Mittwoch, 16. Mai 2012

Dr. Nikolaus Kronser (1809-1886): Mediziner aus Kues


Das tschechische Karlsbad zählt zu den berühmtesten Kurorten der Welt. Kaiser und Könige, aber auch Größen des Geistes und Geldes, machten den Bäderort ebenso bekannt wie die 1819 dort gefassten historisch so bedeutsamen „Karlsbader Beschlüsse“. In diesem Zentrum der Heilkunst wirkte zwei Jahrzehnte in der ersten Reihe der renommierten Ärzte ein Eifler: der Sanitätsrat Dr. Nikolaus Kronser.

kronsernicolaus

Ob seine Eltern Nikolaus und Angela (geb. Piesbach) bei der Namensgebung ihres 1809 in Kues geborenen dritten Kindes an den illustren Nicolaus Cusanus dachten, weiß man nicht, aber später bekannte sich Dr. Kronser als „größter Verehrer“ seines Landsmannes. Mit dem Kardinal verbanden den Winzersohn Kronser manche verwandtschaftlichen Linien. Seine Vorfahren hatten ihre Wurzeln überwiegend an der Mittelmosel und seine Großmutter Dentzer gehörte zu einer Familie, die schon seit Jahrhunderten in Kues ansässig war. Fast sah es so aus, als würde auch der junge Kronser Priester werden. Nach dem Abitur in Trier studierte er zunächst Theologie, brach dieses Studium jedoch ab, worauf seine tief enttäuschten Eltern sich weigerten, ihn weiter finanziell zu unterstützen. Kronser nahm dankbar die Hilfe eines Onkels an, der als Geistlicher in Wien wirkte, und begann in der Hauptstadt des Habsburgerreiches ein Medizinstudium. In seiner Doktorarbeit unterteilte er die Medizin in drei Richtungen („Secten“) und sprach mutig allen ihre Berechtigung zu – auch der umstrittenen Homöopathie. Zugleich versuchte er, sie in einer größeren Einheit – der „Holopathie“ – zusammenzufassen. Dieser Denkweg erinnert verblüffend an Cusanus, für den Dreiheit und Einheit zentrale Begriffe waren. Die cusanische Kombination von Dreiheit und Einheit kehrt später bei Kronser wieder, wenn er angesichts der Friedhöfe von Karlsbad die Trias von Katholiken, Protestanten und Juden erwähnt und charakteristisch hinzufügt: „in der Tiefe der Erde sind doch alle in friedlicher Harmonie vereinigt“.

Privat erlebte der erfolgreiche Dr. Kronser sowohl Harmonie als auch Trauer und Streit. Durch seine Heirat mit der Hofschauspielerin Antonie Fourier (1809–1882) wurde er Teil der Wiener Prominenz. Von ihren drei Kindern starben jedoch zwei früh. Die Absicht des selbstbewussten Moselaners, Hofarzt in Wien zu werden, scheiterte, weil es einem Konkurrenten gelang, Dr. Kronser als politischen Radikalen darzustellen, der 1849 beim Prümer Zeughaussturm zu den Hauptaktivisten gehört habe. Dieser leidige Streit führte dazu, dass Kronser Wien verließ und in Karlsbad ein neues Wirkungsfeld betrat. Wie sein Biograph Franz Schmitt zeigte, legte Kronser als Arzt großen Wert auf die Psyche: „Wichtiger, als manchen Kranken scheinen dürfte, ist eine passende Stimmung der Seele.“ Dem Winzersohn Kronser lag es zudem besonders am Herzen, Moselwein als „Gesundheitswein“ zu empfehlen, da dieser „das beste Mischungsverhältnis der Weinbestandteile“ besitze. Sanitätsrat Dr. Kronser konnte solche Empfehlungen mit wissenschaftlicher Autorität erteilen. Als bekannter Fachschriftsteller hatte er Studien zur Therapie und Geschichte von Gicht, Cholera und Pest veröffentlicht und war Mitglied internationaler medizinischer Gesellschaften. Sein „Illustrierter Katechismus von Karlsbad“ förderte nicht nur den Ruhm Karlsbads, sondern auch seinen eigenen. Mit einem Grafen, der ihn als Privatarzt engagierte, unternahm er jahrelange Reisen bis nach Ägypten. Zu den verblüffenden Früchten dieser Afrika-Erfahrung gehört ein „Hieroglyphen-Roman“, der ebenso wie zahlreiche Gedichte Kronsers literarischen Ehrgeiz dokumentiert. Bei einem Parisaufenthalt besuchte er den kranken Dichter Heine, nicht zuletzt „der physiognomischen Studien wegen, auf die ich seit langem mir etwas zu Gute hielt“. Bei seiner positiven Würdigung von Heines freundlicher Erscheinung übersah er nicht einmal dessen „schwachblondes Schnurrbärtchen“.

Nach dem Tod seiner Frau ließ sich der wohlhabende greise Sanitätsrat im Heimatort Kues nieder, den er früher alljährlich zur Traubenlesezeit besucht hatte. Die Verbindung zu Österreich blieb durch seinen Bruder Christoph erhalten, der dort erfolgreicher Unternehmer geworden war. Dessen Sohn Nikolaus war Patenkind von Dr. Kronser; später wurde dieser politisch tätige Neffe Ehrenbürger von Maxglan (Salzburg). Sein Onkel, der welterfahrene Sanitätsrat, starb 76-jährig im Sommer 1886 und wurde auf dem heimatlichen Friedhof beigesetzt.

Samstag, 5. Mai 2012

Gustav Lejeune Dirichlet: Mathematikgenie aus Düren


Johann Peter Gustav Lejeune Dirichlet – so sein voller Name – ist der berühmteste unter den brillanten Mathematikern, die die Eifel im 19. Jahrhundert hervorbrachte. Wenn es um die Frage geht, wer nach dem unbestrittenen „Fürsten der Mathematik“ Friedrich Gauss zu den Größten dieses Faches im 19. Jahrhundert zählt, kommt keine Diskussion an diesem 1805 in Düren geborenen Sohn eines Posthalters und Kaufmanns vorbei. Gauss selbst hörte erstmalig 1826 von Dirichlet und hatte bald eine so hohe Meinung von dem jungen Eifler wie von kaum einem anderen seiner Generation. Später schrieb Gauss mit norddeutschen Understatement, die Werke von Dirichlet seien „Juwelen, die man nicht mit der Kräuterwaage abwiegen“ könne. Nach dem Tod von Gauss wurde Dirichlet sein Nachfolger als Professor auf dem weltberühmten Lehrstuhl in Göttingen.

DirichletBild

Trotz seines französischen Namens war Dirichlet ein echtes Kind der Nordeifel. Seine Mutter Anna Elisabeth Lindner war eine Dürener Bürgerstochter, sein Vater J. A. Lejeune Dirichlet stammte aus dem nur wenige Kilometer westlich gelegenen wallonischen Grenzland, das seit Jahrhunderten mit der Eifel wirtschaftlich, kulturell und verwandtschaftlich eng verflochten war. Von den sieben überlebenden Kindern dieser katholischen Familie war Gustav das jüngste. Dass den nicht gerade wohlhabenden Eltern die Begabung ihres Sohnes nicht verborgen blieb, verwundert kaum, wenn man erfährt, dass sich der Zwölfjährige von seinem Taschengeld Mathematikbücher kaufte. Von der verständlichen Überlegung seiner Eltern, mit dieser Begabung könne er doch ein guter Kaufmann werden, hielt der Junge allerdings gar nichts: Gustav wollte Mathematiker werden. Die Eltern schickten den Zwölfjährigen zunächst aufs Gymnasium in Bonn, zwei Jahre später auf das Jesuiten-Gymnasium in Köln. Dirichlet, ein beliebter und guter Schüler, verließ diese Lehranstalt bereits mit 16, aber ohne Abitur – vielleicht, weil er wusste, dass man Mathematik damals auch ohne Abitur studieren konnte. Ob sein Lehrer Ohm, der später berühmte Physiker, diesem Vorhaben Widerstand leistete, ist nicht bekannt, aber fest steht, dass Dirichlet in den ersten Berufsjahren immer wieder dadurch Nachteile hatte, dass seine Lateinkenntnisse unvollkommen blieben.

