Samstag, 21. Januar 2012

Father Michael Müller: Redemptorist und US-Theologe aus Dreis-Brück/Eifel


„Amerikanische Mitbürger – Amerika ist meine Heimat! Ich habe kein anderes Land. Nach Gott und meiner Religion ist mir mein Land das Liebste im Leben!“ Mit diesem überschwänglichen Bekenntnis zu den USA beginnt das 1872 erschienene viel beachtete Buch „Public School Education“ eines Mannes, der 1851 als 25-Jähriger erstmals amerikanischen Boden betrat und dort in den Jahrzehnten vor 1900 einer der bekanntesten katholischen Autoren wurde: Pater Michael Müller, dessen Namenszusatz C.S.S.R. anzeigt, dass er zum Orden der Redemptoristen gehörte.

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In der englischen Sprache seiner neuen Heimat verfasste er über 30 Bücher zu zentralen Fragen katholischen Lebens. Ein Hauptthema in seinem Werk war, wie das oben erwähnte Buch über das öffentliche Schulsystem andeutet, die Bildung. Wer heutzutage Bildung zu einer Frage von elementarer Wichtigkeit für die Gesellschaft erklärt, könnte sich dabei gut auf Pater Müller berufen. „Die Frage der Erziehung ist die wichtigste von allen“, war der Eifler Pater überzeugt. Von der richtigen familiären und schulischen Erziehung hing für ihn Wohl und Wehe des Einzelnen und der Gesellschaft ab. Von nichtkatholischen Schulen für katholische Kinder hielt er dabei nichts.

Müllers Überzeugung vom Stellenwert der Erziehung dürfte mit seinen eigenen Bildungserfahrungen zusammenhängen. 1825 in Brück als ältester Sohn von neun Kindern der Eheleute Katharina Leif und Anton Müller geboren, verbrachte er seine ersten Lebensjahre im wohligen Schoß der Familie. Sein aus Gelenberg stammender Vater war zwar gelernter Wagner, aber in Brück mit dem Amt eines Feld- und Waldhüters betraut, was für seinen Sohn zu einprägsamen Jagderlebnissen führte.

Dieses Dorfjungenleben verwandelte sich in eine Erziehungshölle, als der sensible Michael mit fünf Jahren in die Pfarrschule kam, wo er vier Jahre lang vom Lehrer brutal schikaniert wurde. „Der kleinste Fehler, den ich beim Lesen machte, wurde mit einer tüchtigen Ohrfeige belohnt“, notierte er Jahrzehnte später in seinen Erinnerungen, die von seinem Verwandten Nikolaus Rätz (Loogh) vor einigen Jahren auszugsweise veröffentlicht wurden.

Dass es Schule ohne dauernde Angst und Zittern geben kann, erlebte Michael Müller erst, als er einen neuen Lehrer erhielt, der das Gegenteil seines Vorgängers war. Einige Jahre später kam der stille und viel betende Junge auf das Gymnasium in Trier, wo die schulischen Probleme erneut sehr groß wurden. Mehrere Klassen musste er trotz fleißigen Lernens wiederholen. Ob dies wirklich – wie manchmal zu lesen ist – an mangelnder Begabung lag, kann angesichts seiner späteren Schriften durchaus bezweifelt werden.

Müller selbst war davon überzeugt, dass man auf Dauer mit Willen und Fleiß geistige Mängel mehr als wettmachen kann. Nach dem Gymnasium trat er in den Redemptoristen-Orden ein, seine Priesterweihe erhielt der Eifler 1853 in den USA. Hier musste er sich erneut mit pädagogischen Problemen beschäftigen, aber diesmal von der anderen Seite her. Acht Jahre lang oblag ihm als Novizenmeister die Aufsicht über die jungen Ordensanwärter. Während dieser Jahre kam es öfters zu Spannungen, was anscheinend daran lag, dass die bereits in den USA Aufgewachsenen mit der Grundsatzstrenge des Eiflers, dessen Temperament als „extrem deutsch“ empfunden wurde, nur schwer zurechtkamen.

Kompromissloses Festhalten an den von ihm als einzig richtig betrachteten katholischen Auffassungen kennzeichnet auch das theologische Werk des erzkonservativen Müller. Unerbittlich betonte der US-Eifler immer wieder den vom frühchristlichen Kirchenvater Cyprian formulierten Grundsatz, dass es außerhalb der katholischen Kirche kein Seelenheil geben könne (Extra ecclesiam nulla salus).

Wer die katholische Kirche nicht zur Mutter hat, der kann Gott nicht zum Vater haben: Die polemische Schärfe, mit der Müller diese – auch von Papst Benedikt XVI. verteidigte – Lehre verkündete, empörte nicht nur Protestanten, sondern rief selbst unter Katholiken heftige Proteste hervor. Jahrelang zog sich die „Müller-Kontroverse“ hin, bis schließlich 1897 der Generalobere der Redemptoristen, der Luxemburger Matthias Raus, seinem moselfränkischen Mitbruder Veröffentlichungsverbot erteilte. Zu diesem Zeitpunkt war Müllers glaubensstrenges Lebenswerk ohnehin fast vollendet. Geschwächt durch Schlaganfälle, entschlief Michael Müller wenige Monate vor Beginn des neuen Jahrhunderts „selig im Herrn“.

Donnerstag, 12. Januar 2012

Friedrich Joseph Haas: Arzt und Sozialreformer aus Münstereifel


Wer ist die sympathischste Persönlichkeit der deutschen Geschichte? Würde man den Bürgern Moskaus diese Frage stellen, so würden viele einen Eifler nennen: Friedrich Joseph Haas. Der 1780 geborene „heilige Arzt von Moskau“ ist in Russland auch über 150 Jahre nach seinem Tod unvergessen. Große russische Autoren von Dostojewski bis Solschenizyn und Kopelew haben sich mit seiner Biographie ebenso beschäftigt wie zahlreiche weniger bekannte Forscher, die den Spuren seines Wirkens nachgehen.

Haass

Das Leben von Friedrich Joseph Haas (auch Haass, Haaß usw.) begann im Schoß einer kinderreichen katholischen Familie in Münstereifel. Aus der Ehe der 23-jährigen Witwe Catharina Josepha Brewer mit dem zehn Jahre älteren aus Köln stammenden Apotheker Peter Haas erreichten fünf Jungen und drei Mädchen das Erwachsenenalter; hinzu kam ein Sohn aus der ersten Ehe der Mutter. Beide elterlichen Familien gehörten der bildungsbürgerlichen Elite an. Der väterliche Großvater war Chirurg, der mütterliche Gerichtsschreiber; in den Seitenlinien finden sich Ärzte, Geistliche und Juristen. So war es letztlich nicht ungewöhnlich, dass der Apothekersohn nach dem Gymnasium in Münstereifel und weiterer Ausbildung in Köln und Jena schließlich an der Universität Göttingen Doktor der Medizin wurde, immer unterstützt von seinem gleichnamigen Onkel und Paten Professor Dr. med. Friedrich Joseph Haas (1754–1827). Bald darauf überredeten hohe russische Adlige, die der junge Arzt erfolgreich behandelt hatte, den Eifler, ihnen als Leibarzt nach Moskau zu folgen. Dort setzte sich sein Erfolg fort: Schon 1807 wurde Dr. Haas Chefarzt des Pauls-Krankenhauses, zusätzlich betrieb der Deutsche, dessen Spezialgebiet die Augenheilkunde war, eine erfolgreiche Privatpraxis. Rund zwei Jahrzehnte nach seiner Übersiedlung ins Zarenreich wurde der weithin bekannte Mediziner Chefarzt aller Moskauer Gefängnisspitäler. Die brutale Behandlung der zahlreichen Sträflinge hatte Haas schon lange als menschenunwürdig empfunden. Auf sein Eintreten hin wurden nun unter anderem die schweren Eisenketten für Schwache und Invalide abgeschafft und für die anderen Gefangenen im Gewicht halbiert – ungeheure Erleichterungen vor allem für die Häftlinge, die mit solchen Ketten und an Eisenstäben gefesselt nach Sibirien geschickt wurden.

Haas setzte sich nicht weniger energisch für rechtliche Verbesserungen und für eine angemessenere Betreuung der zahlreichen Kindersträflinge ein. Dabei blieb die medizinische Versorgung der Riesenschar seiner Patienten die Hauptaufgabe. Privat behandelte er Arme kostenlos, während er die hohen Honorare seiner adligen Patienten bis zum letzten Heller zur Linderung der Not anderer verwendete. In allen Kreisen sprach sich sein aufopferndes Wirken und sein Drängen auf einen humaneren Strafvollzug herum, aber allein hätte es ihm noch nicht seinen heiligmäßigen Ruf eingebracht, wenn nicht die besondere Ausstrahlung seiner Persönlichkeit hinzugekommen wäre.

