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Montag, 28. Juli 2008

Carl Schmitt und Moritz Bernstein

Wenn man auf den Lebensgang besonders intelligenter und kreativer Menschen einwirkt, können selbst private Entscheidungen den Lauf der Geschichte leicht und stark beeinflussen. Hätte infolge dieser oder jener Begebenheit das Leben Napoleons, Nietzsches oder Nabokovs eine andere Wendung genommen, wäre die Geschichte und speziell die Geschichte der Kultur anders verlaufen. Es gibt Grund zur Annahme, dass auch der ansonsten unbekannte Arzt Moritz Bernstein auf diese Weise in den Lauf des Weltdenkens eingegriffen hat. Bernstein war Jude und blieb es - zumindest nach orthodox jüdischer - Auffassung auch, als er vor seiner Hochzeit zum Protestantismus übertrat. Moritz Bernstein hatte vor dem Ersten Weltkrieg gute Aussichten, Schwiegervater jenes nun ein Jahrhundert später weltberühmten Carl Schmitt zu werden, der sich – geblendet von welchem Gott? – in den Irrgärten des Antisemitismus verlief. Als Schmitt noch sehr jung war, verliebte er sich in Bernsteins musikalische Tochter Helene. Hätte Doktor Bernstein die Größe und Weitsicht besessen, den angehenden Juristen Schmitt nicht wegen dessen damaliger Mittellosigkeit zurückzuweisen, dann hätte dieser womöglich nicht nur alsbald lustvoll auf den Körper dieser jüdischstämmigen Protestantin ejakuliert statt – wie er in seinem Tagebuch festhielt – auf den seiner geliebten betrügerischen Cari, sondern die familiäre und emotionale Bindung zu einer – Konversion hin oder her – unzweifelhaft als Jüdin wahrgenommenen Frau hätte sein Denken dauerhaft in eine Richtung lenken können, die Lichtjahre entfernt ist von jener antijudaistischen Paranoia, wie sie irgendwann für Schmitt kennzeichnend wurde und wie sie am absurdesten in seinen Bemerkungen über Friedrich Julius Stahl nach außen tritt.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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