Dienstag, 18. September 2007

Ernsthaftes über Sokrates

Ernst Cassirer hat sich in seiner 1944 erschienenen Spätschrift „An Essay on Man“ (Versuch über den Menschen, Hamburg 1996) zunächst mit der „Krise der menschlichen Selbsterkenntnis“ befasst und sein Buch mit der Feststellung eröffnet: „Daß Selbsterkenntnis das höchste Ziel philosophischen Fragens und Forschens ist, scheint allgemein anerkannt.“ Alsbald kommt er in diesem Zusammenhang auf Sokrates zu sprechen, der die Aufgabe der Selbsterkenntnis zuerst in den Mittelpunkt des philosophischen Denkens stellte und dessen einzige Frage im Grunde gewesen sei: „Was ist der Mensch?“ Cassirer schreibt dazu:

„Sokrates behauptet und verficht das Ideal einer objektiven, absoluten, universalen Weisheit. Doch das einzige Universum, das er kennt und auf das sich seine Fragen beziehen, ist das Universum des Menschen. Seine Philosophie – wenn er denn eine solche besitzt – ist strikt anthropologisch.“

Cassirer stellt dies mit seiner gewohnten olympischen Ruhe fest und sagt nichts Kritisches zu diesem sokratischen Ansatz. Zustimmend zitiert er vielmehr die Äußerung des Sokrates aus dessen Verteidigungsrede, dass ein Leben ohne Selbsterforschung gar nicht verdiene, gelebt zu werden. Cassirer findet das anthropozentrische sokratische Menschenbild – so wie er es versteht – richtig und gelangt zu der Feststellung:

„Wir können nämlich das Wesen des Menschen nicht auf die gleiche Weise entdecken, wie wir das Wesen der natürlichen Dinge zu enthüllen vermögen. Die natürlichen Dinge lassen sich durch ihre objektiven Eigenschaften beschreiben, der Mensch jedoch läßt sich nur durch sein Bewußtsein beschreiben und bestimmen.“

Ernst Cassirers sieben Jahre jüngerer Zeitgenosse und Kollege als Professor der Philosophie Ernst Bergmann vertritt zur Erkenntnis des Menschen eine ganz gegensätzliche Position. Nach seiner Auffassung muss der Mensch grundsätzlich wie andere Naturwesen erforscht und beschrieben werden, weil die Menschen selbst gewissermaßen zu den „natürlichen Dingen“ gehören. Von dieser Einstellung aus ist es nicht verwunderlich, dass Bergmann gegenüber Sokrates – ähnlich Nietzsche, aber ganz anders als Cassirer und die meisten abendländischen Philosophen – eine sehr ablehnende Haltung einnimmt. Wie Cassirer meint auch Bergmann, dass für Sokrates das Bewusstsein der Dreh- und Angelpunkt von wirklicher Erkenntnis gewesen ist. In „Erkenntnisgeist und Muttergeist“ schreibt er: „Sokrates als erster entdeckte und pries in der Episteme das Bewußtsein als Bringer alles, auch des sittlichen Heils.“ Aber das Bewusstsein des Sokrates ist ein naturfremdes – und das hält Bergmann in krassem Gegensatz zu Cassirer und der Hauptlinie abendländischer Philosophie für das entscheidende und zutiefst verhängnisvolle denkerische Defizit des Atheners. In der delphischen und dann sokratischen Maxime „Erkenne dich selbst“ – sieht Bergmann die Aufforderung zu naturferner und naturabgewandter egoistischer Selbstbetrachtung und geistigen Selbstbefriedigung. Sie sei von Männern – gerade auch Philosophen – seit den Tagen des Sokrates exzessiv betrieben worden. Gegenüber einer solchen Selbsterforschung fordert Bergmann die Hinwendung zur Erkenntnis der ewigen „Mutternatur aller Dinge“, wobei zu beachten ist, dass „Mutter“ für Bergmann der vermutlich am positivsten besetzte Ausdruck überhaupt ist. Wer junge Männer zur Selbstbetrachtung und Selbstanalyse auffordert – wie dies Sokrates getan habe, der entfremde ihren Verstand vom eigentlichen „Naturzweck“, in erster Linie die objektive Welt zu erkennen. Dies hält Bergmann für genauso naturwidrig und kulturbiologisch schädlich wie die bekannten sokratischen päderastischen Aktivitäten. Der Leipziger Denker gehört damit eindeutig zu denjenigen, die Sokrates für ein abendländische Verhängnis halten.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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