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Samstag, 17. November 2007

Ernst Georg Jünger und die Menschenzüchtung

Heimo Schwilk zitiert in seiner Ernst-Jünger-Biographie aus einem Brief von dessen Vater, in dem dieser dem Sohn gut gemeinte Ratschläge zur richtigen Wahl der Frau gibt. Ernst Georg Jünger schreibt darin unter anderem, der Sohn solle darauf achten, dass die Frau nicht krank sei. Wie so viele seiner deutschen Zeitgenossen gehen dem Vater bei der Frage der richtigen Gattenwahl Zuchtgedanken durch den Kopf: „Jeder Bauer nimmt sich zur Zucht prämierte Eltern“ meint Vater Jünger, wobei er darin offenkundig ein nachahmenswertes Vorbild sieht.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass ein so intelligenter Mann wie dieser Chemiker gegenüber seinem nicht minder intelligenten Sohn mit einem solchen fragwürdigen Hinweis argumentiert. Immerhin bezieht sich der Hinweis mit den angeblich bäuerlichen Zuchtpraktiken auf die Auswahl von tierischen Partnern, nicht auf die von Menschen. Neben diesem Hinweis hätte der Sohn dem Vater entgegenhalten können, dass die Bauern selbst bei ihrer Partnerwahl nach anderen Grundsätzen vorgehen, als sie es bei ihren Tieren praktizieren. Auch gute Viehzüchter unter den Bauern wählen sich ihre Ehepartner nur ausnahmsweise nach züchterischen Gesichtspunkten. Worauf der Vater ihm wiederum hätte entgegnen können: Ja, leider – und das Ergebnis sieht man in vielen Dörfern der Bevölkerung an.

Etwa zur gleichen Zeit wie Ernst Georg Jünger hat der seinerzeit sehr bekannte Schriftsteller Gustav Frenssen in seinen „Grübeleien“ ebenfalls darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig züchterische Aspekte bei der Gattenwahl seien. Zugleich war ihm, der aus einem Dithmarscher Dorf stammte und lange Jahre als Pastor unter der Dorfbevölkerung lebte, sehr bewusst, dass solche Aspekte bei den Bauern allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Frenssen wies öfters beinahe beschwörend darauf hin, dass dies immer schädliche und traurig machende Folgen nach sich zieht.

Menschenzuchtgedanken waren in Jüngers ersten Lebensjahrzehnten en vogue. Um nur einige – wichtige – Beispiele zu nennen: Im „Archiv für Wirtschafts- und Sozialphilosophie (6. Band) hatte der Soziologe Alfred Vierkandt schon 1912 über „Rationelle Menschenzucht“ geschrieben, wobei er sich mit dem Werk des jüdischen Wiener Schriftstellers und Soziologen Rudolph Goldscheid über „Höherentwicklung und Menschenökonomie. Grundlegung der Sozialbiologie“ auseinandersetzte. Menschenzüchterische und kulturbiologische Gedanken spielten auch bei Goldscheids Landsmann und Mitvordenker der Soziobiologie, dem Philosophen Christian von Ehrenfels, eine zentrale Rolle.

Ernst Jüngers Vater war also jedenfalls mit seinem brieflichen züchterischen Ratschlag, der heute manchen seltsam anmuten mag, auf der Höhe seiner Zeit.

Paul de Lagarde - der blinde "Seher"

Der 2007 von Ulrich Sieg mit einer viel beachteten Biographie gewürdigte Oberlehrersohn Paul de Lagarde (1827 - 1891) ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man vor hundert Jahren im Grunde allein durch einen sich intellektuell gebenden Antisemitismus berühmt werden konnte. Denn womit sonst könnte sich Lagarde – sieht man einmal von seinen orientalistischen Spezialveröffentlichungen ab – sich Ruhm verdient haben? In seinen so stark beachteten „Deutschen Schriften“ schreibt er zwar selbstbewusst zu allen möglichen Themen – aber durchweg voller Unwissenheit und bemerkenswerter Oberflächlichkeit. Meistens wird nur darauf hingewiesen, wie ignorant Lagarde sich gegenüber dem Judentum geäußert hat; dabei wird übersehen, dass sein Urteil über andere kulturelle Erscheinungen in keiner Weise fundierter war. So ist für ihn die ruhmreiche Edda, auf die die Isländer und andere Germanennachfahren zu Recht stolz sind, nichts als „der krankhafte Missverstand einer gelehrten, dem germanischen Volke aufgezwungenen Symbolsprache“ . Und weil er schon mal dabei ist, höhnt er über die Veden, das ehrwürdig-heilige Dokument der indischen – und indoarischen – Kultur, in gleicher Weise: „Und bei den Veden wird es nur dem Grunde nach anders sein.“

