Talmudisches Wissen und Pflicht

Wenn, wie fromme Juden nicht ohne Grund behaupten, im Talmud sehr bedeutsame und wichtige Dinge an – und ausgesprochen wurden, warum haben dann gerade die Amoraim und Tannaim so wenig Wert darauf gelegt, diese Einsichten zu verbreiten, vor allen Dingen auch über den jüdischen Kosmos hinaus? Warum haben sie aramäisch geschrieben und nicht für lateinische und griechische Übersetzungen gesorgt, wo sie doch sie gewiss davon ausgehen konnten, dass sie ansonsten außerhalb der jüdischen Welt nicht verstanden werden? Hätten sie nicht eine moralische Pflicht gehabt, sich auch den Heiden verständlich zu machen? Man muss den Talmudverfassern allerdings zugeben, dass eine Pflicht zur Vermittlung von Wissen dann nicht besteht, wenn man diese Vermittlung ohnehin für aussichtslos und erfolglos hält. Zudem ist es auch heute noch nicht zu spät, orthodoxe Juden darauf aufmerksam zu machen, dass das, was sie von Gott, seinen Geboten und der Welt zu sagen haben, nicht nur bei hebräisch Verstehenden auf fruchtbaren Boden fallen kann. Wenn man sie davon überzeugt hätte, dann sähe es mit der Verpflichtung zur Verbreitung talmudischen Wissens schon anders aus.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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