In der Zeit nach dem Abgang vom Gymnasium beschäftigte sich der junge Dirichlet vermutlich hauptsächlich mit den „Disquisitiones Arithmeticae“ von C. F. Gauss, das fortan sein Lieblingsbuch wurde. Wie andere Leute die Bibel, so hatte Dirichlet selbst auf Reisen dieses Meisterwerk von Gauss immer in seinem Gepäck. Mit 17 begann der Dürener ein Mathematikstudium in Paris, angelockt vom Weltruf zeitgenössischer französischer Mathematiker wie Fourier oder Poisson. Ein Jahr später stellte der legendäre französische Marschall Foy den Eifler, dessen sympathisches Wesen zeitlebens hervorgehoben wurde, als Privatlehrer ein. Nicht lange danach rief die erste eigene wissenschaftliche Arbeit des noch nicht 20-Jährigen eine wissenschaftliche Sensation hervor. Dem Eifler Studenten war ein Teilbeweis jener legendären Fermatschen Vermutung gelungen, an der sich viele große Mathematiker vor und nach Dirichlet die Zähne ausbissen. Dieser Geniestreich machte Alexander von Humboldt auf ihn aufmerksam, mit dessen Hilfe er zunächst eine Dozentenstelle in Breslau und dann an der renommierten Kriegsschule in Berlin erlangte. Schließlich wurde Dirichlet zusätzlich noch Professor an der Universität Berlin.

Bei diesen Karriereschritten hatte er erhebliche Hindernisse zu überwinden, da ihm formale Voraussetzungen wie Abitur oder Promotion fehlten und er auch bei der Habilitation zunächst Probleme wegen seiner nicht fließenden Beherrschung des Lateinischen hatte. In dieser Situation fand Dirichlet stets Unterstützung bei dem Eifelfreund A. von Humboldt, dessen Freundschaft Dirichlet auch privat Entscheidendes verdankte: Humboldt führte das Mathematikgenie aus der Provinz in die elitären Intellektuellenzirkel der Berliner Salons ein. Dort lernte er die großbürgerliche Rebecka Mendelssohn Bartholdy kennen; zu den Nachkommen dieses Paares zählen etliche herausragende Persönlichkeiten. Der Name Dirichlet wurde Teil vieler mathematischer Begriffe. Man kann nur ahnen, was man von diesem überragenden Geist noch weiter hätte erwarten können, wenn er nicht schon im Mai 1859 mit 54 Jahren in die Ewigkeit abberufen worden wäre.

Freitag, 27. April 2012

Jakob Marx der Ältere: Priester und Professor aus Landscheid/Eifel


Zwei gelehrte Priester haben den Namen Marx in Verbindung mit Landscheid bekannt gemacht: Jakob Marx der Ältere (1803–1876) und dessen Neffe Jakob Marx der Jüngere (1855-1924). Beide zählen zu den großen katholischen Kirchenhistorikern des Trierer Landes. Die Marx-Familie kam ursprünglich aus Bergweiler und war erst 1801 durch die Heirat von Peter Marx mit Anna Maria Schmitz in Landscheid ansässig geworden; vermutlich war die Mutter von Jakob Marx dem Älteren eine Verwandte von Peter Schmitz, dem Großvater des Eifeldichters Peter Zirbes. Der ältere Jakob Marx, das dritte Kind von Peter Marx und Anna Maria, wuchs als Untertan Napoleons auf, ehe sein Heimatort 1815 preußisch wurde – in späteren Jahren waren sowohl Frankreich als auch Preußen dem streng konservativen Marx nicht katholisch genug. Nach der Pfarrschule wurde Jakob durch Privatunterricht bei Pfarrer J. B. Otto auf den Besuch des Gymnasiums in Trier vorbereitet, wohin er 1819 wechselte. Bei seinem Abitur 1825 war der Landscheider schon 22 Jahre alt. Solche „Bejahrtheit“ war damals nicht ungewöhnlich, wie später sein mit ihm nicht verwandter Namensvetter Karl Marx feststellte. Zeittypisch war auch, dass der Eifler Abiturient Jakob Marx anschließend im Priesterseminar zu Trier Theologie studierte. 1829 wurde er zum Stolz seines Heimatdorfes zum Priester geweiht, anschließend wirkte er als Kaplan und Religionslehrer in Wittlich an der Seite des späteren Bischofs Arnoldi. Erst in der Lieserstadt zeigte sich, dass das Hauptinteresse des jungen Priesters Marx nicht auf seelsorgerischem, sondern auf wissenschaftlichem Gebiet lag. Kaplan Marx beeindruckte mit gelehrten Artikeln Bischof von Hommer, der den Landscheider für zwei Jahre zum Studium von Kirchengeschichte und Kirchenrecht nach Wien schickte und ihn dann 1836 als Professor dieser Fächer ans Priesterseminar Trier berief. Hier wirkte Jakob Marx fast 35 Jahre lang und beeinflusste zahlreiche Generationen von Theologiestudenten.

marxalt

Obwohl Professor Marx weder Doktorarbeit noch Habilitation vorweisen konnte, gelang es ihm, sich mit seinen wissenschaftlichen Schriften Anerkennung zu verschaffen. Sein fünfbändiges Hauptwerk zur Geschichte des Erzstifts Trier ist bis heute eine lesenswerte Informationsquelle gerade auch zur Geschichte der Eifel. Noch vor Vollendung dieses Projektes hatte der Eifler 1861 für zahlreiche andere Veröffentlichungen die Ehrendoktorwürde der Universität Breslau erhalten.

Wissenschaft und Priesterausbildung bildeten nur einen Teil der Aktivitäten von Jakob Marx. Der Landscheider war ein höchst engagierter Katholik, der sich auf vielerlei Art für seine Standpunkte einsetzte, unter anderem als Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses und als langjähriger Präsident des Katholischen Bürgervereins. Der geschichtsbegeisterte Südeifler wurde Vizepräsident der angesehenen „Gesellschaft für nützliche Forschungen“ und verwaltete Domarchiv und Dombibliothek. Wie der Historiker Dr. Ernst Lutsch (Dudeldorf) nachwies, spielte zudem die lebenslange Verbundenheit mit seinem Geburtsort eine erhebliche Rolle in der Biographie von Jakob Marx. 1847 wurde mit seiner finanziellen Unterstützung ein Bauplatz für eine neue Pfarrkirche in Landscheid gekauft. Der Kirchenbau gestaltete sich nicht zuletzt wegen enormer Streitereien innerhalb des Dorfes schwierig. 1850 schrieb Lehrer Hilarius Follmann, Vater des berühmten Geologen Otto Follmann, an Marx: „So hat denn wirklich alle Ordnung in Landscheid aufgehört, und es herrscht förmlich Anarchie im Kleinen dort.“ Immer wieder griff Jakob Marx mit Geld und ideeller Ermunterung helfend ein.

Betrachtet man das Foto des temperamentvollen Kirchenmannes, so klingt die Schilderung seines Schülers, des Kirchenhistorikers F. X. Kraus, glaubwürdig, der bei Marx gelegentlich „einen Anflug extremer Heftigkeit und Preußenfeindlichkeit“ feststellte. Obwohl Kraus zu den Kritikern von Jakob Marx zählte, bezeichnete er den Charakter des Eiflers als „stets offen und ehrlich, unter einer etwas rauhen und wenig geglätteten Schale eine edle und höchst biedere Seele bewahrend“. In seinen letzten Lebensjahren kümmerte sich der alte Marx vor allem um seinen früh verwaisten Neffen. Dass dieser Neffe später dem Namen Jakob Marx erneut zu großer Ehre verhelfen würde, erlebte Jakob der Ältere nicht mehr. Ein Jahr vor dem Abitur des hoch begabten Neffen vollendete sich in Trier das höchst arbeitsame Leben Jakob Marx des Älteren.

Donnerstag, 5. April 2012

Franziska Bram: Schriftstellerin aus Hillesheim (1860-1932)


„Eine fast vergessene Dichterin“ – so nannte Alois Faber vor einigen Jahren die im Jahr 1860 in Hillesheim geborene Schriftstellerin Franziska Bram und trug selbst mit mehreren Artikeln dazu bei, dass die Frau, die er als „bedeutendste katholische Dichterin des Rheinlandes“ würdigte, dem kulturellen Gedächtnis erhalten bleibt. Leben und Werk dieser kreativen Eifler Autorin bekannter zu machen, ist auch das Ziel des Franziska Bram Freundeskreises um Gisela Leuer. Unter anderem mit Veranstaltungen und Neuauflagen von Bram-Schriften macht der Freundeskreis auf die Hillesheimerin aufmerksam.

