Freitag, 14. Dezember 2007

Sieg über Paul de Lagarde. Eine Rezension.

Der Berliner Oberlehrersohn und Orientalist Paul Bötticher (1827 – 1891), der nach der Adoption durch eine Großtante Paul de Lagarde hieß, ist vor der Veröffentlichung der Biographie von Ulrich Sieg nur noch wenigen bekannt gewesen. Und von diesen wussten die meisten wohl kaum mehr über ihn, als dass er ein bekannter Antisemit gewesen sein soll. Bis 1945 sah es mit der Prominenz und kulturellen Virulenz de Lagardes grundlegend anders aus. Spätestens seit der Veröffentlichung seines weltanschaulichen Hauptwerkes „Deutsche Schriften“ , in dem er sowohl Staat und Gesellschaft als vor allem auch Christentum und Judentum heftigster Kritik unterzog und für eine nationale Religion plädierte, wurde er zu einem auch von bedeutenden Persönlichkeiten geschätzten Ideologen. Der unter Altphilologen und Historikern international berühmte Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff verglich – man mag es heute kaum glauben - Lagarde in seiner Grabrede mit großen Philosophen wie Parmenides oder Fichte. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fand das publizistische Werk Lagardes, eines in Göttinger dozierenden Spezialisten für Sprachen und Kultur des Nahen Ostens, die Aufmerksamkeit von Dichtern wie Christian Morgenstern und Thomas Mann, kurz: Er gehörte zum Kanon bürgerlicher Intellektueller.

Sein deutscher Ruhm stieg weiter an, als er von den Ideologen des Dritten Reiches als als einer der wichtigsten Vordenker des Nationalsozialismus gefeiert wurde. Adolf Hitler selbst hat Lagardes politisch-ideologisches Hauptwerk – die bereits genannten „Deutsche Schriften“ aufmerksam gelesen - und mit vielen Unterstreichungen versehen, wie der Historiker Sieg nun in seiner Biographie erstmals hochinteressant und ausführlich dokumentiert. Die Berücksichtigung dieser Lese-Erfahrung Hitlers unter Verwendung der spärlich erhaltenen Reste von Hitlers Bibliothek gehört zu den nicht geringen Verdiensten Siegs bei seiner Lagarde-Biographie. Einschränkend muss dazu allerdings festgestellt werden, dass Siegs Kommentare zu den Anstreichungen Hitlers rein spekulativ sind. Niemand, auch Ulrich Sieg nicht, weiß bisher, was Unterstreichungen Hitlers unter bestimmte Sätze zu bedeuten haben. Sie können ebenso Zustimmungen zu den Ausführungen Lagardes signalisieren wie auch Ablehnung. Dass Hitler sich anscheinend besonders für wissenschaftliche Passagen im Werk Lagardes interessiert hat, kann zwar einerseits gedeutet werden – wie Sieg dies tut - , als habe sich Hitler wissenschaftlich munitionieren wollen, es kann aber auch ein genuines wissenschaftliches Eigeninteresse des Braunauers an dieser Thematik widerspiegeln.

Dass ein von den Nationalsozialisten gefeierter Denker eine objektive und unverzerrte Darstellung erhält, ist nicht selbstverständlich. Ulrich Sieg hat sich unverkennbar um eine solche Darstellung bemüht und sie ist ihm auch überwiegend gelungen. Vermutlich war sein Bemühen um Objektivität sogar der Grund dafür, dass er Lagardes geistige Leistungen zu unkritisch betrachtet. Ausführlich, aber durchaus nicht langatmig, schildert Ulrich Sieg den Lebensweg des intelligenten Paul Bötticher, der bereits in der Schule mit seiner Sprachbegabung brillierte und später ein ungemein produktiver und kenntnisreicher Orientalist wurde. Ergänzt wird diese Lebensbeschreibung durch eine Darstellung der Wirkungsgeschichte von Lagardes Werk, die lange vor der NS-Zeit begann und dann mit dem Jahr 1945 abrupt fast völlig abgebrochen wurde. Siegs detaillierte Darstellung bringt es geradezu zwangsläufig mit sich, dass der Leser auch über wichtige politische und ideengeschichtliche Ereignisse und Tendenzen informiert wird, die sich zu und seit Lagardes Zeit in Deutschland vollzogen haben.

Geringfügig getrübt wird der Wert der wichtigen Biographie allerdings dann, wenn der Historiker Sieg sich in psychologische und psychoanalytische Spekulationen einlässt. Dass der sehr frühe Tod der Mutter – 12 Tage nach Pauls Geburt – in Verbindung mit einer strengen und gefühlskalten Erziehung durch den frömmelnden Vater sich nicht günstig auf Lagardes Psyche ausgewirkt hat, ist noch ohne weiteres nachzuvollziehen. Rein spekulativ und geradezu widersprüchlich sind aber beispielsweise die Ausführungen zu Lagardes Kinderlosigkeit, wobei hier der nahe liegendste Grund – biologisdche Unfruchtbarkeit – erstaunlicherweise gar nicht weiter in Betracht gezogen wird.

