Freitag, 31. August 2007

Ulrich Bergmann (1918 - 1940) und Ernstel Jünger (1926 - 1944)

Christian Tilitzki hat in seinem sehr materialreichen und informativen zweibändigen Werk über "Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich" (Berlin 2002) in einer Fußnote auch einige biographische Angaben zu dem - leider auch von ihm viel zu wenig und zu einseitig gewürdigten - Philosophen Ernst Bergmann gemacht. Dabei sind ihm einige Fehler unterlaufen, die Bergmanns Sohn betreffen: Ernst Bergmanns Erstgeborener hieß nicht - wie Tilitzki angibt - Peter, sondern Ulrich, und er ist nicht 1941, sondern bereits 1940 gefallen.

Wer das von Tilitzki erwähnte, aber von ihm offensichtlich nicht gelesene ergreifende Gedenkbuch von Ernst Bergmann mit dem Titel "Denkmal meines Sohnes Ulrich" (Leipzig 1941) liest, der wird verstehen, dass ein so hochbegabter und vielversprechender junger Mann wie Ulrich Bergmann es posthum verdient hat, dass man seinen Namen richtig wiedergibt und seine Lebensdaten auch. Aber selbst, wenn der junge Mathematik- und Physikstudent Bergmann, über den der Physiker Prof. Friedrich Hund schrieb "Heisenberg und ich verlieren in ihm einen unserer hoffnungsvollsten Schüler", weniger begabt gewesen wäre, so ist es gewiss nicht falsch, seiner auch noch nach vielen Jahrzehnten zu gedenken und vielleicht den ein oder anderen auf das liebevolle Gedenkbuch seines Vaters aufmerksam zu machen.

Laut Tilitzki war Ulrich Bergmanns Mutter - Ernst Bergmanns erste Frau -Jüdin. Wenn diese Angabe zutreffend ist, so wäre dies schon insofern bemerkenswert, als die Philosophie und Religion seines deutschreligiösen Vaters sich ungewöhnlich stark und klar vom jüdischen und christlichen Gottesbegriff und damit zusammenhängenden Vorstellungen abgesetzt hat. Darüberhinaus läge dann bei Ulrich Bergmann der Fall vor, dass jemand, der nach halachischer Auffassung Jude ist, sich voller Überzeugung - soweit bekannt - für das damalige Deutsche Reich eingesetzt hat. Eine ungewöhnliche biographische Konstellation, die zu vielfältigen weiteren Reflexionen Anlass geben kann.

UlrichBergmann
Ulrich Bergmann (am Arm der Großmutter). Rechts: Ernst Bergmann

In ähnlich jungem Alter und im gleichen von ihren Vätern ungewollten und ungeliebten Krieg wie Ernst Bergmanns Erstgeborener Ulrich ist Ernst Jüngers Erstgeborener Ernstel Jünger (1926 – 1944) gefallen. Die Umstände ihres Todes scheinen sich zu ähneln. Ernst Jünger schreibt in seinem Tagebuch zum Tod seines Sohnes:

„Der liebe Junge hat den Tod gefunden am 29. November 1944; er war achtzehn Jahre alt. Er fiel durch Kopfschuß bei einer Spähtruppbegegnung im Marmorgebirge von Carrara in Mittelitalien und war, wie seine Kameraden berichten, sofort tot.“

Ulrich Bergmann starb bei einem allein durchgeführten Meldegang, ebenfalls getötet durch Kopfschüsse. Sein Vater hat sich, nicht anders als Ernst Jünger vier Jahre später, genau über die näheren Umstände des Todes informieren lassen, um über die letzten Stunden seines lieben Sohnes möglichst viel in Erfahrung zu bringen. Er erfuhr, dass Ulrich durch Schüsse getötet wurde, die durch den Stahlhelm von schräg oben her in die Stirn eindrangen. Der Fahnenjunker-Feldwebel Günther Fehse berichtete ihm:

„Drei Kugeln hatten ihn in den Kopf getroffen, ganz auf sich gestellt starb er als Einzelkämpfer einen schönen, schmerzlosen Soldatentod.“

Zu dem Tod von Ernstel Jünger, der wie Ulrich Bergmann ein Tagebuch geführt hatte, schrieb sein Vater:
„Der gute Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat er es gleich beim ersten Mal besser gemacht, ging so unendlich über ihn hinaus.“

Des Physikstudenten Ulrich Bergmanns letzter Satz in seinem Kriegstagebuch war:

„Es ist eine Lust zu leben.“

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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