Schwäbische Geilheit
Hunderttausende Bücher gelangen allein aufgrund ihres Titels in den unverdienten Genuss des Gelesenwerdens. Der Erfolg der Lektüre bedeutet keineswegs, dass es sich um einen guten Titel handeln muss – es sei denn, man sieht bei einem Buch alles als gut an, was dessen Verkauf und Verbreitung fördert; dieser bedauerlichen Ansicht scheint M. Reich-Ranicki oft anzuhängen. Der Titel kann demgegenüber wirklich schlecht sein, aber vielleicht gerade dadurch oder durch seine Skurrilität oder Absurdität Neugier auf das Buch erwecken. So erging es mir beispielsweise mit der 1932 erschienenen Schrift des damaligen Reichstagsabgeordneten Hans Fabricius: „Schiller als Kampfgenosse Hitlers. Nationalsozialismus in Schillers Dramen“. Gleich im ersten Kapitel „Sozialismus und Führertum“, einer Interpretation von Schillers „Räubern“, findet und benennt Fabricius seinen Todfeind: „Moritz Spiegelberg. Der Todfeind des deutschen Sozialisten. Der Todfeind Karl’s, des Volksführers.“
Moritz Spiegelberg, der von Schiller in dem Drama nirgends direkt als Jude bezeichnet wird, ist für Fabricius „Ein Jude, wie er im Buche steht. Dessen orientalische Geilheit Orgien feiert, als er den Überfall auf das Nonnenkloster beschreibt.“
An dieser Stelle vergisst Fabricius das für seine Polemik Entscheidende: Der Überfall auf das Nonnenkloster wird in Wirklichkeit nicht von einem Juden beschrieben, sondern von vom deutschen Dichterfürsten Schiller. Wenn also hier irgendeine Geilheit Orgien feiert, dann ist es allenfalls die „nordische“ des Schwaben, auf dessen Blondheit und Blauäugigkeit nicht nur Rassenkundler wie Hans F. K. Günther damals so gern und stolz hingewiesen haben. Und wenn man zusätzlich auf den historischen Kern solcher Überfälle auf Nonnenkloster blickt, so sind sie – man denke nur an die Wikinger – unzählige Male häufiger von „Ariern“ als von Juden ausgeführt worden. So hat also bei Schiller gewiss keine orientalische Geilheit Orgien gefeiert, wohl aber bei Dr. Fabricius geschichtsblinder Hass, zu dessen Opfern auch Friedrich Schiller selbst zählt - weil er zu Unrecht als Kampfgenosse dieses Hasses vereinnahmt wird.
Moritz Spiegelberg, der von Schiller in dem Drama nirgends direkt als Jude bezeichnet wird, ist für Fabricius „Ein Jude, wie er im Buche steht. Dessen orientalische Geilheit Orgien feiert, als er den Überfall auf das Nonnenkloster beschreibt.“
An dieser Stelle vergisst Fabricius das für seine Polemik Entscheidende: Der Überfall auf das Nonnenkloster wird in Wirklichkeit nicht von einem Juden beschrieben, sondern von vom deutschen Dichterfürsten Schiller. Wenn also hier irgendeine Geilheit Orgien feiert, dann ist es allenfalls die „nordische“ des Schwaben, auf dessen Blondheit und Blauäugigkeit nicht nur Rassenkundler wie Hans F. K. Günther damals so gern und stolz hingewiesen haben. Und wenn man zusätzlich auf den historischen Kern solcher Überfälle auf Nonnenkloster blickt, so sind sie – man denke nur an die Wikinger – unzählige Male häufiger von „Ariern“ als von Juden ausgeführt worden. So hat also bei Schiller gewiss keine orientalische Geilheit Orgien gefeiert, wohl aber bei Dr. Fabricius geschichtsblinder Hass, zu dessen Opfern auch Friedrich Schiller selbst zählt - weil er zu Unrecht als Kampfgenosse dieses Hasses vereinnahmt wird.

gregorbrand - 7. Dez, 20:37