Selbst den höchsten Adligen gegenüber trat der große, breitschultrige Eifler nie unterwürfig auf, den einfachen Leuten dagegen stets ohne jede Überheblichkeit und verständnisvoll. Solches Verhalten war im damaligen Zarenreich, in dem noch die Leibeigenschaft existierte, ebenso ungewöhnlich wie seine bisweilen belächelte sittsame Lebensführung, die weder auf Vergnügungen noch auf Reichtum Wert legte. Wie im 20. Jahrhundert beim Arzt und Nobelpreisträger Albert Schweitzer, so ging auch bei Haas Herzensgüte mit einem scharfen Verstand einher. Die Werke des heiligen Theologen Franz von Sales und den Philosophen F. W. J. Schelling schätzte er besonders und an seinem herausragenden medizinischen Wissen bestand ohnehin kein Zweifel. Haas entdeckte und beschrieb die heilkräftigen Mineralquellen im Kaukasus – auch daran erinnert man sich in Russland bis heute gern und gut.

In Münstereifel wird die Erinnerung an den großen Sohn vielfältig gepflegt. Von überregionaler Bedeutung ist das anhaltende wissenschaftliche Interesse, wie es etwa in einer jüngst von K. Pfeifer vorgelegten Doktorarbeit deutlich wird. In ganz besonderer Weise gilt dies auch von dem 1998 eröffneten Verfahren zur Seligsprechung von Haas. Unabhängig von dessen Ausgang kann man sicher annehmen, dass die meisten jener 20 000 Menschen aller Schichten, die im August 1853 in Moskau Friedrich Joseph Haas die letzte Ehre erwiesen, sich bewusst waren, dass ein heiligmäßiges Leben zu Ende gegangen war.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Meistermechaniker Matthias Schwalbach aus Malberg/Eifel: Erbauer der ersten Schreibmaschine


Als 2011 in Indien der weltweit letzte industrielle Hersteller von Schreibmaschinen das Ende seiner Produktion bekanntgab, ging eine Epoche zu Ende. Die im 19. Jahrhundert erfundene Schreibmaschine (englisch: typewriter) hatte Arbeitswelt und Zivilisation des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. Weltweit gilt ihre Entwicklung als amerikanische Innovation - zu Recht. Aber an ihrer Konstruktion war ein gebürtiger Deutscher maßgeblich beteiligt – der Eifler Matthias Schwalbach (1834–1920).

Schwalbach

Schwalbach wurde in Malberg geboren, also in jenem Dorf unweit von Kyllburg und Bitburg, das historisch durch sein Schloss und die darin lebenden Adelsfamilien bekannt wurde. Seine Kyllburger Mutter Gertrud Simon war eine Kusine von Ludwig Bertrand Simon, dem Ahnherrn der Bitburger Brauerei-Familie Simon. Während in der mütterlichen Familie das Brauhandwerk gepflegt wurde, waren die Schwalbachs über Generationen als Uhrmacher tätig. So erwarb auch der junge Matthias, dessen Vater und Großvater den gleichen Vornamen trugen, den Grundstock seiner später bewunderten mechanischen Kenntnisse und Fertigkeiten noch in der Eifel, ehe er 1857 in die USA auswanderte. Nach sechsjähriger Arbeit als Mechaniker im Bundesstaat New York zog es den unternehmungslustigen Eifler weiter nach Westen. Zur dauerhaften Heimat wurde ihm Milwaukee, eine Stadt mit besonders vielen deutschen Einwanderern. Ein Jahrzehnt lang arbeitete er dort in der Werkstatt des Thüringers C. F. Kleinsteuber und tauschte sich mit einheimischen Tüftlern und Hobby-Erfindern aus, die sich mit Vorliebe in Kleinsteubers Machine Shop trafen. Zu diesen innovativen Köpfen zählten der Journalist C. L. Sholes, der Drucker S. W. Soule und der Anwalt C. Glidden, deren Ehrgeiz dahin ging, eine praktikable Schreibmaschine zu entwickeln. Seit langem war zwar immer wieder versucht worden, maschinelles Schreiben zu ermöglichen, aber ohne durchschlagenden Erfolg. 1867 meldete Sholes eine Schreibmaschine zum Patent an, war aber mit dem darauf beruhenden unhandlichen Produkt sehr unzufrieden. In den folgenden Jahren schaltete sich nun immer stärker Matthias Schwalbach in das Projekt ein und wurde Teil dieses „Schreibmaschinen-Teams“. Ihm kam insofern eine besondere Rolle zu, als er der anerkannt beste Mechaniker war und über die praktischen Fähigkeiten verfügte, das neuartige Gerät zu bauen. Dabei beschränkte sich Schwalbachs Arbeit keineswegs auf die Umsetzung der Entwürfe der anderen. Mit eigenen Ideen, von denen einige 1872 zum Patent angemeldet wurden, trug er maßgeblich dazu bei, dass der 1873 vorliegende und funktionierende Prototyp als die erste marktreife Schreibmaschine überhaupt gilt. Zu den eigenständigen Ideen Schwalbachs gehört die Anordnung der Schreibtasten in vier Reihen – ein Konzept, das auch bei den heutigen Computer-Tastaturen noch angewendet wird. Sämtliche frühen Exemplare dieses „Sholes-Glidden-Typewriter“ wurden von Meister Schwalbach gebaut, ehe dann James Densmore nach Kauf der Rechte die Waffenfirma Remington mit der industriellen Produktion beauftragte.

So entscheidend Schwalbachs Beitrag auch war, so war die Arbeit an den Schreibmaschinen für ihn eher eine Nebentätigkeit – wie beispielsweise auch die Arbeit an Nähmaschinen, für die er ebenfalls patentierte Erfindungen entwickelte. Schwerpunkt seiner 1873 gegründeten Star Clock Company war die Produktion von Turmuhren. Wie bei dem technisch so kreativen Schwalbach nicht anders zu erwarten, gelangen ihm auch hier erstaunliche Verbesserungen, die ihn zum gefragtesten Turmuhren-Spezialisten im Mittleren Westen machten. Bis heute sind auf vielen Kirchen in Michigan, Wisconsin, Ohio etc. die beeindruckenden Konstruktionen des Malbergers zu sehen, denen Uhren-Experten wie Professor Joseph G. Baier höchstes Lob zollen.

Das private Leben Schwalbachs war durch die Sorge für seine große Familie gekennzeichnet. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er noch zweimal und wurde insgesamt Vater von 24 Kindern. Obwohl etliche davon das Erwachsenenalter nicht erreichten, ist die Nachkommenschaft des Eiflers sehr groß. Als 2011 in Milwaukee die Erfindung der Schreibmaschine feierlich zu einem Top-Ereignis der Ingenieursgeschichte erklärt wurde, wurden die Nachkommen des Erfinders Schwalbach eingeladen. Nicht nur das zahlreiche Erscheinen der Schwalbach-Eifelkinder deutet auf ein zunehmendes Interesse an diesem noch zu wenig bekannten Erfinder hin.

Sonntag, 1. Januar 2012

Leopold Hoesch: Industrieller aus Düren


Hoesch – auch das ist einer der legendären deutschen Industriellennamen aus der Nordeifel. Wie die Poensgen, Schoeller, Thyssen und andere, so haben auch zahlreiche Angehörige der Familie Hoesch über staunenswert viele Generationen hinweg herausragende wirtschaftliche Aktivitäten entfaltet und damit bedeutende Grundlagen für die anhaltende wirtschaftliche Spitzenstellung Deutschlands gelegt. Stammvater Jeremias Hoesch (ca. 1610-1653) gilt als der erste Eisenindustrielle dieser Familie, die schon vorher zahlreiche Handwerksmeister der Metallbearbeitung stellte. Der alttestamentarische Vorname dieses Hoesch-Ahnen hängt damit zusammen, dass sich die Familie in der Reformationszeit trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten der calvinistischen Konfession anschloss. Während des Dreißigjährigen Krieges gelang es Jeremias Hoesch, Anteile an wichtigen Hammerwerken der Nordeifel zu erwerben und damit den Grundstock dieser weit verzweigten Industriellen-Dynastie zu legen, die sich neben der Eisenproduktion auch erfolgreich in der Tuchindustrie und der Papierproduktion engagierte. Eisen- und Papierfabrikant war auch Wilhelm Hoesch (1791-1831), der Vater des 1820 in Düren geborenen Leopold. Typisch für diese Nordeifler Unternehmersippen heiratete Wilhelm Hoesch mit Johanna Schoeller, Tochter des Schleidener Hüttenbesitzers und Tuchfabrikanten Arnold Schoeller, ein Mitglied aus einer ihm sozial und verwandtschaftlich sehr nahe stehenden Familie. Diese kennzeichnende Tradition setzte Leopold Hoesch durch die Ehe mit seiner Kusine Maria Hoesch fort. Im katholischen Bereich war eine so nahe Verwandtenehe grundsätzlich verboten – für die reformierten Nordeifler Industriellenfamilien stellte sie nichts Ungewöhnliches dar. Auch Pauline Hoesch, Leopolds Schwester, heiratete in die Verwandtschaft. Ihr Dürener Ehemann Alexander Ritter von Schoeller wurde eine der großen Wirtschaftspersönlichkeiten Österreich-Ungarns.

