Montag, 17. März 2008

Der Chinese aus Königsberg

„Der Chinese aus Königsberg“ – so nannte Nietzsche einmal abfällig den Denker, der nach wie vor weltweit vielen als bedeutendster deutscher Philosoph überhaupt gilt: Immanuel Kant. Das heutige Chinesen-Bild der Deutschen ist nicht mehr das gleiche wie zu Nietzsches Zeiten. Chinesen gelten zwar immer noch als fleißig, aber man verbindet mit ihnen nicht mehr ohne weiteres Friedfertigkeit, Harmlosigkeit, Schicksalsergebenheit, unendliche Duldsamkeit – mit anderen Worten: Chinesen werden keineswegs mehr nahezu ausschließlich als Menschen unkämpferischer Passivität wahrgenommen. Sie erscheinen vielmehr auch als weltzugewandt, tatkräftig, dynamisch, durchsetzungsfähig. Insofern kann man mit Fug und Recht annehmen, dass ein heutiger Nietzsche seinen Konkurrenten Kant nicht mehr so bezeichnen würde, wie es der reale Nietzsche vor mehr als 100 Jahren tat. Die Ironie dabei ist, dass das aktuelle Chinesen-Image dem Königsberger Denker weit besser entsprechen würde als es das europäische Vorurteil des 19. Jahrhunderts je tat.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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