Brambild

Franziska Bram wird, wenn es um die bedeutendste Eifeldichterin geht, öfters in einem Atemzug mit der drei Monate älteren Protestantin Clara Viebig genannt. Wenig verwunderlich – bei allen sonstigen Unterschieden - ist die Ähnlichkeit des sozialen Hintergrundes beider Dichterinnen. Sie entstammten nicht der bäuerlichen Bevölkerung der Eifel, über die sie so eindringlich geschrieben haben, sondern waren Sprösslinge des gutsituierten und gebildeten Bürgertums. Franziska Brams Mutter Josephina Anna war eine Tochter des tüchtigen Hillesheimers Apothekers Veling, der selbst wissenschaftliche Studien trieb und insbesondere die Birresborner Mineralquelle analysierte. 1858 heiratete die Apothekertochter den in Hillesheim tätigen Friedensrichter Franz Gottfried Bram (1825-1903), der später in Mayen und dann bis zu seiner Pensionierung am Amtsgericht Koblenz arbeitete. Richter Bram, weithin bekannt als „der gute Vater Bram“, war ein großer Freund der Eifel. Er gehörte zu den Mitgründern des Eifelvereins und verfasste zahlreiche Artikel zur Kultur und Geschichte seiner Lieblingsregion. Zwei seiner vier Töchter traten in seine schriftstellerischen Fußstapfen: neben Franziska auch noch die Erstgeborene Luise (1859-1918). Diese ältere Schwester Franziskas verdient hier schon deswegen besondere Erwähnung, weil beide Biographien besonders eng verbunden sind. Luise Bram, Verfasserin von Romanen und Novellen, hatte den Bingener Kaufmann Brück geheiratet, sie unterhielt in Bingen einen literarischen Zirkel, in dem sich bisweilen auch der charismatische Stefan George (1868-1933) aufhielt. George, einer der Großen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, nannte Luise in dem an sie gerichteten Gedicht „An Luzilla“ nicht nur „Königin unter den ländlichen frauen“, sondern er traf in dieser Umgebung auch auf Franziska, die sich noch 35 Jahre später gut an diese mittelrheinischen Begegnungen erinnerte. Es waren gewissermaßen Lichtstrahlen in Franziska Brams Biographie, deren Einzelheiten auf weite Strecken hin noch unerforscht sind. Vermutlich lebte die unverheiratete Franziska überwiegend bei ihrer Schwester Luise, die sich nach der Trennung von Kaufmann Brück zwischen 1897-1912 in Berlin aufhielt.


Mit eigenen Buchveröffentlichungen trat Franziska Bram erst nach der Jahrhundertwende hervor, sicherlich ermutigt durch den sensationellen Erfolg der Eifelromane Clara Viebigs. Deren Bestsellerstatus erreichten die Werke der Vulkaneiflerin zwar nicht, aber Resonanz und Respekt blieben ihr keineswegs versagt. Als Franziska Brams Hauptwerk gilt „Der Zorn Gottes“ (1913), „ein eindrucksvoller Roman von Schuld und Sühne, von dörflicher Achtung und Verachtung“ (J. Zierden). In diesem aufwühlenden Epos um den Eifelbauern Röseler und seine Tochter Justine werden Themen behandelt, die auch ein Jahrhundert später nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Gewalt zwischen Einheimischen und Fremden, soziale Ächtung durch aufgehetzte Bevölkerung, selbstbestimmte Lebensführung im Konflikt mit Konvention und Tradition. Obwohl Franziska Bram - trotz optimistischer Grundhaltung - keine heile Eifelwelt schildert, hatten schon ihre Zeitgenossen kaum Zweifel an der Heimatliebe der Autorin. Für die Hillesheimerin blieb die Eifel „ein Jugendparadies, das es nur einmal gibt“ und dessen bäuerlich geprägtes Leben sie in vielen ihrer Schriften - teilweise unter Pseudonym – detailliert schilderte.

Ihre beiden letzten Lebensjahrzehnte verbrachte Franziska Bram bei ihren Schwestern in Lehmen an der Mosel. Langjährige Krankheit und finanzielle Not setzten ihr zu, aber sie blieb produktiv, so gut es ging. Fast genau zwanzig Jahre vor Clara Viebig starb sie im Juni 1932 „still und bescheiden, wie sie im Leben war“, wie Anton Wolf in einem Nachruf in der Kölnischen Volkszeitung festhielt.

(Quelle: Gregor Brand: Franziska Bram - Schriftstellerin aus Hillesheim. In: Eifelzeitung vom 4. 4. 2012)

Mittwoch, 28. März 2012

Johannes Trithemius – Universalgelehrter und Abt aus Trittenheim


Als gegen Ende des vergangenen Jahrtausends einige Wissenschaftler die Theorie aufstellten, dass im alttestamentarischen Urtext der Bibel verschlüsselte Botschaften zum Gang der Weltgeschichte enthalten seien, stieß man in Veröffentlichungen zu diesem „Bibel-Code“ öfters auf den Namen eines Eifelkindes, das zu hellsten Köpfen seiner Zeit zählte: Johannes Trithemius (1462–1516). Der US-Bestsellerautor Satinover bezeichnete den später nach seinem Geburtsort Trittenheim Benannten als einen der brillantesten Universalgelehrten der Renaissance. Satinover folgte damit dem Urteil damaliger Zeitgenossen wie des Humanisten Hegius, der nach einem Treffen mit Trithemius notierte: „Ich habe das große, glänzende Licht der Welt gesehen“.

TrithemiusBild

Die Verbindung des Eifelmoselaners mit dem Bibel-Code hängt damit zusammen, dass Trithemius ein Pionier der der Lehre von der Verschlüsselung von Informationen war. Seine Bücher über Polygraphie und Steganographie sind die ersten gedruckten Werke zur Kryptographie. Mit diesen Schriften erwarb sich Trithemius den Ruf, Meister okkulten Wissens zu sein und es war nicht zu übersehen, dass er auf diesen Gebieten zu den kenntnisreichsten Männern seiner Zeit jener Epoche gehörte. Vor allem war er erstaunlich vertraut mit der jüdischen Geheimlehre der Kabbala, vor deren schwer zugänglichem Wissen er größten Respekt zeigte. Kein Wunder, dass Trithemius vielen geradezu unheimlich wurde und manche ihm alles zutrauten. So berichtete Martin Luther einmal seinen Gästen, Trithemius habe in Gegenwart Kaiser Maximilians die Seelen berühmter Toter beschworen und Helden der Antike wie Achill und Alexander den Großen leibhaftig erscheinen lassen. In diesen Zusammenhang passt es, dass die erste Erwähnung des berühmten Dr. Faust von Trithemius stammt. Trithemius, der immer behauptete, niemals schwarze Magie zu betreiben, hielt seinen Zeitgenossen Faust für einen schändlichen Betrüger.

So aufschlussreich solche Vorgänge für die Einschätzung des genialen Moselaners sind, so wenig braucht man sie, um dessen geistesgeschichtliche Bedeutung zu würdigen. Als Verfasser der ersten gedruckten Literaturgeschichte der Welt steht Trithemius ebenso am Anfang einer bedeutenden Entwicklung wie als Autor einer der ersten Bibliographien am Beginn modernen wissenschaftlichen Arbeitens. Andererseits war Trithemius gerade auch auf dem Gebiet der Wissenschaft Kind seiner Zeit und kann nur schwerlich mit den heutigen Maßstäben wissenschaftlicher Objektivität gemessen werden. Wie viele mittelalterliche Vorgänger hatte er kaum Bedenken, bei seinen zahlreichen historischen Schriften gelegentlich Gewährsleute einfach zu erfinden. Während sich manche Gelehrte früher über solche Schwindeleien nicht genug ereifern konnten, schmunzeln heute selbst Historiker über fiktive Gestalten wie Hunibald und Meginhard, die Trithemius kreativ fast nach Art eines Romanautors auftreten ließ. Zu diesen erfundenen Persönlichkeiten gehört möglicherweise auch der nur durch Trithemius bekannte Gelehrte und Philosoph Johann von Wittlich.


Sollte dies der Fall sein, so ging es Trithemius wohl darum, den Ruhm seiner moselländischen Heimat zu vergrößern. Das wäre allerdings nicht nötig gewesen. Als er am 1. Februar 1462 als Sohn der aus der gleichen Gegend stammenden Winzersleute Johann und Elisabeth geboren wurde, lebte sein Landsmann Nikolaus Cusanus noch, einer der größten deutschen Denker überhaupt. Wie der gleichfalls universal gebildete Cusanus, so war auch Trithemius ein Mann der Kirche. Nach einer schwierigen, durch die Ablehnung des Stiefvaters geprägten Kindheit hatte sich der mit einem grandiosen Gedächtnis begabte Johannes heimlich Latein und Griechisch beigebracht und war Benediktinermönch im Kloster Sponheim geworden. Keine zwei Jahre später wurde der erst 21-Jährige sensationell zum Abt gewählt. Während seiner langen Amtszeit machte der wissensbesessene Eifler die Klosterbibliothek zu einer der größten Europas. Sponheim wurde Anziehungspunkt für europäische Intellektuelle, die den Mythos Trithemius mit eigenen Augen sehen wollten. Das Verhältnis zu den Sponheimer Mitbrüdern, die seinen Reformeifer als Belastung empfanden, verschlechterte sich dagegen. So verbrachte Trithemius sein letztes Lebensjahrzehnt als Abt in Würzburg. Dort vollendete er ein Lebenswerk, dessen Geheimnisse auch rund 500 Jahre später noch nicht alle entschlüsselt sind.