Für Lagarde sind nicht nur diese hochkulturellen Schöpfungen, die von vielen Fachleuten zu den großartigsten geistigen Leistungen indoeuropäischer Völker gezählt werden, krankhaft, sondern krank sind für ihn auch all die Völker, die heute noch so leben wie ihre Vorfahren vor Hunderten oder Tausenden von Jahren. Er bezeichnet diese Menschen als „historisch rachitisch, nicht Typen uralter Gesundheit, sondern bemitleidenswerte Ergebnisse uralter Krankheit“ . Diese Einschätzung ist geradezu grotesk, wenn man bedenkt, dass – wie Weston Price dokumentiert hat – diese Völker sich bis zur Übernahme moderner Ernährungsverhältnisse in der Regel einer ganz ausgezeichneten physischen und psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit erfreuten. Wenn jemand gesundheitlich bemitleidenswert war, dann waren es hundertmal eher die pest-, typhus-, cholera-, tubekulose-, alkoholismus- und pockengeplagten Europäer als die sogar von Krebs weitgehend verschonten von Lagarde ahnungslos als „ungeschichtlich“ bezeichneten Völker.

Naturwissenschaftliche Kenntnisse allgemein und biologische im Besonderen waren nicht Lagardes Sache. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten – ähnlich Nietzsche – besserwisserisch biologistische Thesen zu verkünden. So führt er das angebliche physische Übergewicht der Juden über andere Nationen letztlich auf die nur mehrhundertjährige Lebensweise ihrer Vorfahren vor Tausenden von Jahren zurück, speziell auf jenen „vermutlich von dem Fischessen im Nildelta herrührende(n) Überreichtum an Albumim im jüdischen Blut“. Hat kein Volk außer den Juden Fisch gegessen? Und das über unvergleichlich längere Zeiträume? Gibt Fischessen eine physische Kraft, die sich vererbt?
Wenn Lagarde vom jüdischen „Fürstengeschlecht“ der „Aharoniden“ schreibt, es sei noch heute positiv zu spüren, dass diese damals durch ihre amtliche Stellung „so viel Opferfleisch“ bekommen hätten, so ist das nicht nur biologisch absurd, sondern zeigt auch anderweitig seine Unkenntnis: Die Kohanim, die man als Nachkommen Aarons noch mit einigem Recht als Aharoniden bezeichnen könnte, waren – im Gegensatz zu den Davididen, den Nachkommen David - ein Priester-, aber kein Fürstengeschlecht.

Nicht nur, was angeblich ungeschichtliche Völker und die Juden betrifft: Lagardes Völkerverachtung und Kulturignoranz gehen weit darüber hinaus. So nimmt er beispielsweise auch die Ungarn/Magyaren - und Türken ins Visier. Bei beiden kann er keinerlei Geist erkennen und kommt zu dem Schluss, man könne beide lediglich für "Schlacken einer Nation" halten und sie seien zu nichts gut, "als den Weg zu bessern, auf dem andere Nationen einherziehen werden." Über die beiden genannten Völkerschaften hinaus erweitert Lagarde sein brutales geschichtsphilosophisches Verdammungsurteil noch beträchtlich:

"Magyaren, Tschechen, und was an ähnlichen Nationalitäten unter dem Zepter Österreichs lebt, sind eine Last für die Geschichte: sie können aber als Legierung eines edleren, nur zu weichen Metalls die ersprießlichen Dienste leisten."

Von Lagardes Vorurteilen und historischer Unkenntnis bleiben auch Persönlichkeiten der deutschen Geschichte nicht verschont. Ohne im geringsten über deren Genealogie Bescheid zu wissen, statuiert Lagarde, dass Leibniz und Lessing sicher Slawen gewesen seien. Händel sei „als Sohn eines Halloren …ein Kelte, Kants Vater war ein Schotte“. Wer Händel für einen Kelten hält, weil Halle eine ursprünglich keltische Siedlung war, der muss auch jeden Sohn Chicagos oder Manhattans für Indianer halten, weil dies ursprünglich einmal indianische Siedlungen waren. Man könnte sich fragen, was wohl der auf seine "germanische" Erscheinung stolze SS-Mann Heydrich dazu gesagt hätte, wenn man ihn – der ebenfalls Hallenser war - unter Hinweis auf Lagarde zum Kelten erklärt hätte. Hätte er sich seinen Ärger verkniffen, weil Lagarde im Dritten Reich – nach wirkungsvoller Vorarbeit im späten Kaiserreich - zu den ganz großen Denkern und Sehern hochgejubelt wurde?

Stand es mit Lagardes Klugheit denn wenigstens in anderer Hinsicht besser? War sein politisch-ökonomisches Urteil sicherer? Dazu hier nur ein Satz von ihm, ebenfalls aus den „Deutschen Schriften“:

„Nur der Ackerbau, die Viehzucht und der Handel können Deutschland reich machen, nicht die Industrie.“

Vermutlich gibt es heute noch in Deutschland Leute, die sich über des Amerikaners Morgenthau Agrarisierungspläne für Deutschland zutiefst empören können, aber Lagarde als großen Deutschen betrachten, obwohl der doch nichts weniger als eine Entindustrialisierung Deutschlands forderte.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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