Donnerstag, 17. März 2016

Ambiorix - König der Eburonen


Der römische Politiker Gaius Iulius Caesar (100 – 44 v. Chr.) gilt als einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Als Feldherr war er in vielen Kriegen siegreich, musste jedoch auch einige herbe Verluste einstecken. Seine größte und empfindlichste Niederlage wurde ihm von Eiflern zugefügt: Im November des Jahres 54 überfielen Krieger aus dem Stamm der Eburonen die Legionäre des Römerlagers Atuatuca in der Nordeifel und töteten rund zehntausend Soldaten der sieggewohnten Invasoren. Anführer der Eburonen gegen Caesar war ihr König Ambiorix.

Die Eburonen wohnten im Gebiet zwischen Maas und Rhein; Kerngebiet ihres Territoriums war die Nordeifel. Ihre Siedlungen zogen sich im Süden bis tief in die Vulkaneifel hin, wo ihr Stammesgebiet an das der Treverer grenzte; zwischen beiden Völkerschaften lebten weitere kleinere Stammesgruppen. Caesar hielt die Eburonen für Germanen, aber die Mehrheit der Forscher zählt sie – hauptsächlich aufgrund von Namensstudien – zu den Kelten. Vermutlich gab es in diesem keltisch-germanischen Grenzraum, der damals noch nicht als Eifel bezeichnet wurde, mannigfache Überschneidungen; die Unterschiede in Aussehen und Lebensweise zwischen Kelten und Germanen waren dort vermutlich gering. Die Eburonen wurden zur Zeit Caesars von zwei Königen beherrscht, dem älteren Catuvolcus und dem jüngeren Ambiorix. Wann und wo Ambiorix genau geboren wurde, ist – wie bei anderen Gallier- und Germanenfürsten jener Zeit - nicht bekannt. Seine späteren erfolgreichen Fluchtbewegungen lassen auf eine exzellente Kenntnis der lokalen Verhältnisse schließen, was dafürspricht, dass er in den Waldgebieten von Eifel und Ardennen aufwuchs. Die historische Bühne betrat er erstmals im Zusammenhang mit der römischen Eroberung Galliens. Im Gegensatz zu dem schon älteren Mitkönig Catuvolcus war Ambiorix zu diesem Zeitpunkt ein physisch hoch leistungsfähiger Krieger, dessen Reiterleistungen Caesar mehrfach hervorhebt. Wie die anderen Stammesherrscher, so musste sich auch Ambiorix entscheiden, ob er sich der übermächtigen römischen Militärmacht entgegenstellen oder eher auf Unterwerfung setzen sollte. Anfangs erweckte er den Eindruck, ein Freund der Römer und Cäsars zu sein und unterstützte sie – vermutlich ein taktisches Vorgehen. Die römische Militärmaschinerie hatte gewissermaßen vor seinen Augen ihre Stärke brutal unter Beweis gestellt, als Caesars Legionäre über 50 000 der den Eburonen stammverwandten Nervier töteten und ähnlich viele Atuatuker in die Sklaverei verschleppten. Die Römer hatten jedenfalls so viel Vertrauen in Ambiorix und die Eburonen, dass sie im Jahr 54 im Lager Atuatuca mitten im Eburonengebiet rund 10 000 Legionäre zum Überwintern stationierten. Ambiorix, dem von Caesar ausdrücklich die Fähigkeit zum planvollen Überlegen zugeschrieben wurde, wusste, dass die Römer in dieser Befestigung nicht zu besiegen waren. Mit List und Täuschung lockte er daher die Legionäre aus dem Fort und überfiel sie mit seinen Kriegern, als sich der römische Heereszug in ungünstiger Lage in einem langen Tal befand. Über dessen exakte Lokalisierung streiten sich die Gelehrten. Vieles spricht dafür, dass der Ort der größten römischen Katastrophe im gallischen Krieg im Raum Nideggen-Eschweiler-Stolberg lag.

Als Caesar von der Vernichtung seiner Legionäre erfuhr, schwor er nicht nur Ambiorix Rache, sondern war auch entschlossen, zur Strafe dessen gesamten Stamm auszurotten – heute würde man von einem Völkermord sprechen. Bereits im folgenden Jahr rückten die Römer unter Caesars Befehl mit Zehntausenden von Soldaten zwischen Belgien und Rhein vor und unterdrückten erfolgreich den vom Trevererfürsten Indutiomarus zusammen mit Ambiorix partisanenhaft geführten Aufstand gegen die Römer. Die Eburonen wussten, dass sie nun um Leib und Leben fürchten mussten. Ambiorix befahl, dass jeder auf eigene Faust versuchen sollte, sein Leben zu retten. Wer flüchten konnte, floh. Caesar ließ alle Dörfer und Höfe der Eburonen niederbrennen, ihr Vieh abschlachten und gab ihre gesamte Habe zur Plünderung frei. Seine Absicht war es, die überlebenden Eburonen durch Beraubung aller Lebensgrundlagen in den Tod zu treiben. Daneben setzte er alle Machtmittel in Bewegung, um Ambiorix zu fassen. Den Römern gelang es, dessen einsam im Wald gelegenes Haus ausfindig zu machen. Ambiorix konnte jedoch auf einem Pferd in die Wälder entkommen, wohl wissend, dass hinter ihm alles niedergemacht wurde. Auch bei weiteren Aktionen entkam der von Kommandos gehetzte Ambiorix – oft in letzter Minute – immer wieder in Waldverstecken und flüchtete auf raffinierten Wegen im Schutz der Nacht. Schließlich fand er Zuflucht rechts des Rheins bei befreundeten Germanen – die Römer bekamen ihn nie zu fassen. Caesars Horrorplan der Ausrottung der Eburonen war glücklicherweise nicht ganz erfolgreich; spätere römische Autoren berichten von ihrem Fortleben. Ambiorix selbst wird bis heute teilweise als Freiheitskämpfer gesehen und gefeiert, teilweise aber auch für die Katastrophe seines Volkes durch Römerhand verantwortlich gemacht.

(Quelle: Gregor Brand: Ambiorix - König der Eburonen. In: Eifelzeitung vom 24. Februar 2016)

Montag, 18. August 2014

Peter Scholl-Latour - ein Marranenleben? Anmerkungen zur jüdischen Herkunft eines großen Publizisten


Der am 16. August 2014 hochbetagt verstorbene Journalist, Publizist und Bestseller-Autor Dr. Peter Scholl-Latour stand jahrzehntelang im medialen Blickpunkt und zählte zu den bekanntesten Intellektuellen Deutschlands.

Nahezu unbekannt ist erstaunlicherweise der konkrete jüdische Hintergrund seines außergewöhnlichen Lebens. Zwar verheimlichte Scholl-Latour seine Herkunft nicht völlig. Sogar im Wikipedia-Artikel über ihn findet sich der Hinweis auf seine jüdische Mutter. Aber während Scholls Vater Otto dort mit Namen genannt wird, blieb seine Mutter Mathilde Nußbaum bis jetzt anonym (Das wird sich hoffentlich nach diesem Beitrag ändern). Diese Anonymität ist durchaus bezeichnend. Jahrzehntelang war im Zusammenhang mit Scholl-Latours Herkunft meist nur von „deutsch-französisch“ die Rede – passend zu seinem entsprechend klingenden Doppelnamen. Wenn es etwas konkreter wurde, fielen noch Stichworte wie Saarland und Elsaß-Lothringen, also Gebiete, bei denen viele ohnehin nicht wissen, ob sie deren Bewohner eher als Deutsche oder als Franzosen betrachten sollen. Dabei könnte man gerade auch in Wikipedia Näheres über Scholl-Latours mütterliche Verwandtschaft finden. Sein Onkel, Bruder seiner Mutter, war der sozial hoch engagierte Arzt Dr. Robert Nußbaum (1892–1941), über den dort wichtige und nützliche Informationen zu finden sind. Dr. Nußbaum wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet.

http://stolpersteine-minden.de/2-station-steinstrase-9ecke-stiftstrase/
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Nu%C3%9Fbaum

Der in Straßburg geborene Robert Nußbaum war wie seine Schwester Mathilde Nußbaum, die Ehefrau von Otto Scholl und Mutter von Peter Scholl-Latour, ein Kind der jüdischen Eheleute Dr. Moritz Nußbaum und Ida Koppel. Peter Scholl-Latours jüdischer Großvater Moritz Nußbaum, später Gymnasialdirektor in Straßburg, hatte mit einer 1875 veröffentlichten Arbeit zum Thema „Observationes in Flavii Josephi Antiquitaties, lib. XII. 3-XIII. 14“ zum Doktor der Philologie promoviert. Man könnte in der Beschäftigung mit dem berühmten jüdischen Autor Flavius Josephus (ca. 37–100), der sich in den Dienst der römischen Staatsmacht stellte, ebenso eine Art Vorgriff auf die nichtjüdisch-jüdische Doppelexistenz seines Enkels Peter Scholl-Latour sehen wie in Moritz Nußbaums Beruf als Lehrer einen Bezug zum pädagogischen Impetus des „Welterklärers“ Scholl-Latour.