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Überhaupt prägten die familiären Verbindungen entscheidend die wirtschaftlichen Unternehmungen. Leopolds Vater Wilhelm hatte Anfang des 19. Jahrhunderts zusammen mit seinen Brüdern Eberhard und Ludolf unter der Firma „Gebrüder Hoesch“ die verschiedenen Werke der Hoesch-Familie zusammengeführt. Als nach dem Ende der Befreiungskriege die Eisenpreise stark sanken, wurde die Firma 1819 aufgelöst und in teils Papier, teils Eisen produzierende Unternehmen aufgeteilt. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde für Leopold der Onkel – und spätere Schwiegervater - Eberhard Hoesch zum Vorbild. Eberhard Hoesch (1790-1852) war ein erstrangiger Pionier der deutschen Eisenproduktion. Effektiv nutzte er die Spitzenkenntnisse der englischen Eisenindustrie und führte maßgebliche technische Neuerungen ein. Als Eberhard Hoesch 1852 starb, wurde Leopold Chef des Unternehmens, das aus drei Eisenwerken, einem Zinkwalzwerk und umfangreichen Grubenbesitz bestand. Wie sein Onkel, so hatte auch der in Köln humanistisch ausgebildete Leopold ein ausgeprägtes Empfinden für technisch-ökonomische Verbesserungen.

Ihm wurde schnell klar, dass angesichts neuer Produktionsmethoden wie etwa des Bessemer-Verfahrens einschneidende Veränderungen erforderlich waren. Leopold entschloss sich daher, das Hauptwerk ins aufstrebende Ruhrgebiet zu verlegen, dessen Rohstoffe und Verkehrslage günstiger waren. Im gleichen Jahr 1871, als das Deutsche Reich gegründet wurde, eröffnete Leopold Hoesch in Dortmund ein hochmodernes Stahlwerk und formte unter Beteiligung seiner Söhne und Vettern mit der Hoesch AG (seit 1874) ein eindrucksvolles Stahl- und Montanunternehmen. Vor allem aber schuf der Hoesch-Konzern für unzählige Arbeiter und ihre Familien die wirtschaftliche Lebensgrundlage. Noch hundert Jahre nach der Gründung beschäftigte der Konzern fast 50 000 Mitarbeiter und erzielte Milliardenumsätze. Trotz aller – oft mit Arbeitskämpfen ausgetragener – Schwierigkeiten waren die meisten Hoeschianer stolz darauf, bei „Karl Hoesch“ (so der populäre Firmenspitzname) arbeiten zu können. Leopold Hoesch selbst hatte soziale Belange stets stärker als seinerzeit üblich berücksichtigt. Als 79-Jähriger erlag der beliebte Patriarch, nach Auftreten und Überzeugung ein Konservativer, einem Gehirnschlag. Rund ein Jahrhundert nach Leopolds Tod wurde sein Unternehmen zunächst mit Krupp zusammengeführt und dann Teil von ThyssenKrupp. Der Eifler Name Hoesch bleibt in jedem Fall denkwürdiger Bestandteil europäischer Industriegeschichte

Freitag, 23. Dezember 2011

Johann Moritz Gustav von Manderscheid-Blankenheim: Prager Fürsterzbischof aus der Eifel


„Dieses Staatsversehen ausgenommen, war Moritz Gustav ein sehr würdiger Erzbischof. Er hatte sich durch seine häusliche auferbauliche Ordnung, durch seine Mäßigkeit, durch seine Gelehrsamkeit und Klugheit, durch seine männliche Frömmigkeit ein allgemeines Ansehen erworben. Der Adel, die Geistlichkeit, die Bürgerschaft, alles war für diesen Herrn eingenommen, und ein Wort, eine Miene von ihm war hinlänglich, die Herzen dahin zu lenken, wohin er wollte.“ Mit diesen Worten würdigte ein anonymer Autor in Wien 1815 in einem Lehrbuch einen der großen Kirchenfürsten des 18. Jahrhunderts: Graf Johann Moritz Gustav von Manderscheid-Blankenheim, der von 1733 bis 1763 als Fürsterzbischof von Prag oberster Geistlicher Böhmens war.

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Moritz Gustav entstammte nicht nur dem berühmten Eifler Adelsgeschlecht von Manderscheid, sondern war auch selbst in der Eifel geboren. 1676 erblickte er in Blankenheim als drittjüngstes von insgesamt 17 Kindern des Grafen Salentin Ernst von Manderscheid-Blankenheim (1630–1705) das Licht der Welt; seine Mutter war dessen zweite Frau Juliana Christine von Erbach. Salentin Ernst gilt als der bedeutendste Herrscher in der Geschichte Blankenheims. Während seiner über 50 Jahre währenden Regierungszeit trieb er die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in der Nordeifel tatkräftig voran. Sein Sohn Moritz Gustav wurde sowohl auf eine juristische als auch eine theologische Laufbahn vorbereitet. Standesgemäß wurde dieser schon in jungen Jahren Domherr in Köln, weitere Titel kamen hinzu. Als er mit 45 Jahren zum Priester geweiht wurde, hatte er bereits etliche juristischen Tätigkeiten für die Kurfürsten von Köln und Trier hinter sich. Sowohl für die Priesterweihe als auch die Ernennung zum Bischof galten damals andere Voraussetzungen als heute. Vielleicht wäre die Priesterweihe unterblieben, wenn Moritz Gustav nicht zuvor 1721 zum Bischof von Wiener Neustadt nominiert worden wäre. Bei der Ernennung zum Bischof, vor allem aber bei der Berufung auf das Amt des Fürsterzbischofs von Prag spielten politisch-dynastische Überlegungen die entscheidende Rolle. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass es dem Grafen an Frömmigkeit oder Eignung für diese Position gefehlt hätte.

Die Kritik und Ablehnung, der sich der Eifler teilweise ausgesetzt sah, hatte politische Gründe. Das eingangs erwähnte „Staatsversehen“ des Erzbischofs bestand darin, dass er im kriegerischen Streit, der nach dem Tod Kaiser Karls VI. (1740) um die Königsherrschaft in Böhmen und die Kaiserkrone entbrannt war, aus österreichischer Sicht auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Die Österreicher beschuldigten ihn, Partei für den bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht und gegen die Habsburgerin Maria Theresia ergriffen zu haben. Der Erzbischof berief sich zu seiner Verteidigung auf die „unvermeidliche Notwendigkeit“, die sich nach der Eroberung Prags 1741 durch Karl Albrechts französische und sächsische Verbündete ergeben habe. Maria Theresia glaubte ihm nicht und warf dem Eifler vor, Franzosenfreund und Habsburgerfeind zu sein. Nach der Niederlage Karl Albrechts verbannte sie den Grafen zeitweise aus Prag und schränkte seinen Einfluss als Erzbischof ein.

Wem in diesem Konflikt die Sympathien des Erzbischofs wirklich galten, lässt sich kaum noch klären. Weitaus sicherer ist demgegenüber sein nie nachlassendes Interesse an seiner Eifler Heimat, die Moritz Gustav viel verdankt: Schon kurz nach seiner Ernennung zum Erzbischof beauftragte er den Historiker und Geistlichen Johann Friedrich Schannat (1683–1739) mit einem Werk zur Geschichte des Hauses Manderscheid – und damit auch der Eifel. Großzügig finanzierte der Erzbischof Schannats Studienreisen und sorgte nach dessen Tod für die Weiterbearbeitung des Stoffes. Eine Erstausgabe der umfangreichen lateinischen Manuskripte Schannats erschien 1762 in Prag. Als „Eifflia Illustrata“ wurde das Werk im 19. Jahrhundert in deutscher Übersetzung vom Prümer Landrat Bärsch herausgegeben; bis heute gilt es als wertvoller Schatz zur Geschichte der Eifel. Auch mit anderen Initiativen, etwa der Gründung der Fürstlich-Erzbischöflichen Bibliothek zu Prag, blieb Moritz Gustav dem kulturell aufgeschlossenen Geist seiner Vorfahren treu. Nach seinem Tod 1763 im hohen Alter von 87 Jahren führten andere Mitglieder seiner Grafenfamilie die Verbindung zwischen Eifel und Prag fort.

Mittwoch, 16. November 2011

Henri Owen Tudor - Erfinder und Energiepionier aus Ferschweiler/Eifel


VARTA – wer weiß schon, dass am Ursprung des weltbekannten Batteriekonzerns ein Eifler stand? Ein Eifler namens Tudor? Waren nicht die Tudors jenes britische Herrschergeschlecht, dem so berühmte Persönlichkeiten wie Heinrich VIII. und Königin Elisabeth I. angehörten? So ist es, und in der Tat stammen auch die väterlichen Vorfahren des 1859 in der Südwesteifel geborenen Elektrizitätspioniers Henri Tudor wie jene Adelsfamilie aus Wales. Henris Vater, der Agrarfachmann John T. Tudor (1811–1894), war aus England emigriert und Gutsverwalter des wohlhabenden Landbesitzers Loser in Rosport geworden. Er engagierte sich begeistert und erfolgreich für die Steigerung der Agrarproduktion in Westeifel und Luxemburg. 1850 heiratete er Marie Loser, die Tochter seines Gutsherrn, deren Vorfahren aus den Eifeldörfern zwischen Bitburg und Echternach stammten.

