machen, was Faschisten wollen:

Im Begleittext zu seinem Buch heißt es dazu unter anderem:

„Im Gegegnsatz zu dem, was die meisten Leute denken, waren die Nazis leidenschaftliche Sozialisten (daher der Begriff: Nationalsozialisten). Sie glaubten an ein kostenloses Gesundheitssystem und garantierte Arbeitsplätze. Sie beschlagnahmten vererbtes Vermögen und gaben große Summen für allgemeine Erziehung aus. Sie befreiten die Kirchen von Politik und propagierten eine neue Form heidnischer Spiritualität. Sie setzten die Autorität des Staates in allen Angelegenheiten des Lebens durch. Die Nazis erklärten dem Rauchen den Krieg, unterstützten Abtreibung, Euthanasie und Waffenkontrolle. Sie verabscheuten den freien Markt, führten großzügige Renten für die Alten ein und ein streng rassenorientiertes Quotensystem in ihren Universitäten. Die Nazis waren weltweit führend in biologischer Landwirtschaft und alternativer Medizin. Hitler war strenger Vegetarier und Himmer setzte sich für Tierrechte ein.“

Abgesehen davon, dass diese Aussagen teilweise sachlich falsch sind – so waren beispielsweise die Nationalsozialisten grundsätzlich scharfe Abtreibungsgegner – so muss man sich natürlich fragen, ob sich der antifaschistische Goldberg mit seiner Aufzählung, die eindeutig antinazistisch gemeint ist, nicht einen Bärendienst erwiesen hat. Nicht nur viele Amerikaner, sondern noch mehr Europäer werden nur schwer verstehen, was an großzügigen Renten, biologischer Landwirtschaft, alternativer Medizin oder Waffenkontrolle denn so schlimm sein soll.

Es wäre gut, wenn sich die Menschen bei der Beurteilung politischer Anschauungen nicht von Schlagworten und Kampfbegriffen leiten ließen, sondern von vorurteilsfreier Betrachtung des Für und Wider der jeweiligen politischen Fragen.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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