War Peter Scholl-Latour Jude? Über die Frage, wer Jude ist, existieren viele unterschiedliche Meinungen, auch im Judentum selbst. Reformjudentum und orthodoxes Judentum beantworten die Frage nicht gleich; in Israel gab und gibt es heftige Debatten über diese Problematik und zu der damit zusammenhängenden Frage, wem die Definitionsmacht darüber zukommen soll. Soviel kann man allerdings sagen: Nach traditioneller jüdischer Auffassung ist Jude jedes Kind einer jüdischen Mutter. Nach dieser konventionellen Auffassung könnte man Peter Scholl-Latour mit Fug und Recht als Juden bezeichnen. Andererseits bleibt natürlich das Faktum, dass er katholisch getauft und erzogen wurde und seine Wurzeln väterlicherseits nicht zuletzt in die katholische Eifel führen. In zahlreichen Interview-Äußerungen äußerte Peter Scholl-Latour seine Sympathien für das römisch-katholische Christentum. Und ich bin sicher, auch wenn ich nicht dabei war: Wenn er irgendwo auf seinen vielen Reisen in der Welt nach seiner Religion gefragt wurde, hat er sich als katholischen Christen bezeichnet.

Wieso aber nun „Marranenleben“? Marranen, das waren vor allem jene Nachfahren iberischer Juden, die sich zum Christentum bekannten. Viele gezwungenermaßen und aufgrund existenzieller Bedrohung, weil ihnen durch die Inquisition Folter und Tod drohte. Andere aus christlicher Überzeugung. Insgesamt sind die mit den Namen illustrer Persönlichkeiten verbundenen Biographien marranischer Juden eine faszinierende Geschichte verschwimmender Identitäten. Ob sie nun innerlich dem Judentum oder aber dem Christentum oder gar keiner Religion nahestanden, eines ist für Marranen kennzeichnend gewesen: Sie mussten ihre jüdische Herkunft verbergen oder mindestens stark im Dunkeln halten, um ein nicht durch Identitätsprobleme belastetes Leben in einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft und nichtjüdischen Mehrheitswelt führen zu können. Und damit sind wir wieder bei Peter Scholl-Latour: Hätte er beispielsweise in der islamischen Welt so herumreisen können, wie er es tat, wenn er als Jude bekannt gewesen wäre? Hätte ihm Ajatollah Chomeini Interviews gewährt? Oder wäre er in manchen islamischen Ländern nicht zeitweise sogar Gefahr gelaufen, ein ähnliches Schicksal wie der amerikanisch-jüdische Journalist Daniel Pearl (1963–2002) zu erleiden, dem in Pakistan die Kehle durchgeschnitten wurde?
Und wie wäre er in deutschen Talk-Shows oder andernorts angesprochen worden, wenn man in ihm den Juden gesehen hätte? Welche Stellungnahmen hätte man von ihm erwartet, die er vielleicht nicht geben wollte? Eines kann man sicherlich sagen: Peter Scholl-Latour hätte nicht das Leben führen können, das er führte. Verdunkeln des Wissens um die eigene jüdische Herkunft als Lebensnotwendigkeit – ein Schicksal des 20. Jahrhunderts ebenso wie vor 500 Jahren nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Und es sieht so aus, als würde in Teilen der Welt die marranische Notwendigkeit im 21. Jahrhundert eher zunehmen als abnehmen.


Detailliertere Angaben zu den Vorfahren von Peter Scholl-Latours Mutter Mathilde Nußbaum:
http://www.geni.com/people/Mathilde-Nussbaum/6000000018978022580

Freitag, 27. Dezember 2013

Hugo Zöller: Journalist und Forschungsreisender aus Schleiden


Der imposante „Mount Wilhelm“ (Wilhelmsberg) ist mit 4509 m der höchste Berg in Papua-Neuguinea. So getauft wurde er von einem Eifler, der 1888 als erster Europäer das geheimnisvolle Gebiet genauer erkundete: dem 1852 im heute zu Schleiden gehörenden Dorf Oberhausen geborenen Hugo Zöller. Die Neuguinea-Expedition war nur eine von vielen Forschungsreisen, die Zöller als Korrespondent für die „Kölnische Zeitung“ unternahm und bei denen er immer wieder Neuland betrat und beschrieb. Seine Zeitungsartikel und Bücher mit ihren präzisen Schilderungen einer exotischen Welt machten ihn zu einem der großen Forschungsreisenden seiner Zeit. Zöller, Sohn des Eisenhüttenbesitzers August Zöller und der Elise Peuchen, gehörte seiner Herkunft nach mitten in den Kreis der historisch so bedeutenden Schleidener Eisenelite. Journalist wurde der Reidemeister-Spross eher zufällig. Als er nach seinem Jurastudium im Mittelmeerklima Linderung eines Lungenleidens suchte und zu diesem Zweck Spanien bereiste und in Marokko erstmals seinen Fuß auf afrikanischen Boden setzte, ließ sein Vater 1873/74 Hugos Reisebriefe in der „Kölnischen Zeitung“ veröffentlichen. Diese war von dem dadurch hervorgerufenen Echo sehr angetan – der Beginn einer jahrzehntelangen wechselseitig ergiebigen Zusammenarbeit. Der rheinisch-regional klingende Name dieser Zeitung täuscht über ihre enorme historische Bedeutung als „deutsche TIMES“: Das nationalliberal-konservative Blatt vom Rhein galt im Kaiserreich als führendes deutsches Presseorgan. Nachdem Zöller 1878 eine Weltreise angetreten hatte, prägten fortan seine Zeitungs- und Buchveröffentlichungen das Bild der Deutschen über ferne Länder und ihre Menschen maßgeblich mit. Sein publizistisches Wirken fiel in die Hochphase des europäischen Kolonialismus und Imperialismus.

Zoellerzu

Der Schleidener gehörte zu den überzeugten Kolonialbefürwortern. Bismarck-Freund Zöller wollte nicht einsehen, warum das 1871 gegründete Kaiserreich die Aufteilung der Welt Briten, Franzosen, Belgiern und anderen überlassen sollte, die sich riesige Kolonialgebiete unterwarfen. Fasziniert von den unerforschten Stellen der Erde, traf man Zöller bald an allen Brennpunkten deutscher Kolonisation. Oft war er der erste, der aus eigener Kenntnis über Land und Leute – etwa in Togo oder Kamerun – berichtete. Bei der Schilderung der Einheimischen verteilte Zöller Lob und Kritik, wie es ihm nach seinen eigenen Erfahrungen richtig schien. So nahm er einerseits die Bewohner Neuguineas gegen den pauschalen Vorwurf in Schutz, es seien blutdurstige und heimtückische Wilde, andererseits bescheinigte er ihnen „stark ausgeprägte Faulheit“. Was manche seiner Zeitgenossen von Eifelbauern dachten, das empfand Zöller in Neuguinea: „Der Blick dieser Papua reicht gar nicht weit über ihre Dorfgrenze hinüber“. Die „Papua-Damen“ fand Zöller „viel langweiliger als die unübertrefflich liebenswürdigen Samoanerinnen oder die Afrikanerinnen“, war aber trotzdem von den dortigen fröhlichen „mit einem kleinen Grasröckchen bekleideten Mädchen“ sehr angetan. Der welterfahrene Zöller wusste gut, wie man das Zeitungspublikum unterhalten konnte, aber er war trotz solcher Bemerkungen alles andere als ein Klatschreporter.

Viele Gebiete bereiste er als ethnologisch hoch interessierter Pionier und seine Beobachtungen über Sprache, Kleidung und Lebensweise bis dahin fast unbekannter Bevölkerungen waren auch für ein wissenschaftlich interessiertes Publikum faszinierend. Aus heutiger Sicht fällt das – für die damaligen Europäer nahezu selbstverständliche – Überlegenheitsgefühl der „zivilisierten Weißen“ gegenüber den „Eingeborenen“ kritisch auf. Nicht nur für Zöller verhielt sich der zivilisationsfremde Afrikaner zum kultivierten Europäer „wie der wilde Eber unserer Wälder zur Mast-Sau.“ In solchen Vergleichen schwang durchaus auch Kritik an der europäischen Überzivilisiertheit mit, die Zöller der Ursprünglichkeit der sogenannten „Naturvölker“ gegenüberstellte. Letztlich ließ er aber keinen Zweifel daran, dass er die Kolonialherrschaft als legitim ansah. Als Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien aufgeben musste, während führende Kolonialmächte wie Frankreich und Großbritannien ihre Gebiete behalten konnten, war Zöller über die Begründung der etablierten Kolonialstaaten empört, die sich als die besseren Kolonisatoren darstellten. Seine Sicht der verflossenen Epoche geht noch aus dem Titel seiner 1931 veröffentlichten Autobiographie hervor: „Als Journalist und Forscher in Deutschlands großer Kolonialzeit“. Zwei Jahre später starb Hugo Zöller 81-jährig in München. Trotz aller Reisegefahren in seinem abenteuerlichen Leben hatte er damit seinen Bruder, den gleichfalls hoch begabten Landesbauinspekteur und Philosophen Egon Zöller, um mehr als 40 Jahre überlebt; diesen ereilte der Unfalltod bereits 1891 in der rheinischen Heimat.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Anna Maria van Schurmann: Universalgelehrte, Künstlerin und Mystikerin aus Dreiborner Adelsfamilie