(Quelle: Eifelzeitung vom 28. März 2012)

Dienstag, 27. März 2012

Augustin Messerich: Revolutionär und Anwalt aus Bitburg


„Dein dicker Freund Messerich“ – so schrieb 1864 der Wasserbauaufseher Conradi an seinen Schwager, den berühmten Trierer Theoretiker und Revolutionär Karl Marx. Obwohl Marx zu dieser Zeit schon lange in London lebte, hatte er noch Verbindungen in die alte Heimat. Zu diesen Kontakten zählte auch der Anwalt Augustin Messerich, den Marx ein Jahr zuvor in Trier wiedergesehen hatte. Obwohl Messerich damals durch seine behäbige Leibesfülle einen ausgesprochen gutbürgerlichen Eindruck machte, so hatte er doch einen revolutionären Werdegang hinter sich.

messerich

Begonnen hatte das Leben dieses engagierten Mannes 1806 in Bitburg, wo er als eins von sieben Kindern des Schlossers Friedrich Messerich und dessen Ehefrau Anna Baur zur Welt kam. Die väterliche Familie, deren Familienname die Verwurzelung im Bitburger Land dokumentiert, war aus Rittersdorf zugezogen. Friedrich Messerich war ein recht wohlhabender Handwerker, dessen Kinder sich angesehene Positionen in der Gesellschaft erwarben. In späteren Jahren betrieb Friedrich Messerich eine Gastwirtschaft in Meilbrück bei Bitburg. Nach dem Abitur 1825 in Trier studierte Augustin in der inzwischen preußisch gewordenen Moselstadt Theologie.

Für 1829 war eigentlich seine Priesterweihe vorgesehen, aber dazu kam es nicht. Anscheinend verlor der gesellige Bitburger das Interesse am Priesterberuf, bei dem ihm sogar ein Wirtshausbesuch als „unanständig“ verboten gewesen wäre. Messerich vernachlässigte die Vorlesungen, und als er zweimonatigen Hausarrest aufgebrummt bekam, war für ihn das Maß voll. Er verließ das Priesterseminar und begann als 23-Jähriger ein Jurastudium in Bonn. Dort zählte er bald zu den führenden Burschenschaftlern, deren Treiben vom Staat mit Misstrauen beobachtet wurde.

Im Winter 1832/33 wechselte der Eifler zur Universität Heidelberg, wo die Burschenschaftler als besonders aufrührerisch galten und wo sich Messerich weiter radikalisierte. Er nahm 1832 am berühmten Hambacher Fest teil und wurde einer der engsten Vertrauten des radikaldemokratischen Studentenführers Brüggemann, der in Preußen 1836 zum Tod durch Rädern verurteilt, dann aber begnadigt wurde. Das Studium vernachlässigte er, gab es sogar bald wieder auf und hielt sich in Trier und Meilbrück auf. Wieweit er sich an den Umsturzplänen der radikalen Burschenschaftler beteiligt hat, ist nicht sicher. Messerich wurde jedenfalls im Mai 1834 in Trier verhaftet und nach Berlin verbracht. Zehn Monate Einzelhaft und zahlreiche Verhöre folgten. Im März 1835 wurde der Bitburger ohne Prozess in die berüchtigte Festung Magdeburg verlegt, wo er als Mithäftling den Dichter Fritz Reuter hatte. Von Reuter gibt es eine Farbstiftzeichnung des 1,72 m großen Messerich, die diesen mit „üppigen rotblonden Haar“ zeigt, wie der Messerich-Biograph Karl Leopold Kaufmann bemerkte. Erst 1836 erfolgte die Verurteilung des politischen Gefangenen zu 13 Jahren Festungshaft, von denen er aber „nur“ vier absitzen musste. Endlich zurück in der Freiheit, schloss Messerich in Düsseldorf seine juristische Ausbildung ab und wurde 1845 zum Advokaten ernannt; „Advokat“ war damals eine gering bezahlte Vorstufe des Anwalts. Auf die Ernennung zum Anwalt musste Messerich lange warten; sie erfolgte erst 1859. Diese Wartezeit hatte politische Gründe. In der Revolutionszeit 1848/49 war der Bitburger wieder politisch aktiv geworden. Als 1848 eine preußische Nationalversammlung in Berlin zusammentrat, wählte ihn der Wahlkreis Bitburg neben Pfarrer Alff als seinen Vertreter. Messerich schloss sich der äußersten Linken an, die Preußen zum demokratischsten Staat in Europa machen wollte. Der König ließ diese Nationalversammlung bald auflösen, danach durfte ein Landtag gewählt werden. Messerichs Eifler Landsleute wählten ihn erneut, doch nach wenigen Monaten wurde auch dieser Landtag nach Hause geschickt.

Nach diesem Scheitern fand sich Messerich – zumindest äußerlich – mit der Lage ab. In den folgenden Jahrzehnten wurde der „dicke Messerich“ in Trier zu einem populären Juristen, über den sich manche Anekdoten bildeten. Dazu zählt auch die erfundene Geschichte, dass Name und Titelfigur der Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“ auf ihn zurückgingen. Messerich, zeitlebens Junggeselle, starb nach langem Leiden im Januar 1876. Drei Wochen vor seinem Tod hatte der preußische Staat mit der Verleihung des Ehrentitels „Justizrat“ endgültig seinen Frieden mit dem alten Eifler Revolutionär gemacht.

(Quelle: Eifelzeitung vom 21. März 2012)

Donnerstag, 15. März 2012

Dr. Batti Dohm: Geologe, Heimatforscher und Schriftsteller aus Gerolstein/Eifel


„In unzähligen Versteinerungen hat die Erde die Geschichte eines starken Geschlechtes bewahrt, das mit dem Anfang des Lebens begann und mit der Urzeit unterging. Es ist das Volk der Dreilappkrebse. Einst lebten die schwarzen Dreilapper in den Golfen und Buchten der Urmeere und unternahmen ihre gewaltigen Heerfahrten um die halbe Welt. Übrig blieben von Glanz und Größe nur zu Stein gewordene Panzer, die in all ihrer Schönheit der Eifelboden heute wieder freigibt.“ Diese Sätze aus dem Vorwort des Romans mit dem merkwürdigen Titel „Stielauge der Urkrebs“ (1933) lassen vielleicht ahnen, dass man es mit einem Buch zu tun hat, in dem eine höchst bildkräftige Sprache und seltenes Spezialwissen eine einzigartige Verbindung eingehen. Verfasser dieses leider nur zu wenig bekannten meisterlichen Werkes über den heldenhaften Dreilappkrebs (Trilobiten) Stielauge war der Eifler Dichter, Natur- und Heimatforscher Dr. Batti Dohm (1897–1977).

dohm

Der Lektüre-Eindruck, dass Batti (eigentlich: Baptist) Dohm über ein eindrucksvolles Wissen der Erd- und Naturgeschichte verfügte, trügt nicht. Der Sohn des Geologen und Volkschullehrers Stefan Dohm (1862–1924) und dessen Ehefrau Elisabeth Sottong studierte nach dem Besuch des Regino-Gymnasiums und anschließender Teilnahme am Weltkrieg zunächst in Bonn Chemie, dann in Greifswald Geologie und Paläontologie. Seine brillanten Kenntnisse der Naturgeschichte der Vulkaneifel hatte er jedoch gewissermaßen schon in die Wiege gelegt bekommen. Batti Dohms Vater war in einem extrem tätigkeitsreichen Leben nicht nur zur großen Gerolsteiner Persönlichkeit seiner Zeit geworden, sondern hatte sich durch Selbststudium zum international anerkannten Topspezialisten für Geologie und Paläontologie der Eifel ausgebildet. Die von Stefan Dohm gesammelten Trilobitenpräparate aus Gerolstein galten als die besten der Welt. Nach dem Tod seines Vaters setzte Sohn Batti dessen Werk würdig fort. Das noch vom Vater errichtete und damals in Westdeutschland einzigartige „Geognostische Museum“ baute er aus, bis es 1944 Bombenangriffen zum Opfer fiel. Als Fossiliensammler arbeitete Batti weltweit mit Museen und Instituten zusammen und trug als Privatgelehrter mit wissenschaftlichen, aber auch für den Schulgebrauch bestimmten Veröffentlichungen zur besseren Kenntnis der Urzeit bei. Batti Dohms freiberufliche, von materieller Not nicht freie Forscherleidenschaft richtete sich aber nicht nur auf die ferne Geschichte der Erde. Nicht minder fasziniert war er von der Eifler Heimatgeschichte. Mit zahlreichen Aufsätzen und Büchern wurde er der Gerolsteiner Stadtchronist schlechthin. Von Dohms Heimatliebe motiviert war auch seine Mitwirkung bei der Gründung des Gerolsteiner Verkehrsvereins, dessen Anliegen es war, die Schönheit der Vulkaneifel touristisch zu erschließen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg daraus das Gerolsteiner Verkehrsamt hervorging, wurde Batti Dohm von 1953 bis 1972 mit dessen Leitung betraut.

