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Goethe und die naturnahe Umwelt

Marcel Reich-Ranicki, der große Literaturkritiker, hat in seinem Leben viel von und über Goethe gelesen, wie man es von einem deutschen Literaturkritiker erwarten muss und wie sich in vielen seiner Veröffentlichungen zu Goethe dokumentiert. Trotz der seltenen Intensität dieser Beschäftigung hat er vermutlich nie nähere Kenntnis genommen von einem Buch, das für einen wichtigen Aspekt von Goethes Leben und Werk bedeutsam ist: von dem von Günter Schulz während der Zeit des Dritten Reichs verfassten vierhundertseitigen Opus „Goethe und die bäuerliche Welt. Die ländlichen Grundlagen seines Denkens“. Neben dem Titel, der einem urbanem Goethe-Verehrer schon bedenklich erscheinen kann, wird sicherlich auch der Erscheinungsort neben Reich-Ranicki manch anderen vom Lesen dieses verdächtig anmutenden Werkes abgehalten haben: Es ist erschienen im „Verlag Blut und Boden“ in der „Reichsbauernstadt Goslar“.

Das Werk ist auch heute noch für jeden, der sich mit dem besonderen Genius Goethes befassen will, lesenswert. Es trägt überaus zahlreiche bäuerliche Hinweise aus Goethes Veröffentlichungen und Leben zusammen und zeigt die ungewöhnlich innige Anteilnahme des Frankfurters - dessen väterlicher Urgroßvater noch thüringischer Dorfhufschmied war - am ländlichen und bäuerlichen Leben. Goethe interessierte sich bis in Einzelheiten und Spezialfragen hinein für Fragen der Landwirtschaft, mag es sich um Ackergerätschaften, Viehseuchen, Düngung durch Pferche, Wiesenverbesserungen, die Art des Pflügens, Bodenverbesserungen, Viehzucht und vieles mehr halten.

Besonders bemerkenswert scheinen mir die Belege dafür zu sein, wie sehr Goethe für seine eigene geistige Produktion auf eine ländliche Umgebung angewiesen war. Schulz fasst seine Untersuchungen dazu so zusammen:

„Goethes geistige Arbeit war an eine einfache und naturnahe Umwelt gebunden. Die naturnahe Umwelt war und blieb seinem geistigen Schaffen Grundbedingung und Fördernis.“

Schulz weist - neben vielen weiteren Belegen - darauf hin, dass Goethe ohne äußeren Zwang zwischen 1817 und 1822 über dreihundert Tage in einer morschen Schindelhütte des Botanischen Gartens in Jena wohnte, „in deren Erdgeschoß ein Kuhstall, eine Waschküche und Gelasse zur Aufbewahrung von Ackergeräten und landwirtschaftlichen Vorräten sich befanden“. In dieser Schindelhütte arbeitete der rund 70-jährige Goethe an bedeutenden literarischen und wissenschaftlichen Publikationen. Abgesehen von diesem besonderen Aufenthaltsort war Weimar, in dem Goethe die meiste Zeit seines Lebens wohnte, zumindest im 18. Jahrhundert ohnehin eine „Dorfstadt“ (Wilhelm Bode), in der viele Menschen noch ausgesprochen bäuerlich lebten.

Schulz kann sich für seine Einschätzung der grundlegenden Wichtigkeit ländlicher Umgebung auch auf die Einschätzung der klugen Charlotte von Schiller berufen. Sie meinte:

„In keinem großen Zirkel, in keiner großen Stadt kann etwas Genialisches entstehen. Denn nur die Einsamkeit und Absonderung kann die Bilder festhalten. Lebte Goethe in einer großen Stadt, so würde er nichts mehr hervorbringen können, des bin ich ganz überzeugt.“

Auch wenn man sich diese These in ihrer Allgemeinheit nicht zu eigen machen kann, so spricht in der Tat viel dafür, dass für Goethe und einen nicht geringen Teil besonders produktiver Menschen eine ländliche und naturnahe Umgebung in der Tat notwendige Voraussetzung ihres Schaffens ist.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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