Ihr niederländischer Nachname täuscht nicht: Anna Maria van Schurmann, vielleicht die gelehrteste Frau des 17. Jahrhunderts, war die Tochter des aus Antwerpen stammenden Friedrich van Schurmann, der vor den blutigen Religionskriegen in seiner Heimat nach Köln geflüchtet war. Eine Eifler Adlige dagegen war seine Ehefrau Eva von Harff, die Mutter der 1607 in Köln geborenen Anna Maria. Die Familie von Harff beherrschte über Jahrhunderte vom Wasserschloss Dreiborn bei Schleiden aus eine jülische Unterherrschaft in der Nordeifel. Wenn die Eltern auch ihrer Herkunft nach verschieden waren, so verband sie doch die gemeinsame Religion – damals eine Frage von höchster Brisanz. Die Eltern waren Reformierte, was im katholischen Köln angesichts steigender religiöser Intoleranz immer mehr zu einem Problem wurde. Die Familie wich zunächst auf Schloss Dreiborn aus und zog dann in die Niederlande, wo sich Anna Maria nach dem Tod des Vaters (1623) mit der Mutter schließlich in Utrecht niederließ.
Anna Maria zeigte schon im Kleinkindalter höchste Begabung. Mit drei Jahren konnte sie in der Bibel lesen, und als ihre älteren Brüder in Latein unterrichtet wurden, lernte sie die Sprache mit seltener Leichtigkeit mit. Später beherrschte sie nicht nur die klassischen Bildungssprachen Latein und Griechisch, sondern auch zahlreiche weitere Sprachen: neben Hebräisch unter anderem auch Arabisch, Chaldäisch und Persisch. Lehrer in einigen neueren Sprachen war ihr Vater, der ihren Lerneifer nachhaltig unterstützte und von den geistigen Fähigkeiten seiner einzigen Tochter sehr überzeugt war. Deren besondere Fähigkeiten erstreckten sich nicht nur auf den gelehrten Bereich, sondern auch auf das Handwerkliche und Künstlerische, wie ihre Gemälde und Kupferstiche bezeugen. Vielleicht unter dem Eindruck dieser Vielzahl von Gott geschenkter Talente bat ihr tiefreligiöser Vater sie auf seinem Sterbebett, auf eine eigene Familie zu verzichten und stattdessen ihr Leben nur dem Glauben und den Wissenschaften zu widmen. Welche Gedanken ihren Vater dabei genau leiteten, ist angesichts des Mangels an biographischen Quellen nicht zu ermitteln, vermutlich spielten religiöse Überlegungen eine entscheidende Rolle Die meisten Informationen zu den frühen Jahren Anna Marias stammen aus ihrem Werk „Eukleria“, das sie in ihrem 67. Lebensjahr veröffentlichte. Anna Maria, die beim Tod ihres Vaters erst 13 war, sprach jedenfalls auch im Alter noch von ihrem Vater in Tönen höchster Liebe und Verehrung und hielt sich an seinen Rat.

Das phänomenale Wissen, das sich Anna Maria nach dem Tod des Vaters im Selbststudium und mit Hilfe von Privatlehrern aneignete und das sich auf nahezu alle damals bedeutsamen Wissensgebiete erstreckte, blieb nicht verborgen. Zahlreiche gelehrte Männer und Frauen korrespondierten mit ihr. Obwohl sie keine akademische Ausbildung hatte, durfte sie Mitte der 1630er Jahre an ihrem Wohnort Utrecht das lateinische Festgedicht zur Eröffnung der Universität verfassen, womit ihre exzellenten Lateinkenntnisse ehrenvoll gewürdigt wurden. Anna Maria van Schurmann wurde in jenen Jahren zu einer Vorkämpferin für das Recht von Frauen auf Universitätsausbildung. In viel beachteten Abhandlungen argumentierte sie unter Berufung auf religiöse Gründe für das Recht von Frauen auf eine wissenschaftliche Ausbildung und erreichte es, dass sie als erste Frau an der Universität Utrecht studieren durfte. Den Vorlesungen musste sie allerdings von einem abgetrennten Raum aus folgen, um die Studenten nicht abzulenken. Vermutlich ging es ihr bei diesem Studium mehr ums Prinzip als um tatsächlichen Wissenserwerb, denn an Kenntnissen stand sie den Professoren nicht nach. Europaweit breitete sich der Ruhm ihrer Gelehrsamkeit aus. Sie wurde von der schwedischen Königin Christine ebenso besucht wie von anderen berühmten Zeitgenossen.

Angesichts ihrer Prominenz als gefeiertes „Wunder ihrer Zeit und Ruhm ihres Geschlechts“ muss es viele in hohem Maß irritiert haben, dass sich die große Gelehrte Mitte der 1660er Jahre innerlich von der Wissenschaft abwandte und sich mit höchster Intensität der Religion zuwandte. Im Jahr 1666, als sowohl unter Christen wie unter Juden Endzeiterwartungen einen Höhepunkt erreichten, nahm sie den umstrittenen französischen Mystiker und Pietisten Jean de Labadie (1610-1674) bei sich auf und schloss sich den Labadisten an. Dieser aus dem Calvinismus hervorgegangenen Gemeinschaft ging es um ein Leben nach urchristlichen Idealen. Wichtiger als Weltwissen waren ihnen Herzensfrömmigkeit und unmittelbares religiöses Erleben, was ihren Anhängern – gerade auch A.M. van Schurmann – den Ruf der Schwärmerei und Sektiererei einbrachte. Heute werden Schurmann und der Labadismus als wichtige Inspiration für den deutschen Pietismus angesehen, der von tiefgreifender Bedeutung für das deutsche Geistesleben wurde. Die zur Mystikerin gewandelte Universalgelehrte A. M. van Schurmann starb im Kreis ihrer Gemeinschaft 1678 in Friesland.

(Quelle: Gregor Brand: Anna Maria van Schurmann: Universalgelehrte, Künstlerin und Mystikerin aus Dreiborner Adelsfamilie. In: Eifelzeitung vom 26. 9. 2013)

Sonntag, 22. September 2013

Jacob Meckel: Reformer der japanischen Armee und Militärtheoretiker aus Eifler Familie


Japan, das bis 1945 eine militärische Großmacht war und seit Jahrzehnten eine wirtschaftliche und technologische Weltmacht ist, galt noch Mitte des 19. Jahrhunderts als abgeschlossenes Inselreich. Erst unter dem Modernisierer Kaiser Meiji (1852–1912) erfolgte eine entschlossene Öffnung nach außen. Ausländische Experten wurden ins Land gerufen, um mit ihrer Hilfe den Sprung in die erste Reihe der Staaten der Erde zu schaffen. Unter diesen Beratern gilt eine Person als historisch besonders bedeutsam: der 1842 als Sohn eines Blankenheimers in Köln geborene Militärreformer Jacob Meckel. Von allen hochkarätigen ausländischen Beratern hinterließ Meckel „den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck auf die Modernisierung Japans“ (so der Historiker John Moses). Als der preußische Major Meckel von 1885 bis 1888 an der neugegründeten Kriegsakademie in Tokio unterrichtete, wurde er zum verehrten Lehrmeister einer ganzen Generation japanischer Offiziere. Unter der Führung seiner Schüler und mit Hilfe der meckelschen Lehren über Aufbau und Führung einer modernen Armee konnte sich Japan nicht nur dem kolonialistischen Zugriff des zaristischen Russland erfolgreich widersetzen, sondern sogar selbst als einziges nichteuropäisches Land in den zweifelhaften Konkurrenzkampf der imperialistischen Großmächte eingreifen. Im Streit um die Vorherrschaft in Ostasien besiegten die Japaner im chinesisch-japanischen Krieg das chinesische Kaiserreich und waren dank Meckels radikalen Reformen in der Lage, im russisch-japanischen Krieg 1904/1905 dem Zarenreich eine für die russische Geschichte folgenreiche Niederlage beizubringen. Der japanische Sieg über Russland erregte weltweit riesiges Aufsehen. Erstmals erlitt das europäische Überlegenheitsgefühl durch diese Niederlage gegen eine asiatische Macht einen nachhaltigen Dämpfer. Militärexperten in aller Welt, vor allem auch in Japan selbst, sahen in Generalmajor (seit 1894) Meckel den geistigen Vater der japanischen Siege. Die Bewunderung Meckels zeigte sich am deutlichsten in den zahlreichen Nachrufen, die nach seinem Tod in Japan erschienen; sie sind in der grundlegenden Meckel-Biographie von Georg Kerst veröffentlicht.

