Mittwoch, 10. Oktober 2007

Nobelpreis für Gerhard Ertl

Einen Tag, nachdem der Physiknobelpreis 2007 dem deutschen Physiker Peter Grünberg zuerkannt wurde, haben die Deutschen, die seit mehr als einem halben Jahrtausend – eine enorme und bewundernswert lange Zeitspanne im Leben von Kulturen - Forscher von Weltrang hervorbringen, Grund, sich über einen weiteren Nobelpreisträger zu freuen: Gerhard Ertl erhielt an seinem Geburtstag den Nobelpreis für Chemie – ein wahrlich überragendes Geschenk.
Für die „Frankfurter Allgemeine“ ist der Physiker Peter Grünberg ein „wahrer Nationalheld“. Diese verdiente hoch ehrende Bezeichnung sollte auch für Gerhard Ertl gelten, und ein solches Lob ist der richtige Weg, in Deutschland wieder den Stolz auf herausragende geistige Leistungen zu wecken, der selbst eine motivierende Mitursache sein kann, solche Leistungen hervorzubringen.
Der deutsche wissenschaftliche Nobelpreistriumph des Jahres 2007 wird, was noch kaum aufgefallen ist, dadurch verstärkt, dass der amerikanische Medizin-Nobelpreisträger Mario Capecchi auch deutscher Abstammung ist: Sein mütterlicher Großvater ist der deutsche Archäologe Walter Ramberg. Walter Ramberg fiel als Soldat des Ersten Weltkriegs am 17. November 1914 bei Ypres/Flandern.


ypres
Zerstörter Wald bei Ypres 1917

Der intelligenteste Mensch?

Vor rund 50 Jahren erschien die damals und lange danach hoch beachtete Biographie Friedrich Sieburgs über Napoleon. Was mir vor Jahren schon schon beim erstmaligen Lesen besonders im Gedächtnis blieb, ist Siebergs extremes Lob der Intelligenz Napoleons beziehungsweise sein Lob der extremen Intelligenz des französischen Konsuls und Kaisers. Napoleon war für den durchaus nüchtern schreibenden Friedrich Sieburg „der intelligenteste Mensch, den die moderne Geschichte kennt“. Diese superlativische Einschätzung greift er in immer neuen Wendungen auf, so etwa, wenn er von der „Riesenintelligenz“ Napoleons spricht oder bemerkt:

„Er ist ganz Vernunft, ganz Intelligenz, ganz Berechnung. ...Sein Verstand ist die einzige Hilfsquelle, aber es ist die größte, die je einem Sterblichen zur Verfügung stand.“

Wenn an dieser Einschätzung auch nur halbwegs etwas Wahres ist, dann müsste Napoleon in weit stärkerem Maß als bisher Forschungsgegenstand von Psychologie und Biologie allgemein und Intelligenzforschung speziell werden. Ebenso wäre eine erneute und vertiefte philosophische Betrachtung seiner Persönlichkeit vonnöten, denn keine Philosophie darf am Studium eines Menschen vorbeigehen, bei dem gerade diejenige Eigenschaft, die Menschen von Tieren am markantesten unterscheidet, derart stark ausgeprägt ist.

Prophetie und Antiphilosophie

Richard Dawkins spricht in seinem Buch „Der Gotteswahn“ vom Gott des Alten Testamentes – und damit vor allem vom jüdischen Gott – als einem „psychotischen Übeltäter“. Diese drastische Charakterisierung lässt gewiss viele, die seit ihrer Kindheit gewöhnt sind, von Gott als „liebem Gott“ zu reden und an diese Vorstellung tiefe positive Emotionen knüpfen, zusammenzucken und in mehr oder minder lautem Protest aufschrecken.

Interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang die Charakterisierung, die Rabbiner Leo Baeck (1873 – 1956) von den von ihm bewunderten und als religiöse Genies bejubelten Propheten Israels gegeben hat. In seinem apologetischen Werk „Das Wesen des Judentums“ betont er, dass diese Propheten keine Männer des Denkens und der Reflexion waren. Die jüdischen Propheten waren vielmehr geradezu Antiphilosophen, Antiwissenschaftler, Antigelehrte:

„Keine Philosophie und keine Theologie wollen sie bieten, weder um scharfsinnige Beweisführung noch um eine gelehrte Lösung religiöser Probleme ist es ihnen zu tun. Nichts ist das Ergebnis irgend welcher Forschung.“

Leo Baeck fasst das Auftreten dieser seltsamen Männer so zusammen:

„Nicht sie reden, sondern eine höhere, übermächtige Gewalt redet in ihnen.“

Angesichts dieser Zwanghaftigkeit kann es letztlich nicht verwundern, wenn ein solches unreflektiertes und unreflektierendes Reden, das von Baeck wie von vielen anderen Juden und Christen immer noch glorifiziert wird, von kritischeren und neutraleren Betrachtern hin und wieder mit einem Begriff wie „psychotisch“ verbunden wird.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

Impressum:

© 2007 by Gregor Brand
Am Denkmal 4
24793 Bargstedt/Holstein (Germany)
www.gregorbrand.com

Aktuelle Beiträge

Ciorans frühes Nachleben
Gibt es eigentlich Kritiker Ciorans? Bei der Sichtung...
gregorbrand - 24. Jul, 11:37
Rumänischer Fußball
Bernd Mattheus berichtet, dass Cioran in seiner Jugend...
gregorbrand - 24. Jul, 11:21
Die angeblich einfachen...
Bei hoch intelligenten Menschen, die einfachen Verhältnissen...
gregorbrand - 23. Jul, 01:46
Die formierte Gesellschaft
In seiner im Jahr 2008 neu veröffentlichten Bochumer...
gregorbrand - 19. Jul, 18:26
Allgegenwärtige...
In einem Artikel auf der Seite der „Linken Ottakringer...
gregorbrand - 19. Jul, 16:25

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Anti-Cioran
Aphorismen
Autobiografisches
Carl Schmitt
Eifel
Ernst Jünger
Goethe
Hermann Cohen
Intelligenz
Kulturkritik
Lyrik
Religion
Rezensionen
Zeitgeschehen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren