Frühes Begabungsbewusstsein

Der britische Schriftsteller und Politiker Baron Edward Bulwer-Lytton (1803 - 1873) stellte einmal fest, dass er sich an keine Zeit erinnern könne, in der er nicht die ruhige und vertraute Überzeugung gehabt habe, dass er eines Tages eine bekannte Persönlichkeit sein und etwas Großes leisten werde. Bei vielen anderen hervorragenden Menschen wird dieses Bewusstsein von Bedeutung ebenfalls vorhanden gewesen sein. Ist es nicht im Grunde höchst faszinierend, dass Menschen bisweilen schon mit zehn oder zwölf Jahren ahnen können, dass man sie viele Jahrzehnte später im positiven Sinn als außergewöhnlich ansehen wird? Es ist faszinierend, aber nicht unbegreiflich. Abgesehen davon: Einen entschiedenden Haken hat dieses frühe Genialitätsbewusstsein, der uns daran hindert, dieses Gefühl als zuverlässiges objektives Indiz für außergewöhnliche Begabung zu nehmen: Es kommt gar nicht so selten auch bei solchen Menschen vor, denen zu Recht nie eine entsprechende Beurteilung von anderen zugesprochen wird. Zum anderen gibt es schließlich auch höchstbegabte Menschen, die eigentlich nie glauben konnten und geglaubt haben, dass sie von der Nachwelt – von der Mitwelt ganz zu schweigen - zu den geistig Großen gezählt würden. Kafka und Kleist gehören vermutlich zu dieser Gruppe.

Danach gefragt würden die meisten Kinder von der Begabung eines Bulwer-Lytton ihre außerordentlich hohe Selbsteinschätzung vermutlich nur ungern zugeben und sich mit derartigen Äußerungen zurückhalten. Sie ahnen oft schon früh, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn sich besondere Begabung über viele Jahre im Halbdunkel entfalten kann - zwar intelligenten Aufmerksamen erkennbar und nicht völlig verborgen, aber auch nicht im zu grellen Licht allzu großer fremder Beachtung stehend.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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