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Freitag, 21. Dezember 2007

Talmudisches Wissen und Pflicht

Wenn, wie fromme Juden nicht ohne Grund behaupten, im Talmud sehr bedeutsame und wichtige Dinge an – und ausgesprochen wurden, warum haben dann gerade die Amoraim und Tannaim so wenig Wert darauf gelegt, diese Einsichten zu verbreiten, vor allen Dingen auch über den jüdischen Kosmos hinaus? Warum haben sie aramäisch geschrieben und nicht für lateinische und griechische Übersetzungen gesorgt, wo sie doch sie gewiss davon ausgehen konnten, dass sie ansonsten außerhalb der jüdischen Welt nicht verstanden werden? Hätten sie nicht eine moralische Pflicht gehabt, sich auch den Heiden verständlich zu machen? Man muss den Talmudverfassern allerdings zugeben, dass eine Pflicht zur Vermittlung von Wissen dann nicht besteht, wenn man diese Vermittlung ohnehin für aussichtslos und erfolglos hält. Zudem ist es auch heute noch nicht zu spät, orthodoxe Juden darauf aufmerksam zu machen, dass das, was sie von Gott, seinen Geboten und der Welt zu sagen haben, nicht nur bei hebräisch Verstehenden auf fruchtbaren Boden fallen kann. Wenn man sie davon überzeugt hätte, dann sähe es mit der Verpflichtung zur Verbreitung talmudischen Wissens schon anders aus.

Frühes Begabungsbewusstsein

Der britische Schriftsteller und Politiker Baron Edward Bulwer-Lytton (1803 - 1873) stellte einmal fest, dass er sich an keine Zeit erinnern könne, in der er nicht die ruhige und vertraute Überzeugung gehabt habe, dass er eines Tages eine bekannte Persönlichkeit sein und etwas Großes leisten werde. Bei vielen anderen hervorragenden Menschen wird dieses Bewusstsein von Bedeutung ebenfalls vorhanden gewesen sein. Ist es nicht im Grunde höchst faszinierend, dass Menschen bisweilen schon mit zehn oder zwölf Jahren ahnen können, dass man sie viele Jahrzehnte später im positiven Sinn als außergewöhnlich ansehen wird? Es ist faszinierend, aber nicht unbegreiflich. Abgesehen davon: Einen entschiedenden Haken hat dieses frühe Genialitätsbewusstsein, der uns daran hindert, dieses Gefühl als zuverlässiges objektives Indiz für außergewöhnliche Begabung zu nehmen: Es kommt gar nicht so selten auch bei solchen Menschen vor, denen zu Recht nie eine entsprechende Beurteilung von anderen zugesprochen wird. Zum anderen gibt es schließlich auch höchstbegabte Menschen, die eigentlich nie glauben konnten und geglaubt haben, dass sie von der Nachwelt – von der Mitwelt ganz zu schweigen - zu den geistig Großen gezählt würden. Kafka und Kleist gehören vermutlich zu dieser Gruppe.

Danach gefragt würden die meisten Kinder von der Begabung eines Bulwer-Lytton ihre außerordentlich hohe Selbsteinschätzung vermutlich nur ungern zugeben und sich mit derartigen Äußerungen zurückhalten. Sie ahnen oft schon früh, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn sich besondere Begabung über viele Jahre im Halbdunkel entfalten kann - zwar intelligenten Aufmerksamen erkennbar und nicht völlig verborgen, aber auch nicht im zu grellen Licht allzu großer fremder Beachtung stehend.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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