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Henri Tudor, der jüngste der drei Söhne dieses Paares, wurde 1859 auf dem Diesburger Hof bei Ferschweiler geboren, den sein Vater von 1859 bis 1863 bewirtschaftete, ehe die Familie für ein Jahrzehnt in den wallonischen Grenzort Macquenoise zog. Henri besuchte die Schule im nahe gelegenen Chimay und studierte anschließend Ingenieurswesen in Brüssel. Schon zu dieser Zeit galt die Faszination des Eiflers allem, was mit Elektrizität zusammenhing. Auf dem seiner Familie gehörenden Irminenhof in Rosport installierte der junge Ingenieur 1882 einen selbst konstruierten Akkumulator mit Dynamomaschine und machte den Irminenhof zu einem der ersten mit Elektrizität versorgten Privathäuser in Europa. Henri arbeitete in diesen Jahren in Rosport eng mit seinem Bruder Hubert und seinem Vetter, dem Trierer Erfinder Schmalenbach, zusammen. Unter der Führung Henri Tudors gelang es ihnen, den ersten praktikablen Blei-Akkumulator der Welt zu entwickeln – eine Innovation von revolutionärer Bedeutung für den Triumph der nun rasant einsetzenden Elektrifizierung. 1885 nahm die Akkumulatoren-Fabrik Tudor in Rosport ihren Betrieb auf, 1886 stellte Echternach mit Hilfe der tudorschen Erfindungen die Beleuchtung von Petroleumlaternen auf Elektrizität um. Die Produktion der von Tudor entwickelten Blei-Akkumulatoren überschritt schnell die moselfränkische Heimatregion. Besonders bedeutsam wurde die Zusammenarbeit mit dem Kaufmann Adolph Müller, dem Tudor umfassende Vertriebs- und Produktionsrechte einräumte. 1887 gründete Müller die „Accumulatoren-Fabrik Tudorschen Systems Büsche & Müller oHG“, aus der 1890 unter Einbeziehung der Großfirmen AEG und Siemens die AFA („Accumulatoren-Fabrik-Aktiengesellschaft)“ hervorging, die 1962 in VARTA umbenannt wurde. Die auf der Entwicklung des Eiflers Tudor beruhende AFA wurde für viele Jahrzehnte zum Kern des Quandt-Imperiums. Die Quandts – Deutschlands reichste Familie – hatten 1923 die Aktienmehrheit bei der AFA übernommen.

Tudors Blei-Akkumulatoren schrieben Industriegeschichte und Weltgeschichte. Die Großbatterien wurden für Industrie, Bergbau und Landwirtschaft ebenso wichtig wie für das Militär. Erst die Ausrüstung der deutschen U-Boote mit den Blei-Akkumulatoren gab ihnen die Möglichkeit zur gefürchteten Seekriegsführung. Ohne diese Ausrüstung hätten sie nicht das US-Schiff „Lusitania“ versenken können, was 1917 den Kriegseintritt der USA zur Folge hatte.

Henri Tudors Werk in Rosport war zu diesem Zeitpunkt schon 8 Jahre lang geschlossen. In Luxemburg lohnte sich die Akkumulatoren-Fabrikation nicht mehr, was aber auf den Wohlstand des Konstrukteurs kaum Einfluss hatte. Tudor und seine Familie waren weiterhin an Unternehmen beteiligt und er konnte es sich leisten, in Rosport ein prächtiges Schloss für sich, seine Frau und die drei Töchter bauen zu lassen. Die Tochter Anne Marie war mit dem Unternehmer Léon Laval verheiratet. Die Nachkommen des Paares Laval-Tudor spielen bis heute eine bedeutende Rolle in der luxemburgischen Wirtschaft und Gesellschaft. Tudor-Schwiegersohn Laval wurde im 2. Weltkrieg von den Nazis misshandelt und ins KZ Hinzert gebracht. Man wollte ihn zwingen, noch vorhandene Tudor-Anteile an die AFA zu übertragen. Wieweit der Terror gegen Laval der Quandt-Familie persönlich zuzuschreiben war, bleibt umstritten.

Über den Blei-Akkumulator hinaus gelangen Henri Tudor weitere bedeutende Entwicklungen. Neben dem damit errungenen Erfolg wurde ihm sein Forschergeist letztlich zum Verhängnis: 1928 erlag der große Energie-Pionier einer Bleivergiftung.

Mittwoch, 9. November 2011

Ludwig Mies van der Rohe - Weltgenie der modernen Architektur und Kind der Eifel


Ludwig Mies van der Rohe, Nachfahre Eifler Handwerkerfamilien, hat wie kaum ein anderer das architektonische Gesicht der Moderne geprägt. Als er 1969 starb, hatte er sich längst den Ruf erworben, Führer und Vordenker der modernen Architektur zu sein. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. Mies van der Rohe zählt neben F. L. Wright und Le Corbusier weiterhin unbestritten zu den Titanen des modernen Bauens.

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Ludwig Mies (erst etwa ab 1921 nannte er sich zusätzlich van der Rohe) wurde 1886 in Aachen geboren. Wie viele andere Eifler waren auch die Eltern des späteren Architekten besseren Verdienstes wegen in dieser Stadt am Rand der Eifel gezogen. Ludwigs Vater, der Steinmetzmeister Michael Mies, war der Sohn einer Familie aus Blankenheim. In diesem Nordeifelort lebten die väterlichen Großeltern des Architekturgiganten: der Marmorschleifer Jakob Mies und dessen Ehefrau, die Köchin Anna Maria Kessel. Auch Ludwigs Mutter Amalie stammte als Tochter der Monschauer Wilhelm Rohe und Elisabeth Pleus aus einer Eifler Familie. Der Bildungsweg des jungen Ludwig lässt erkennen, dass er in die Fußstapfen seiner Handwerkervorfahren treten sollte. Nach Grundschule und Domschule besuchte er die Gewerbeschule in Aachen und begann eine Maurerlehre bei einer Aachener Baufirma. Seine zeichnerischen Fähigkeiten fielen auf. 1904 stellte ihn ein Aachener Architekt als Zeichner ein, ein Jahr später bewarb sich der 19-Jährige erfolgreich auf eine Stelle im boomenden Berlin bei Bruno Paul, einem der wegweisenden deutschen Architekten. 1908 wurde Mies für vier Jahre Mitarbeiter des bedeutenden Architekten und Industriedesigners Peter Behrens, dann eröffnete er ein eigenes Architektenbüro. Von 1915 bis Weltkriegsende diente Mies, seit 1913 mit der Fabrikantentochter Ada Bruhn verheiratet, als Soldat verschiedener Baukompanien. Der Ruhm des Architekten Mies entwickelte sich mit der Kulturblüte der jungen Weimarer Republik. Der innovative Eifelspross setzte mit seinen Entwürfen, Bauten und Konzepten Marksteine der modernen Architektur. Bereits um 1920 entwarf er die Pläne für zwei neuartige Hochhäuser mit völlig verglasten Fassaden. Auch wenn diese Studien nicht umgesetzt wurden, so gelten sie als visionäre Grundlegung der späteren Glashochhäuser. Diese wie auch zahlreiche weitere Neuerungen der von Mies van der Rohe entworfenen Bauten waren das Ergebnis einer neuen Bauphilosophie. Obwohl er weder über Abitur noch Hochschulabschluss verfügte, gilt der Aachener Meisterarchitekt als einer der kulturgeschichtlich kenntnisreichsten Pioniere moderner Architektur. Philosophisch äußerst belesen, wollte Mies bewusst Gebäude schaffen, die den Geist der modernen Naturwissenschaft und Technik verkörpern, dem es auf Rationalität und Funktionalität ankommt. „Weniger ist mehr“ war einer seiner Kernsätze, der ebenso wie sein Aphorismus „Gott steckt im Detail“ erkennen lässt, worauf es ihm ankam: Mit einem Minimum an Mitteln und höchster Qualität im Detail ein Maximum an Wirkung zu erreichen. Mit seiner Forderung nach höchstmöglicher Vernunft und Klarheit fand Mies starke Beachtung. Zu seinen bedeutendsten Bauten aus der Zeit der Weimarer Republik gehören die Villa Tugendhat, die als ein Hauptwerk der modernen Architektur heute zum Weltkulturerbe zählt, und der weltberühmte Barcelona-Pavillon zur Weltausstellung 1929. Mies van der Rohe, der 1930 Direktor des legendären Bauhauses geworden war, wurde spätestens in den dreißiger Jahren zu einer international berühmten Persönlichkeit. Nicht zuletzt aufgrund der politischen Entwicklung im NS-Staat emigrierte der Aachener 1938 in die USA und erhielt sechs Jahre später die US-Staatsbürgerschaft. In den folgenden Jahrzehnten entstanden in den USA imponierende Meisterwerke seiner Architektur. Weltstädte wie New York und Chicago oder die Hauptstadt Washington wurden von dem Gestaltungswillen dieses Eifelkindes nachhaltig geprägt, der für seine Baukunst mit höchsten Ehrungen überhäuft wurde.

In persönlicher Hinsicht hatte sich der breitschultrige Handwerkersohn früh einem aristokratischen Lebensstil verschrieben. Wie bei seinen Bauten handelte der Zigarrenraucher auch sonst nach dem Motto Oscar Wildes: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“ Mies van der Rohe, eines der großen Genies der Moderne, starb 1969 als vielfacher Urgroßvater in Chicago.

