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Freitag, 3. Oktober 2008

Schumpeters Trauerarbeit

Einer der hässlichsten deutschen Begriffe ist der Ausdruck „Trauerarbeit“. Zu den weltweit verbreiteten ethnopsychologischen Klischees – von denen manche durchaus berechtigt sein können - gehört es seit langem, den Deutschen eine besondere Nähe, Liebe und Begabung zur Arbeit zu unterstellen. Wenn es wahr wäre, wäre es keine Schande. Aber muss deswegen jede Lebensäußerung mit „Arbeit“ verbunden sein oder verbunden werden können? Trauerarbeit, Liebesarbeit, Besuchsarbeit, Freizeitarbeit, Todesarbeit, Geburtsarbeit – irgendwann wird es aber der Arbeit zu viel. Oder bedeutet dieses Empfinden bloß, dass man mangelhafte Arbeitsarbeit betreibt? Wird es nicht Zeit, eine Theorie der richtigen Arbeitsarbeit zu entwickeln?

In Annette Schäfers Schumpeter-Biographie erwähnt sie gleich eingangs „die neurotisch anmutende Trauerarbeit um die verstorbene Ehefrau sowie die tote Mutter“. In dem Buch selbst wird dann dargestellt, wie im gleichen Jahr innerhalb von zwei Monaten – Juni bis August – Schumpeters geliebte Mutter starb und einige Wochen später völlig unerwartet im Kindbett Annie Reisinger, seine junge Frau und „die große Liebe in Schumpeters Leben“ sowie ein paar Stunden später auch noch das neugeborene Kind. Schumpeter, dem dreifach das Liebste in seinem Leben genommen wurde, war am Boden zerstört. „Verzweiflung, Depression und Trauer überwältigten ihn“. Ist es das, was die Psychologin Schäfer „neurotisch anmutende Trauerarbeit“ nennt? Dann könnte man sich fragen: Was ist mit der deutschen Psychologie falsch gelaufen, wenn natürlichste Lebensreaktionen als „neurotisch anmutend“ empfunden werden? Müsste diese Wissenschaft nicht zumindest ein wenig Trauerarbeit ob dieser Entwicklung leisten?

Vielleicht meint sie mit neurotischer Trauerarbeit jedoch Schumpeters auch spätere tägliche intensive Erinnerung an seine Frau, die zu ausgiebiger Tagebucharbeit führt, und schließlich zur Vergötterung an Anbetung von verstorbener Frau und Mutter, den nun von Schumpeter so genannten "Hasen". Ob die Charakterisierung als neurotisch dafür passend ist, erscheint mir fraglich, zumal das Gebet an die "Armen Seelen" der Toten im Katholizismus, aus dem Schumpeter hervorging, nicht nur gang und gäbe war, sondern sogar dringend empfohlen wurde. Wenn Schumpeters Trauerarbeit neurotisch war, dann würde generell in der traditionellen katholischen Trauer ein beträchtliches Stück Neurotizismus stecken.

Die Biographin Annette Schäfer schreibt übrigens zum religiösen Hintergrund Schumpeters erstaunlicherweise gar nichts, obwohl doch die Religionszugehörigkeit in der Donaumonarchie - wie in anderen europäischen Staaten - alles andere als unwichtig war.

Carl Schmitt und Joseph A. Schumpeter

Günter Maschke, einer der besten Carl-Schmitt-Kenner überhaupt, hat in seinem höchst lektürewürdigen Beitrag „Der ent-konkretisierte Carl Schmitt und die Besetzung der Rheinlande“ (Neunzehnte ETAPPE, Bonn 2006/2007, S. 34 – 59) auf die Auseinandersetzung Carl Schmitts mit Schumpeters Imperialismus-Theorie aufmerksam gemacht, die Schmitt in seinem Beitrag „Die Rheinlande als Objekt internationaler Politik“ und anderswo intensiv vornimmt. Nicht nur in der Sicht Maschkes sieht es ganz so aus, als sei Carl Schmitts Imperialismus-Begriff viel realitätshaltiger und damit politisch fruchtbarer, brisanter und aktueller als der Schumpeters.

Trotz der wichtigen Auseinandersetzung Schmitts mit Schumpeter wird der Rechtsdenker in der neuen Schumpeter-Biographie von Annette Schäfer „Die Kraft der schöpferischen Zerstörung“ (2008) nicht einziges Mal erwähnt. Und das, obwohl er zeitweise auch mit Schumpeter befreundet war und zweifellos zu den intellektuell herausragendsten Freunden Schumpeters gehörte. Obwohl Carl Schmitt zur Zeit in beinahe aller Intellektuellen Munde ist, sieht man an diesem einen Beispiel, dass er noch weit davon entfernt ist, ausgelotet zu sein.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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