Postmoderne Aspekte der Philosophie Ernst Bergmanns
Monika Walter, Professorin für Französische Philologie an der TU Berlin, ist in einem 2002 erschienenen Beitrag über Ortega y Gasset der Frage nachgegangen, ob der berühmte spanische Philosoph ein Vordenker der Postmoderne gewesen ist. Dabei hat sie einige Gesichtspunkte genannt, die durchaus auch im Hinblick auf die Philosophie Ernst Bergmanns diskutiert werden könnten. Ihre Aussage „Überraschend sind in jedem Fall Parallelen zwischen zahlreichen Ideen aus dem Gesamtwerk des Spaniers und den Thesen postmoderner Denker“ lässt sich auch auch auf Ernst Bergmann übertragen. Wenn sie etwa darauf verweist, dass Ortegas Kategorien des Zweifels und der Krise ihre Entsprechung finden „in dem Bemühen von Denkern wie Jacques Derrida, dem Unbestimmten einen rechtmäßigen Status in der Philosophie zurückzugeben“, so könnte man in diesem Zusammenhang auf die besondere Bedeutung des „vielleicht“ in Bergmanns Philosophie verweisen. In seinem dialogisch formulierten philosophischen Hauptwerk „Die natürliche Geistlehre“ (1937) bringt Bergmann – in der Rolle des „Gesprächsführers“ („G.F.“) seinen Gesprächspartner mit der Hervorhebung des „vielleicht“ fast zur Verzweiflung (S. 363 f.), so dass dieser beinahe verzweifelt ausruft:
„Vielleicht, vielleicht, vielleicht! Immer dieses fatale Wörtchen „vielleicht“ ! Sie meinen: die Welt lernt eines Tages ohne Geistesauge sehen, ohne Denken zu denken, ohne Wissen zu wissen.“
Ernst Bergmann in der Person des G. F. antwortet ihm ruhig: „Vielleicht!“ Schließlich meint sein fiktiver Gesprächspartner: „Mir scheint, das Wörtchen „vielleicht“ ist der am meisten philosophische Ausdruck, den es gibt.“ Bergmanns eindeutige Antwort darauf: „Vielleicht!“
Klarer kann man die philosophische Bedeutung des Ungewissen und Unbestimmten kaum hervorheben.
Monika Walter betont bezüglich Ortega y Gasset, dass „der spanische Philosoph bereits ein halbes Jahrhundert vor den Postmodernen die biologischen Dimensionen des Denkens“ betont und „mit der grundsätzlichen Demontage jeder metaphysischen Darstellung vom ´Wesen´ des Menschen begonnen habe und sieht Ortega y Gasset auch insofern in der Rolle eines frühen „Propheten“ der Postmoderne.
Dazu ist zu bemerken, dass Bergmann in seinen Schriften Anfang der Dreißiger Jahre immer wieder gerade diese beiden Aspekte betont hat – weit eindringlicher und prägnanter als Ortega y Gasset. So bekennt er unumwunden in dem oben erwähnten Buch mit dem in dieser Hinsicht schon viel sagenden Titel: „Die natürliche Geistlehre“ (S. 64), nachdem der M. U. festgestellt hat: „Sie verlangen deshalb die Einführung biologischen Denkens auch in die Erkenntnistheorie“:
„Sehr richtig! Das verlange ich in der Tat. Ich verlange eine Erkenntnisbiologie. Ohne sie ist das Erkenntnisproblem gar nicht richtig zu stellen, geschweige denn zu lösen.“
Abgesehen davon, dass die Demontage jeder metaphysischen Darstellung vom Wesen des Menschen lange vor Ortega und Bergmann beispielsweise auch schon bei Nietzsche zu finden ist, so hat Ernst Bergmann an seiner antimetaphysischen Einstellung gegenüber dem Wesen des Menschen keinen Zweifel gelassen. So schreibt er auch dazu in seiner „Natürlichen Geistlehre“ unter anderem (S. 254):
„Die Tierpsychologie ist der Menschenpsychologie verwandter, als man denkt und gemeinhin zugibt. Zoologisch ist der Sapienstyp längst in die höheren Formenreiche der Lebewesen eingeordnet worden, geistphilosophisch aber noch nicht, wie denn auch die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ Ernst Haeckels auf dem Gebiet der Geistlehre bis heute noch keine Fortsetzung gefunden hat. Ich möchte das nachholen und das Intelligenztier Mensch auch geistphilosophisch einreihen in das natürliche System.“
Und eine Seite weiter formuliert Bergmann, nachdem er die sittliche Entscheidungsfreiheit als Hauptunterschied zwischen Mensch und Tier herausgestellt hat:
„Als metaphysische Wesen jedoch sind beide grundsätzlich gleichzustellen und unterscheiden sich nur durch die Grade der Entwicklung ihres seelisch-geistigen Wesens.“
Bergmanns immer noch hoch lesenswertes Werk „Erkenntnisgeist und Muttergeist. Eine Soziosophie der Geschlechter“ (Breslau 1931) basiert ganz auf der Annahme, dass das „Wesen“ des Menschen nicht metaphysisch, sondern nur biologisch zu erfassen ist. Für Bergmann ist der Mensch auch ein „Bewußtseinstier“. Die von Kant kritisierte „reine Vernunft“ ist für den Leipziger Philosophen eine „unreine Vernunft“ und „zweifellos männlichen Geschlechts“ – und er sagt dies nicht, um sie dadurch auszuzeichnen, sondern um ihre biologische Bedingtheit und ihre Grenzen aufzuzeigen. Eine überindividuelle, ungeschlechtliche „asexuelle Vernunft“ gibt es für ihn nicht. Bergmann sieht und untersucht die Vernunft vielmehr im Rahmen des Lebendigen und sein Vernunftbegriff ist schon insofern mindestens so „lebendig“ wie der orteguistische Gedanke vom „razón vital“.