Mittwoch, 2. November 2011

Werner Lamberz - DDR-Spitzenpolitiker aus der Eifel


Hätte ein Eifler die DDR retten können? In den siebziger Jahren galt der gebürtige Mayener Werner Lamberz als aussichtsreicher „Kronprinz“ des SED-Vorsitzenden Erich Honecker. Auf Vorschlag Honeckers war Lamberz 1971 Mitglied des Politbüros geworden und damit in den engsten Führungskreis der DDR aufgerückt. Lamberz, unter anderem Sekretär für Agitation und Mitglied der Volkskammer, hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine steile Funktionärskarriere im „Arbeiter- und Bauernstaat“ hinter sich. Schwerpunkte seiner zahlreichen Ämter waren Aktivitäten im Auslandseinsatz und bei der sozialistischen Agitation.

Lamberz

Was hatte den Mann aus der Eifel überhaupt in den deutschen Osten verschlagen? Die Antwort hängt mit den Irrwegen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert zusammen. Werner Lamberz wurde 1929 als Sohn des Maurers Peter Lamberz geboren. Vater Lamberz, Unterbezirkssekretär der KPD, war vor der Machtübernahme Hitlers einer der aktivsten Kommunisten der Osteifel. Er gehörte zu den ersten Rheinländern, die von den Nazis inhaftiert wurden und musste viele Jahre lang in den neu errichteten Konzentrationslagern täglich um sein Leben fürchten. 1944 gab man ihm die Chance, vom KZ Buchenwald ins Bewährungsbataillon 999 zum Front-einsatz zu wechseln. Peter Lamberz nutzte die erste Gelegenheit, um zu desertieren und sich der Roten Armee anzuschließen. Über den sowjetischen Rundfunk forderte der überzeugte Kommunist die deutschen Soldaten zum Überlaufen auf. Nach dem Krieg ernannten die Sowjets Peter Lamberz zum Landrat in der Nähe Berlins. Völlig gegensätzlich war der Lebensweg seines Sohnes Werner verlaufen. Die Kindertage verbrachte dieser noch in Mayen, gut bekannt mit dem zu dieser Zeit ebenfalls dort lebenden Mario Adorf. Der weltberühmte Schauspieler erinnert sich noch gut an den jungen Lamberz, der für ihn „einer der geradesten Charaktere“ war und für dessen Schwester Liane er damals schwärmte. Der Schüler Werner Lamberz, dem später Charisma und höchste Führungsqualitäten nachgesagt wurden, beeindruckte auch die Nationalsozialisten. Als 12-Jähriger durfte der hochgewachsene, blonde und blauäugige Eifler als elitärer „Adolf-Hitler-Schüler“ auf die Ordensburg Sonthofen. Doch spätestens der Untergang des Dritten Reichs setzte allen NS-Zukunftsüberlegungen ein Ende. Der Sechzehnjährige begann 1945 in Mayen eine Installationslehre, zog dann aber 1946 nach dem Tod der Mutter zum Vater nach Brandenburg. Zeitlebens war Werner Lamberz auf seine erlernten handwerklichen Fertigkeiten stolz. Weit wichtiger für seine berufliche Zukunft wurde jedoch sein Eintritt in FDJ und SED. Ausgiebige Schulungen, unter anderem an der Komsomol-Hochschule in Moskau, vermittelten ihm das Rüstzeug, professioneller Propagandist des Sozialismus zu werden. Bei seinen zahlreichen und oft langen Auslandsaufenthalten kamen dem Eifler seine hohe Sprachbegabung und seine unverkrampfte Art zugute. Später rühmte er sich, die meisten Staaten der Welt aus eigenem Erleben zu kennen – ein drastischer Gegensatz zu den Reiseverboten seiner DDR-Mitbürger. Im SED-Zentralkomitee war Lamberz für Auslandsinformation zuständig, ehe er 1967 in die wichtigere Stelle als Agitationschef aufrückte. Lamberz setzte alles daran, die Medien und überhaupt die Kultur der DDR auf sozialistischen Kurs zu bringen beziehungsweise zu halten. Scharfe Zensurmaßnahmen verbanden sich bei ihm mit gern dokumentierter Lebensfreude. Der SPIEGEL wusste 1976 zu berichten, dass der Lamberz-Stab ganze Hotels anmiete, „um zu saufen und es mit den Weibern zu treiben“. Gleichwohl galt Lamberz, Vater zweier Kinder, nicht als Mann des Ausruhens, sondern als zielstrebiger Aktivist. Viele DDR-Bürger trauten dem dynamischen Mayener die Gestaltung eines humaneren Sozialismus zu. Nicht selten wurde er ideologisch mit Hans Modrow verglichen, der einst mit ihm im gleichen Jahrgang in Moskau studiert hatte und auf den sich besonders 1989 viele Hoffnungen richteten.

Ob der hoch intelligente Lamberz tatsächlich in der Lage gewesen wäre, es anders und besser als Ulbricht und Honecker zu machen, konnte er nicht mehr beweisen. Nachdem sich der Afrika-Kenner 1978 mit dem ihm wohlgesonnenen Gaddafi getroffen hatte, stürzte sein Hubschrauber in der libyschen Wüste ab. Lamberz starb im brennenden Wrack – fast auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert nach Stalin, dessen Politik gerade auch für Peter und Werner Lamberz so lebensbestimmend gewesen war.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Eduard Nels - Fabrikant und Politiker aus Bitburg


Eduard Ignaz Nels (1833–1906) wurde in Bitburg als jüngster Sohn in eine der seinerzeit bemerkenswertesten Familien der Westeifel geboren. Sein Vater, der Rittersdorfer Wilhelm Nels (1783–1867), war 1817 Bürgermeister der Ämter Waxweiler, Lünebach und Pronsfeld geworden, ehe er sich einige Jahre später als Notar in Bitburg niederließ. Er wandelte damit auf ähnlichen beruflichen Spuren wie schon sein gleichnamiger Vater, der wohlhabende Rittersdorfer Burgbesitzer, Notar und Friedensrichter Wilhelm Nels der Ältere. Zu den Vorfahren von dessen Frau, also der Großmutter von Eduard Nels, gehörte die eifelmoselanische Familie von Umbscheiden, die auch zu den Ahnen des Psychologen Wilhelm Wundt, des Begründers der modernen experimentellen Psychologie, zählt. Historisch bedeutende Vorfahren in großer Zahl finden sich auch bei Anna Heinzen, der Mutter von Eduard Nels. Ihr Vater war oberster Beamter der manderscheidischen Herrschaft in Blankenheim gewesen, was er neben seiner Tüchtigkeit auch dem Umstand verdankte, dass er und seine Frau (Maria Vanck) zu den bürgerlichen Nachkommen der Manderscheider Grafenfamilie gehörten.

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Bevor der Lebensweg von Eduard Nels skizziert wird, sei kurz auf den seiner Brüder hingewiesen, der ebenfalls nicht alltäglich war. Josef Anton, der Erstgeborene, gehörte zu den führenden Eifler Revolutionären des Jahres 1848 und nahm an der Seite des Anwalts Viktor Schily – Urgroßonkel des früheren SPD-Innenministers Otto Schily – am Prümer Zeughaussturm teil. Nach dem Scheitern der Revolution floh er nach Lothringen, wo er sich in Yutz als Gutsbesitzer und Bürgermeister hohes Ansehen erwarb. Sein Sohn, der Jurist Louis Nels (1855–1910), leitete 1890 als Nachfolger von Ernst Heinrich Göring – dem Vater des berühmt-berüchtigten Nationalsozialisten Hermann Göring – als Reichskommissar die Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Albert Nels, ein weiterer Bruder von Eduard, war nicht nur Notar, sondern förderte landauf, landab die Eifler Landwirtschaft sowie das Schulwesen und gehörte zu den Pionieren des Eifeltourismus. Albert Nels starb 1912 im Alter von 87 Jahren als hoch geehrter Geheimer Justizrat. Ein dritter Bruder, Ludwig Nels (1826–1906), wirkte 54 Jahre lang als Arzt in Bitburg, zudem war er Kreisphysikus, Stadtrat und Kreistagsmitglied. An Beliebtheit und Ansehen stand er seinen Brüdern in nichts nach.

