Samstag, 17. Mai 2008

Die Rückkehr der "Zigeuner"

Der Ausdruck „Zigeuner“ ist seit einigen Jahrzehnten in Deutschland, zumindest in Westdeutschland, verpönt und gilt weithin als politisch inkorrekt. Die vormals „Zigeuner“ Genannten sind überwiegend zu „Sinti und Roma“ geworden – ein weiteres Beispiel für den gerade auch in Deutschland verbreiteten Irrglauben, durch Änderung der Bezeichnung eine Änderung in der Auffassung des Bezeichneten herbeiführen zu können. Dabei wird immer wieder übersehen, dass sich bei bloßen Begriffsänderungen die hergebrachten Vorstellungen schnell auf den neuen Begriff übertragen und man außer einem veränderten Ausdruck nichts gewonnen hat. Oder doch? Immerhin eröffnen solche Begriffsänderungen die anscheinend verführerische Möglichkeit, zwischen angeblich „Fortschrittlichen“ - die in Wirklichkeit lediglich solche Wortverschiebungen unkritisch mitmachen - und scheinbar „Rückständigen“ zu differenzieren und sich selbst damit als progressiv zu positionieren. So hat man beispielsweise, was den speziellen Fall der Gypsies angeht, den kenntnisreichen und lobenswert eigenständig denkenden Intelligenztheoretiker Volkmar Weiss deswegen angegriffen, weil er in seinem Buch „Die IQ-Falle“ eben diesen Ausdruck „Zigeuner“ gebraucht hat statt konformistisch und zeitgemäß von „Sinti und Roma“ zu schreiben.

Um so erstaunlicher ist es, dass es langsam immer mehr Menschen zu dämmern beginnt, wie überflüssig solche politterminologischen Korrekturen sind. Jüngstes erfreuliches Beispiel dafür ist der FAZ-Artikel (16. Mai 2008) „Wütende Italiener attackieren Roma-Lager“, indem sich der sprachhistorisch bemerkenswerte Satz findet: „In den vergangenen Tagen ist es in Italien mehrmals zu Übergriffen gegen Zigeuner gekommen.“ Vielleicht wird allmählich immer mehr Menschen klar, dass das Problem, ob es gegen die besagte Ethnie und Kultur zu Über- oder Untergriffen kommt, in keiner Weise davon abhängt, ob es sich um „Zigeuner“ oder „Sinti und Roma“ handelt.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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