Samstag, 22. November 2008

Genie, Irrsinn und Vorurteile

Wodurch unterscheiden sich hoch- und höchstbegabte Menschen von weniger begabten? Sind jene seelisch kranker als diese, wie es ein verbreitetes Volksvorurteil gerne annimmt?

Heutzutage wird diese Frage meist unter dem Stichwort „Hochbegabung“ diskutiert. Dabei geht es im überwiegenden Teil der Forschungsliteratur mittlerweile um Kinder, wobei deren Hochbegabung in der Regel über besonders hohe Intelligenztestwerte definiert wird. Man sollte sich jedoch bewusst sein, daß es einen beträchtlichen Unterschied macht, ob man die Probleme von Kindern mit hohen IQ-Werten untersucht oder ob man sich der Hochbegabungsthematik im Hinblick auf solche Erwachsenen nähert, deren IQ überwiegend gar nicht bekannt ist, die aber in ihrer Biographie nachgewiesenermaßen außergewöhnliche kulturelle Leistungsfähigkeit gezeigt haben.

Es sollte jedenfalls nicht vergessen werden, dass diese ganze Thematik bis weit ins 20. Jahrhundert – das Jahrhundert des IQ - unter dem Stichwort „Genie“ behandelt wurde und dass dazu äußerst zahlreiche Untersuchungen vorliegen, deren beachtenswerte Fragestellungen und Ergebnisse leider nicht annähernd die gebührende Beachtung erzielen. Wie kam es eigentlich zu diesem Wechsel vom Genie- zum Hochbegabtenbegriff? Er hängt entscheidend mit der Herausbildung der wissenschaftlichen differentiellen Psychologie und der Entwicklung von Testverfahren anfangs des 20. Jahrhunderts zusammen. Bevor Intelligenztests entwickelt und angewandt wurden, wurde die Frage nach besonderen außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen fast ausschließlich auf der Basis seiner Lebensleistung beurteilt. Außergewöhnlich begabt - wobei die Bandbreite der Begabung vom Talent bis zur Höchstform des Genies reichte - diejenige Persönlichkeit, die in einem wichtigen Kulturbereich Leistungen erbrachte, die von ihrer Mitwelt oder Nachwelt als extrem gut beurteilt wurden. Einig war man sich darin, dass zur Erbringung solcher Leistungen nicht nur überdurchschnittliche Klugheit und Schlauheit, sondern zusätzlich eine Reihe von anderen Persönlichkeitseigenschaften von grundlegender Bedeutung waren. Um die Jahrhundertwende 1900 begann nun mit der Entwicklung und zunehmend stärkeren Anwendung von Intelligenzmessungen eine wissenschaftliche Diskussion, die immer stärker von den tatsächlich erbrachten Leistungen wegführte und das Kriterium des Intelligenzqoutienten zum zentralen Punkt des Hochbegabungsbegriffs machte.

Nur wenige machen sich klar, welche Folgen diese Veränderung gehabt hat. Durch die Bezugnahme auf Ergebnisse von Intelligenztests war es einerseits möglich geworden, schon bei Kindern von Hoch- und Höchstbegabten zu sprechen. Andererseits ist bis heute keineswegs der Beweis erbracht, daß es nur diese Hoch-IQ-Kinder sind, die später herausragenden kulturelle Leistungen erbringen. Die Untersuchungen von Kindern mit Spitzen-IQ-Werten bis 200 (in der Regel mittels Stanford-Binet-Test ermittelt) hat von L. M. Terman über L. S. Hollingworth bis M. U. M. Gross zwar etliche Kinder ermittelt, die später weit überdurchschnittliche akademische Leistungen vorweisen könnten, aber aus den Reihen dieser Kinder sind bis jetzt nicht durchgängig die großen Namen der Naturwissenschaft, der Literatur, Philosophie, Technik, Wirtschaft hervorgegangen. Das Abstellen auf Intelligenztestleistungen als Kriterium höchster Begabung hat den negativen und absurden Effekt gehabt, daß von nicht wenigen in Frage gestellt wird, ob Menschen wie Charles Darwin, Sigmund Freud, Thomas Mann oder Werner von Siemens überhaupt hochbegabt waren, da man schließlich ihren Intelligenzquotienten nicht kenne.

Angesichts dieser Situation ist es sehr erfreulich, daß es auch heute noch - oder wieder - Untersuchungen gibt, die sich mit denjenigen befassen, die durch herausragende Leistungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen besonders hervorgetreten sind. In diesem Zusammenhang ist vor allem auch die Neubearbeitung des Klassikers von Wilhelm Lange-Eichbaum: Genie - Irrsinn und Ruhm (1927) von Wilhelm Ritter zu nennen. Nachdem weitere Auflagen des Originals von Wolfram Kurth bearbeitet wurden, begann Ritter 1985 mit der Veröffentlichung einer völlig neubearbeiten 7. Auflage. Diese 7. Auflage war von Ritter auf zwölf Bände angelegt worden. Als er im Jahr 1993 starb, waren davon elf fertig. Die Bände 10 (Die Erfinder und Entdecker) und 11 (Die Revolutionäre und Sozialreformer) sind 1996 erschienen und stellen mit ihren biographischen und bibliographischen Angaben eine nützliche Grundlage für die weitere Beschäftigung mit kulturellen Höchstleistern dar.