Nun aber zu Eduard Nels, dessen Wirken – worauf der Nels-Biograph K. L. Kaufmann 1928 hinwies – den nach außen hin weitesten Wirkungskreis hatte. 1858 hatte er Maria Alff geheiratet, die einer der wichtigen Prümer Lederfabrikantenfamilien entstammte. Die Prümer Gerbereien und das Eifler Leder spielten im 19. Jahrhundert eine nicht unbedeutende Rolle für Preußen. „Auf Prümer Leder ist der siebziger Krieg gewonnen worden“ – an diesen Spruch erinnerte noch im 20. Jahrhundert der aus dieser Familie stammende Historiker Professor Wilhelm Alff. Eduard Nels stieg nach seiner Heirat selbst erfolgreich in die Lederfabrikation ein. Bei der Allgemeinen Ausstellung zu Paris 1867 erhielt er für das von ihm produzierte Sohlleder eine „Ehrenvolle Erwähnung“. Wie für diese Nels-Familie typisch, so gingen auch bei Eduard die Aktivitäten weit über das eigentliche Berufsfeld hinaus. Nels, seit seiner Heirat in Prüm ansässig, war von 1860 an über 45 Jahre lang Mitglied des Prümer Stadtrats, schließlich auch des Kreistags. Es folgten die Mitgliedschaft im Preußischen Landtag und weitere Ehrenämter. Schließlich wurde Nels sogar – von 1891 bis 1893 – Abgeordneter des Reichstags. Die Tatsache, dass der Zentrumspolitiker in diese Positionen meist mit erstaunlicher Mehrheit gewählt wurde, spricht für seine enorme Popularität in der Westeifel. Diese dürfte teilweise auf seiner „schlichten, treuherzigen Art des Auftretens“ (K. L. Kaufmann) beruhen, aber auch damit zu tun haben, dass man ihm den effektiven Einsatz für wichtige lokale und regionale Projekte dankte, etwa die Anbindung Prüms an die Bahn oder den kulturell so bedeutsamen Ausbau des Prümer Gymnasiums. Schließlich kam ihm auch die erwähnte Bekanntheit und hohe Wertschätzung zugute, die sich seine Brüder erworben hatten. Der Name „Nels“ war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Westeifel gleichsam zu einer Marke geworden, die für unermüdlichen Einsatz für das Gemeinwohl stand und deren Inhaber anscheinend aufs Beste preußische Tugenden mit rheinischer Liebenswürdigkeit verbanden.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Peter Kremer - Schriftsteller und Lehrer aus Kaisersesch/Eifel


Im gleichen Herbst 1901, als mit dem Niederkailer Peter Zirbes „der erste Dichter der Eifel“ starb, wurde genau einen Monat zuvor einer Bauernfamilie 50 km weiter östlich als neuntes von 13 Kindern ein Sohn geboren, der ebenfalls den Namen Peter erhielt und später weithin als „der Dichter der Eifel“ galt: Peter Kremer aus Kaisersesch.

kremer

Gemeinsam war beiden Autoren die elementare Bedeutung der Eifelheimat für ihr Werk, die Verankerung im christlichen Glauben, die traditionsgebundene Weise ihres Dichtens und Schreibens. Aber es gab auch markante Unterschiede. Dem Bauernsohn Kremer blieb eine Ausbildung über die Volksschule hinaus nicht verwehrt. Er durfte sowohl das Lehrerseminar in Wittlich als auch Ferienkurse an der Universität Bonn besuchen und qualifizierte sich 1927 mit dem Staatsexamen für Germanistik und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien. Als Lehrer und Studienrat am Gymnasium zu Wittlich und – nach Kriegsteilnahme und Kriegsgefangenschaft in den USA – in Bernkastel-Kues verfügte Kremer über die finanzielle und soziale Sicherheit einer Beamtenstellung, die Welten entfernt war von dem unsicheren Leben des fahrenden Händlers Peter Zirbes. Es war nicht wirtschaftliche Not, die Peter Kremer dazu trieb, in eindrucksvoller Beständigkeit rund 60 Jahre lang literarisch tätig zu sein. Von den ersten heimatkundlichen Aufsätzen in den zwanziger Jahren bis zu seinen Alterspublikationen im letzten Jahrzehnt der Bonner Republik widmete er sich den unterschiedlichsten Facetten eifelländischer Kultur und Geschichte. Die Bücher, die er veröffentlichte, deuten an, dass seine Stärke weniger das phantasievolle Erfinden als vielmehr das stilistisch souveräne Nach- und Neuerzählen vorhandener Stoffe war. Das zeigt sich beispielsweise in dem 1940 erstmals erschienenen „Das lachende Eifeldorf“, in dem Kremer über 70 „Schnurren und Schwänke“ aus allen Teilen der Eifel erzählt. Gern ließ Kremer als Herausgeber andere Autoren über die Eifel zu Wort kommen. In dem 1936 im Wittlicher Georg-Fischer-Verlag veröffentlichten „Der Gang zur Mette“ sammelte er „Geschichten um die Eifelweihnacht“, deren Mischung aus Geschichte, Dichtung und Sage die Atmosphäre einer inzwischen untergegangenen Eifelwelt heraufbeschwört. Als Lehrer musste sich der tiefreligiöse Kremer dem NS-Staat zumindest äußerlich anpassen. Aber sein geistig-weltanschauliches Fundament entlehnte er nicht den Ideologien seiner Zeit, sondern es war und blieb der römische Katholizismus. In einer Zeit, in der manche NS-Rasse-Ideologen die Moselaner wegen deren vermuteter römischer Herkunft mit Misstrauen betrachteten, legte Kremer als Herausgeber und Verfasser überschwängliche Bekenntnisse zur Kultur des Mosellandes ab. Kein Wunder, dass dabei der Wein im Mittelpunkt stand: „Von Wein und Liebe an der lachenden Mosel“ (1935) oder „Die fröhliche Moselweinkarte“ (1967) waren nur zwei seiner Werke, deren Titel zugleich verdeutlichen, dass Kremers Blick auf die Welt sich lieber auf das Positive als auf das Problematische richtete. Zu diesem Positiven zählten für den Bauernsohn eindeutig die bedeutenden Persönlichkeiten, die Eifel und Mosel hervorgebracht hatten. Kenntnisreich lenkte er den Blick sowohl auf weltberühmte Landsleute wie Nikolaus von Kues als auch auf solche, die nur Spezialisten vertraut sind – wie die drei Brüder Henn, von denen jeder Abt wurde. Dass dem Deutsch- und Geschichtslehrer Kremer vor lauter Historie und Kultur die zeitgenössischen Künstler und Dichter nicht gleichgültig waren, zeigen unter anderem seine Freundschaften mit dem Maler Pitt Kreuzberg und dem Bücheler Schriftsteller Wilhelm Hay.

In seinen letzten Jahrzehnten wurde Kremer zu einer Ikone der Eifelkultur. 1965 verlieh ihm der Eifelverein den 1. Eifel-Literaturpreis, später erhielt Kremer das Bundesverdienstkreuz und weitere Auszeichnungen. Ob im Eifel-Kalender, in Kreis- und Heimatjahrbüchern, im „Paulinuskalender“, in den trierischen Regionalzeitungen: Überall war Kremers respektierte Stimme jahrzehntelang präsent. Nicht selten sogar im wörtlichen Sinn: bei Sendungen des Südwestfunks und des Saarländischen Rundfunks, für die er auch als Hörspielautor tätig war. Als der Kaisersescher im Mai 1989 starb, begann jenseits des Eisernen Vorhangs gerade ein welthistorischer Umbruch. Der Dichter und Lehrer Peter Kremer bleibt in seiner Eifler Heimat als große Persönlichkeit des alten Europa in Erinnerung.

Mittwoch, 28. September 2011

Emil Zenz: Trierer Historiker, Politiker und Pädagoge mit Wurzeln in Minderlittgen/Eifel


Als ich mich 1993 erstmalig mit Dr. Emil Zenz telefonisch in Verbindung setzte, wusste ich so wenig wie er, dass ihm kein weiteres Lebensjahr mehr vergönnt war. Der Anruf erforderte einigen Mut meinerseits, denn mir war sehr wohl bekannt, dass der frühere Bürgermeister Dr. Zenz eine prominente Trierer Persönlichkeit ersten Ranges war, von der meine Professoren an der Uni Trier stets in Tönen höchsten Respekts gesprochen hatten. Ich hoffte, dass unsere entfernte Verwandtschaft – ich stamme von der gleichen Minderlittger Zens/Zenz-Familie ab – ihn vielleicht geneigt machen würde, sich mit mir auszutauschen. Schnell stellte sich heraus, dass meine Bedenken unbegründet waren: Emil Zenz erwies sich als unkomplizierter, freundlicher und interessierter Gesprächspartner, der mir bereitwillig Auskunft über seine Eifler Herkunft gab.

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Die Familie Zenz war erst mit Emils Vater nach Trier gekommen. Der mit Helena Schweisel verheiratete Großvater Josef Zenz (1821–1896) hatte noch als Winzer, Schmied und Kirchenschöffe in Monzel gelebt. In jüngeren Jahren war er preußischer Gardesoldat in Berlin gewesen, später hatte er im Deutsch-Dänischen Krieg (1864) an der siegreichen Erstürmung der Düppeler Schanzen teilgenommen, dabei allerdings eine dauerhafte Halsverletzung davongetragen. Nach Monzel war dieser Zenz-Zweig erst mit dem in Dorf bei Wittlich geborenen Vater Jakob des genannten Josef Zenz gekommen. Eigentlicher Heimatort dieser Zenz-Familie war Minderlittgen, wo ihr Stammvater Matthias Zens (ca. 1660–1715) Schultheiß gewesen war und die Familie viele Generationen lang gelebt hatte.