Die vorangegangene Zeit der NS-Herrschaft hatte Dohm zunehmend als dunkle und dämonische Zeit empfunden. Zwar soll Himmler Dohms „Stielauge“-Roman zur Lektüre empfohlen haben. Aber das hatte nur damit zu tun, dass Dohm in dem Buch sich positiv zur esoterischen Welteislehre Hörbigers äußerte. Was der SS-Führer wohl nicht wusste: Batti Dohms Ehefrau Liselotte, der er den Roman gewidmet hatte, stammte aus der Breslauer jüdischen Familie Freudenthal. Ihr Bruder, Battis Schwager Dr. Hans W. L. Freudenthal (1902–1997), emigrierte 1938 in die USA, wo er Literaturwissenschaft lehrte und sich hohe Auszeichnungen erwarb. Das Ehepaar Dohm war gegen Kriegsende eng mit dem Maler Pitt Kreuzberg befreundet. „Gemeinsam haßten wir den Krieg und besonders den Mann, der ihn ausgelöst hatte“, erinnerte sich Liselotte Dohm später. Batti Dohm selbst kam zeitweise in Gestapohaft, schaffte es aber, in dieser Zeit das Manuskript für ein weiteres Werk zu verfassen: „MADAME. Roman einer Landschaft und einer schönen Frau“. In diesem 1948 veröffentlichten Buch über eine pommersche Offizierstochter und ihren moselländischen Verlobten spielt auch wieder die Eifel eine wesentliche Rolle.

Nach dem Tod Dr. Dohms im Hochsommer 1977 wurde im Naturkundemuseum Gerolstein ihm zu Ehren eine Gedenkstube eingerichtet. Batti Dohm selbst hatte stets darauf vertraut, dass das Leben „seine Geschöpfe, wenn auch in verwandelter Gestalt, aus allem Untergang immer wieder zum Licht erhebt“.

Donnerstag, 1. März 2012

Joseph Lemling - Fotopionier aus Marmagen/Eifel


Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden so viele Fotos produziert und weltweit verbreitet wie heute. Diese Bilder beeinflussen das allerprivateste Verhalten ebenso wie den Gang der Weltgeschichte. Am Anfang dieser Bilderflut standen die Fotopioniere des 19. Jahrhunderts. Zu diesen oft vergessenen und unterschätzten Gestaltern unserer Zivilisation zählt mit Josef Lemling auch ein Kind der Eifel.

Der Kaufmannssohn Lemling kam 1825 in Marmagen zur Welt, also in jenem Dorf der Nordeifel, aus dem auch der Ahnherr des Eiffelturm-Erbauers stammte. Joseph Lemlings gleichnamiger Vater war allerdings ein Südeifler aus Sülm bei Bitburg, verwandt mit dem Sülmer Landwirt, Dichter und Musiker Bernhard Lemling (1904–1961). Zusammen mit seiner Ehefrau aus der Müllenborner Hüttenbesitzer-Familie Romag betrieb Joseph Lemling sr. in Marmagen einen Krämerladen. In diesem Umfeld wurde der aufgeweckte Eifler Dorfjunge erstaunlich früh auf die neue Technik des Fotografierens aufmerksam und begann wohl schon um 1845, selbst zu fotografieren. Wie neu und außergewöhnlich dies damals war, kann man schon daraus ersehen, dass die ersten Foto-Aufnahmen vieler Eifelorte wie Wittlich, Bitburg oder Monschau erst nach 1855 entstanden – geschaffen von Meister Lemling persönlich. Lemling begnügte sich in jenen Pioniertagen der Fotografie nicht damit, die komplizierte Technik des Fotografierens zu beherrschen, sondern erwarb sich zudem ein extrem gründliches Fachwissen der neuen Kunst. Neben eindrucksvollen Aufnahmen legen vor allem seine zahlreichen Veröffentlichungen Zeugnis davon ab. Diese Publikationen, teils in Fachzeitzeitschriften erschienen, oftmals aber auch in Buchform, zeigen ihn zudem als „Dichterfotografen“, der seine Beiträge nicht selten mit gereimten Epigrammen schmückte. Weit mehr aber noch als Dichter war der Marmagener Chemiker. Nicht nur sein Buch „Der Praktische Photograph: Ein Rathgeber über das Neueste und Zweckmässigste in der Photographie“, das 1862 schon in der zweiten Auflage erschien, erweckt den Eindruck, es mit einem Chemiker zu tun zu haben. Lemlings enormes naturwissenschaftliches Wissen befähigte ihn, die zahlreichen Techniken der Fotoherstellung nicht nur kritisch zu beurteilen, sondern selbst neue Gravier- und Druckverfahren zu entwickeln. Lemling schrieb unter anderem detailliert und ausführlich über die damals noch sehr junge Technik der Collodionphotographie, die das Daguerreotype-Verfahren verdrängte, mit dem Lemling seinerzeit seine ersten Eifelaufnahmen gemacht hatte. Lemlings Beiträge zu den verschiedenen Foto-Techniken, etwa auch zur Photoverrotypie, wurden teilweise in mehrere Sprachen übersetzt und fanden internationale Beachtung. Sie gelten längst als bedeutsame Dokumente zur Fotografie-Geschichte. Bei Lemlings Veröffentlichungen stand meist der Gedanke der Praktikabilität im Vordergrund. Sein besonderes Anliegen war es, „alle denkenden und vorwärts strebenden Photographen, Porzellan- und Glasmaler, Xylographen, Lithographen etc.“ über die neuesten Fortschritte „leicht fasslich“ zu informieren.

So wichtig die technischen Erläuterungen und Verbesserungsvorschläge auch waren, so geht Lemlings bleibende Bedeutung als Fotopionier doch weit darüber hinaus. Heute ist kaum noch bekannt, welche Energie und welche Voraussicht nötig waren, das Fotografieren gesellschaftlich durchzusetzen. Das Fotografieren hatte viele Gegner, die sich oftmals nicht vorstellen konnten, dass es zu etwas anderem als Zeitvertreib nützlich sein konnte. Andere befürchteten den Verfall oder gar den Untergang der Malkunst. Solchen Bedenken gegenüber erhob Lemling über Jahrzehnte seine Stimme und betonte eindringlich den Nutzen der Fotografie für Industrie, Kunst und Wissenschaft.

Privat erwies sich der fortschrittsfreudige Eifler als zutiefst bodenständig. Er lebte, arbeitete und starb (1894) in seinem Heimatdorf. Dort zog er zusammen mit seiner eifelstämmigen Ehefrau Gertrud Heihs drei Töchter auf, deren heutige Nachkommen das Interesse am Lebenswerk ihres Vorfahren mit ihren Sülmer Verwandten teilen. Zwar können Joseph Lemlings technische Pionierbeiträge zur Fotografie nur wenige Spezialisten angemessen würdigen. Woran sich aber – wie jüngere Ausstellungen zeigen – viele erfreuen, sind seine frühen Eifelaufnahmen. Nicht nur für den bekannten Kyllburger Pianisten und FIFA-Schiedsrichter Heribert Fandel bleiben es wahre „Eifelschätze“.