Was ist nun das Besondere an den Hochbegabten? Im Jahr 1863 frischte der italienische Psy-chiater Cesare Lombroso (1836 - 1909) die uralte These auf, zwischen Genialität und Wahnsinn bestehe eine besondere Verbindung. Genies zeichneten sich neben besonderer Begabung durch eine Vielzahl von abnormen Merkmalen aus, sowohl im körperlichen wie im psychischen Bereich. In der Folgezeit entfachte um diese These ein heftiger wissenschaftlicher Streit. Es entstanden zahlreiche Einzelstudien zu herausragenden Persönlichkeiten, die gerade der Frage nachgingen, wie krank und abnorm diese Menschen gewesen seien. Höhepunkt dieser jahrzehntelangen Diskussion, die weit in die Öffentlichkeit hineinwirkte, war in Deutschland das erwähnte Werk des Psychiaters Wilhelm Lange-Eichbaum. Er bejahte im Grunde die These von Lombroso, wies aber zusätzlich immerhin auf die soziologische Bedingtheit des Geniebegriffs hin. Wer sein mit äußerst zahlreichen Literaturhinweisen versehenes Werk liest, erkennt die enorme Einseitigkeit seines Denkens, die ursächlich ist für sein Urteil. Lange-Eichbaum war radikaler Materialist. Das bedeutetet unter anderem, dass schon jede historische Persönlichkeit, die an Gott und überirdische Dinge glaubte, für ihn seelisch krank ist, da sie Illusionen und Halluzinationen erliegt. Kein Wunder, dass in dieser ahistorischen Sicht der Dinge nahezu alle Geistesgrößen schon insofern zu psychisch Kranken abgestempelt werden.

So waren beispielsweise Jesus und Luther für Lange-Eichbaum genauso geisteskrank wie etwa Rudolf Steiner. Da darüberhinaus für ihn - wie in seiner Zeit üblich - das gesellschaftlich Gebotene durchweg auch das medizinisch Gesunde war, galten ihm Abweichungen von der christlich-bürgerlichen Norm als Kennzeichnen von Krankheit. Krankhaft abnorm waren für ihn danach beispielsweise ebenso Homosexualität wie Masturbation, Promiskuität nicht weniger als freiwilliges lebenslanges Zölibat, alkoholische Abstinenz ebenso wie starke Neigung zum Alkohol. Das führte natürlich zu dem verheerenden und im Grunde sozialperversen Bild, dass nahezu alle berühmten Menschen - oder zumindet jemand in ihrer Familie – von ihm als abartig oder geisteskrank klassifiziert wurden. Man könnte über diese Auffassung getrost hinweggehen, wenn sie nicht das Bild der Hochbegabten in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte - bis jetzt - entscheidend mitgeprägt hätte. In einem Punkt dürfte Lange-Eichbaum allerdings richtig liegen: Wenn man Gesundheit unter dem Blickwinkel des ordentlichen Spießbürgers betrachtet, dann sind fast alle Genies „nicht richtig“.

Ritters Fortsetzungswerk ist in dieser Beziehung mit dem Original nicht zu vergleichen, sondern seine Untersuchungen zu zahlreichen Hochbegabten zeichnen sich durchgehend durch wohltuende Differenziertheit aus. Er verschweigt keine Krankheiten, sieht sie aber im Gesamtzusammenhang der Person und auch im Vergleich zu seiner Umwelt. Seine biographischen Analysen ergeben daher im Ergebnis ein völlig anderes Bild als bei Lange-Eichbaum. Die meisten der geschilderten Erfinder und Entdecker (von E. Abbe, R. Amundsen u. Archimedes bis J. Watt und C. Zeiss) waren gesunde Persönlichkeiten. Das gleiche gilt sogar für die Revolutionäre und Sozialreformer (z. B. Bakunin, Dunant, Kolping, Pestalozzi, R. Luxemburg), bei denen man es vielleicht weniger vermuten würde.

Auch wenn sich die These von der besonderen Krankheitsnähe der Hochbegabten längst als fehlerhaft herausgestellt hat, so wäre es fatal, in den umgekehrten Irrtum zu verfallen und besondere geistige Leistungen als Ergebnis lediglich besonders günstiger sozialer Bedingungen zu sehen. Tausende von Studien zu Hoch- und Höchstbegabten haben gezeigt, dass deren große Leistungen in vielen Fällen keinesfalls das Ergebnis günstiger äußerer Umstände sind, sondern oft gegen schwerste soziale – und manchmal eben auch gesundheitliche - Handicaps erbracht wurden.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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