Meckel

Major Meckel hatte an der Kriegsakademie von vornherein enormen Eindruck gemacht, der bis zur Gegenwart nicht verblasst ist. Durch die Verfilmung des Romans „Wolken über dem Hügel“ des Bestseller-Königs Shiba Ryotaro, in dem Meckel eine markante Rolle spielt, ist der Eifelspross vielen heutigen Japanern vertraut. Obwohl der selbstbewusste Preuße Meckel aus seiner Geringschätzung für die damalige japanische Armee kein Hehl machte, schilderten ihn seine Schüler als sehr beliebten Lehrer und großen Freund Japans. Ähnlich positive Urteile gibt es aus Deutschland, wo Meckel – hochgeschätzt vom legendären Helmuth von Moltke (1800-1891) – an der Berliner Kriegsakademie Taktik unterrichtete.

Aber trotz aller Anerkennung machten manche Umstände den als genial gerühmten Militärtheoretiker in seinem preußischen Umfeld suspekt. Als rheinischer bürgerlicher Katholik war Meckel in der protestantischen und meist adligen altpreußischen Führungskaste eine Art weißer Rabe. Seine Mutter Johanna Catharina Führer war Tochter eines Kölner Schneiders, sein Vater Karl Anton Meckel Notar. In Blankenheim hatten die Meckel-Vorfahren über Generationen im Dienst der Manderscheider Grafen gestanden. Zu den Ahnen Jacob Meckels zählte der gräfliche Kanzler Rudolf Bernhard Schaep, der später nach Trier zog und dessen Nachfahre Joseph Schaab dort im 19. Jahrhundert die größte Blaudruckfabrik Deutschlands begründete. Jacob Meckel hatte zahlreiche Geschwister, darunter Generalleutnant Wilhelm Meckel (1859–1935) und der bedeutende Architekt Max Meckel (1847–1910), zu dessen Nachkommen der Schriftsteller Christoph Meckel (geb. 1935) zählt.

Jacob Meckel, der das Gymnasium in Düren kurz vor dem Abitur verlassen hatte und 1860 in die preußische Armee eingetreten war, lebte später als Offizier bei allem Pflichtbewusstsein nur teilweise „preußisch spartanisch“. Unumwunden gab er zu, er könne keinen Tag ohne Moselwein sein. Überhaupt hatte er die ehrenvolle Berufung nach Japan erst angenommen, nachdem ihm sein Trierer Weinlieferant versichert hatte, auch nach Japan liefern zu können. Neben dem Militärischen liebte Meckel die Musik und komponierte unter anderem die Oper „Teja“. Schließlich gab es anscheinend noch eine weitere Leidenschaft: „Meckel war ein wertvoller Mensch. Doch er hielt es mit den Weibern, daher wurde er entlassen. Schade!“, sagte Kaiser Wilhelm II über ihn. Was genau dazu führte, dass Meckel 1896 verbittert seinen Abschied einreichte, ist nicht bekannt, fest steht aber, dass er von Wilhelm II wenig hielt. Meckel, seit 1897 kinderlos verheiratet, starb 1906 an „Gehirnschlagfluss“. In Japan hatte man schon damals keinen Zweifel an seiner historischen Bedeutung. Dass die weitere japanische Politik in den nächsten Jahrzehnten General Meckel keineswegs immer gefallen hätte, kann als sicher gelten.

Freitag, 30. August 2013

Paul von Rusdorf: Hochmeister des Deutschen Ordens aus Roisdorf


Den Staat des Deutschen Ordens mit seinem Herzland Ostpreußen gibt es schon lange nicht mehr, aber im Mittelalter und der frühen Neuzeit war er einer der großen politischen Akteure im Ostseeraum. Der einst im Heiligen Land gegründete Deutsche Orden, der Hauptträger dieses Staates, fühlte sich dem Kreuzzugsgedanken verpflichtet und hatte zwischen Danzig und dem Baltikum energisch versucht, das Christentum den dortigen heidnischen Völkern notfalls mit Feuer und Schwert aufzuzwingen. Kein Wunder, dass er sich dabei viele Feinde machte, zumal die deutschen Ordensritter in baltisch-slawischer Umgebung vielfach als landfremde Eindringlinge empfunden wurden. Als 1386 der litauische Großfürst Władysław II. Jagiełło polnischer König wurde, machte diese Verbindung zweier Hauptgegner des Ordensstaates – Litauer und Polen – die Lage besonders brenzlig. Im Jahr 1410 kam es bei Tannenberg in einer der berühmtesten Schlachten Europas zum blutigen Aufeinandertreffen dieser osteuropäischen Großmächte. Das bis dahin als unbesiegbar geltende Heer des Ordens, das ebenso wie der Gegner Krieger unterschiedlichster Länder aufwies, erlitt eine katastrophale Niederlage.

Zwei Jahre später taucht in den Urkunden erstmals Paul von Rusdorf als Mitglied des Deutschen Ordens auf. Bereits 1413 übte er als Komtur und Vogt wichtige Ämter im Ordensstaat aus, weitere – mit heutzutage so fremd wirkenden Bezeichnungen wie Treßler und Trappier – kamen bald hinzu. Ob Ordensritter Paul schon in der Schlacht von Tannenberg mitkämpfte, ist nicht bekannt. Altersmäßig wäre dies durchaus möglich gewesen, denn sein nicht genau bekanntes Geburtsjahr wird meistens um 1385 vermutet. Paul stammte aus einer kurkölnischen Ministerialienfamilie der Voreifel. Sie hatte ihren Sitz im heute zu Bornheim gehörenden Roisdorf und war durch verwandtschaftliche Beziehungen mit vielen linksrheinischen Adelsfamilien verbunden. Der Dienst im Deutschen Orden fern von Eifel und Rhein stand für manche Eifler Adlige schon lange hoch im Kurs. Bereits zweihundert Jahre vor Paul von Rusdorf war der Eifler Gerhard von Malberg Hochmeister des Deutschen Ordens gewesen. In dieses höchste Amt des Ordens wählte das Generalkapitel des Ordens im Jahr 1422 den klugen und in der Ordensverwaltung erfahrenen Rheinländer Paul. Er trat sein Amt in einer der schwierigsten Phasen des Ordensstaates an. Die Ordensritter waren nicht nur durch die Niederlage von Tannenberg geschwächt, sondern ihr Staat stand auch wirtschaftlich vor enormen Problemen. Der Ordensstaat musste sich der ökonomischen Konkurrenz der Hanse erwehren, deren Mitglieder von Danzig bis Estland erfolgreich Handel trieben. Paul von Rusdorf versuchte, durch Erhöhung von Steuern und Abgaben die finanzielle Lage seines Staates zu verbessern, aber dies führte zu Unmut unter der Bevölkerung, zudem wollten die Städte stärker an den Einnahmen beteiligt werden. Der Adel, aber auch andere Stände im Ordensland, lagen in fast ständigem Streit mit der Regierung. Heftig wurde über Reformen gestritten. Hochmeister Paul versuchte, das althergebrachte System mit den Privilegien der Ordensritter möglichst zu bewahren, fand dabei aber nicht die geschlossene Unterstützung aller Ordensritter. Sein größter Gegner innerhalb des Ordens war der gleichaltrige Eberhard von Saunsheim, der als Deutschmeister Macht und Einfluss besaß und sowohl innen- als auch außenpolitisch ein scharfer Kritiker der Politik des Hochmeisters war. Außenpolitisch gelang es Hochmeister Paul, die nach der Tannenberg-Schlacht angeschlagene Position des Ordens zu stabilisieren und Gegensätze zwischen Litauen und Polen auszunutzen. Zu seinen ersten Handlungen als Hochmeister hatte 1422 der Friedensvertrag vom Melnosee mit Polen und Litauen gehört, durch den die Grenzen Ostpreußens für viele Jahrhunderte dauerhaft festgelegt wurden. Wegen anderer Streitigkeiten dauerte die Feindschaft vor allem mit Polen jedoch an. 1431 erklärte der Hochmeister dem Königreich Polen sogar den Krieg; die Kämpfe endeten – wenig erfolgreich für den Orden – 1436 mit dem Frieden von Brest. Solche kriegerische Aktivität hielt spätere preußische Historiker nicht davon ab, den Rheinländer als „kraftlos“ zu verunglimpfen und ihm persönlich die gesunkene Bedeutung des Ordens anzurechnen. Der körperlich kleine Mann aus Ruisdorf war offenkundig kein Haudrauf, sondern verband religiös fundierte Prinzipienfestigkeit mit persönlicher Liebenswürdigkeit. Lange konnte sich Hochmeister Paul auf diese Weise behaupten, aber letztlich unterlag er – gesundheitlich stark geschwächt – dem Dauerfeind Eberhard von Saunsheim und dessen Anhängern. Anfang Januar 1441 gab Paul sein Hochmeisteramt auf, nur eine Woche später starb er. Paul von Rusdorf wurde auf der Ordensburg Marienburg, dem größten Backsteinbau Europas, beigesetzt. Aus dem Staat, den der Eifler fast zwei Jahrzehnte gelenkt hatte, ging wenige Generationen später Preußen hervor, das bis ins 20. Jahrhundert die europäische Geschichte maßgeblich mitgestaltete.