Der 1912 in Trier geborene Emil Zenz war an historisch-politischen Themen von früh auf extrem interessiert. Nach dem Abitur studierte er in Freiburg, London und Köln Geschichte, Germanistik, Anglistik und Philosophie mit dem Ziel, Gymnasiallehrer zu werden. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg promovierte er mit einer Arbeit über "Die politischen und kulturellen Beziehungen zwischen dem Trierer Land und Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts" in Köln zum Dr. phil., wurde dann eingezogen, durfte allerdings während eines Urlaubs 1940 sein Assessorexamen machen. Seine Tätigkeit als Lehrer begann er 1946 nach Krieg und Kriegsgefangenschaft als Studienrat, doch schon 1951 wurde Dr. Zenz Oberstudiendirektor am Hindenburg-Gymnasium, danach leitete er das Max-Planck-Gymnasium. 1957 wechselte Zenz, konservativer Katholik und CDU-Mitglied, hauptberuflich in die Politik. Bis 1977 gestaltete er als Bürgermeister und Dezernent die Geschicke seiner Heimatstadt entscheidend mit, was auch daran lag, dass seine Aktivitäten weit über die politischen Ämter hinausgingen. Sein Hauptwirkungsfeld war die Kulturpolitik und es gibt wohl kaum eine wichtige kulturpolitische Entwicklung in Trier in jenen Jahrzehnten, bei der Zenz nicht eine maßgebliche Rolle gespielt hätte. Besonders hervorzuheben ist sein Einsatz für die Neugründung der Trierer Universität und den Neubau des Trierer Theaters, die Schaffung des Moselfestes und die Organisation bedeutender Trierer Feierlichkeiten – man kann in diesem Rahmen bei der Aufzählung aller Ämter vor der Vielfalt seiner Aktivitäten nur kapitulieren. Angesichts solcher Dynamik des Multifunktionärs und Familienvaters Zenz ist es kaum zu glauben, wie intensiv er „nebenbei“ als Autor tätig war. Seine über 40 selbständigen Veröffentlichungen gehen den unterschiedlichsten Aspekten trierischer Geschichte ebenso kenntnisreich nach wie seine über 100 wissenschaftlichen Aufsätze und über 50 Buchbesprechungen. In den fünfziger Jahren war Zenz zudem häufiger Leitartikler der Trierischen Landeszeitung und des Trierischen Volksfreundes.

Der eifelstämmige Emil Zenz, 1963 in der Wahl zum Trierer Oberbürgermeister nur knapp unterlegen, gehörte zu den großen rheinland-pfälzischen Persönlichkeiten seiner Zeit. Die intellektuelle Neugier dieses Ehrensenators der Universität Trier und Ehrenmitglieds der Großherzoglich-Luxemburgischen Akademie blieb bis zuletzt erhalten. Als er von mir erstmalig erfuhr, dass er über seine Abstammung von der Servatius-Familie in Hetzhof mit dem Rechts- und Staatsdenker Carl Schmitt verwandt war, faszinierte ihn diese Verbindung, auch wenn er Schmitts Ideen widersprach. Obwohl nach zwei schweren Operationen geschwächt, übermittelte er mir noch Anfang 1994 genealogische Informationen und hoffte auf weiteren Austausch. Als er einen Monat später starb, war Trier um eine Persönlichkeit von seltenen Fähigkeiten ärmer.

Donnerstag, 15. September 2011

Dr. Dr. Dr. Bernhard Stein aus Weiler/Eifel - der 100. Bischof von Trier.


Die Reihe der bemerkenswerten historischen Phänomene, die mit der Eifel verbunden sind, reißt nicht ab. Oder ist es nicht erstaunlich, dass gleich zwei der wichtigsten Liturgie-Reformer der katholischen Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil Söhne Eifler Dorfschullehrer waren? Neben dem herausragenden Liturgiewissenschaftler Balthasar Fischer muss hier der „Liturgiebischof“ Bernhard Stein genannt werden. Wie Fischer hat er maßgeblich an der Neugestaltung der katholischen Liturgie mitgewirkt.

bernhardstein

Der 1904 in Weiler bei Ulmen geborene Stein stammte aus einer großen Volksschullehrerfamilie. Sein Vater Nikolaus und seine Mutter Maria Eva (geb. Keßler) hatten für elf Kinder zu sorgen, von denen Bernhard das achte war. „Es ging arm zu daheim“, erinnerte sich Bischof Stein später an jene Zeit, als es in katholischen Familien als Sünde angesehen wurde, die Kinderzahl etwa aus ökonomischen Gründen zu beschränken. Armut bedeutete für die Stein-Kinder nicht, unglücklich zu sein. Im Gegenteil: „Aber wir waren froh miteinander“. Erst nach achtjähriger Volksschulzeit verließ der intelligente Junge allmählich die dörfliche Geborgenheit. Nach drei Jahren Gymnasium in Mayen begann mit dem Wechsel zum Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasium jene Laufbahn, wie sie für so viele hoch begabte angehende Eifelpriester typisch war: Nach dem Abitur 1923 Aufnahme des Studiums von Theologie und Philosophie zunächst in Trier, dann der Wechsel nach Rom. 1926 promovierte der Eifler an der päpstlichen Universität Gregoriana zum Doktor der Philosophie, vier Jahre später wurde er auch Doktor der Theologie.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass der Lehrersohn für höhere wissenschaftliche Weihen vorgesehen war. Nach der Tradition der Trierer Kirche ließ Bischof Bornewasser den 1929 zum Priester geweihten Stein allerdings erst einmal als Seelsorger den Kontakt mit der Basis auffrischen. Nach zweijähriger Kaplanstätigkeit in Trier durfte Stein seine Studien in Rom fortsetzen (1932–1936), ehe er seine sehr gründliche theologische Ausbildung in Berlin und Münster abschloss. Gekrönt wurde dieser Abschluss mit einer weiteren Doktorarbeit und dem dritten Doktortitel. Sein mehrhundertseitiges Werk „Der Begriff Kebod Jahweh und seine Bedeutung für die alttestamentliche Gotteserkenntnis“ zeigt Steins Kenntnis der altbiblischen Sprachen und Geisteswelt. Die Studie findet bis heute unter Bibelwissenschaftlern Beachtung. Stein wurde nun Dozent, dann bis 1944 Professor am Trierer Priesterseminar. Während der Kriegsjahre wirkte er zudem als Pfarrer in Kanzem/Saar. Im Herbst 1944 wurde er im Schatten alliierter Bombenangriffe in Trier zum Weihbischof ernannt.

Es würde hier zu weit führen, all die zahlreichen Führungsfunktionen aufzuzählen, die Weihbischof Stein in den Nachkriegsjahrzehnten ausübte, ehe er 1967 als Nachfolger von Matthias Wehr Bischof wurde. Erwähnt werden muss jedoch seine Teilnahme am Konzil, da er bei diesem historischen Weltereignis nicht nur einflussreich mitwirkte, sondern das Konzil auch für sein Bischofsamt von zentraler Bedeutung wurde. Wie sich viele Eifler Katholiken noch erinnern, war es die Zeit unter Bischof Stein, die die großen Veränderungen brachte: Deutsch statt Latein, neuartige Kommunionausteilung, Veränderung der Stellung des Priesters zur Gemeinde und vieles, vieles mehr. Während manche Gemeindemitglieder sich über neue Mitwirkungsrechte beim Gottesdienst freuten – bis hin zu den Mädchen, die jetzt Messdienerinnen werden durften – trauerten andere dem Verlust von Traditionen nach. Bischof Stein, der auch bundesweit führend für die Reformen eintrat, ging es dabei nicht um Äußerlichkeiten. Wie sein Freund Fischer glaubte er, dass es zum Urkern des Christentums gehöre, die Gläubigen möglichst aktiv am kirchlichen Leben zu beteiligen. Auch die Neugestaltung der Pfarrverwaltung – z. B. Bildung von Pfarrverbänden – fällt in die Zeit von Bischof Stein, der im Lauf seines Lebens alle Pfarreien des Bistums mehrfach besuchte und bestens kannte.

Im Mai 1981 reichte Bernhard Stein den Bischofsstab an Hermann Josef Spital weiter. Im Februar 1993 starb der mit vielen höchsten Auszeichnungen gewürdigte Ehrenbürger von Weiler und von Trier 88-jährig und wurde in der Krypta des Doms beigesetzt. Kenner der Bistumsgeschichte zählen den Eifler Bernhard Stein, den 100. Trierer Bischof, zu den Großen dieses hohen Amtes.

