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Ernst Georg Jünger und die Menschenzüchtung

Heimo Schwilk zitiert in seiner Ernst-Jünger-Biographie aus einem Brief von dessen Vater, in dem dieser dem Sohn gut gemeinte Ratschläge zur richtigen Wahl der Frau gibt. Ernst Georg Jünger schreibt darin unter anderem, der Sohn solle darauf achten, dass die Frau nicht krank sei. Wie so viele seiner deutschen Zeitgenossen gehen dem Vater bei der Frage der richtigen Gattenwahl Zuchtgedanken durch den Kopf: „Jeder Bauer nimmt sich zur Zucht prämierte Eltern“ meint Vater Jünger, wobei er darin offenkundig ein nachahmenswertes Vorbild sieht.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass ein so intelligenter Mann wie dieser Chemiker gegenüber seinem nicht minder intelligenten Sohn mit einem solchen fragwürdigen Hinweis argumentiert. Immerhin bezieht sich der Hinweis mit den angeblich bäuerlichen Zuchtpraktiken auf die Auswahl von tierischen Partnern, nicht auf die von Menschen. Neben diesem Hinweis hätte der Sohn dem Vater entgegenhalten können, dass die Bauern selbst bei ihrer Partnerwahl nach anderen Grundsätzen vorgehen, als sie es bei ihren Tieren praktizieren. Auch gute Viehzüchter unter den Bauern wählen sich ihre Ehepartner nur ausnahmsweise nach züchterischen Gesichtspunkten. Worauf der Vater ihm wiederum hätte entgegnen können: Ja, leider – und das Ergebnis sieht man in vielen Dörfern der Bevölkerung an.

Etwa zur gleichen Zeit wie Ernst Georg Jünger hat der seinerzeit sehr bekannte Schriftsteller Gustav Frenssen in seinen „Grübeleien“ ebenfalls darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig züchterische Aspekte bei der Gattenwahl seien. Zugleich war ihm, der aus einem Dithmarscher Dorf stammte und lange Jahre als Pastor unter der Dorfbevölkerung lebte, sehr bewusst, dass solche Aspekte bei den Bauern allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Frenssen wies öfters beinahe beschwörend darauf hin, dass dies immer schädliche und traurig machende Folgen nach sich zieht.

Menschenzuchtgedanken waren in Jüngers ersten Lebensjahrzehnten en vogue. Um nur einige – wichtige – Beispiele zu nennen: Im „Archiv für Wirtschafts- und Sozialphilosophie (6. Band) hatte der Soziologe Alfred Vierkandt schon 1912 über „Rationelle Menschenzucht“ geschrieben, wobei er sich mit dem Werk des jüdischen Wiener Schriftstellers und Soziologen Rudolph Goldscheid über „Höherentwicklung und Menschenökonomie. Grundlegung der Sozialbiologie“ auseinandersetzte. Menschenzüchterische und kulturbiologische Gedanken spielten auch bei Goldscheids Landsmann und Mitvordenker der Soziobiologie, dem Philosophen Christian von Ehrenfels, eine zentrale Rolle.

Ernst Jüngers Vater war also jedenfalls mit seinem brieflichen züchterischen Ratschlag, der heute manchen seltsam anmuten mag, auf der Höhe seiner Zeit.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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