Paul Servais – Industrieller aus Weilerbach


Paul Servais war Angehöriger einer Familie, die vor allem im 19. Jahrhundert mehrere Persönlichkeiten hervorbrachte, die auf politischem, wirtschaftlichem und technischem Gebiet durch besondere Leistungen hervortraten. Als er 1848 auf Schloss Weilerbach bei Bollendorf geboren wurde, war sein Onkel Emmanuel Servais (1811–1890) für Luxemburg als Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung; seine spätere Laufbahn machte Emmanuel als Minister, Regierungschef und Bürgermeister der Stadt Luxemburg zu einem der wichtigsten luxemburgischen Politiker seines Jahrhunderts. Emmanuels Sohn, der Ingenieur und Politiker Emile Servais (1847–1928), der mit seinem Vetter Paul zeitlebens eng befreundet war, trug durch zahlreiche Erfindungen dazu bei, die agrarische und industrielle Produktivität zu steigern. Als überzeugter Republikaner setzte sich Emile Servais am Ende des Ersten Weltkriegs – bekanntlich erfolglos – für die Abschaffung der Monarchie im Großherzogtum ein; seine Tochter war die bekannte sozialistische Frauenrechtlerin Meisy Mongenast-Servais. Den Servais gehörten nicht nur die Weilerbacher Eisenwerke, sondern seit 1842 auch das dortige Rokoko-Schloss. Dort lebten die Eltern Pauls: der Unternehmer Philippe Servais (1810–1890) und dessen Ehefrau Marie-Caroline (geb. Wellenstein). Der ökonomische und soziale Aufstieg an die Spitze des Luxemburger Bürgertums war nicht über Nacht erfolgt. Seit Generationen zählten unterschiedliche Zweige der Servais im Raum Westeifel, Luxemburg und Belgien zur regionalen Führungsschicht. So war schon der Urgroßvater von Paul Servais Verwalter (Satrap) in Meysembourg gewesen.

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Der ganze Lebenslauf des gebürtigen preußischen Eiflers Paul Servais – erst später nahm er die luxemburgische Staatsangehörigkeit an – zeigt, dass er nicht gewillt war, sich auf den Verdiensten von Vorfahren und Verwandten auszuruhen. Später beschrieb ihn sein Freund Alphonse Munchen, Bürgermeister der Stadt Luxemburg aus ursprünglicher Eifler Familie (Dudeldorf), als „unermüdbar und rührig, ständig auf Reisen und geschäftlich unterwegs“. Dieser dynamische Charkter hatte sich beim Weilerbacher schon in jungen Jahren angedeutet. Nach dem Athenäum in Luxemburg schloss er 1871 mit Auszeichnung ein Studium zum Mineningenieur in der Montanmetropole Lüttich ab. Der frischgebackene Diplom-Ingenieur begab sich anschließend für drei Jahre zur weiteren Ausbildung in die nordostenglische Stadt Stockton on Tees, in der der älteste Bahnhof der Welt immer noch Zeugnis für den dort besonders früh ausgeprägten technischen Modernisierungswillen ablegt. Bestens ausgebildet, wurde Paul Servais nach einer Rückkehr technischer Direktor der familieneigenen Stahlwerke in Hollerich. Als ihm infolge erbrechtlich-familiärer Vereinbarung versagt blieb, das familieneigene Hüttenwerk in Weilerbach zu leiten, entschloss sich der 30-jährige Servais 1878 zu einem Schritt, der für die Wirtschaft im Trierer Land enorme segensreiche Wirkungen hatte: Zusammen mit Philipp Lamberty und Bernhard Ferring gründete er die Tonwarenfabrik „Lamberty, Servais & Cie“ In Ehrang. Die ursprüngliche Belegschaft von 70 Arbeitern vergrößerte sich in den 20 Jahren bis zur Jahrhundertwende auf rund 600 Arbeiter und 30 Angestellte, wodurch Servais zu einem der Hauptarbeitgeber der ganzen Region wurde. In den Ehranger Servais-Fabriken wurden anfangs hauptsächlich einfarbige Tonplatten produziert, aber bald kamen kunstvoll bemalte Bodenfliesen, Mosaikfliesen und andere keramische Produkte hinzu, die sowohl durch ihre Materialqualität als auch durch die künstlerische Gestaltung – insbesondere Jugendstil – international hohe Anerkennung fanden. Der Erfolg motivierte den unermüdlichen Unternehmer Paul Servais zur Gründung weiterer Werke in Witterschlick bei Bonn, aber auch in Frankreich und in der Nähe Warschaus. 1902 kam es durch Fusion zur Bildung der „Vereinigten Servais-Werke AG Ehrang-Witterschlick“, deren Generaldirektor Paul Servais wurde. In den zwanziger Jahren erfolgte der Verkauf des Ehranger Werks, aber noch Mitte der 1960er Jahre arbeiteten in den einstigen Servais-Fabriken rund 1000 Mitarbeiter; erst 1994 wurde die Produktion eingestellt.

Paul Servais, der auch in zahlreichen Vereinigungen aktiv war, ließ im Wallenbachtal bei Ehrang ein historizistisches Schloss errichteten, auf dem er mit seiner Familie lebte. 1883 hatte er Anne Marie (Missy) Collart, Tochter eines Steinforter Hüttenwerksbesitzers, geheiratet; aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor. Paul Servais starb im Dezember 1908 nach kurzem Krankenlager infolge einer Embolie. In Ehrang ist er bis heute als vielfacher Wohltäter und Förderer in ehrenvoller Erinnerung. Das Familiengrab, in dem neben Paul Servais weitere Familienangehörige ihre letzte Ruhe fanden, wurde vom Verein Ehranger Heimat restauriert und 2003 von der Stadt Trier zum Ehrengrab erklärt.

(Quelle: Gregor Brand: Paul Servais - Industrieller aus Weilerbach. In: Eifelzeitung vom 21. August 2013)

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