Donnerstag, 13. November 2008

Barack Obama und Reinhold Niebuhr


Von Barack Obama, dem neuen Präsidenten der USA, wird berichtet, er habe einst intensiv Nietzsche gelesen und Reinhold Niebuhr sei einer seiner Lieblingsphilosophen. Dass amerikanische Präsidenten Philosophen kennen, ist erfreulich, wenn auch nicht völlig überraschend. Schon Obamas Vorgänger in dem ehrwürdigen Amt, George W. Bush, wusste einen Lieblingsphilosophen zu nennen: Jesus.

Diejenigen Intellektuellen und weniger Intellektuellen, die gern über den kargen geistigen Horizont George W. Bush spotten, kann man bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass sich Bush mit seiner Nennung von Jesus wenigstens an einen Primärdenker gehalten hat, während Obama anscheinend mit Niebuhr einen christlichen Sekundärdenker vorzieht. Niebuhr ist nicht weniger christlich als Jesus, sondern im Gegenteil noch viel mehr. Niebuhrs deutschamerikanisches Denken ist mit all der christlichen Theologie aufgeladen, die sich erst postjesuanisch im Lauf der Jahrhunderte inflationär entwickelte. Es ist beispielsweise christliches und niebuhrsches Denken zugleich, dass ein maximal nachtragender Gott dem Menschen Jahrtausende lang nicht verziehen hat, dass er so war, wie er war. Auch dass sich in Christus die Geschichte vollendet und neu beginnt, ist zwar christliches und niebuhrsches Denken – ob es jesuanisches Denken ist, ist dagegen eine ganz andere und viel zweifelhaftere Frage. Davon abgesehen: Wenn der historische Jesus ebenso gedacht hätte, würde es überdies die Sache nicht besser machen. Es wäre eine Hybris sondergleichen des galiläischen Juden und Wanderpredigers gewesen, anzunehmen, dass er Mittelpunkt und Endpunkt der Geschichte ist. Wenn man ihm einen solchen Glauben unterstellt, darf man sich nicht wundern, dass ihn neuzeitliche Wissenschaftler in eine Reihe mit seelisch gestörten und psychiatrisch behandlungsbedürftigen Personen stellen, für die es gar nicht so selten kennzeichnend ist, dass sie glauben, Alpha und Omega der Weltgeschichte zu sein. So aber dachte und war der historische Jesus nicht, behauptete Emil G. Hirsch, der große amerikanische Rabbinerphilosoph. Ich glaube, er hatte Recht. Ob Obama diesen Emil G. Hirsch kennt? Ausgeschlossen ist es nicht, da er zu den Pionieren der University of Chicago gehörte, die Obama bekanntlich stark beeinflusste, und auch sein Enkel Edward Levi, Juraprofessor und zeitweiliger Justizminister, dort lehrte.

Um es abzukürzen: Wer Reinhold Niebuhr - an dessen menschlicher Lauterkeit und großem Intellekt man keinen Grund zum Zweifeln hat - zu seinem Lieblingsphilosophen erklärt und seiner christlichen Philosophie applaudiert, der steht insofern weder intellektuell noch moralisch höher als derjenige, der sich unmittelbar auf den Philosophen Jesus beruft.

Riesengestalten

Theodor Däubler (1876 – 1934), in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der bekanntesten deutschsprachigen Dichter, verfasste mit dem „Nordlicht“ ein monumentales Epos von 30 000 Versen, das nicht nur den jungen Juristen Carl Schmitt mitten im Ersten Weltkrieg zu einer Flut von Superlativen hinriss. In Schmitts Monographie „Theodor Däublers ´Nordlicht´. Drei Studien über die Elemente, den Geist und die Aktualität des Werkes“. München 1916) bezeichnet er Däubler nicht nur – wie dies vorher schon Johannes Schlaf getan hatte – als „Epiker des Europäers“, sondern auch als den vielleicht ersten, „in dem die geistige Einheit des Okzidents aus der Sehnsucht zur Erfüllung gelangt ist“. Für Carl Schmitt war das „Nordlicht“ ohne Wenn und Aber „das Gedicht des Okzidents“.

daeubler

In zeitgenössischen Zeugnissen zu Däubler wird immer wieder das Riesenhafte und Außerordentliche seiner Gestalt hervorgehoben und typischerweise verbunden mit einer entsprechenden Sicht seiner Seele und seines Geistes nach dem Motto: Gewaltiger Körper, gewaltiger Geist. Man muss den Eindruck haben, dass sich manche der damaligen Intellektuellen von Grund auf freuten, endlich einmal jemanden zu erleben, dessen Körperlichkeit anscheinend nicht in Widerspruch zu seiner Geistigkeit stand. Der Literaturkritiker und Schriftsteller Paul Fechter (1880 – 1958) gehörte zu denen, die den Halbschwaben Däubler in dieser Form wahrnahmen. In seiner Autobiographie „Menschen und Zeiten. Begegnungen aus fünf Jahrhunderten“ (Gütersloh 1948) schreibt er:

„Theodor Däubler, das war die Abundanz in Person in Person, das Überfließende, Überströmende, alle Form Überlaufende im Äußeren wie im Inneren. Es ging das Riesenmaß seines Leibes in Länge wie in Breite und Rundung weit über Menschliches hinaus. Um mehr als Haupteslänge überragte sein bärtiger Brahmsschädel die Zeitgenossen, und sein Umfang fand nur schwer in einem normal gebauten Sessel Platz.“

Bei Beschreibungen von Däublers körperlicher Erscheinung muss ich immer an den Kieler Studenten und SPD-Nachwuchspolitiker Lars Juister (Jahrgang 1972) denken. Er ist an der Uni Kiel auch als „Die Wucht“ bekannt und dieser Beiname drückt aus, wie Däublers Zeitgenossen den Schriftsteller empfanden. Ich kenne Lars Juister nur vom Sehen und weiß nicht, ob seine geistige Substanz seiner körperlichen entspricht. Mir ist allerdings nichts bekannt, was darauf schließen lassen würde, dass er eine däublersche Seele und däublerschen Geist besitzen würde. Auch insofern zeigt sich, dass die seinerzeitigen Schnellschlüsse von Däublers Riesengestalt auf seinen angeblichen Riesengeist an der Oberfläche blieben.

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