(Quelle: Gregor Brand: Joseph Lemling - Fotopionier aus Marmagen. In: Eifelzeitung vom 29. Februar 2012)

Mittwoch, 22. Februar 2012

Heinrich Böcking: Kaufmann und Politiker aus Traben-Trarbach


Seit dem Dreißigjährigen Krieg versuchten französische Herrscher, die deutschsprachige Bevölkerung an der Saar zu ihren Untertanen zu machen. Mit militärischen Mitteln gelang ihnen dies sowohl zur Zeit des Sonnenkönigs Louis XIV. als auch in den Jahren der Französischen Revolution. Im 20. Jahrhundert entschieden sich die Saarländer zweimal mit großer Mehrheit gegen Frankreich. Wenig bekannt ist dabei, dass es einst nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft der Eifelmoselaner Heinrich Böcking gewesen war, der sich unter Berufung auf das nationale Selbstbestimmungsrecht erfolgreich gegen den Verbleib saarländischer Gebiete bei Frankreich ausgesprochen hatte. Herzlich hatte deswegen der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm im Jahr 1834 Böcking gegrüßt als „den edlen Mann, der zuerst den Mut hatte auszusprechen, jene Gauen (Saarrevier) möchten unter den Fittichen unseres Adlers wieder deutsch werden“.

boecking

Dieser mutige Mann war 1785 als fünftes von 14 Kindern einer ganz außergewöhnlichen Familie in Trarbach geboren worden. Sein Vater, der wohlhabende Kaufmann und Weingutsbesitzer Adolf Böcking, gehörte zu einer protestantischen Familie, die über Jahrhunderte herausragende Unternehmer, Winzer, Gelehrte und Politiker hervorbrachte. Heinrich Böckings Eifler Mutter Ernestina Clara von Scheibler entstammte der berühmten Monschauer Tuchfabrikanten-Familie Scheibler; ein Bruder von ihr war der in österreichischen Diensten stehende Feldmarschalleutnant Karl Wilhelm von Scheibler. Angesichts dieses großbürgerlichen Umfeldes hätte die Jugend Heinrich Böckings eigentlich in ruhigen Bahnen verlaufen können. Doch vier Jahre nach seiner Geburt begann die Französische Revolution und mit ihr eine gerade auch für Eifel und Mosel vielfach chaotische Zeit. 1793 musste Böckings Familie vor den Revolutionären flüchten, mit 14 verlor Heinrich seinen Vater. Als die Verhältnisse wieder ruhiger wurden, erlernte der junge Böcking traditionstreu den Kaufmannsberuf und ließ sich in Amsterdam als selbständiger Kaufmann nieder. 1809 heiratete er die 19-jährige Charlotte Stumm aus einer saarländischen Eisenindustriellen-Dynastie. Böcking-Stumm: Diese Familienverbindung gab es fortan noch öfter. So war Carl Ferdinand von Stumm-Halberg, einer der wichtigsten Industriellen des Kaiserreichs, nach dem das Land an der Saar spöttisch „Königreich Stumm“ (W. Liebknecht) genannt wurde, nicht nur der Sohn einer Nichte Heinrich Böckings, sondern zudem auch mit Heinrich Böckings Enkelin Ida verheiratet. Eine andere Nichte Böckings wurde die Ehefrau des legendären Stahlindustriellen Alfred Krupp. Eine vielleicht verwirrende Namensvielfalt, die aber eines klar erkennen lässt: Diese Böckings zählten zum innersten Kreis der deutschen Industrie-Elite.

1811 zog das junge Ehepaar nach Saarbrücken, wo Heinrich sich bei der Verwaltung der Hüttenbetriebe seines Schwiegervaters zu einem Fachmann der Eisenindustrie entwickelte. In jenen Jahren der Befreiungskriege und der glänzendsten Zeit deutscher Kultur wurde es Böckings Herzensanliegen, sich für ein Ende der französischen Herrschaft an der Saar einzusetzen und stattdessen auf einen Anschluss deutschsprachiger Gebiete an Preußen zu drängen. Böcking, 1814 für mehrere Monate Bürgermeister von Saarbrücken, führte bei den Friedensverhandlungen in Paris die Saarstädte an und nicht zuletzt seinem diplomatischem Geschick ist es zu verdanken, dass Frankreich sich dem Willen der Bevölkerung beugen und auf Saarbrücken und das Saarrevier verzichten musste. 1816 wurde Böcking Generalbergkassierer und damit einer der wichtigsten Persönlichkeiten der preußischen Bergbauverwaltung; erst 1844 schied er als Oberbergrat aus dem Staatsdienst aus. Ein weiteres wichtiges Amt bekleidete der Eifelmoselaner von 1832 bis 1838 als Bürgermeister von Saarbrücken. In diese Zeit fallen die von Böcking maßgeblich geförderten ersten Maßnahmen zur Erschließung des Gebietes an der Saar durch Eisenbahnen. Zur Sicherung der deutschen Eisenindustrie setzte er sich für Schutzzölle ein, unter anderem als Bevollmächtigter der Rheinisch-Westfälischen Eisenhütten. Seinen Lebensabend verbrachte Böcking in Trier und Bonn, wo er 1862 starb. Das heutige Weingut Richard Böcking in Traben-Trarbach zeigt auf dem Etikett seines Riesling-Sekts das Portrait Heinrich Böckings und ehrt damit zu Recht die „bemerkenswerte Persönlichkeit“ (Ingrid Hollmann) ihres großen Verwandten.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Graf Dietrich IV. von Manderscheid-Schleiden


Das altadlige Eifler Geschlecht der Grafen von Manderscheid sei ausgestorben, kann man öfters hören, wenn von der Geschichte der Eifel die Rede ist. Eine gräfliche Familie, die sich „von Manderscheid“ nennen darf, gibt es in der Tat schon lange nicht mehr. Geht es allerdings um die biologischen Nachkommen der Manderscheider Grafen, so sieht die Sache anders aus. Dies zeigt gerade das Beispiel des Grafen Dietrich IV. von Manderscheid-Schleiden, der Tausende von heute lebenden Nachfahren hat. Darunter findet man nicht nur die Könige von Spanien, Schweden oder Belgien sowie den britischen Thronfolger Charles, sondern große Teile des europäischen Hochadels überhaupt. Viele Bürgerliche, vom britischen Premier Cameron bis zu zahlreichen Eiflern, verbindet mit dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. die Abstammung von diesem Eifler Grafen. Dieses erstaunliche genealogische Erbe liegt nicht daran, dass Dietrich IV. selbst viele Kinder gehabt hätte. Aus seiner ersten Ehe mit der Witwe Margarethe von Sombreff, der Herrin von Kerpen, sind nur die Söhne Dietrich und Franz bekannt, die zweite Ehe mit der gleichfalls verwitweten Elisabeth von Neufchateau blieb kinderlos. Zwar hatte Graf Dietrich IV. standestypisch auch noch „natürliche“ Kinder von Geliebten, aber zum großen Ahnherrn wurde er vor allem durch die vielen Sprösslinge seines Sohnes Dietrich V.

diedrich

Der 1481 vermutlich in Schleiden geborene Graf Dietrich IV. trat 1501 seine Herrschaft über Manderscheid-Schleiden und weitere Eifelgebiete an und gab sie für ein halbes Jahrhundert nicht mehr ab. Die Manderscheider hatten das wegen seiner Eisenproduktion wichtige Schleiden nicht kriegerisch gewonnen, sondern es war ihnen durch Heirat und Erbfolge zugefallen. Die Schleidener Eisenindustrie erlebte unter Dietrich IV. eine Blütezeit. Zudem machten zwei seiner Untertanen den Namen der Herrschaft zu einem Begriff, der Europas geistiger Elite vertraut wurde: Die Schleidener Bürgersöhne Sturmius und Sleidanus zählen zu den großen Gelehrten des 16. Jahrhunderts. Graf Dietrich schätzte und förderte sie. Seinen Sohn Franz ließ er vom jungen Sleidanus unterrichten.

Das war schon deswegen nicht selbstverständlich, weil sich Sleidanus der neuen protestantischen Konfession angeschlossen hatte und religiöse Mäßigung nicht zu den Kennzeichen jener Zeit gehörte. Durch das Auftreten Luthers und die Kirchenspaltung hatten sich auch innerhalb vieler Adelsfamilien konfliktreiche Risse aufgetan. Hermann von Wied, Vetter von Dietrichs Mutter und Kurfürst von Köln, neigte ebenso der neuen evangelischen Richtung zu wie manche Angehörige der Manderscheider Grafenfamilie. Dietrich IV. selbst ließ sich zu keinem Fanatismus hinreißen. Im Gegenteil: Reichsweit war er für seine stets um Ausgleich und Konfliktvermeidung bemühte Haltung bekannt und als von beiden Seiten akzeptierter Vermittler gefragt, so etwa auf dem Reichstag zu Regensburg 1541. Manchen Papstanhängern trat er allerdings nicht aggressiv genug gegen die Protestanten auf und immer wieder wurde geargwöhnt, er sei mehr oder minder heimlich Anhänger Luthers oder Calvins. Öffentlich sagte sich der Eifler Graf allerdings zu keiner Zeit von Rom los und viele seiner Maßnahmen deuten darauf hin, dass seine Treue zum alten Glauben nicht bloß Schein war. Manche Eifler Kirchenbauten gehen auf seine Initiative zurück, so vor allem der Neubau der Schleidener Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus mit ihren berühmten Glasfenstern. Dietrichs kaum zu überschätzende Leistung liegt darin, dass es ihm gelang, die auch in seinem Herrschaftsbereich durchaus vorhandenen religiösen Spannungen ohne die damals oft übliche Gewalttätigkeit zu kontrollieren. Nicht zuletzt dieses besonnene Vorgehen brachte ihm den verdienten Beinamen „Dietrich der Weise“ ein, der zudem auch Dietrichs vielfältiges Wissen widerspiegelt. Bei all dem war seine Toleranz nicht grenzenlos. So finden wir bei ihm den Rat an den Sohn Dietrich, dessen protestantische Überzeugungen ihm bekannt waren, gegen die als besonders radikal empfundenen Wiedertäufer vorzugehen.