Im Grunde wird auch nicht genau deutlich, in welcher Weise der vor allem als Judenfeind berühmte Lagarde als Antisemit zu bezeichnen ist. Zwar gibt es von dem groben Polemiker höchst abwertende und abstoßende Urteile von ihm über Juden, aber solche formulierte er auch – um nur diese zu nennen - gegenüber anderen Nationalitäten wie Ungarn und Iren oder anderen Religionsgemeinschaften wie Protestanten und Katholiken. Der nicht nur antijüdische , sondern auch antichristliche Lagarde forderte ausdrücklich: „Ultramontanismus und …Protestantismus müssen vernichtet werden …“. Lagarde war – wie immer wieder deutlcih wird - kein Freund des Floretts, sondern zog den Säbel vor, wobei er eine Vorliebe für zoologische Ausdrücke hatte. – nicht nur in stilistischer, sondern auch in denkerischer Hinsicht. Einfache Bürger bezeichnete er despektierlich als „rauchende Pithekoiden“, Journalisten als „Reptilien“ und Literaten waren für ihn eine schlicht eine „Wasserpest“. Eine derartige Ausdrucksweise erschwert es natürlich, ihn schon deswegen als Antisemiten zu qualifizieren, weil er Juden mit „Bakterien“ vergleicht. Zudem äußerte und verhielt sich Lagarde gegenüber einzelnen Juden – etwa gegenüber dem Midraschforscher Salomon Buber, dem Großvater Martin Bubers – durchaus freundlich und positiv, was genausowenig zu dem gängigen Bild des rabiaten Antisemiten passt wie seine Überlegung, Juden ins Deutschtum eingliedern zu können. Ulrich Sieg ist sich dieser Problematik durchaus bewusst und schreibt treuherzig zu Lagardes Antisemitismus: „Es ist gar nicht so einfach, diesen auf eine schlüssige Formel zu bringen.“ Trotz dieser Schwierigkeit hält Sieg aber - zu Recht! - an Lagardes Antisemitismus fest. Dessen seltsam groteske Fehlurteile über Juden – etwa, wenn er meint, jüdische Schüler blieben nach der Pubertät intellektuell gegenüber deutschen zurück – können schließlich nicht mehr mit religiösem Antijudaismus erklärt werden.

Lagardes ideologische Wirkung lag, wie Sieg nachweist, zum Teil an einer geschickten Selbstinszenierung als prophetischer Außenseiter, zum Teil an einer klugen „Werkpolitik“ (Steffen Martus) hinsichtlich seiner Veröffentlichungen, zum größten Teil aber wohl daran, dass er ein treffliches Sprachrohr für ohnehin wachsende völkische und antijüdische Tendenzen in Teilen der Bevölkerung und gerade auch der akademischen Elite war. Seine Radikalität als Kritiker der politischen und kulturellen Verhältnisse seiner Zeit fand bei vielen Unzufriedenen einen aufnahmebereiten Nährboden. Ausführlich prangerte er beispielsweise Missstände des damaligen deutschen Bildungssystems an und machte Vorschläge zu ihrer Behebung.

Sieg hebt sich mit seioner differenzierenden Darstellung wohltuend von all denen ab, die Lagarde auf eine intellektuelle Beschränktheit festlegen wollen, die bei ihm durchaus nicht vorlag. Dies bedeutet natürlich keineswegs, dass dieser eigenwillige Hochleistungskopf mit seinen bildungsgesättigten Räsonnements und Ressentiments im Ergebnis immer – oder auch nur überwiegend richtig lag. Siegs Schilderung des lagardeschen Charakters legt es allerdings nahe, dass die Irrtümer Lagardes weniger seinem Intellekt als seiner teilweise tragischen psychologischen Verfasstheit zuzuschreiben sind.

Insgesamt ist das enorme Verdienst Ulrich Siegs festzuhalten, den Lebensgang einer Persönlichkeit umfassend nachzuzeichnen, deren Werk im geistigen Leben Deutschlands etwa ein halbes Jahrhundert lang eine beträchtliche und verhängnisvolle Präsenz entwickelte. Das Einzige, was man Siegs Biographie wirklich vorwerfen kann, ist, dass er – oder sein Verlag - mit dem griffigen Ausdruck „Deutschlands Prophet“ eine theatralische Überschrift gewählt hat, die zwar der Stilisierung Lagardes im untergehenden Kaiserreich und im Nationalsozialismus – vor allem durch Alfred Rosenberg – entspricht, die aber der tatsächlichen letztlich geringen denkerisch-moralischen Substanz und Bedeutung Paul de Lagardes Hohn spricht.

Ulrich Sieg. Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus. München: Carl Hanser. 2007

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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