(Quelle: Gregor Brand:Paul von Rusdorf - Hochmeister des Deutschen Ordens aus Roisdorf. In: Eifelzeitung vom 29. August 2013)

Freitag, 23. August 2013

Paul Servais – Industrieller aus Weilerbach


Paul Servais war Angehöriger einer Familie, die vor allem im 19. Jahrhundert mehrere Persönlichkeiten hervorbrachte, die auf politischem, wirtschaftlichem und technischem Gebiet durch besondere Leistungen hervortraten. Als er 1848 auf Schloss Weilerbach bei Bollendorf geboren wurde, war sein Onkel Emmanuel Servais (1811–1890) für Luxemburg als Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung; seine spätere Laufbahn machte Emmanuel als Minister, Regierungschef und Bürgermeister der Stadt Luxemburg zu einem der wichtigsten luxemburgischen Politiker seines Jahrhunderts. Emmanuels Sohn, der Ingenieur und Politiker Emile Servais (1847–1928), der mit seinem Vetter Paul zeitlebens eng befreundet war, trug durch zahlreiche Erfindungen dazu bei, die agrarische und industrielle Produktivität zu steigern. Als überzeugter Republikaner setzte sich Emile Servais am Ende des Ersten Weltkriegs – bekanntlich erfolglos – für die Abschaffung der Monarchie im Großherzogtum ein; seine Tochter war die bekannte sozialistische Frauenrechtlerin Meisy Mongenast-Servais. Den Servais gehörten nicht nur die Weilerbacher Eisenwerke, sondern seit 1842 auch das dortige Rokoko-Schloss. Dort lebten die Eltern Pauls: der Unternehmer Philippe Servais (1810–1890) und dessen Ehefrau Marie-Caroline (geb. Wellenstein). Der ökonomische und soziale Aufstieg an die Spitze des Luxemburger Bürgertums war nicht über Nacht erfolgt. Seit Generationen zählten unterschiedliche Zweige der Servais im Raum Westeifel, Luxemburg und Belgien zur regionalen Führungsschicht. So war schon der Urgroßvater von Paul Servais Verwalter (Satrap) in Meysembourg gewesen.

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Der ganze Lebenslauf des gebürtigen preußischen Eiflers Paul Servais – erst später nahm er die luxemburgische Staatsangehörigkeit an – zeigt, dass er nicht gewillt war, sich auf den Verdiensten von Vorfahren und Verwandten auszuruhen. Später beschrieb ihn sein Freund Alphonse Munchen, Bürgermeister der Stadt Luxemburg aus ursprünglicher Eifler Familie (Dudeldorf), als „unermüdbar und rührig, ständig auf Reisen und geschäftlich unterwegs“. Dieser dynamische Charkter hatte sich beim Weilerbacher schon in jungen Jahren angedeutet. Nach dem Athenäum in Luxemburg schloss er 1871 mit Auszeichnung ein Studium zum Mineningenieur in der Montanmetropole Lüttich ab. Der frischgebackene Diplom-Ingenieur begab sich anschließend für drei Jahre zur weiteren Ausbildung in die nordostenglische Stadt Stockton on Tees, in der der älteste Bahnhof der Welt immer noch Zeugnis für den dort besonders früh ausgeprägten technischen Modernisierungswillen ablegt. Bestens ausgebildet, wurde Paul Servais nach einer Rückkehr technischer Direktor der familieneigenen Stahlwerke in Hollerich. Als ihm infolge erbrechtlich-familiärer Vereinbarung versagt blieb, das familieneigene Hüttenwerk in Weilerbach zu leiten, entschloss sich der 30-jährige Servais 1878 zu einem Schritt, der für die Wirtschaft im Trierer Land enorme segensreiche Wirkungen hatte: Zusammen mit Philipp Lamberty und Bernhard Ferring gründete er die Tonwarenfabrik „Lamberty, Servais & Cie“ In Ehrang. Die ursprüngliche Belegschaft von 70 Arbeitern vergrößerte sich in den 20 Jahren bis zur Jahrhundertwende auf rund 600 Arbeiter und 30 Angestellte, wodurch Servais zu einem der Hauptarbeitgeber der ganzen Region wurde. In den Ehranger Servais-Fabriken wurden anfangs hauptsächlich einfarbige Tonplatten produziert, aber bald kamen kunstvoll bemalte Bodenfliesen, Mosaikfliesen und andere keramische Produkte hinzu, die sowohl durch ihre Materialqualität als auch durch die künstlerische Gestaltung – insbesondere Jugendstil – international hohe Anerkennung fanden. Der Erfolg motivierte den unermüdlichen Unternehmer Paul Servais zur Gründung weiterer Werke in Witterschlick bei Bonn, aber auch in Frankreich und in der Nähe Warschaus. 1902 kam es durch Fusion zur Bildung der „Vereinigten Servais-Werke AG Ehrang-Witterschlick“, deren Generaldirektor Paul Servais wurde. In den zwanziger Jahren erfolgte der Verkauf des Ehranger Werks, aber noch Mitte der 1960er Jahre arbeiteten in den einstigen Servais-Fabriken rund 1000 Mitarbeiter; erst 1994 wurde die Produktion eingestellt.

Paul Servais, der auch in zahlreichen Vereinigungen aktiv war, ließ im Wallenbachtal bei Ehrang ein historizistisches Schloss errichteten, auf dem er mit seiner Familie lebte. 1883 hatte er Anne Marie (Missy) Collart, Tochter eines Steinforter Hüttenwerksbesitzers, geheiratet; aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor. Paul Servais starb im Dezember 1908 nach kurzem Krankenlager infolge einer Embolie. In Ehrang ist er bis heute als vielfacher Wohltäter und Förderer in ehrenvoller Erinnerung. Das Familiengrab, in dem neben Paul Servais weitere Familienangehörige ihre letzte Ruhe fanden, wurde vom Verein Ehranger Heimat restauriert und 2003 von der Stadt Trier zum Ehrengrab erklärt.

(Quelle: Gregor Brand: Paul Servais - Industrieller aus Weilerbach. In: Eifelzeitung vom 21. August 2013)

Donnerstag, 15. August 2013

Tenxwind von Andernach: Klosterreformerin aus Springiersbach


Manche Gegensätze unserer Zeit haben ihre Entsprechung weit zurück in der Geschichte. Während das Pontifikat Benedikts XVI. äußerlich auch durch die Vorliebe dieses Papstes für die volle Entfaltung der Schönheit liturgischer Gewänder und Ästhetik geprägt wurde, pflegt sein Nachfolger Papst Franziskus ein schlichteres Auftreten. Eine ähnlich unterschiedliche Interpretation christlicher Lebensweise kommt bereits in einem Briefwechsel zweier bedeutender Frauen des Hochmittelalters zum Vorschein. In einem bemerkenswerten Schreiben des 12. Jahrhunderts wandte sich die Andernacher Klostervorsteherin Tenxwind (auch Texwind, Texwindis etc.) an die schon damals hochberühmte und für heilig gehaltene Hildegard von Bingen und stellte ihr kritische Fragen zum Auftreten der Schwestern in Hildegards Kloster. Tenxwind schrieb, ihr sei zu Ohren gekommen, dass sich die Jungfrauen in Hildegards Kloster an Festtagen beim Psalmengesang in ungewöhnlichem Prunk zeigten: Sie stünden mit losen Haaren in der Kirche, ihre glänzend weißen Seidenschleier reichten bis zum Boden. Auf dem Haupt trügen sie golddurchwirkte Kränze und ihre Finger seien mit goldenen Ringen geschmückt. Ein solches Auftreten kollidierte mit dem urchristlichen Ideal Tenxwinds ebenso wie die Tatsache, dass Hildegard nur Töchter aus Adelsfamilien in ihren Konvent aufnahm. Hatte sich nicht Jesus demgegenüber an die Niedriggestellten gewandt? Waren seine ersten Jünger nicht arme und bescheidene Fischer? Hildegard antwortete Tenxwind mit dem Hinweis auf die mystische Vermählung der Nonnen mit Christus, die sie als Bräute Christi durch ihre Festgewänder deutlich machten. Die Kritik an der elitären Auswahl der Schwestern konterte Hildegard mit der Gegenfrage: Wer halte denn die unterschiedlichsten Tiere – Ochsen, Esel, Schafe, Böcke – alle im gleichen Stall? Hildegard verteidigte den gottgegebenen Unterschied der Menschen und glaubte, dessen Missachtung führe nur zu Streit und Unruhe.

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Man sieht: Hier prallten bei gleicher tiefer Frömmigkeit Welten aufeinander. Hildegard war sicherlich nicht überrascht von den Bedenken der keineswegs unbekannten Tenxwind. Deren Biographie war schon seit Jahrzehnten mit den christlichen Reformbemühungen verbunden, die im 12. Jahrhundert gewaltigen Zuspruch fanden und nicht mit Kritik an kirchlichem Machtmissbrauch und unchristlichem Lebenswandel sparten. Begonnen hatte der Lebensweg Tenxwinds, die man mit gutem Recht auch Tenxwind von Springiersbach nennen könnte, vermutlich Ende des 11. Jahrhunderts in der Südeifel im Umkreis des Kondelwalds. Dort lebten ihre Eltern, der pfalzgräfliche Ministeriale Ruker und dessen Ehefrau Benigna, von der man lange geglaubt hatte, dass sie dem Geschlecht der Herren von Daun entstammte; inzwischen wird diese Vermutung von Historikern stark in Zweifel gezogen. Ein Bruder von Tenxwind war der später als Abt berühmt gewordene Richard von Springiersbach. Als Kinder eines Ministerialen gehörten Tenxwind und Richard einem Stand an, dessen Aufstieg damals erst begann; aus Eifler Ministerialenfamilien gingen später bedeutende Adelsfamilien hervor. Als Ruker um das Jahr 1100 starb, erhielt die Witwe Benigna die Erlaubnis, sich auf ihrem Besitz Thermunt im Kondelwald ein kleine Klostergemeinschaft („cella“) zu errichten. Inspiriert von der leidenschaftlichen christlichen Erneuerungs- und Aufbruchstimmung jener Kreuzzugszeit wollte Benigna in einer Gemeinschaft von frommen Frauen und Männern leben, die sich dem strengen Ordensideal des heiligen Augustinus unterwarfen. Das bedeutete eine von Beten, Fasten, Enthaltsamkeit, Armut, körperlicher Arbeit und Schweigen geprägte Lebensweise. Mit pfalzgräflicher und erzbischöflicher Unterstützung ging aus der Initiative Benignas die Gründung des Kanonikerstifts Springiersbach hervor. Einige Jahre später wurde Richard zunächst Propst, dann Abt des Springiersbacher Konvent. Tenxwind leitete als Meisterin („magistra“) im gleichen Geist den angeschlossenen Frauenkonvent, der bewusst nicht nur für Frauen aus dem Adel offenstand. Um 1128 zog Tenxwind mit den Springiersbacher Schwestern nach Andernach, wo sie aus einer Klosterruine ein blühendes neues Kloster – die spätere Abtei St. Thomas – schufen. Diese Abwanderung an den Rhein kann als Ausdruck der Reformdynamik von Tenxwind und Richard gesehen werden, die auch andernorts zu kulturprägenden Tochtergründungen führte. Der Konventsvorsteherin Tenxwind gelang es, trotz – oder wegen – ihrer Ausrichtung an der sehr strengen augustinischen Ordensregel eine Gemeinschaft von Ordensschwestern aufzubauen, die sich als Teil der weithin ausstrahlenden Springiersbacher Reformbewegung verstand. Leider sind aus jener Zeit nur wenige Dokumente vorhanden. Der Briefwechsel zwischen Tenxwind und Hildegard lässt aber erahnen, dass die Eifler Klosterreformerin über viele Wege wirkte. Tenxwind verstarb vermutlich um 1153/54. Die Gründung der Eifelabtei Himmerod im Jahr 1134 durch den seelenverwandten Bernhard von Clairvaux hat sie jedenfalls noch erlebt – und sich sicherlich sehr darüber gefreut.

(Quelle: Gregor Brand: Tenxwind von Andernach: Klosterreformerin aus Springiersbach. In: Eifelzeitung vom 15. August 2013)

Mittwoch, 14. August 2013

Gregor Brand: Kinder der Eifel aus anderer Zeit

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Freitag, 5. Juli 2013

Marguerite Mongenast-Servais: Frauenrechtlerin, Sozialaktivistin und Publizistin aus Weilerbach/Eifel


Wer eine der elegant-bürgerlichen Aufnahmen von Marguerite (genannt: „Meisy“) Mongenast-Servais betrachtet, vermutet kaum, dass sie vor einem Jahrhundert zu den gesellschaftskritischsten Frauen ihres Landes zählte. Ihr Land – das war das Großherzogtum Luxemburg, obwohl sie in der damals preußischen Westeifel geboren wurde. Diese engagierte Intellektuelle, die später die Oktoberrevolution ebenso begrüßte wie die deutsche Novemberrevolution 1918 und die für umfassende Enteignungen eintrat, stammte selbst aus einer der reichsten luxemburgischen Industriellen- und Politikerfamilien. Ihr Vater war der Ingenieur, Erfinder, Unternehmer und linksliberale Politiker Émile Servais (1847-1928), ihr Großvater der Politiker und Schriftsteller Emmanuel Servais (1811-1890), der als Regierungschef sowie als langjähriger Bürgermeister der Stadt Luxemburg einer der bedeutendsten luxemburgischen Politiker seines Jahrhunderts war. Der Familie Servais gehörten zahlreiche Eisenhütten, darunter auch die in Weilerbach bei Bollendorf; im dortigen Eifler Rokoko-Schloss, das seit 1842 im Familienbesitz war, kam Marguerite 1882 zur Welt. Das prächtige Gebäude war 1780 für den Echternacher Abt Limpach von dem Tiroler Baumeister Paul Mongenast errichtet worden. Auf diesem Schloss feierte Marguerite 1902 glanzvoll Hochzeit mit dem gleichnamigen Paul Mongenast, einem Ingenieur aus der Familie des Schloss-Baumeisters. Ein Jahr später wurde dem großbürgerlichen Paar der Sohn Maurice geboren, 1905 folgte die Tochter Sylla.

Meisy

Meisy Mongenast-Servais, die in Privatschulen in Luxemburg und Paris eine exquisite Erziehung genossen hatte, griff schon früh mit journalistischen Beiträgen in die gesellschaftspolitischen Diskussionen ihrer Zeit ein und engagierte sich in zahlreichen Vereinigungen, oft an führender Stelle. Zu ihren frühen Kernanliegen zählte eine bessere Ausbildung für „Kinder aller Volksklassen“. Sie wurde Präsidentin des fortschrittlichen Volksbildungsvereins Hollerich und forderte, dass allen Bevölkerungsschichten Zugang zum Wissensfortschritt ermöglicht werde. Als Hauptgegnerin machte die freigeistige Madame Mongenast die katholische Kirche aus, der sie in scharf polemischem Ton vorwarf, schon die Kinder zur Unmündigkeit zu erziehen. Um diesem von ihr so genannten klerikalen „Hirnkneten“ keine Chance zu geben, rief sie die Eltern auf, ihre Kinder vom Religionsunterricht fernzuhalten. Ein weiteres antikatholisches Kampffeld war für sie die Feuerbestattung. Resolut trat sie für diese damals verfemte Bestattungsweise und überhaupt für die Zivilbestattung ein. In dieser wie in anderen Fragen kam es ihr darauf an, den Einfluss der Kirche zurückzudrängen. Ihr Ziel war die Trennung von Staat und Kirche nach Art der laizistischen französischen Republik. Als bevorzugtes Publikationsorgan wählte Meisy Mongenast die radikalsozialistische Wochenzeitschrift „Der arme Teufel“, die zeitweise auch das Hauptorgan des luxemburgischen Freidenkerverbandes war. „Libre Pensée“, also freies Denken – das blieb für Madame Mongenast Lebensmotto und Forderung zugleich.

Ein Hauptanliegen ihres gesellschaftspolitischen Engagements bildete der Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen. Das bedeutete damals zunächst Einsatz für das Frauenwahlrecht. Es erboste die Luxemburger Aktivistin, dass auch in ihrem Land – wie in nahezu ganz Europa bis zum Ende des Weltkriegs – den Frauen das Stimmrecht versagt wurde und sie damit „Geisteskranken und Kriminellen“ gleichgestellt würden. Als man im Mai 1919 im Großherzogtum das aktive und passive Frauenwahlrecht einführte, hatte Meisy Mongenast den Verdacht, dass dies hauptsächlich deswegen geschah, weil die konservativen Anhänger der Monarchie bei einem Referendum zur zukünftigen Staatsform Luxemburgs auf eine Mehrheit der weiblichen Stimmen hofften. Mongenast selbst war eine entschiedene Republikanerin; damit stand sie allerdings, wie das Referendum im September 1919 zeigte, wieder einmal gegen die große Mehrheit der Luxemburger. Die frankophile Sozialistin Mongenast – von 1918 bis 1921 war sie Sekretärin der Luxemburger Sozialisten – hatte zuvor vergeblich gehofft, dass die Franzosen erfolgreich Druck zur Einführung der Republik ausüben würden. Anfang der zwanziger Jahre zog sich Meisy Mongenast zunehmend von öffentlichen Aktivitäten zurück, um sich um ihren kranken Mann zu kümmern. Als Paul Mongenast 1922 starb, trat die Sorge für ihre erkrankte Mutter in den Vordergrund.

Als Dichterin verfasste die Pazifistin Mongenast eindringliche Antikriegsgedichte ebenso wie traditionelle Naturlyrik. Sie war publizistisch und organisatorisch auf etlichen weiteren Gebieten tätig, so zur Verbreitung der Weltsprache Ido oder in der Girl Guides-Bewegung. Gemeinsamer Nenner blieb stets ihr Glaube, dass eine humanere Welt auf der Basis von Vernunft und Menschenliebe möglich ist. Das Schicksal machte Marguerite Mongenast den Einsatz für diese Ideale früh unmöglich: Sie starb im Juni 1925, kurz vor ihrem 43. Geburtstag.

Freitag, 24. Mai 2013

Feodor Lynen: Biochemiker und Nobelpreisträger aus Eifler Familie


Der Nobelpreisträger Feodor Lynen zählt zu den brillantesten Biochemikern des 20. Jahrhunderts. Für Professor Karl Decker ist Lynen der „Architekt der klassischen Biochemie“ schlechthin.

Wenn von Feodor Lynen die Rede ist, so wird er als Münchner bezeichnet. Das ist vollkommen berechtigt, denn in der bayerischen Hauptstadt wurde er nicht nur geboren, sondern dort verbrachte er auch sein Leben. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich der „Urbayer“ Lynen jedoch als Münchner Eifler. Sowohl sein Vater Wilhelm Lynen als auch seine Mutter Frieda Prym waren Kinder der Nordeifelstadt Stolberg. Sie entstammten Familien, die mindestens seit dem Mittelalter in dieser Landschaft gelebt und in vielen Generationen die Geschichte ihrer Region führend mitgestaltet hatten. Die Männer der vielfach miteinander verwandten protestantischen Kupfermeisterfamilien Lynen und Prym hatten sich als Unternehmer, die ursprünglich Messing mit Hilfe des Zinkerzes Galmei produzierten und sich später auch anderen Produkten zuwandten, Wohlstand erworben. Beide Großväter Lynens – Feodor Lynen, von dem er seinen russisch anmutenden Vornamen erhielt, und Gustav Prym - waren Fabrikanten in Stolberg. Kurzum: Der geniale Wissenschaftler entstammte Eifler Großbürgertum.

Nach München zog dieser Lynen-Zweig erst kurz nach 1900, als Vater Wilhelm Professor für Maschinenbau an der TH München wurde. Als siebtes Kind dieser Stolberger Familie kam Feodor 1911 in Schwabing zur Welt, es folgten noch zwei weitere Geschwister, das letzte wurde einen Monat nach dem Tod des Vaters im Jahr 1920 geboren. Dafür, dass die Lynen-Sprösslinge ihre Eifler Wurzeln nicht vergaßen, sorgten nicht zuletzt die köstlichen Speisen nach Stolberger Art, die ihre Mutter meisterhaft zubereite und Frieda Lynens rheinischer Tonfall. Sowohl in der Volksschule als auch auf der Luitpold-Oberrealschule war Feodor „Fitzi“ Lynen ein ausgezeichneter Schüler; in seinem Abschlusszeugnis vom März 1930 hatte er unter anderem in Mathematik, Physik und Chemie ein „sehr gut“. Bei der Studienwahl entschied sich Lynen für Chemie und wurde Student im Laboratorium des Nobelpreisträgers Heinrich Wieland. Professor Wieland, der mit seinem Bruder Hermann maßgeblich zum Aufstieg des Unternehmens Boehringer in Ingelheim beitrug, wurde nicht nur Lynens wissenschaftlicher Leitstern und Doktorvater, sondern auch sein Schwiegervater. 1937 heiratete Lynen die Wieland-Tochter Eva (1915–2002), was zur höchst seltenen Konstellation führte, dass die fünf Kinder dieses Paares einen Nobelpreisträger als Vater und auch als Großvater hatten.

Das Thema von Lynens Doktorarbeit lautete: „Über die Giftstoffe des Knollenblätterpilzes“. Von Giftstoffen ganz anderer Art hielt er sich dagegen fern: Feodor Lynen teilte die NS-kritische Haltung seines Schwiegervaters Wieland. 1932 verletzte sich der sportbegeisterte Chemiestudent bei einem Skiunfall so schwer am Knie, dass er dauerhaft auf einem Bein gehbehindert war. Das schränkte zwar seine „sportliche Erlebnissucht“ (so seine Frau Eva) ein, befreite ihn aber auch vom sozialen Druck, NS-Organisationen beizutreten und vor allem vom Kriegsdienst. Als Stipendiat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft entwickelte sich Lynen von 1937–1942 zu einem Experten auf dem Gebiet des Zellstoffwechsels. Nach der Habilitation leitete er seit 1942 die Abteilung Biochemie an der Universität München. In den vierziger Jahren konzentrierte sich seine Arbeit auf die Erforschung der aktivierten Essigsäure, deren extreme Bedeutung für elementare Stoffwechselvorgänge ihm früh klar geworden war. Weltweit entstand damals ein Wettlauf um die Entdeckung der Strukturformel des Coenzyms A, das mit der Wirkung der Essigsäure aufs Engste verbunden war. Als Professor Lynen 1950 die Lösung dieser Frage fand, machte ihn seine Veröffentlichung schlagartig zu einem Weltstar der Biochemie. Forscher aus zahlreichen Staaten stellten bei Aufenthalten in München fest, dass dort unter Lynens Leitung Biochemie auf höchstem Niveau betrieben wurde. Noch bessere Arbeitsbedingungen erhielt er durch das 1954 auf ihn zugeschnittene Max-Planck-Institut für Zellchemie, dessen jahrzehntelanger Direktor er wurde. Lynen und seine Mitarbeiter dankten diese Förderung mit einer Fülle von grundlegenden Entdeckungen zum Zellstoffwechsel. Ob es um die Entschlüsselung des Cholesterins ging, um die Bildung der heute stark im Blickpunkt stehenden Ketonkörper und vieles mehr: Lynen lieferte zu all diesen elementaren Prozessen entscheidende Beiträge. Die gebührende Anerkennung fand er durch den Nobelpreis für Medizin/Physiologie 1964, aber auch durch zahlreiche weitere Ehrungen weltweit. Lynen war Präsident angesehener wissenschaftlicher Vereinigungen und prägte die Biochemie durch herausragende Schüler. Als der lebensfrohe und feierfreudige Forscher 1979 überraschend starb, nahmen Bundespräsident Carstens und dessen Amtsvorgänger Scheel an der Gedenkfeier teil und ehrten damit einen der eindrucksvollsten deutschen Nachkriegswissenschaftler.

Samstag, 11. Mai 2013

Peer Steinbrücks Danziger Wurzeln


Was kann man im Frühjahr 2013 selbst mit begrenzten prophetischen Fähigkeiten über die Person sagen, die nach der kommenden Bundestagswahl die Bundesregierung führen wird? Unter anderem das: Sie wird erstens in Hamburg geboren sein und sie wird zweitens einen Elternteil aus Danzig haben.

Verblüffenderweise ist anscheinend noch kaum jemandem aufgefallen, dass diese erstaunliche hanseatische Hamburg-Danzig-Konstellation sowohl für die CDU-Kanzlerin Angela Merkel als auch für den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück zutrifft. Während es bei der 1954 in Hamburg geborenen Angela Merkel die Mutter Herlind Kasner (geb. Jentzsch) ist, die 1928 in Danzig geboren wurde, finden wir den gleichen Geburtsort beim Hamburger Peer Steinbrück auf der väterlichen Seite: Sein Vater Ernst Steinbrück kam 1914 in dieser für die deutsche und europäische Geschichte so wichtigen Stadt zur Welt. Bei der Bundestagswahl können sich die Deutschen also entscheiden zwischen der Hamburger Tochter einer Danzigerin oder dem Hamburger Sohn eines Danzigers.

Danzig

Dass diese merkwürdige und unwahrscheinliche Koinzidenz noch nicht weiter aufgefallen ist, hängt mit der Nachlässigkeit der Steinbrück-Biographen zusammen. Das gilt beispielsweise für die Biographie „Peer Steinbrück“ (2012) von Daniel Friedrich Sturm, die in dem Teil, wo es um Steinbrücks Wurzeln geht, eher oberflächlich ist. Während Eckart Lohse und Markus Wehner in ihrer Buch „Steinbrück“ (2012) wenigstens noch beiläufig erwähnen, dass Peer Steinbrücks Vater Ernst Steinbrück in Danzig geboren wurde, heißt es bei Sturm in diesem Zusammenhang ohne nähere Angaben, Ernst Steinbrück sei „in Pommern geboren“.

Danzig als Geburtsort von Ernst Steinbrück war kein biographischer Zufall. Die traditionsreiche Hansestadt war vielmehr die Heimatstadt seiner Mutter: Helene Boeck, Peer Steinbrücks Großmutter väterlicherseits, wurde am 13. April 1889 in Danzig als Tochter des Ehepaares Ernst Boeck und Elisabeth Gäbler geboren. Dies ergibt sich aus dem von Emil und Georg Steinbrück zusammengestellten verdienstvollen Buch: „Familie Steinbrück. Stammtafeln und Stammlisten derer, die den Namen Steinbrück tragen“ (Stettin 1912, S. 52). Peer Steinbrücks Urgroßvater Ernst Boeck war – sehr typisch für die ausgesprochen „kapitalistische“ und teilweise sogar großbürgerliche Herkunft des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten – Fabrikant. Ihm gehörte das „Danziger Kohlensäure-Werk“, das anscheinend zu Beginn des 20. Jahrhunderts in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Als Herbert Steinbrück – Peer Steinbrücks 1888 geborener Großvater – im November 1910 die Danzigerin Helene Boeck ehelichte, war sein Schwiegervater Ernst Boeck „Rentier“.

Eigentlich hat Peer Steinbrück keinen Grund, sich dieser Herkunft zu schämen. Aber es hat doch den Anschein, als seien ihm diese Danziger Wurzeln unangenehm. Er hat offenbar nicht nur seinen journalistischen Biographen und Gesprächspartner D. F. Sturm darauf nicht ausdrücklich aufmerksam gemacht. Vielsagender ist sein Schweigen bei anderer Gelegenheit: Im Gespräch mit Helmut Schmidt erwähnt Steinbrück, als der Altkanzler sich ihm gegenüber ausgiebig über Danzig auslässt, merkwürdigerweise mit keinem Wort seine familiäre Verbindung in diese Stadt, wie man „Zug um Zug“ (2011), dem moderierten Gesprächsbuch von Schmidt und Steinbrück, entnehmen kann. Dabei hätte ein solcher Hinweis von Steinbrück doch überaus nahe gelegen, als der Hanseat Schmidt ihm gegenüber seinen weit ausholenden historischen Abriss zur „Stadt Gdansk“ ausbreitete. Was könnte der Grund sein für diese Vernachlässigung der Geburtsstadt seines Vaters durch Peer Steinbrück? Hält der vielleicht allzu gutbürgerliche Sozialdemokrat den Hinweis auf die Fülle von Unternehmern in seiner Familie nicht für opportun? Will er das Ausmaß der Übereinstimmung mit Angela Merkel selbst in diesem politisch eher marginalen Bereich möglichst gering halten? Ist es ihm unangenehm, Nachfahre ausgerechnet eines Kohlensäure-Fabrikanten zu sein und damit unnötige Angriffsfläche für spöttische Schlagzeilen zu bieten?

Es könnte noch andere Gründe für dieses verschämte Verschweigen geben: Der Name „Boeck“ erweckt in Verbindung mit Danzig nicht gerade die erfreulichsten Assoziationen. Der Lehrer Adalbert Boeck war in der NS-Zeit Kultussenator in Danzig und für seine entschieden nationalsozialistische Kulturpolitik berüchtigt. Als Kultussenator – und damit als Vorgesetzter von Merkels Großvater, dem Schuldirektor Willi Jentzsch! – versuchte Boeck, das Kulturleben Danzigs im Sinne der Nazis zu gestalten. Für die Danziger Landeskulturkammer gab Nationalsozialist Boeck folgende Parole aus:

„Der Kulturbolschewismus, der hier in Danzig ebenso wie im Reich seicht und demagogisch, niederdrückend und zersetzend wirkte, soll nun restlos überwunden und ausgerottet werden. An seine Stelle wollen auch wir eine nationalsozialistische Kultur setzen.“
(zitiert nach Peter Oliver Loew: Das literarische Danzig 1793-1945. Bausteine für eine lokale Kulturgeschichte. Frankfurt am Main 2009, S. 183).

Ob und wie Peer Steinbrück, Enkel der Danziger Fabrikantentochter Helene Boeck, tatsächlich mit Adalbert Boeck verwandt ist, ist noch ungeklärt. Falls ja, so könnte man ihm dessen kulturpolitischen Fanatismus natürlich nicht zum Vorwurf machen. Aber um Vorwürfe geht es ja bei dieser historisch-genalogischen Ergänzung zu einer deutschen Politikerbiographie sowieso nicht.

Mittwoch, 24. April 2013

Johann Adam Schall von Bell: Missionar und Astronom am Kaiserhof in China aus Lüftelberg


Kein Europäer erreichte in der bis 1911 dauernden mehrtausendjährigen Geschichte des chinesischen Kaiserreichs größeren Einfluss am Kaiserhof als der 1592 geborene Jesuit Johann Adam Schall von Bell. Grundlage für diese in der Geschichte westlich-chinesischer Kulturbegegnung so wichtige Stellung waren dessen brillante Leistungen als Astronom und Wissensvermittler. Auf den eifelstämmigen Missionar geht der bis 1911 offiziell geltende und heute noch traditionell benutzte chinesische Kalender zurück.

Die Familie Schall von Bell war ursprünglich aus dem Kölner Patriziat hervorgegangen, hatte dann in viele Eifler Adelsfamilien eingeheiratet und besaß im 16. Jahrhundert die im heutigen Meckenheim gelegene Wasserburg Lüftelberg. Ob Johann Adam auf dieser Burg oder aber in Köln geboren wurde, ist nicht sicher. Er war ein Sohn aus der vierten Ehe des Heinrich Degenhardt Schall von Bell; seine Mutter Maria Scheiffart von Merode entstammte wie ihr Mann Eifler Adelsgeschlechtern. Johann Adam besuchte das jesuitische Kölner Dreikönigsgymnasium, danach das Collegium Germanicum in Rom, wo er neben Theologie auch Mathematik und Astronomie studierte. Die Erforschung des Kosmos war seit jeher von besonderer, meist sogar religiöser Bedeutung und gerade in der Zeit des jungen Schall von Bell gab es kaum ein wichtigeres und dynamischeres Forschungsgebiet. Der damalige Gelehrtenstreit um das Verhältnis der Erde zur Sonne und anderen Himmelskörpern erhitzte die Gemüter. Namen wie Kopernikus, Kepler und Galilei standen im Mittelpunkt der Diskussionen, und das erst wenige Jahre vor Johann Adams Studienzeit erfundene Fernrohr trieb das Rad des Erkenntnisfortschritts noch rasanter an. Welch gründliche Kenntnisse sich der kurkölnische Student erworben hatte, wurde erst richtig deutlich, als er nach Eintritt in den Jesuitenorden (1611) und Priesterweihe (1617) mit anderen Jesuiten als Missionar in das Reich der Mitte aufbrach, das auch damals zu den Machtzentren der Erde zählte. In nur wenigen Jahren gelang es dem Rheinländer, sich als Astronom höchste Anerkennung in China zu erwerben – eine phantastische Leistung, denn die Chinesen betrieben Mathematik und Astronomie auf höchstem Niveau. Schall von Bell erlernte Chinesisch in Wort und Schrift derart gut, dass er wissenschaftliche Abhandlungen in dieser Sprache veröffentlichen konnte; am Ende seines Lebens enthielt sein Staunen erregendes Gesamtwerk von 14 Quartbänden rund 150 Schriften in Chinesisch, zudem wichtige Übersetzungen in diese damals noch fremdartiger anmutende Sprache. Schall von Bell wurde Oberster des Kalenderamts, schließlich sogar oberster Astronom in Peking überhaupt. Von dieser von einheimischen Gelehrten argwöhnisch verfolgten einflussreichen Position aus erarbeitete Schall von Bell zusammen mit dem Jesuiten Giacomo Rho im Auftrag des letzten Mingkaisers Chongzhen (1611–1644) den dann jahrhundertelang geltenden und für die chinesische Kultur so zentralen Kalender.

Schall von Bells Wirken fiel in eine dramatische Phase der chinesischen Geschichte. Während in Europa der Dreißigjährige Krieg tobte, wurde auch das asiatische Großreich von Krieg, Wirtschaftskrisen und Bauernaufständen erschüttert. Die alte Ming-Dynastie musste im Jahr 1644 zuerst Rebellen, dann den Herrschern der neuen Qing-Dynastie weichen. Da es auch den neuen Mandschu-Herrschern extrem wichtig war, dass alle Aktionen mit den Gesetzen des Himmels übereinstimmten, legten auch sie höchsten Wert auf erstklassige Astronomen. In dieser Hinsicht führte kein Weg mehr an Pater Schall von Bell vorbei, nachdem sich 1644 dessen Berechnungen zu einer Sonnenfinsternis denen aller sonstigen Experten an Präzision überlegen gezeigt hatten. Dass sich Schall von Bell auch nach dem Regimewechsel am Kaiserhof führend behaupten konnte, lag nicht zuletzt an seiner Freundschaft zum sehr jungen ersten Mandschu-Kaiser Shunzhi (1638–1661), der den Deutschen „Mafa“ (Großvater) nannte und als Lehrer verehrte.

Nach Shunzhis wurde die Lage des fremdgläubigen Ausländers am Kaiserhof immer kritischer. Durch Schlaganfall und Alter geschwächt, wurde Schall von Bell verhaftet und am 15. April 1665 zu Zerstückelung bei lebendigem Leib verurteilt. Am Tag darauf erschütterten Erdbeben und Stürme die Hauptstadt, was Kaiser Kangxi als Götterzeichen ansah und den Jesuitenpater, der Tausende Chinesen getauft hatte, vor dem Märtyrertod bewahrte. Der bis heute in China bekannte Himmelsforscher starb 1666 an Mariä Himmelfahrt.

Mittwoch, 17. April 2013

Morgenland

Zu meiner Geburt
kamen keine Weisen
aus dem Morgenland.

Die zu mir kamen,
waren aber auch nicht dumm,
haben ihre Sorgen gekannt und
die drehten sich oft um

ein paar Morgen Land ...

(aus: Gregor Brand: Spätes Zweites Jahrtausend. Gedichte. 1998)

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