Als Graf Dietrich IV. 1551 starb, wurde er unter großen Feierlichkeiten auf traditionell katholische Weise bestattet. Mit der Übernahme der Herrschaft durch Dietrich V. endete eine Zeit, die bisweilen durch ihre ökonomisch-kulturelle Aufwärtsentwicklung als „Glanzpunkt in der Geschichte des Eifellandes“ (N. Reinartz) angesehen wird.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Facebook-Autorenseite zu Gregor Brand

gregclass

http://www.facebook.com/pages/Gregor-Brand/228413083913822

Samstag, 21. Januar 2012

Father Michael Müller: Redemptorist und US-Theologe aus Dreis-Brück/Eifel


„Amerikanische Mitbürger – Amerika ist meine Heimat! Ich habe kein anderes Land. Nach Gott und meiner Religion ist mir mein Land das Liebste im Leben!“ Mit diesem überschwänglichen Bekenntnis zu den USA beginnt das 1872 erschienene viel beachtete Buch „Public School Education“ eines Mannes, der 1851 als 25-Jähriger erstmals amerikanischen Boden betrat und dort in den Jahrzehnten vor 1900 einer der bekanntesten katholischen Autoren wurde: Pater Michael Müller, dessen Namenszusatz C.S.S.R. anzeigt, dass er zum Orden der Redemptoristen gehörte.

MuellerCSSR

In der englischen Sprache seiner neuen Heimat verfasste er über 30 Bücher zu zentralen Fragen katholischen Lebens. Ein Hauptthema in seinem Werk war, wie das oben erwähnte Buch über das öffentliche Schulsystem andeutet, die Bildung. Wer heutzutage Bildung zu einer Frage von elementarer Wichtigkeit für die Gesellschaft erklärt, könnte sich dabei gut auf Pater Müller berufen. „Die Frage der Erziehung ist die wichtigste von allen“, war der Eifler Pater überzeugt. Von der richtigen familiären und schulischen Erziehung hing für ihn Wohl und Wehe des Einzelnen und der Gesellschaft ab. Von nichtkatholischen Schulen für katholische Kinder hielt er dabei nichts.

Müllers Überzeugung vom Stellenwert der Erziehung dürfte mit seinen eigenen Bildungserfahrungen zusammenhängen. 1825 in Brück als ältester Sohn von neun Kindern der Eheleute Katharina Leif und Anton Müller geboren, verbrachte er seine ersten Lebensjahre im wohligen Schoß der Familie. Sein aus Gelenberg stammender Vater war zwar gelernter Wagner, aber in Brück mit dem Amt eines Feld- und Waldhüters betraut, was für seinen Sohn zu einprägsamen Jagderlebnissen führte.

Dieses Dorfjungenleben verwandelte sich in eine Erziehungshölle, als der sensible Michael mit fünf Jahren in die Pfarrschule kam, wo er vier Jahre lang vom Lehrer brutal schikaniert wurde. „Der kleinste Fehler, den ich beim Lesen machte, wurde mit einer tüchtigen Ohrfeige belohnt“, notierte er Jahrzehnte später in seinen Erinnerungen, die von seinem Verwandten Nikolaus Rätz (Loogh) vor einigen Jahren auszugsweise veröffentlicht wurden.

Dass es Schule ohne dauernde Angst und Zittern geben kann, erlebte Michael Müller erst, als er einen neuen Lehrer erhielt, der das Gegenteil seines Vorgängers war. Einige Jahre später kam der stille und viel betende Junge auf das Gymnasium in Trier, wo die schulischen Probleme erneut sehr groß wurden. Mehrere Klassen musste er trotz fleißigen Lernens wiederholen. Ob dies wirklich – wie manchmal zu lesen ist – an mangelnder Begabung lag, kann angesichts seiner späteren Schriften durchaus bezweifelt werden.

Müller selbst war davon überzeugt, dass man auf Dauer mit Willen und Fleiß geistige Mängel mehr als wettmachen kann. Nach dem Gymnasium trat er in den Redemptoristen-Orden ein, seine Priesterweihe erhielt der Eifler 1853 in den USA. Hier musste er sich erneut mit pädagogischen Problemen beschäftigen, aber diesmal von der anderen Seite her. Acht Jahre lang oblag ihm als Novizenmeister die Aufsicht über die jungen Ordensanwärter. Während dieser Jahre kam es öfters zu Spannungen, was anscheinend daran lag, dass die bereits in den USA Aufgewachsenen mit der Grundsatzstrenge des Eiflers, dessen Temperament als „extrem deutsch“ empfunden wurde, nur schwer zurechtkamen.

Kompromissloses Festhalten an den von ihm als einzig richtig betrachteten katholischen Auffassungen kennzeichnet auch das theologische Werk des erzkonservativen Müller. Unerbittlich betonte der US-Eifler immer wieder den vom frühchristlichen Kirchenvater Cyprian formulierten Grundsatz, dass es außerhalb der katholischen Kirche kein Seelenheil geben könne (Extra ecclesiam nulla salus).

Wer die katholische Kirche nicht zur Mutter hat, der kann Gott nicht zum Vater haben: Die polemische Schärfe, mit der Müller diese – auch von Papst Benedikt XVI. verteidigte – Lehre verkündete, empörte nicht nur Protestanten, sondern rief selbst unter Katholiken heftige Proteste hervor. Jahrelang zog sich die „Müller-Kontroverse“ hin, bis schließlich 1897 der Generalobere der Redemptoristen, der Luxemburger Matthias Raus, seinem moselfränkischen Mitbruder Veröffentlichungsverbot erteilte. Zu diesem Zeitpunkt war Müllers glaubensstrenges Lebenswerk ohnehin fast vollendet. Geschwächt durch Schlaganfälle, entschlief Michael Müller wenige Monate vor Beginn des neuen Jahrhunderts „selig im Herrn“.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Friedrich Joseph Haas: Arzt und Sozialreformer aus Münstereifel


Wer ist die sympathischste Persönlichkeit der deutschen Geschichte? Würde man den Bürgern Moskaus diese Frage stellen, so würden viele einen Eifler nennen: Friedrich Joseph Haas. Der 1780 geborene „heilige Arzt von Moskau“ ist in Russland auch über 150 Jahre nach seinem Tod unvergessen. Große russische Autoren von Dostojewski bis Solschenizyn und Kopelew haben sich mit seiner Biographie ebenso beschäftigt wie zahlreiche weniger bekannte Forscher, die den Spuren seines Wirkens nachgehen.

Haass

Das Leben von Friedrich Joseph Haas (auch Haass, Haaß usw.) begann im Schoß einer kinderreichen katholischen Familie in Münstereifel. Aus der Ehe der 23-jährigen Witwe Catharina Josepha Brewer mit dem zehn Jahre älteren aus Köln stammenden Apotheker Peter Haas erreichten fünf Jungen und drei Mädchen das Erwachsenenalter; hinzu kam ein Sohn aus der ersten Ehe der Mutter. Beide elterlichen Familien gehörten der bildungsbürgerlichen Elite an. Der väterliche Großvater war Chirurg, der mütterliche Gerichtsschreiber; in den Seitenlinien finden sich Ärzte, Geistliche und Juristen. So war es letztlich nicht ungewöhnlich, dass der Apothekersohn nach dem Gymnasium in Münstereifel und weiterer Ausbildung in Köln und Jena schließlich an der Universität Göttingen Doktor der Medizin wurde, immer unterstützt von seinem gleichnamigen Onkel und Paten Professor Dr. med. Friedrich Joseph Haas (1754–1827). Bald darauf überredeten hohe russische Adlige, die der junge Arzt erfolgreich behandelt hatte, den Eifler, ihnen als Leibarzt nach Moskau zu folgen. Dort setzte sich sein Erfolg fort: Schon 1807 wurde Dr. Haas Chefarzt des Pauls-Krankenhauses, zusätzlich betrieb der Deutsche, dessen Spezialgebiet die Augenheilkunde war, eine erfolgreiche Privatpraxis. Rund zwei Jahrzehnte nach seiner Übersiedlung ins Zarenreich wurde der weithin bekannte Mediziner Chefarzt aller Moskauer Gefängnisspitäler. Die brutale Behandlung der zahlreichen Sträflinge hatte Haas schon lange als menschenunwürdig empfunden. Auf sein Eintreten hin wurden nun unter anderem die schweren Eisenketten für Schwache und Invalide abgeschafft und für die anderen Gefangenen im Gewicht halbiert – ungeheure Erleichterungen vor allem für die Häftlinge, die mit solchen Ketten und an Eisenstäben gefesselt nach Sibirien geschickt wurden.

