„die bösen Geister des Auslands“ – Hermann Cohens Parteinahme für Deutschland

Hermann Cohen, der erste jüdisch gebliebene Philosophieprofessor in Deutschland, wollte sich weder in seiner Treue zum Judentum noch an seiner Treue zu Deutschland überbieten lassen. Dies zeigen besonders seine Äußerungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, als sowohl die physische Gefährung der Deutschen am stärksten war als auch die psychologische Kriegsführung gegen Deutschland einen vorläufigen weltweiten Höhepunkt erreichte. Über den Hass des Auslands gegen Deutschland machte er sich keine Illusionen. Er versuchte, vor allem den Hass alliierter Intellektueller in seinen tieferen Gründen zu begreifen, um dieser Feindschaft dadurch erfolgreicher entgegentreten zu können. Was speziell die geistige Situation in der damaligen Weltmacht Frankreich anging, so führte er die dortige intellektuelle Deutschenfeindlichkeit auf eine Kant-Feindschaft zurück. In seinem Vortrag vom 9. Juni 1917 mit dem Titel „Was einigt die Konfessionen?“ sagte er dazu:

„Wir haben es jetzt erlebt, aber es wird nicht hinreichend erwogen, wie tief der Haß gegen Deutschland zumal in Frankreich in dem Haß gegen Kant wurzelt. Noch heute sollen die französischen Zeitungen immerfort von Herrn Bergson und Genossen gegen diesen Herd des preußischen Militarismus eifern. Sie wenden sich allerdings an die richtige Adresse; denn die Gründer unseres Heerwesens, diese edlen Volks- und Menschenfreunde, die SCHARNHORST und GNEISENAU, BOYEN und CLAUSEWITZ, sie waren treue Anhänger und Schüler Kants. Es war daher ein schwerer Verstoß gegen die nationale Bildung und Pietät, als man im Liebäugeln mit der Romantik Kant hintanstellte und demzufolge auch die bösen Geister des Auslands nicht erkannte und sie zu feiern sich erniedrigte.“

Dass Cohen den jüdischen Philosophen Bergson als intellektuellen Haupteiferer in Frankreich gegen Deutschland ausmacht, hätte natürlich auch Wasser auf die Mühlen der deutschen Judengegner sein können. Immerhin waren diese in ihrer Voreingenommenheit davon überzeugt, dass in den alliierten Feindländern Juden die Hauptdrahtzieher des Deutschenhasses waren. Cohen selbst verteilte seine Sympathie jedenfalls nicht anhand des Kriteriums der Volks- und Religionszugehörigkeit. So hatte er keine Bedenken, sich auch anderer Stelle dieses Vortrags abwertend über den seinerzeit wohl bekanntesten jüdischen Denker der Grande Nation zu äußern. Er sprach, offenkundig auf Henri Bergson zielend, von der „Niedrigkeit“, „zu der man sich herabgelassen hatte, einen französischen geistreichen Schriftsteller als Originalphilosophen zu feiern, von dem man doch wenigstens soviel erkennen mußte, daß er keine Spur des Verständnisses und auch nur der Kenntnis von unserem KANT hat.“

Cohens Haltung zu Deutschland und Deutschlands Wohlergehen kann man so zusammenfassen: Solange die Deutschen auf den alttestamentarischen Gott und Kant vertrauen, sind sie auf dem richtigen Weg. Abwärts geht es mit ihnen dann, wenn sie auf andere Götter bauen.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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