Kurze Notiz über Hühner und Wurstmacher.

Deutsche Kommunisten in der Sowjetunion, Dezember 1930:

"Im übrigen war die Gastfreundschaft der Sowjetmenschen überall, wo wir hinkamen, ob in Sibirien, an der Wolga oder im Süden, so groß, daß man uns stets nur von allem das Beste geben wollte. Und das Beste war zur damaligen Zeit stets das Hühnchen. Nach einigen Wochen unserer Reise sagte ich zu Genossen Pieck, es sei so weit, daß ich schon morgens Eier lege, worauf Genosse Pieck herzhaft lachend hinzufügte, daß er beim Aufwachen Kikeriki mache."

glueckauferich

(Aus der Autobiographie des Kommunisten und SED-Funktionärs Erich Glückauf: Begegnungen und Signale. Erinnerungen eines Revolutionärs. Verlag Neues Leben. Berlin 1976, S. 170.)

Das politisch-historische Umfeld jener frühen Dreißiger Jahre unter dem von Glückauf, Pieck und anderen Antifaschisten gefeierten Stalin: "In der größten menschengemachten Hungersnot der Geschichte" (Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. München 2011, S. 41) verhungerten Millionen Ukrainer infolge der von Stalin und seiner Clique angeordneten Terrorpolitik: "So konnte ein hungernder Bauer erschossen werden, wenn er eine Kartoffelschale von einem Stück Land aufhob, das vor kurzem noch ihm gehört hatte." (Snyder, S. 59). 1932 schickte Stalin den Genossen Lazar Kaganowitsch in die Ukraine, der sofort das ukrainische Politbüro zusammentreten ließ: "Bei der Sitzung, die bis vier Uhr früh dauerte, wurde beschlossen, die Regierungsziele zu erfüllen. Das war ein Todesurteil für drei Millionen Menschen." (Snyder, S. 65). Ein Überlebender berichtete: "In dem schrecklichen Frühjahr 1933 sah ich Menschen Hungers sterben. Ich sah Frauen und Kinder mit aufgedunsenen Bäuchen, sah sie blau werden, noch atmend, aber mit leeren, leblosen Augen ..." (Snyder, S. 66).

Erich Glückauf (S.243): "Wie rasend schnell war die erste Hälfte des Jahres 1934 vergangen. Das lag sicher auch am stark pulsierenden Leben in Moskau."

"Bauern hatten kein Recht auf Lebensmittelkarten, während die Parteikader in besonderen Läden eine reiche Lebensmittelauswahl genossen. Wenn sie allerdings zu dick wurden, mussten sie sich vor den umherziehenden 'Wurstmachern' in Acht nehmen, besonders nachts." (Snyder, S. 75).

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