„Freilich mußten die Menschen dabei geopfert werden“ - Hermann Cohens Verteidigung von religiöser Intoleranz und Kunstvernichtung

Der Philosoph Hermann Cohen, der auf Fotos und mehr noch auf bildlichen Darstellungen ihm wohlgesonnener Künstler – zum Beispiel Max Liebermanns – als unschuldiger, beinahe weltfremder Gelehrter wirkt, war weder unschuldig noch weltfremd und wollte gewiss auch nicht so wahrgenommen werden. Dass der Neukantianer Cohen öfters dem liberalen Judentum zugerechnet wird, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wo die die engen Grenzen seiner Liberalität lagen. Diese Grenzen werden am deutlichsten, wenn man seine religiösen Schriften zu seiner ureigenen Religion, dem Judentum, aufmerksam betrachtet. Wenn man sie nicht im Geist unkritischer Verehrung liest, sondern unbefangen oder vielleicht sogar noch besser: von der antiabrahamitischen Position eines Nichtjuden, Nichtchristen, Nichtmoslems. Für Heiden und aufgeklärte nichtreligiöse Menschen zeigt sich dann im Werk des renommierten Neukantianers unverhüllt das Bild eines erschreckend fanatischen und intoleranten Monotheismus.

In Hermann Cohens postumen Werk mit dem durchaus anmaßenden und unpassenden Titel „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ erscheint der intolerante Charakter dieser Art Religiösität so offen, dass man sich wundern muss, wieso er nicht von heutigen Intellektuellen, die sich mit Cohen auseinandersetzen, entschieden kritisiert und möglicherweise sogar zum Anlass für Zweifel an Cohens Philosophieren überhaupt genommen wird. So schreibt Cohen im Kapitel über den ihm verhassten Bilderdienst:

„Der Monotheismus kann keine Toleranz anerkennen gegenüber dem Polytheismus. Der Götzendienst muß schlechterdings ausgerottet werden. Diese Entschließung ist die Vorbedingung des wahren Monotheismus, des Monotheismus der Liebe zu Gott, des Gottesdienstes der Liebe.“

Über solche Sätze demonstrativer maximaler Intoleranz darf man nicht einfach hinweglesen. Man sollte sich auch nicht von dem verschleiernden Gebrauch des sanften Wortes Liebe von dem unduldsamen Kern der Aussage einlullend ablenken lassen. Wenn von Ausrottung einer anderer als der eigenen Religion die Rede ist, dann sollten gerade auch im 21. Jahrhundert die Alarmglocken läuten. Cohen ist sich durchaus bewusst, dass man seine Haltung gegenüber anderen als den monotheistischen Religionen – also beispielsweise gegenüber dem Glauben der Hindus, der shintoistischen Japaner, der odinistischen Germanen, der glorreichen antiken Griechen, der afrikanischen und der baltischen Völker und so weiter – als von Intoleranz, Fanatismus und Menschenhaß erfüllt sehen kann. Aber, so bemerkt er mit einem offenbar ruhigen guten Gewissen, wie es Fundamentalisten oft eigen ist: Wer darin Formen des Bösen erkennt, der hat eben noch nicht den wahren Glauben und die wahre Einsicht erlangt. Wer sich erst einmal den angeblich grandiosen Gedanken des Monotheismus zu eigen gemacht habe, „für den gibt es keinen anderen Ausweg: der einzige Gottesdienst fordert unausweichlich die Ausrottung des falschen Gottesdienstes. Da kann es kein Erbarmen geben und keine Rücksicht auf Menschen.“

Hermann Cohen war sich, im Gegensatz zu der Masse der Philosemiten, vollauf im Klaren, dass diese jüdische Einstellung, die gerade die immer wieder gern die als Gifel der Ethik bejubelten Propheten vertraten, nicht mit Toleranz zu vereinbaren ist. Toleranz, sagt Cohen unverblümt und ehrlich, war für die Propheten „ein fremder, ein störender Gesichtspunkt“ (S. 61). Um gleich darauf kaltherzig fortzufahren:

„Freilich mußten die Menschen dabei geopfert werden, und zwar nicht minder im eigenen Volke als bei den Völkern.“

Als wäre dieser menschen- und völkerverachtende Wille des biblischen Monotheismus noch nicht genug, verteidigt Cohen nicht minder eifrig auch dessen Kunsthass, Kunstfeindlichkeit und Kunstvernichtung. Im prophetischen Monotheismus – für Cohen wie für viele Juden das religiöse Ideal schlechthin – erkannte er freudig die höchste Ausprägung einer zur Kunst radikal widersprüchlichen Haltung. Diese negative Haltung zur Kunst kann freilich nicht verwundern. Die Darstellungen derjenigen Gottheiten und Naturformen, die von der nichtjüdischen Welt verehrt wurden, geschah von den australischen Aborigines über die alten Ägypter bis zur Gegenwart typischerweise in der Form der Kunst: Der innige Zusammenhang zwischen Kunst und Kultus ist ohne Zweifel ein uraltes Phänomen. Religiöse – nach Cohens jüdischer Auffassung „götzendienerische“ - Kunst war vermutlich schon die paläolithische Höhlenmalerei, und das Gleiche gilt für die Ikonen des Mittelalters bis zu den Mariendarstellungen des 20. Jahrhunderts. Solche plastische Kunst hat für die geistigen Nachfahren des Kunstzerstörers Abraham keinen Wert. Als Götzendienst darf sie nicht geschaffen werden und wenn sie doch geschaffen wird, muss sie im Grunde vernichtet werden. Cohen sieht im Bilderverbot des Dekalogs einen – und dies ist das Skandalöse: von ihm vollauf bejahten – direkten und ausdrücklichen Angriff auf die Kunst. Dementsprechend kann er auch nur die positive Rolle des Judentums bei den christlichen Bilderstürmern – denen im Lauf der Geschichte unzählige Kunstwerke zum Opfer fielen – anerkennen:

„Der Bildersturm bildete für die Geschichte des Christentums, für die Spaltung der Kirche im Morgen- und Abendlande eine sehr charakteristische Wendung, bei der auch der Islam mitwirkt, und bei der die Juden im Hintergrunde mitwirken.“

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

Impressum:

© 2007 by Gregor Brand
Am Denkmal 4
24793 Bargstedt/Holstein (Germany)
www.gregorbrand.com

Aktuelle Beiträge

Ciorans frühes Nachleben
Gibt es eigentlich Kritiker Ciorans? Bei der Sichtung...
gregorbrand - 24. Jul, 11:37
Rumänischer Fußball
Bernd Mattheus berichtet, dass Cioran in seiner Jugend...
gregorbrand - 24. Jul, 11:21
Die angeblich einfachen...
Bei hoch intelligenten Menschen, die einfachen Verhältnissen...
gregorbrand - 23. Jul, 01:46
Die formierte Gesellschaft
In seiner im Jahr 2008 neu veröffentlichten Bochumer...
gregorbrand - 19. Jul, 18:26
Allgegenwärtige...
In einem Artikel auf der Seite der „Linken Ottakringer...
gregorbrand - 19. Jul, 16:25

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Anti-Cioran
Aphorismen
Autobiografisches
Carl Schmitt
Eifel
Ernst Jünger
Goethe
Hermann Cohen
Intelligenz
Kulturkritik
Lyrik
Religion
Rezensionen
Zeitgeschehen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren