Sonntag, 20. April 2008

Antipolygamismus und amerikanischer Justizterror

Es ist erschreckend, wie unkritisch und bisweilen sogar hetzerisch-hysterisch in den vergangenen Wochen das rechtsstaatswidrige und rechtsstaatsunwürdige Vorgehen der amerikanisch-texanischen Behörden im Fall der so genannten Polygamistensekte „Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ von Teilen der deutschen Medien dargestellt wird. Da wurde lediglich aufgrund eines angeblichen Anrufs einer - Wochen später immer noch nicht ermittelten und identifizierten! - angeblichen Jugendlichen eine Großrazzia gestartet, bei der Hunderte von weinenden Kindern gewaltsam von ihren Müttern und Vätern getrennt und „in staatliche Obhut“ gebracht wurden. Dabei ist weder der auslösende angebliche Missbrauch in diesem Einzelfall bewiesen noch gar generell vor Gericht geklärt worden, dass all diese Kinder in Gefahr waren. Man braucht nur ein Mindestmaß an Menschenkenntnis zu haben, um zu begreifen, dass durch diese unverhältnismäßigen staatlichen Gewaltakte den Kindern und ihren Eltern mit Sicherheit tief traumatische Erlebnisse zugefügt werden. Das barbarische und menschenrechtsverletzende Vorgehen der US-Behörden bei dieser Aktion steht anerkannt menschenrechtswidrigen staatlichen Kindeswegnahmen, wie sie früher etwa gegenüber australischen Aborigines üblich waren, an Unrechtmäßigkeit nicht nach und müsste eigentlich schärfste Proteste nach sich ziehen. Statt dessen schreibt beispielsweise die FAZ, die noch zu den positiven Erscheinungen bei dieser Berichterstattung gehört, zu einem Foto dieser Kinder naiv und verharmlosend euphemistisch: „Die von der Sekten-Ranch in Texas befreiten Kinder und Jugendlichen sind nun in staatlicher Obhut“. Angesichts eines gewaltsamen Familienauseinanderreißens auf bloßen Verdacht hin und ohne jede überzeugende Grundlage und in Anbetracht von massenhafter hoheitlicher Kindesentführung und Kindesentziehung von „Befreiung“ zu reden, zeugt allerdings auch von bemerkenswerter Oberflächlichkeit und Uneinfühlsamkeit gegenüber dem Schicksal der beteiligten Kinder und Eltern.

Etwa zur gleichen Zeit, wo Kinder einer kleinen Glaubensgemeinschaft ihren verzweifelten Eltern weggenommen werden, ohne dass – um es noch einmal zu betonen - bei all diesen Wegnahmen auch nur ein einziger Fall gerichtlich überprüft, geschweige denn nachgewiesen ist, wird vom gleichen Staat das Oberhaupt einer Großkirche, die für vieltausendfachen nachgewiesenen Kindesmissbrauch durch offizielle Vertreter ihrer Religion bekannt und verantwortlich ist, mit höchsten Ehren vom frömmelnden Kriegspräsidenten empfangen. Würde die amerikanische Justiz gegenüber der katholischen Kirche die gleichen - zu missbilligenden! - Maßstäbe und Methoden anwenden wie gegenüber den mormonischen Polygamisten, dann hätte sie längst deren Priesterseminare schließen müssen.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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