„Vielleicht, vielleicht, vielleicht! Immer dieses fatale Wörtchen „vielleicht“ ! Sie meinen: die Welt lernt eines Tages ohne Geistesauge sehen, ohne Denken zu denken, ohne Wissen zu wissen.“
Ernst Bergmann in der Person des G. F. antwortet ihm ruhig: „Vielleicht!“ Schließlich meint sein fiktiver Gesprächspartner: „Mir scheint, das Wörtchen „vielleicht“ ist der am meisten philosophische Ausdruck, den es gibt.“ Bergmanns eindeutige Antwort darauf: „Vielleicht!“
Klarer kann man die philosophische Bedeutung des Ungewissen und Unbestimmten kaum hervorheben.
Monika Walter betont bezüglich Ortega y Gasset, dass „der spanische Philosoph bereits ein halbes Jahrhundert vor den Postmodernen die biologischen Dimensionen des Denkens“ betont und „mit der grundsätzlichen Demontage jeder metaphysischen Darstellung vom ´Wesen´ des Menschen begonnen habe und sieht Ortega y Gasset auch insofern in der Rolle eines frühen „Propheten“ der Postmoderne.
Dazu ist zu bemerken, dass Bergmann in seinen Schriften Anfang der Dreißiger Jahre immer wieder gerade diese beiden Aspekte betont hat – weit eindringlicher und prägnanter als Ortega y Gasset. So bekennt er unumwunden in dem oben erwähnten Buch mit dem in dieser Hinsicht schon viel sagenden Titel: „Die natürliche Geistlehre“ (S. 64), nachdem der M. U. festgestellt hat: „Sie verlangen deshalb die Einführung biologischen Denkens auch in die Erkenntnistheorie“:
„Sehr richtig! Das verlange ich in der Tat. Ich verlange eine Erkenntnisbiologie. Ohne sie ist das Erkenntnisproblem gar nicht richtig zu stellen, geschweige denn zu lösen.“
Abgesehen davon, dass die Demontage jeder metaphysischen Darstellung vom Wesen des Menschen lange vor Ortega und Bergmann beispielsweise auch schon bei Nietzsche zu finden ist, so hat Ernst Bergmann an seiner antimetaphysischen Einstellung gegenüber dem Wesen des Menschen keinen Zweifel gelassen. So schreibt er auch dazu in seiner „Natürlichen Geistlehre“ unter anderem (S. 254):
„Die Tierpsychologie ist der Menschenpsychologie verwandter, als man denkt und gemeinhin zugibt. Zoologisch ist der Sapienstyp längst in die höheren Formenreiche der Lebewesen eingeordnet worden, geistphilosophisch aber noch nicht, wie denn auch die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ Ernst Haeckels auf dem Gebiet der Geistlehre bis heute noch keine Fortsetzung gefunden hat. Ich möchte das nachholen und das Intelligenztier Mensch auch geistphilosophisch einreihen in das natürliche System.“
Und eine Seite weiter formuliert Bergmann, nachdem er die sittliche Entscheidungsfreiheit als Hauptunterschied zwischen Mensch und Tier herausgestellt hat:
„Als metaphysische Wesen jedoch sind beide grundsätzlich gleichzustellen und unterscheiden sich nur durch die Grade der Entwicklung ihres seelisch-geistigen Wesens.“
Bergmanns immer noch hoch lesenswertes Werk „Erkenntnisgeist und Muttergeist. Eine Soziosophie der Geschlechter“ (Breslau 1931) basiert ganz auf der Annahme, dass das „Wesen“ des Menschen nicht metaphysisch, sondern nur biologisch zu erfassen ist. Für Bergmann ist der Mensch auch ein „Bewußtseinstier“. Die von Kant kritisierte „reine Vernunft“ ist für den Leipziger Philosophen eine „unreine Vernunft“ und „zweifellos männlichen Geschlechts“ – und er sagt dies nicht, um sie dadurch auszuzeichnen, sondern um ihre biologische Bedingtheit und ihre Grenzen aufzuzeigen. Eine überindividuelle, ungeschlechtliche „asexuelle Vernunft“ gibt es für ihn nicht. Bergmann sieht und untersucht die Vernunft vielmehr im Rahmen des Lebendigen und sein Vernunftbegriff ist schon insofern mindestens so „lebendig“ wie der orteguistische Gedanke vom „razón vital“.
gregorbrand - 15. Sep, 00:13