Samstag, 11. Mai 2013

Peer Steinbrücks Danziger Wurzeln


Was kann man im Frühjahr 2013 selbst mit begrenzten prophetischen Fähigkeiten über die Person sagen, die nach der kommenden Bundestagswahl die Bundesregierung führen wird? Unter anderem das: Sie wird erstens in Hamburg geboren sein und sie wird zweitens einen Elternteil aus Danzig haben.

Verblüffenderweise ist anscheinend noch kaum jemandem aufgefallen, dass diese erstaunliche hanseatische Hamburg-Danzig-Konstellation sowohl für die CDU-Kanzlerin Angela Merkel als auch für den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück zutrifft. Während es bei der 1954 in Hamburg geborenen Angela Merkel die Mutter Herlind Kasner (geb. Jentzsch) ist, die 1928 in Danzig geboren wurde, finden wir den gleichen Geburtsort beim Hamburger Peer Steinbrück auf der väterlichen Seite: Sein Vater Ernst Steinbrück kam 1914 in dieser für die deutsche und europäische Geschichte so wichtigen Stadt zur Welt. Bei der Bundestagswahl können sich die Deutschen also entscheiden zwischen der Hamburger Tochter einer Danzigerin oder dem Hamburger Sohn eines Danzigers.

Danzig

Dass diese merkwürdige und unwahrscheinliche Koinzidenz noch nicht weiter aufgefallen ist, hängt mit der Nachlässigkeit der Steinbrück-Biographen zusammen. Das gilt beispielsweise für die Biographie „Peer Steinbrück“ (2012) von Daniel Friedrich Sturm, die in dem Teil, wo es um Steinbrücks Wurzeln geht, eher oberflächlich ist. Während Eckart Lohse und Markus Wehner in ihrer Buch „Steinbrück“ (2012) wenigstens noch beiläufig erwähnen, dass Peer Steinbrücks Vater Ernst Steinbrück in Danzig geboren wurde, heißt es bei Sturm in diesem Zusammenhang ohne nähere Angaben, Ernst Steinbrück sei „in Pommern geboren“.

Danzig als Geburtsort von Ernst Steinbrück war kein biographischer Zufall. Die traditionsreiche Hansestadt war vielmehr die Heimatstadt seiner Mutter: Helene Boeck, Peer Steinbrücks Großmutter väterlicherseits, wurde am 13. April 1889 in Danzig als Tochter des Ehepaares Ernst Boeck und Elisabeth Gäbler geboren. Dies ergibt sich aus dem von Emil und Georg Steinbrück zusammengestellten verdienstvollen Buch: „Familie Steinbrück. Stammtafeln und Stammlisten derer, die den Namen Steinbrück tragen“ (Stettin 1912, S. 52). Peer Steinbrücks Urgroßvater Ernst Boeck war – sehr typisch für die ausgesprochen „kapitalistische“ und teilweise sogar großbürgerliche Herkunft des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten – Fabrikant. Ihm gehörte das „Danziger Kohlensäure-Werk“, das anscheinend zu Beginn des 20. Jahrhunderts in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Als Herbert Steinbrück – Peer Steinbrücks 1888 geborener Großvater – im November 1910 die Danzigerin Helene Boeck ehelichte, war sein Schwiegervater Ernst Boeck „Rentier“.

Eigentlich hat Peer Steinbrück keinen Grund, sich dieser Herkunft zu schämen. Aber es hat doch den Anschein, als seien ihm diese Danziger Wurzeln unangenehm. Er hat offenbar nicht nur seinen journalistischen Biographen und Gesprächspartner D. F. Sturm darauf nicht ausdrücklich aufmerksam gemacht. Vielsagender ist sein Schweigen bei anderer Gelegenheit: Im Gespräch mit Helmut Schmidt erwähnt Steinbrück, als der Altkanzler sich ihm gegenüber ausgiebig über Danzig auslässt, merkwürdigerweise mit keinem Wort seine familiäre Verbindung in diese Stadt, wie man „Zug um Zug“ (2011), dem moderierten Gesprächsbuch von Schmidt und Steinbrück, entnehmen kann. Dabei hätte ein solcher Hinweis von Steinbrück doch überaus nahe gelegen, als der Hanseat Schmidt ihm gegenüber seinen weit ausholenden historischen Abriss zur „Stadt Gdansk“ ausbreitete. Was könnte der Grund sein für diese Vernachlässigung der Geburtsstadt seines Vaters durch Peer Steinbrück? Hält der vielleicht allzu gutbürgerliche Sozialdemokrat den Hinweis auf die Fülle von Unternehmern in seiner Familie nicht für opportun? Will er das Ausmaß der Übereinstimmung mit Angela Merkel selbst in diesem politisch eher marginalen Bereich möglichst gering halten? Ist es ihm unangenehm, Nachfahre ausgerechnet eines Kohlensäure-Fabrikanten zu sein und damit unnötige Angriffsfläche für spöttische Schlagzeilen zu bieten?

Es könnte noch andere Gründe für dieses verschämte Verschweigen geben: Der Name „Boeck“ erweckt in Verbindung mit Danzig nicht gerade die erfreulichsten Assoziationen. Der Lehrer Adalbert Boeck war in der NS-Zeit Kultussenator in Danzig und für seine entschieden nationalsozialistische Kulturpolitik berüchtigt. Als Kultussenator – und damit als Vorgesetzter von Merkels Großvater, dem Schuldirektor Willi Jentzsch! – versuchte Boeck, das Kulturleben Danzigs im Sinne der Nazis zu gestalten. Für die Danziger Landeskulturkammer gab Nationalsozialist Boeck folgende Parole aus:

„Der Kulturbolschewismus, der hier in Danzig ebenso wie im Reich seicht und demagogisch, niederdrückend und zersetzend wirkte, soll nun restlos überwunden und ausgerottet werden. An seine Stelle wollen auch wir eine nationalsozialistische Kultur setzen.“
(zitiert nach Peter Oliver Loew: Das literarische Danzig 1793-1945. Bausteine für eine lokale Kulturgeschichte. Frankfurt am Main 2009, S. 183).

Ob und wie Peer Steinbrück, Enkel der Danziger Fabrikantentochter Helene Boeck, tatsächlich mit Adalbert Boeck verwandt ist, ist noch ungeklärt. Falls ja, so könnte man ihm dessen kulturpolitischen Fanatismus natürlich nicht zum Vorwurf machen. Aber um Vorwürfe geht es ja bei dieser historisch-genalogischen Ergänzung zu einer deutschen Politikerbiographie sowieso nicht.

Gregor Brand - Schriftsteller

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