Haas setzte sich nicht weniger energisch für rechtliche Verbesserungen und für eine angemessenere Betreuung der zahlreichen Kindersträflinge ein. Dabei blieb die medizinische Versorgung der Riesenschar seiner Patienten die Hauptaufgabe. Privat behandelte er Arme kostenlos, während er die hohen Honorare seiner adligen Patienten bis zum letzten Heller zur Linderung der Not anderer verwendete. In allen Kreisen sprach sich sein aufopferndes Wirken und sein Drängen auf einen humaneren Strafvollzug herum, aber allein hätte es ihm noch nicht seinen heiligmäßigen Ruf eingebracht, wenn nicht die besondere Ausstrahlung seiner Persönlichkeit hinzugekommen wäre.

Selbst den höchsten Adligen gegenüber trat der große, breitschultrige Eifler nie unterwürfig auf, den einfachen Leuten dagegen stets ohne jede Überheblichkeit und verständnisvoll. Solches Verhalten war im damaligen Zarenreich, in dem noch die Leibeigenschaft existierte, ebenso ungewöhnlich wie seine bisweilen belächelte sittsame Lebensführung, die weder auf Vergnügungen noch auf Reichtum Wert legte. Wie im 20. Jahrhundert beim Arzt und Nobelpreisträger Albert Schweitzer, so ging auch bei Haas Herzensgüte mit einem scharfen Verstand einher. Die Werke des heiligen Theologen Franz von Sales und den Philosophen F. W. J. Schelling schätzte er besonders und an seinem herausragenden medizinischen Wissen bestand ohnehin kein Zweifel. Haas entdeckte und beschrieb die heilkräftigen Mineralquellen im Kaukasus – auch daran erinnert man sich in Russland bis heute gern und gut.

In Münstereifel wird die Erinnerung an den großen Sohn vielfältig gepflegt. Von überregionaler Bedeutung ist das anhaltende wissenschaftliche Interesse, wie es etwa in einer jüngst von K. Pfeifer vorgelegten Doktorarbeit deutlich wird. In ganz besonderer Weise gilt dies auch von dem 1998 eröffneten Verfahren zur Seligsprechung von Haas. Unabhängig von dessen Ausgang kann man sicher annehmen, dass die meisten jener 20 000 Menschen aller Schichten, die im August 1853 in Moskau Friedrich Joseph Haas die letzte Ehre erwiesen, sich bewusst waren, dass ein heiligmäßiges Leben zu Ende gegangen war.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Meistermechaniker Matthias Schwalbach aus Malberg/Eifel: Erbauer der ersten Schreibmaschine


Als 2011 in Indien der weltweit letzte industrielle Hersteller von Schreibmaschinen das Ende seiner Produktion bekanntgab, ging eine Epoche zu Ende. Die im 19. Jahrhundert erfundene Schreibmaschine (englisch: typewriter) hatte Arbeitswelt und Zivilisation des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. Weltweit gilt ihre Entwicklung als amerikanische Innovation - zu Recht. Aber an ihrer Konstruktion war ein gebürtiger Deutscher maßgeblich beteiligt – der Eifler Matthias Schwalbach (1834–1920).

Schwalbach

Schwalbach wurde in Malberg geboren, also in jenem Dorf unweit von Kyllburg und Bitburg, das historisch durch sein Schloss und die darin lebenden Adelsfamilien bekannt wurde. Seine Kyllburger Mutter Gertrud Simon war eine Kusine von Ludwig Bertrand Simon, dem Ahnherrn der Bitburger Brauerei-Familie Simon. Während in der mütterlichen Familie das Brauhandwerk gepflegt wurde, waren die Schwalbachs über Generationen als Uhrmacher tätig. So erwarb auch der junge Matthias, dessen Vater und Großvater den gleichen Vornamen trugen, den Grundstock seiner später bewunderten mechanischen Kenntnisse und Fertigkeiten noch in der Eifel, ehe er 1857 in die USA auswanderte. Nach sechsjähriger Arbeit als Mechaniker im Bundesstaat New York zog es den unternehmungslustigen Eifler weiter nach Westen. Zur dauerhaften Heimat wurde ihm Milwaukee, eine Stadt mit besonders vielen deutschen Einwanderern. Ein Jahrzehnt lang arbeitete er dort in der Werkstatt des Thüringers C. F. Kleinsteuber und tauschte sich mit einheimischen Tüftlern und Hobby-Erfindern aus, die sich mit Vorliebe in Kleinsteubers Machine Shop trafen. Zu diesen innovativen Köpfen zählten der Journalist C. L. Sholes, der Drucker S. W. Soule und der Anwalt C. Glidden, deren Ehrgeiz dahin ging, eine praktikable Schreibmaschine zu entwickeln. Seit langem war zwar immer wieder versucht worden, maschinelles Schreiben zu ermöglichen, aber ohne durchschlagenden Erfolg. 1867 meldete Sholes eine Schreibmaschine zum Patent an, war aber mit dem darauf beruhenden unhandlichen Produkt sehr unzufrieden. In den folgenden Jahren schaltete sich nun immer stärker Matthias Schwalbach in das Projekt ein und wurde Teil dieses „Schreibmaschinen-Teams“. Ihm kam insofern eine besondere Rolle zu, als er der anerkannt beste Mechaniker war und über die praktischen Fähigkeiten verfügte, das neuartige Gerät zu bauen. Dabei beschränkte sich Schwalbachs Arbeit keineswegs auf die Umsetzung der Entwürfe der anderen. Mit eigenen Ideen, von denen einige 1872 zum Patent angemeldet wurden, trug er maßgeblich dazu bei, dass der 1873 vorliegende und funktionierende Prototyp als die erste marktreife Schreibmaschine überhaupt gilt. Zu den eigenständigen Ideen Schwalbachs gehört die Anordnung der Schreibtasten in vier Reihen – ein Konzept, das auch bei den heutigen Computer-Tastaturen noch angewendet wird. Sämtliche frühen Exemplare dieses „Sholes-Glidden-Typewriter“ wurden von Meister Schwalbach gebaut, ehe dann James Densmore nach Kauf der Rechte die Waffenfirma Remington mit der industriellen Produktion beauftragte.

So entscheidend Schwalbachs Beitrag auch war, so war die Arbeit an den Schreibmaschinen für ihn eher eine Nebentätigkeit – wie beispielsweise auch die Arbeit an Nähmaschinen, für die er ebenfalls patentierte Erfindungen entwickelte. Schwerpunkt seiner 1873 gegründeten Star Clock Company war die Produktion von Turmuhren. Wie bei dem technisch so kreativen Schwalbach nicht anders zu erwarten, gelangen ihm auch hier erstaunliche Verbesserungen, die ihn zum gefragtesten Turmuhren-Spezialisten im Mittleren Westen machten. Bis heute sind auf vielen Kirchen in Michigan, Wisconsin, Ohio etc. die beeindruckenden Konstruktionen des Malbergers zu sehen, denen Uhren-Experten wie Professor Joseph G. Baier höchstes Lob zollen.

Das private Leben Schwalbachs war durch die Sorge für seine große Familie gekennzeichnet. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er noch zweimal und wurde insgesamt Vater von 24 Kindern. Obwohl etliche davon das Erwachsenenalter nicht erreichten, ist die Nachkommenschaft des Eiflers sehr groß. Als 2011 in Milwaukee die Erfindung der Schreibmaschine feierlich zu einem Top-Ereignis der Ingenieursgeschichte erklärt wurde, wurden die Nachkommen des Erfinders Schwalbach eingeladen. Nicht nur das zahlreiche Erscheinen der Schwalbach-Eifelkinder deutet auf ein zunehmendes Interesse an diesem noch zu wenig bekannten Erfinder hin.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

Impressum:

© 2007-2012 by Gregor Brand www.gregorbrand.com

Aktuelle Beiträge

Dr. Nikolaus Kronser...
Das tschechische Karlsbad zählt zu den berühmtesten...
gregorbrand - 16. Mai, 01:06
Gustav Lejeune Dirichlet:...
Johann Peter Gustav Lejeune Dirichlet – so...
gregorbrand - 5. Mai, 22:44
Jakob Marx der Ältere:...
Zwei gelehrte Priester haben den Namen Marx in Verbindung...
gregorbrand - 27. Apr, 23:01
GREGOR BRAND: VERÖFFENTLICHUNGEN
A. Bücher/Monographien Brand , Gregor: Ausschaltversuche. ...
gregorbrand - 7. Apr, 04:08
Franziska Bram: Schriftstellerin...
„Eine fast vergessene Dichterin“ –...
gregorbrand - 5. Apr, 03:41

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Aphorismen
Autobiografisches
Bibliographie
Eifel
Gedichte
Genealogie
Intelligenz
Kulturkritik
Religion
Rezensionen
Zeitgeschehen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren