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Mittwoch, 13. Januar 2010

Der Schein jüdischer Universalität

Astrid Deuber-Mankowsky, mittlerweile Professorin, weist in ihrer lesenswerten, aber gegenüber ihren Titelhelden wenig kritisch orientierten Dissertation „Der frühe Walter Benjamin und Hermann Cohen. Jüdische Werte, Kritische Philosophie, vergängliche Erfahrung“ (Berlin 2000) im Anschluss an Hermann Cohen tadelnd darauf hin, dass nach christlicher Auffassung Mensch im eigentlichen Sinn nur sei, wer sich zum Christentum bekenne. Wie seinerzeit schon Hermann Cohen – insbesondere von liberalen Juden als einer der Helden moderner jüdischer Philosophie gefeiert - kritisiert sie, dass durch den christologischen Bezug des Christentums der universale Begriff des Menschen verengt werde. Dadurch verliere das Christentum im Grunde seinen behaupteten universalen Charakter.

Gegenüber diesem vermeintlichen Mangel wurde nun von Cohen - und in dessen geistiger Gefolgschaft von Deuber-Mankowsky - das angeblich wahrhaft universalistische Konzept des Menschen, wie es im Judentum herrsche, höchst lobend hervorgehoben.

Diese Darstellung des Judentums sowohl durch Hermann Cohen als auch durch Deuber-Mankowsky ist allerdings in hohem Maße ungenau – und folglich unbrauchbar. So muss beispielsweise darauf hingewiesen werden, dass nach orthodoxer und traditioneller jüdischer Auffassung nur der jüdische Mensch ein Mensch im vollen und eigentlichen Sinn ist. Diese Überzeugung, dass eben nur Juden im umfassendsten Sinn wahre Menschen sind und sein können, ist – als ein Beispiel unter Hunderten - von dem legendengeschmückten Prager Oberrabbiner und Talmudisten Juda Löw (1512 – 1609) wieder und wieder ausgeführt und betont worden. Der „Hohe Rabbi Löw“, dessen gründlichste Talmudkenntnisse wohl noch nie jemand in Frage gestellt hat, konnte sich dabei klar auf die religiöse jüdische Tradition berufen. So unterschiedlich ihre Auffassungen auch im Einzelnen gewesen sein mögen: In dieser Überzeugung vom besonderen Wert des jüdischen Menschseins waren sich Nachmanides und Maimonides, Moses Isserles und Rav Kook einig. Die skeptische Haltung gegenüber einem egalitären universalistischen Mensch-Begriff ist mithin für das jüdische religiöse Denken seit Jahrtausenden geradezu selbstverständlich und die Ansicht, dass ein Nichtjude die Fülle des Menschseins besitzen könne, muss talmudorientrierten und gesetzestreuen Juden aller Zeiten geradezu absurd vorkommen.

Wenn also das Christentum mit seiner Orientierung auf seinen Vorbildmenschen Jesus den Begriff des wahren Menschen relativiert, dann das torah- und talmudorientierte Judentum in anderer Weise nicht minder. Es gibt insofern keinen Grund, das Judentum als eine gegenüber dem Christentum universalistischere Religion rühmend herauszustellen.

Sonntag, 27. Dezember 2009

Jenseits der Symbole

Für mich ist selbst Cassirer nicht nur ein Symbol.

Lebenskunst

Leistungskunst und Leistungsphilosophie sollten Teil jeder Lebenskunst sein.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Die erste Tragödie

Es war ein Tyrann, der die erste Tragödie aufführen ließ. Und ich rede hier nicht von Gott.

Die Unvergessenen

Zum Beispiel Georg Friedrich Daumer, Georg Britting oder Lorenzo Mossa: Es irritiert mich immer noch ein wenig, wenn ich von einer Persönlichkeit der Geistesgeschichte, die ich kenne, lese, sie sei heute vergessen. Bin ich denn ein Niemand, dessen Erinnerung nicht zählt? Davon abgesehen ist jeder, den man erwähnt - und sei es, um ihn zu den Vergessenen zu zählen - nicht vergessen. So sollte also vor allem dieser Topos von den angeblich Vergessenen vergessen werden.

Freitag, 27. November 2009

Unkulturkritiker

Bin ich ein Kulturkritiker? Ich fühle mich jedenfalls eher als Unkulturkritiker.

Mittwoch, 25. November 2009

Ewig aktuelles Theodizee-Problem

Wenn Gott so "lebensschützerisch" gesonnen wäre wie deutsche und internationale Katholiken und sonstige Christen - warum produziert er dann dauernd und mit nicht selten tückisch anmutender Kreativität bei Menschen überall auf der Welt Mutationen, die die vielfältigsten und oft sehr schmerzlichen Krankheiten und Leiden hervorrufen? Falls aber der liebe Gott nicht für die Krankheiten verantwortlich ist, dann braucht man ihn auch nicht wegen deren Heilung zu belangen. Steckt er jedoch - als allväterlicher und allmütterlicher Herr und Meister aller Dinge - ururheberisch hinter jeder Erkrankung jedes Menschen und jeden Insekts, wieso soll es dann ethisch-moralisch geboten sein, gegen diese göttlich-teuflische Art morbider Weltgestaltung anzugehen?

Montag, 9. November 2009

Tagebuchnotiz über Arnold Gehlen

Am 21. 12. 1989, einem Donnerstag in einem hyperhistorischen Jahr, schrieb ich in mein Tagebuch:

" Wenn die Neue Rechte sich auf Arnold Gehlen beruft, auf sein Konzept der Weltoffenheit, der organischen Mangelhaftigkeit, dann ist dies keine rechte, sondern eine linke Position. Das Machbare steht dann im Vordergrund, die Umwelt, die tabula rasa. Wenn solches als rechts verkauft wird, dann wird ein trojanisches Pferd konstruiert."

Von den gehlenschen Gedanken der Mängelhaftigkeit oder Mangelhaftigkeit des Menschen halte ich nach wie vor nichts; von dieser abschätzigen Beurteilung hat mich auch Odo Marquard nicht abbringen können. Und nur meine eigenen physischen Mängel hindern mich jetzt wie meistens, Gehlens gravierende gedankliche Mängel en detail aufzuzeigen und schriftlich zu beschreiben.

Montag, 19. Oktober 2009

Weltfamilie

Wenn es – wie schon von Novalis anformuliert – eine Weltfamilie gibt, sollte es dann nicht auch Weltmutter, Weltvater, Welttochter, Weltsohn, Welttante, Weltonkel, Weltgroßmutter, Weltopa und dergleichen mehr geben? Doch trotz all der vielen Weltmenschen um uns herum scheint noch nicht ansatzweise festzustehen, wen wir uns unter jenen vorstellen können. Es verhält sich hier wie mit der Heiligen Familie und anderen Familien: Familienmitglieder, die man nicht haben will, werden am liebsten gar nicht erst gedacht.

Freitag, 16. Oktober 2009

Die Flüche der Synagoge

Carl Schmitt wird gern und häufig als Antisemit dargestellt. Gewiss war er zu manchen Zeiten seines langen Lebens antijüdisch eingestellt. Konnte es eigentlich für einen, der das Judentum ernst nahm und kein Jude war, grundlegend anders sein? Müsste man nicht denjenigen, der die jüdische Religion ernst nimmt und vorgibt, nichts gegen das Judentum zu haben, fragen, warum er dann nicht zum Judentum konvertiert? Carl Schmitt kann man vorhalten, in seinen oft langen antijüdischen Momenten seine Ablehnung des Judentums wie ein enttäuschter Liebender entschieden und irrational übertrieben zu haben.

Der gleiche Schmitt hat bei anderer Gelgenheit dagegen sogar die "Flüche der Synagoge" gerechtfertigt und den herrschenden jüdischen Institutionen gegenüber einem jüdischen Abweichler Recht gegeben. Dieser Abweichler ist natürlich niemand anders als der große Spinoza, dessen Gleichsetzung von Gott und Natur Carl Schmitt zutiefst empört und verstört hat. Wenn sich Schmitt in dieser Frage gegen Spinoza wendet, dann stellt er sich zugleich gegen den spinozistischen Goethe. Ich finde: Sowohl Spinoza als auch Goethe haben weder die Flüche von Synagogen noch die Flüche von Kirchen und schon gar nicht die Flüche von Carl Schmitt verdient.

Schöngeist

Während meiner Schulzeit war mein Lieblingsschöngeist der Geist von Fußballnationaltrainer Helmut Schön.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Krisenzeiten und demographische Entwicklung

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über Forschungen des theoretischen Biologen Peter Turchin und des Althistorikers Walter Scheidel zur Bevölkerungsgeschichte des antiken Rom. Turchin und Scheidel hätten eine neue Methode zur Lösung des Rätsels, ob die damalige Bevölkerung zugenommen oder abgenommen habe, vorgestellt. Dazu heißt es, die neue Methode gehe davon aus, dass Zeiten von Krieg und Gewalt zweierlei Folgen haben: "Zum einen pflanzen die Menschen sich weniger fort, zum anderen neigen sie dazu, ihr Geld und ihre Wertsachen zu verstecken."

Was die erste These betrifft, so lässt sie sich in dieser Allgemeinheit keinesfalls vertreten. Wenn man sich beispielsweise in der Gegenwart die Bevölerungsentwicklung im Gaza-Streifen, der seit Jahrzehnten von enormen Konflikten und Gewalt geprägt wird, anschaut, so stellt man fest, dass dort dennoch eine geradezu extreme Bevölkerungszunahme stattgefunden hat. Auch in einer anderen Weltgegend, in Südostasien, hat die vietnamesische Bevölkerung während der Jahre des Vietnam-Krieges einen deutlichen Bevölkerungszuwachs erlebt. Als letztes von vielen weiteren möglichen Beispielen sei auf die Entwicklung in Afrika hingewiesen, wo es selbst in von Krisen und Bürgerkriegen heimgesuchten Staaten zu einer starken Vermehrung der Bevölkerung gekommen ist.

Das Vorhandensein von Not und Gewalt allein sagt also nichts darüber aus, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies in der Antike anders gewesen ist. Die demographische Enwticklung hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der heute in westlichen Gesellschaften völlig unterschätzten Einstellung der Bevölkerung zu Kindern und Familiengröße. Dass beispielsweise zum Reformjudentum gehörende Menschen deutlich weniger Kinder haben als konservative Juden und diese wiederum weit weniger als ultraorthodoxe, hat weit mehr mit der jeweiligen religiösen Überzeugung zu tun als mit der materiellen Situation. Wenn Peter Turchin feststellt: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Bevölekrung in einer solchen Zeit der Gewalt gewachsen ist", dann drückt er damit ein neuzeitliches religionsentfremdetes europäisches Denken aus, das sich - wie erwähnt - in keiner Weise pauschal auf alle Phasen der Geschichte übertragen lässt.

Fazit: Mit dem erwähnten Ansatz von Turchin und Scheidel lässt sich die Frage nach der antiken Bevölkerungsentwicklung nicht beantworten. Selbst wenn man unterstellt, dass ihre zweite Hypothese - mehr Schatz-und Münzfunde bedeuten Zeiten von Krisen und Gewalt - zutrifft, so sagt das nichts Zwingendes über die Bevölkerungsentwicklung in solchen Zeiten aus.

Samstag, 26. September 2009

Matérialisme démoniaque

Satan, scheinbar
schönster aller
Engel:

Bist doch nur ein
roter fiktiver
Bengel.

Sonntag, 13. September 2009

Margarine wirkt sich bei Kindern ungünstig auf die Intelligenz aus

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift
"Intelligence" (Volume 37, Issue 5, Pages 443-516, September-October 2009) sind wieder interessante Artikel zu finden. So beispielsweise die neuseeländische Studie Dietary patterns and intelligence in early and middle childhood über den Zusammenhang zwischen dem Konsum bestimmter Nahrungsmittel und der Intelligenzentwicklung. Bemerkenswert das Ergebnis, dass der tägliche Konsum von Margarine bei Kindern zu einer signifikanten Verminderung der Intelligenz führte, wohingegen der Konsum von Brot und sonstigen Getreideprodukten sowie Fisch einen merklichen Intelligenzanstieg bewirkte.

Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass verschiedene Arten von Nahrungsfetten und Ölen die Fett- und Cholesterinwerte im Gehirn unterschiedlich beeinflussen, wie beispielsweise eine türkische Arbeit aus dem Jahr 2007 zeigte: Effect of diet oils on lipid levels of the brain of rats.


Thomas Browne als Neologist

Wenn jemand - wie in diesem Fall der englische Arzt und Schriftsteller Thomas Browne (1605 - 1682) - solche ausgezeichnten Neologismen in die Welt und Sprache setzt wie hallucination, inconsistent, antediluvian, electricity, locomotion, retrogression, precarious , dann kann er meiner perennierenden Bewunderung sicher sein, auch wenn er sich weder damals noch jetzt etwas dafür kaufen kann.

Sephardische Ironie

Mehr als nur skeptische Distanzierung: Montaignes sephardische Ironie: "Je ne suis pas philosophe."

Donnerstag, 10. September 2009

Deutsche Googlebildungen

Ich finde die deutsche Sprache wundervoll! Auch deshalb, weil es nach meinem Eindruck keine andere Sprache gibt, die neuen Gedanken und Begriffen weniger Hindernisse in den Weg legt, sondern sogar im Gegenteil dazu reizt, mit neugeformten Begriffen und Ausdrücken zugleich neue Weltphänomene sprachlich zu erfassen. Eines von Myriaden möglicher Exempel: Die auf "google" bezogenen Verbkreationen des frühen 3. Jahrtausends: entgooglen, zergooglen, nachgooglen, übergooglen, runtergooglen, vergooglen, abgooglen, vorgooglen, untergooglen und dergleichen mehr. So akkumuliert sich der Reichtum einer prä- und transtodesfugalen meisterlichen Sprache.

Von Vögeln und Fledermäusen

Wenn in Gottesdiensten, im Konfirmationsunterricht oder bei katholischen Messen wieder salbungsvoll davon geredet wird, wie wunderbar Gott die Welt eingerichtet hat, darf man auch daran denken: Kohlmeisen picken Fledermäusen, die gerade aus dem Winterschlaf erwachen, die Köpfe auf und bekämpfen mit deren Fleisch und Blut dann die eigene Nahrungsnot.

Great tits bite off bats' heads

Ein Vorgang, der eigentlich mit seinem Töten und Getötetwerden in der Tierwelt nichts Besonderes darstellt, aber doch aufhorchen lässt, weil man beim munteren Zwitschern und Tirillieren von Singvögeln meistens nicht an solche Vorgänge denkt. Gerade unsere kleinen gefiederten Freunde haben zudem in der Geistes- und Kulturgeschichte schon oft manche zum Lob über die Schönheit und Lieblichkeit der Schöpfung und zum Preisen des Schöpfers veranlasst. Ich will mit diesem Hinweis auf die Kohlmeisen in Ungarn auch nicht - wie Schopenhauer dies angesichts der Weltgrausamkeit getan hat - behaupten, dass deswegen solches Gotteslob völlig unberechtigt ist - aber man muss dann doch diesen blutigen Teil des Weltlebens mitbedenken und einbeziehen.

Mittwoch, 26. August 2009

Im Norden der Eifel: Älteste nordalpine Wassermühle ausgegraben

Am Nordrand meiner Heimatregion, der Eifel, wurde bei Titz (Kreis Düren) die älteste nordalpine Wassermühle gefunden:
http://nachrichten.t-online.de/c/19/77/82/88/19778288.html

Samstag, 22. August 2009

Krieg, Epos

Kriege, über die man ein Epos schreiben kann, sind militärisch nicht optimal geführt worden.

Gehirne, Kultur

Wenn die Gehirne kleiner werden, so kann die Kultur nur noch eine kurze Zeit lang größer werden.

Prophet der Zukunft oder der Vergangenheit?

Wenn ich die Wahl hätte, jedes Detail der Zukunft der Menschen zu kennen oder aber ihrer Vergangenheit, so würde ich mich für die Kenntnis der Vergangenheit entscheiden. Hätte ich einen Finanzberater, so würde er mir allerdings etwas anderes empfehlen.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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