Freitag, 26. Februar 2010

"Feststellungen und Versuche": Ein paar Sätze über Franz Baermann Steiner.


I. "Nicht Ethnologie - sondern Ethnosophie!" Ethnosophie ersetzt keine Ethnologie. Keine Weisheit ersetzt den Logos.

II. "In jeder Minoritätenfrage enthüllt sich die ganze Erbärmlichkeit und Verlogenheit der europäischen Zivilisation. Asien hat dies nie gekannt." In solchen Sätzen enthüllt sich die ganze Erbärmlichkeit ud Verlogenheit des Europäers Steiner. Asien hat dies nie gekannt.

III. Es hätte Franz Baermann Steiner größer gemacht, wenn er nicht so oft versucht hätte, Deutsche und Deutsches kleiner zu machen. Wenn ihn schon das Bedürfnis dazu erfüllte, dann hätte er zumindest eine andere Sprache als Deutsch wählen sollen. Andererseits setzte er damit eine alte Tradition fort: Deutsche deutsch zu kritisieren.

IV. "Das Sterben ist die größte Verwandlung. Wer das einmal erfahren hat, muß bei jeder Verwandlung an den Tod mit denken." Ist dieser Gedanke Steiners aus dem Mai 1948 so wichtig, dass es gerechtfertigt ist, ihn auf Seite 242 der "Feststellungen und Versuche" (Göttingen 2009) zweimal abzudrucken? Wie oft ist Gregor Samsa gestorben? Ist Kafka der Tod? Bei jeder Verwandlung muss ich an ihn denken.

V. "Das Wesentlichste des jüdischen Rechts ist wohl ...." Doch: Das Wesenliche kennt keinen Superlativ.

VI. Der eigenartige Franz B. Steiner war unfähig, den Unterschied zwischen "artfremd" und "fremdartig" zu erkennen. Es rechtfertigt ihn nicht, dass dabei die Unwilligkeit gewiss noch größer war als die Unfähigkeit.

VII. Die meisten "Machtwahnsinnigen" sollen eine neue Zeitrechnung begonnen haben? Es gibt unendlich viel weniger neue Zeitrechnungen als Machtwahnsinnige.

VIII. Das hässliche Fehlwort "Wirtsvolk": Steiner hat es in seltsamer Ahnungslosigkeit und Unwissenheit oft gebraucht, wenn er von den Juden unter den Völkern sprach.

IX. Steiner hielt es für etwas Gutes, dass im Sozialismus der Besitz aufhört, Schutz des Menschen zu sein. Aber er hat nicht gesagt, wer statt dessen die Menschen schützen soll. Wollte er schutzlose Menschen?

X. Es ist armselig und unselig, in deutscher Sprache die angeblich große Überlegenheit der englischen Sprache zu verkünden.

XI. Steiner wusste anscheinend nicht viel von Preußen; kein Grund für ihn, nicht darüber zu urteilen.

XII. Ich kann mir gut vorstellen, dass Steiner bei seinen antigermanischen Äußerungen zufrieden gekichert hat. Das könnte beispielsweise der Fall gewesen sein, als er die "schlechten Könige" der "Gothen" als "die herrlichsten Gestalten germanischer Geschichte" bezeichnete. Oder bei jener Äußerung vom Januar 1947, wo er feststellt: "Die Negervölker und die nordeuropäischen haben manches gemeinsam: ... das maßlose Biertrinken ...". Könnte es ihm nicht ein nahezu diebisches Vergnügen bereitet haben, die "Nordischen" hier gerade in diese Verbindung zu bringen? Inhaltlich ist die Erwähnung solcher Gemeinsamkeiten natürlich albern: Zwischen allen Menschen und Menschengrupen lassen sich banale Gemeinsamkeiten leicht in größter Zahl finden und aufzählen.

XIII. Nicht nur England fragen manche derjenigen "einfachen Leute", denen das Erlernen einer Fremdsprache sehr schwer fällt, warum es nicht bloß eine Sprache gebe.

XIV. "Die Wurzeln des Nationalsozialismus liegen im Investiturstreit." Die Wurzeln des Investiturstreits liegen im Alten Testament.

XV. "Was mit dem Atem zusammenhängt, ist edel." Klingt schön, solange man nicht an Mundgeruch, Lobhudeleien und Hasstiraden denkt.

XVI. Steiner spekuliert, ob nicht der Kampf zwischen David und Goliath Rest einer alten Kyklopensage ist - weil er unbegreiflicherweise nicht wusste, wie tödlich ein einziger Stein für einen Menschen sein kann und wie gut David dies erfasste. In welch weicher, steinloser Welt lebte Steiners Seele?

XVII. Steiner empfindet es als "vielfach störend", dass Max Brod in seiner Kafkabiographie den Dichter mit Vornamen nennt. Mich hat das dagegen noch nie gestört. Der Leser könne die Peinlchkeit nicht überwinden, meint Steiner, wenn er etwa lesen müsse: "Im nächsten Jahr war Franz krank etc.". Ich empfinde dabei nicht die geringste Peinlichkeit - aber ich heiße ja auch nicht, wie Steiner, Franz.

XVIII. War Franz Baermann Steiner untergründig neidisch darauf, nur ein zweiter Franz aus Prag zu sein?

XIX. "Besser ein entwurzelter Volksstamm als ein entblätterter." Ist ein Volksstamm wirklich entwurzelt, wird er bald auch ein entblätterter sein.

XX. Ist Kannibalismus wirklich undenkbar bei viehzüchtenden Völkern? In der Not gewiss nicht - und wenn es bei ihnen keine Not gibt, ist ja tierisches Protein ausreichend vorhanden.

XXI. "Rilke ist der psychologische Dichter." Statt "Rilke" hätte Steiner auch "X" schreiben können, wobei unter X jeder hochintelligente Dichter zu verstehen wäre. Nicht bei jedem Dichter ist das Psychologische so sichtbar verborgen wie bei Rilke.

XXII. Die bewegendsten Worte, die Steiner nach seinem Selbstzeugnis kannte, waren die, "die manchmal englische Protituierte der billigsten Art sprechen ...". In Ihnen fand er die rührendste Vermengung von Einfalt und Erniedrigung. Viele Männer werden durch weibliche Einfalt und Erniedrigung bewegt, und es ist keine Schande, sondern mutvoll, dass Franz B. Steiner dies für sich offen eingesteht.




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