Samstag, 2. August 2008

Nur Menschliches kann unmenschlich sein

Dass etwas dem Menschen eigentümlich ist, heißt noch lange nicht, dass es gut ist. So bezeichnete der große Amos Funkenstein provokativ - aber zu Recht - den Holocaust als "eminently human event" (Perceptions of Jewish History, 1993) und wandte sich damit zugleich gegen das so beliebte Reden von der Nichtbegreifbarkeit des Holocaust: "The Holocaust is neither incomprehensible nor meaningless. It was neither bestial nor indeed pagan."

Motto von Karl Marx war der von Terenz formulierte Gedanke: "Nihil humanum a me alienum puto." Wenn Marx wirklich nichts Menschliches fremd war und wenn der Holocaust tatsächllich "eminently human" war, war dann holocaustisches Denken auch eine Form marxschen Denkens? Hat sich dies am Ende in der blutigen Geschichte des obsiegenden Marxismus niedergeschlagen?

Fast schon untermenschlich wäre es, den Holocaust als übermenschlich anzusehen. Nietzsche wäre so etwas zuzutrauen gewesen.

The last German-Jewish philosopher

Professor David Biale bezeichnet in einem Beitrag über Amos Funkenstein diesen als "the last German-Jewish philosopher". Wie kann man jedoch einen solchen Ausdruck verwenden, solange es noch Deutsche und Juden und jüdische Deutsche und deutsche Juden gibt? Deutsch-jüdische Philosophen wird es vielleicht in 500 Jahren noch - und wieder - geben, wenn es eventuell keine amerikanisch-jüdischen Philosophen mehr gibt. Wem das unwahrscheinlich erscheint, der sei an die alte jüdische Erkenntnis erinnert, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist.

Biale spricht auch davon, dass Funkenstein wahrscheinlich das einzig wirkliche Genie gewesen sei, das ihm begegnete. Eine solche Bemerkung lässt immer aufhorchen. Wenn man jedoch Funkenstein liest, so hat man zwar wenig Zweifel, es mit einem großen Gelehrten zu tun zu haben, aber wo in seinen Schriften ist Genialität zu finden? Wenn er über ein Thema schreibt, so fällt mir - bei aller Anerkennung für sein enormes Wissen - mehr auf, wen und was er übersehen als wen und was er gesehen hat. Kann man beispielsweise ein wirklich überzeugendes umfang- und namenreiches Buch über "Perceptions of Jewish History" schreiben, ohne darin Samuel Hirsch oder Samson R. Hirsch, die konträren großen deutschen Rabbinerphilosophen des 19. Jahrhunderts, auch nur zu erwähnen?

Biale beruft sich bei seiner Charakterisierung Funkensteins als "genius" allerdings auch weniger auf dessen Werk als auf den außergewöhnlichen persönlichen Eindruck, den Funkenstein offenbar gemacht hat. Aus den Nachrufen zu schließen, scheint er seine akademische Umwelt vor allem dadurch enorm beeindruckt zu haben, dass er auch lange Zeit nach ihrer Lektüre umfangreiche Passagen in verschiedenen Sprachen - Latein, Deutsch, Französisch zum Beispiel - auswendig zitieren konnte. Das ist in der Tat beeindruckend und es deutet in der Tat – wie es auch Biale sieht - auf ein fotographisches Gedächtnis hin - etwas, das zu allen Zeiten auf Bewunderung gestoßen ist und bei den unterschiedlichsten Personen - von Leonhard Euler bis zu John von Neumann - dazu beigetragen hat, in den Geruch der Genialität zu kommen. Aber es gibt auch zahlreiche nichtgeniale Menschen mit fotographischem Gedächtnis – ein solches allein ist – wie man bei Hitler sieht – noch kein Beweis für Genialiät. Diese muss sich vielmehr in dem zeigen, was man mit seinem exzellenten Gedächtnis macht und wie man die Inhalte des Bewusstseins kombiniert.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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