Freitag, 24. Mai 2013

Feodor Lynen: Biochemiker und Nobelpreisträger aus Eifler Familie


Der Nobelpreisträger Feodor Lynen zählt zu den brillantesten Biochemikern des 20. Jahrhunderts. Für Professor Karl Decker ist Lynen der „Architekt der klassischen Biochemie“ schlechthin.

Wenn von Feodor Lynen die Rede ist, so wird er als Münchner bezeichnet. Das ist vollkommen berechtigt, denn in der bayerischen Hauptstadt wurde er nicht nur geboren, sondern dort verbrachte er auch sein Leben. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich der „Urbayer“ Lynen jedoch als Münchner Eifler. Sowohl sein Vater Wilhelm Lynen als auch seine Mutter Frieda Prym waren Kinder der Nordeifelstadt Stolberg. Sie entstammten Familien, die mindestens seit dem Mittelalter in dieser Landschaft gelebt und in vielen Generationen die Geschichte ihrer Region führend mitgestaltet hatten. Die Männer der vielfach miteinander verwandten protestantischen Kupfermeisterfamilien Lynen und Prym hatten sich als Unternehmer, die ursprünglich Messing mit Hilfe des Zinkerzes Galmei produzierten und sich später auch anderen Produkten zuwandten, Wohlstand erworben. Beide Großväter Lynens – Feodor Lynen, von dem er seinen russisch anmutenden Vornamen erhielt, und Gustav Prym - waren Fabrikanten in Stolberg. Kurzum: Der geniale Wissenschaftler entstammte Eifler Großbürgertum.

Nach München zog dieser Lynen-Zweig erst kurz nach 1900, als Vater Wilhelm Professor für Maschinenbau an der TH München wurde. Als siebtes Kind dieser Stolberger Familie kam Feodor 1911 in Schwabing zur Welt, es folgten noch zwei weitere Geschwister, das letzte wurde einen Monat nach dem Tod des Vaters im Jahr 1920 geboren. Dafür, dass die Lynen-Sprösslinge ihre Eifler Wurzeln nicht vergaßen, sorgten nicht zuletzt die köstlichen Speisen nach Stolberger Art, die ihre Mutter meisterhaft zubereite und Frieda Lynens rheinischer Tonfall. Sowohl in der Volksschule als auch auf der Luitpold-Oberrealschule war Feodor „Fitzi“ Lynen ein ausgezeichneter Schüler; in seinem Abschlusszeugnis vom März 1930 hatte er unter anderem in Mathematik, Physik und Chemie ein „sehr gut“. Bei der Studienwahl entschied sich Lynen für Chemie und wurde Student im Laboratorium des Nobelpreisträgers Heinrich Wieland. Professor Wieland, der mit seinem Bruder Hermann maßgeblich zum Aufstieg des Unternehmens Boehringer in Ingelheim beitrug, wurde nicht nur Lynens wissenschaftlicher Leitstern und Doktorvater, sondern auch sein Schwiegervater. 1937 heiratete Lynen die Wieland-Tochter Eva (1915–2002), was zur höchst seltenen Konstellation führte, dass die fünf Kinder dieses Paares einen Nobelpreisträger als Vater und auch als Großvater hatten.

Das Thema von Lynens Doktorarbeit lautete: „Über die Giftstoffe des Knollenblätterpilzes“. Von Giftstoffen ganz anderer Art hielt er sich dagegen fern: Feodor Lynen teilte die NS-kritische Haltung seines Schwiegervaters Wieland. 1932 verletzte sich der sportbegeisterte Chemiestudent bei einem Skiunfall so schwer am Knie, dass er dauerhaft auf einem Bein gehbehindert war. Das schränkte zwar seine „sportliche Erlebnissucht“ (so seine Frau Eva) ein, befreite ihn aber auch vom sozialen Druck, NS-Organisationen beizutreten und vor allem vom Kriegsdienst. Als Stipendiat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft entwickelte sich Lynen von 1937–1942 zu einem Experten auf dem Gebiet des Zellstoffwechsels. Nach der Habilitation leitete er seit 1942 die Abteilung Biochemie an der Universität München. In den vierziger Jahren konzentrierte sich seine Arbeit auf die Erforschung der aktivierten Essigsäure, deren extreme Bedeutung für elementare Stoffwechselvorgänge ihm früh klar geworden war. Weltweit entstand damals ein Wettlauf um die Entdeckung der Strukturformel des Coenzyms A, das mit der Wirkung der Essigsäure aufs Engste verbunden war. Als Professor Lynen 1950 die Lösung dieser Frage fand, machte ihn seine Veröffentlichung schlagartig zu einem Weltstar der Biochemie. Forscher aus zahlreichen Staaten stellten bei Aufenthalten in München fest, dass dort unter Lynens Leitung Biochemie auf höchstem Niveau betrieben wurde. Noch bessere Arbeitsbedingungen erhielt er durch das 1954 auf ihn zugeschnittene Max-Planck-Institut für Zellchemie, dessen jahrzehntelanger Direktor er wurde. Lynen und seine Mitarbeiter dankten diese Förderung mit einer Fülle von grundlegenden Entdeckungen zum Zellstoffwechsel. Ob es um die Entschlüsselung des Cholesterins ging, um die Bildung der heute stark im Blickpunkt stehenden Ketonkörper und vieles mehr: Lynen lieferte zu all diesen elementaren Prozessen entscheidende Beiträge. Die gebührende Anerkennung fand er durch den Nobelpreis für Medizin/Physiologie 1964, aber auch durch zahlreiche weitere Ehrungen weltweit. Lynen war Präsident angesehener wissenschaftlicher Vereinigungen und prägte die Biochemie durch herausragende Schüler. Als der lebensfrohe und feierfreudige Forscher 1979 überraschend starb, nahmen Bundespräsident Carstens und dessen Amtsvorgänger Scheel an der Gedenkfeier teil und ehrten damit einen der eindrucksvollsten deutschen Nachkriegswissenschaftler.

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