Heidnische Philosophie und die angebliche Hetze gegen das Christentum
Religiöse oder mit einer bestimmten Religion sympathisierende Menschen empfinden leicht jede hartnäckige Kritik an ihrer Religion als „Hetze“. Diese Kritik an ihrer Religion mag noch so sachlich vorgetragen und noch sehr mit belegbaren Argumenten gestützt sein – sie wird, wie Christentumskritiker von Diderot bis Drewermann und Deschner vielfach erfahren mussten, allzu schnell mit dem abwertenden Begriff der „Hetze“ verbunden – wobei dann, wenn es um Kritik an der jüdischen Religion geht, allzu schnell der ohnehin inflationär verwendete Vorwurf des Antisemitismus hinzukommt. Auf diese angebliche Hetze wird dann von den sich getroffen Fühlenden oft grob unsachlich und mit mehr oder minder verhüllter Aggressivität reagiert.
Ein derartiges Beispiel liefert die verzerrende Darstellung der heidnisch geprägten Philosophie Ernst Bergmanns, wie sie in einer jüngeren sächsischen wissenschaftlichen Arbeit veröffentlicht ist. Der 1969 in Leipzig geborene Carsten Heinze hat in einer 2001 an der Universität Leipzig angenommenen und im gleichen Jahr als Buch veröffentlichten Dissertation über „Die Pädagogik an der Universität Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 – 1945“ auch ein Kapitel über den vor dem 2. Weltkrieg in Leipzig lehrenden Ernst Bergmann geschrieben. Bergmann war zwar Philosoph und insofern kein Pädagoge von Berufs wegen, aber er hat sich, wie Heinze richtig erkannt hat, ausführlich auch mit pädagogischen Fragestellungen befasst. Dabei spielten für ihn einerseits konkrete Aspekte von Erziehung und Unterricht eine Rolle – zum Beispiel die Frage des Religionsunterrichts oder der Koedukation - , aber weit intensiver beschäftigten ihn grundsätzliche Überlegungen zur Entwicklung des Menschen.
An dieser Stelle will ich aber nicht auf diese Auffassungen eingehen, die bei Bergmann stark von der – grundsätzlich in ihrer Wichtigkeit richtig erkannten – genetischen Komponente der Bildung geprägt sind. Das bergmannsche Bildungskonzept verlangt jedenfalls eine weit vertieftere Beschäftigung, als sie Heinze vorgelegt hat. Vor allem aber erfordert sie eine sachliche Auseinandersetzung, die sich nicht schon vom damals zwar üblichen, aber heute oft als roh empfundenen Vokabular abschrecken lässt und schon bei Begriffen wie „Eugenik“ verstandabschaltend zusammenzuckt. Vielmehr erscheint es nötig, wieder einmal auf die sachlich falsche und diffamierende Darstellung hinzuweisen, die heutzutage gang und gäbe ist, wenn es um Persönlichkeiten geht, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden oder gebracht werden sollen. Dabei scheint sich Heinze selbst nicht im Klaren zu sein, wie er in dieser Hinsicht mit Bergmann verfahren soll. Auf der einen Seite unterstellt er diesem eine „lückenlose Ausrichtung auf die nazistische Weltanschauung ...die selbst von führenden Nazi-Ideologen nicht übertroffen wurde“ , um gleich im nächsten Satz aber darauf hinzuweisen, dass Bergmanns Konzeption „von den kanonisierten Grundlagen der nazistischen Weltanschauung abwich“. Leider fehlt jeder Hinweis darauf, worin denn diese angeblichen kanonisierten Grundlagen bestanden haben und wann und wo diese Kanonisierung erfolgt sein soll. Natürlich gibt es in Wirklichkeit keine kanonisierte nationalsozialistische Weltanschauung. Die häufig als nationalsozialistische Ideologen benannten Männer – von Rosenberg über Baeumler, Krieck, Heidegger bis zu Erich Jaensch und anderen – haben teilweise sehr unterschiedliche Auffassungen vertreten, von Hitler, Himmler, Goebbels und anderen Parteiführern ganz zu schweigen. Ernst Bergmann glaubte zwar, dass der Nationalsozialismus in manchen wichtigen Punkten richtig lag, aber seine Philosophie ist grundsätzlich vom Nationalsozialismus völlig unabhängig - was sie natürlich noch nicht notwendigerweise überzeugend macht.
Carsten Heinze polemisiert gegen den von ihm unverstandenen, vermutlich nur fragmentarisch gelesenen und jedenfalls grundlegend missverstandenen Ernst Bergmann mit phrasenhaften und inhaltlich falschen Sätzen: „Dabei ergab sich Bergmann einem vulgären, schematischen Naturalismus, der die Grundlage seiner obskuren Theorie bildete. Aus diesem Naturalismus speiste er seine Hetze gegen das Christentum, die Reduzierung des Menschen auf seine Triebe ...“ Von einer derartigen Reduzierung kann in Wahrheit bei Bergmann keine Rede sein. Sein Naturalismus war nicht nicht vulgärer oder schematischer als die philosophischen Überlegungen eines Parmenides, Aristoteles, Schelling, Bradley oder von wem auch immer. Und antichristliche Hetze? Bergmann hat sich über Jesus, den mutmaßlichen Begründer des Christentums, an vielen Stellen voller Hochachtung geäußert. Über die Verehrung der Muttergottes fand er, der als Protestant aufwuchs, kein negatives Wort. Sicherlich hat er das Christentum als eine fremde und schädliche Macht empfunden und beschrieben – aber ist das schon Hetze?
gregorbrand - 18. Okt, 21:35