Dass zu denjenigen, die Ernst Jünger schätzen, bedeutende demokratische Politiker gehörten und gehören, ist der interessierten Öffentlichkeit wohl allerspätestens durch die Besuche Kohls und Mitterands bei dem uralten Jünger deutlich geworden. Trotzdem wird die Anzahl dieser politischen Jünger-Verehrer vermutlich immer noch unterschätzt. Zu denen, die in dieser Hinsicht selten genannt werden, gehört der frühere deutsche Wirtschaftsminister Karl Schiller. In seiner Biographie: Karl Schiller (1911 – 1994). ´“Superminister“ Willy Brandts (Bonn 2007) berichtet Torben Lütjen, dass Ernst Jünger zu den Lieblingsautoren des Ökonomie-Professors und SPD-Politikers gehörte.
„Er liebte schon in jener Zeit die Werke von Ernst Jünger, vor allem dessen Kriegserzählungen, und ließ sich sich die Leidenschaft für diesen unter Sozialdemokraten völlig verpönten Künstler später auch nicht vom ebenso bewunderten Günter Grass ausreden. Jünger hatte den durch das Kriegserlebnis hervorgerufenen Triumph der menschlichen Triebkräfte gegen die Ratio gefeiert. Die Eingeweide seien stets der bessere Ratgeber als das Gehirn, besonnenes Verhalten galt ihm als Zeichen von Schwäche.“
Lütjen versäumt bei seiner undifferenzierten Erwähnung Jüngers nicht, darauf hinzuweisen, dass Schillers politische Ansichten mit denen von Ernst Jünger „nicht viel gemein“ hatten. „Aber die Faszination durch die Barbarei, der Versuch, der ständigen Gängelung durch den ´zivilisierten´ Verstand zu entkommen, war ihm durchaus nicht fremd.“
Später betont Lütjen noch einmal: „Schiller war in Jugendtagen ein großer Ernst-Jünger-Fan gewesen“, wobei allerdings seine eigenen oben zitierten Ausführungen zeigen, dass Schiller auch noch in Erwachsenentagen ein Jünger-Verteidiger blieb, also in jenen Jahren beispielsweise, als er für die „Hundejahre“ von Grass Lektoratsaufgaben übernahm und auf diese Weise eine Jünger-Grass-Verbindung ganz eigener Art herstellte.
gregorbrand - 26. Mai, 13:08