Freitag, 2. September 2011

Karl der Große: König und Kaiser mit Eifler Vorfahren und Nachkommen


Wenn man nach dem bedeutendsten Herrscher der europäischen Geschichte fragt, so wird immer wieder der fränkische König Karl (ca. 748–814) genannt, dessen französische Bezeichnung „Charlemagne“ sogar das Wort für „groß“ im Namen enthält. Karls Ruhm war schon zu seinen Lebzeiten gewaltig und er blieb es vom Mittelalter bis heute. Karl wurde als Zwanzigjähriger König des germanischen Stammes der Franken und es gelang ihm, das Frankenreich zu seiner größten Ausdehnung zu führen. Nach vielen Kriegen beherrschte Karl schließlich ein Gebiet, das von Elbe und Ostsee bis nach Barcelona reichte und in Italien Rom, das Zentrum der Christenheit, einschloss. In dieser Weltstadt ließ sich Karl im Jahr 800 von Papst Leo III. zum römischen Kaiser („imperator“) krönen. Erstmals seit dem Untergang des weströmischen Reiches im Jahr 476 führte damit wieder ein Herrscher diesen glanzvollen Titel.

charlemagne

Der legendäre Ruhm Karls beruhte auf seiner Herkunft, seiner Macht und seiner Persönlichkeit. Karl war ein Sohn des fränkischen Königs Pippin des Jüngeren und dessen Ehefrau Bertrada der Jüngeren. Karls nah verwandte Eltern entstammten machtvollen Familien des fränkischen Hochadels. Eifel, Ardennen und überhaupt der Maas-Moselraum zählten zu den Stammlanden der Karolinger, der Pippiniden und anderer Ahnenfamilien Karls des Großen. Möglicherweise war Karl darüber hinaus nicht nur diese Abstammung mit der Eifel besonders verbunden, sondern auch durch seine Geburt. Bei der Diskussion seines unbekannten Geburtsorts wird immer wieder auch Mürlenbach in der Vulkaneifel genannt. Die dortige Bertradaburg trägt nicht nur den Namen von Karls Mutter und deren Großmutter Bertrada der Älteren – es ist auch bekannt, dass die Bertradafamilie gerade diesem Teil der Eifel spezielle Aufmerksamkeit zukommen ließ. Karls Urgroßmutter Bertrada stiftete 721 das unweit der Bertradaburg gelegene Kloster Prüm, Karls Eltern und weitere Karolinger machten die Benediktinerabtei zu einer der wichtigsten im Frankenreich. In Prüm starb nicht nur Karls erstgeborener Sohn Pippin, auch Karls Enkel Kaiser Lothar fand dort seine letzte Ruhe. Karl selbst ließ sich in seinem Hauptherrschaftsort Aachen am Nordrand der Eifel bestatten.

Karl der Große schätzte den dünnbesiedelten Eifel- und Ardennenraum nicht nur als Land seiner Vorfahren, sondern auch wegen seiner unermesslichen Jagdgründe. Jagen war seine Lieblingsbeschäftigung, gebratenes Wild seine Leibspeise. Nicht zuletzt durch die Jagd erwarb er sich bewunderte Waffenfähigkeiten, die ihn zusammen mit seiner für damalige Verhältnisse riesigen Körpergröße von 192 cm zu einem Achtung gebietenden Krieger werden ließen. Aber nichts wäre falscher, als sich diesen fränkischen Herrscher als rohen Barbaren vorzustellen. Bis in die Nacht hinein bildete sich der oft schlaflose König weiter und an seinem Hof diskutierte er gern mit einigen der größten Gelehrten seiner Zeit. Bedeutende Neuerungen in Wirtschaft, Kunst und Verwaltung gehen auf ihn zurück. Karls Politik ließ sich nicht von persönlichen Launen leiten, sondern wurde neben starkem Machtbewusstsein von seiner christlichen Religiosität bestimmt. Das bedeutete freilich für seine Gegner nichts Gutes. Gegen die heidnischen Sachsen führte Karl, dessen Vorbild der biblische König David war, jahrzehntelange äußerst grausame Feldzüge, die mit deren Unterwerfung und rücksichtsloser Zwangschristianiserung endeten. Tausende von Sachsen ließ Karl köpfen, die geringsten Zeichen der Ausübung der germanischen Religion waren mit Todesstrafe bedroht.

„Vater Europas“: So wurde dieser gewaltige und gewaltsame Herrscher im Mittelalter genannt. Dieser noch heute verwendete Ausdruck bezieht sich auf die prägende Wirkung, die von seiner Herrschaft auf Europa ausging. Sie ist aber auch noch in einem ganz anderen Sinn berechtigt. Karl hatte – darin mehr seinem Vorbild David als der katholischen Lehre und Moral folgend – neben seinen Ehefrauen zahlreiche Nebenfrauen. Über seine mehr als 20 Kinder breitete sich seine Nachkommenschaft nach und nach in unzähligen europäischen Adelsfamilien und schließlich auch weit darüber hinaus aus. Die gemeinsame Abstammung von Karl dem Großen verbindet heute zahlreiche Eifler mit Persönlichkeiten aus aller Welt bis hin zu den amerikanischen Präsidenten Bush und Obama. Kein Zweifel: Dieser römische Kaiser mit Eifler Wurzeln hat sich historisch verewigt.

Mittwoch, 24. August 2011

Karl Kaspar Siebold (1736 - 1807): Arzt und Medizinpionier aus Nideggen/Eifel


Seit der Steinzeit versuchten leidgeplagte Menschen, durch Eingriffe in den Körper Linderung oder Heilung ihrer Krankheiten zu erreichen – nicht selten mit furchterregenden Mitteln. So große Fähigkeiten sich manche Heiler auch bei den meist sehr schmerzhaften und gefährlichen Operationen erwarben – es dauerte bis zur Neuzeit, ehe sich die Chirurgie von einer Art Handwerkskunst zu einer medizinischen Wissenschaft entwickelte. In der vordersten Reihe derjenigen herausragenden Arztpersönlichkeiten, die an diesem Fortschritt maßgeblich beteiligt waren, steht ein Eifler mit altgermanisch klingendem Nachnamen: Karl Kaspar Siebold aus der einstigen Ritter- und Residenzstadt Nideggen.

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Siebolds Lebensgang steht im Zeichen dieses Übergangs von der medizinischen Kunst alter zu der moderner Prägung. Sein Vater Johann Christoph praktizierte noch als traditioneller Wundarzt. Er erwarb damit genug Ansehen, um nicht nur Ratsherr in Nideggen zu werden, sondern auch die Tochter Esther des Bürgermeisters und Stadtschreibers Johann Peter Brünninghausen heiraten zu können; seiner katholischen Braut wegen trat er vom evangelischen zum katholischen Christentum über. Das einzige Kind aus dieser Verbindung, der 1736 geborene Sohn Karl Kaspar, besuchte zunächst das Jesuitengymnasium in Düren, ehe er sich mit 16 Jahren an der Universität Köln für Philosophie einschrieb. 1755 aber zog es ihn, vielleicht auch wegen der schweren Erkrankung der Mutter, in die beruflichen Spuren des Vaters und er ließ sich zwei Jahre lang von diesem zum Wundarzt ausbilden, also in einer Kunst, für die auch wegen der häufigen Kriege – 1756 hatte der Siebenjährige Krieg begonnen – großer Bedarf bestand. Von 1757 an praktizierte der junge Siebold drei Jahre lang als Feldscher in französischen Diensten und gelangte schließlich kriegsbedingt 1760 nach Würzburg. In dieser fürstlichen Residenzstadt fiel das medizinische Können des jungen Eiflers dem angesehenen Oberwundarzt und Hebammenmeister Georg Christoph Stang am Julius-Spital auf. Stang stellte Siebold kurzerhand als seinen chirurgischen Obergesellen ein. Neben der ärztlichen Praxis hörte der wissenschaftsbegeisterte Nordeifler drei Jahre lang medizinisch-naturwissenschaftliche Vorlesungen an der Universität Würzburg. Finanziert vom Würzburger Fürstbischof begab sich Siebold danach für weitere drei Jahre auf Studienreisen in führende Zentren anatomischen Wissens in Frankreich, England und Holland. Nach seiner Rückkehr – er war nun Anfang Dreißig – heiratete der Wundarztsohn die 22-jährige Tochter Veronica seines ärztlichen Lehrmeisters Stang. Die Ehe der beiden Arztsprösslinge wurde Ausgangspunkt einer Nachkommenschaft, die über viele Generationen Ärzte und Wissenschaftler von nationalem und internationalem Rang hervorbrachte. Wie ihr Vater, so wurden auch drei von Karl Kaspars Söhnen Medizinprofessoren in Würzburg. Teils spöttisch, teils ehrfürchtig nannte man die nun immer berühmter werdende medizinische Fakultät in Würzburg „Academia Sieboldiana“. Von der Staunen erregenden Vielzahl weiterer Wissenschaftler aus dieser Familie mit Eifler Wurzeln sei hier nur noch Karl Kaspars Enkel, der Arzt, Biologe und Ethnologe Philipp Franz von Siebold (1796–1866) genannt, der als wissenschaftlicher Entdecker Japans gilt und dessen Andenken dort bis heute in höchsten Ehren gehalten wird.

Stammvater Karl Kaspar erwarb sich seinen medizinischen Ruhm als Professor für Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe in Würzburg. Seine Operationskunst mit zahlreichen Neuerungen in der Chirurgie zog ebenso wie seine Lehrtätigkeit Studenten aus ganz Europa an, von denen nicht wenige selbst bedeutende Ärzte wurden. Siebold wurde Leibarzt seines Fürsten, und als er 1801 in den erblichen Adelsstand erhoben wurde, galt der Nordeifler längst als „Fürst der Chirurgen“. Auf Siebold gehen unter anderem Verbesserungen in der Hebammenausbildung, der Geburtschirurgie sowie grundlegende Fortschritte in der medizinischen Hygiene zurück. Der erste moderne Operationssaal der Welt wurde 1805 von ihm in Würzburg eröffnet – eine grandiose medizinische Pionierleistung.

Als Karl Kaspar von Siebold, der mit 63 Jahren noch einmal geheiratet hatte, 1807 starb, war er einer der berühmtesten Ärzte Europas. Heute halten das Siebold-Museum in Würzburg und die Siebold-Gesellschaft die Erinnerung an diese herausragende Medizinerfamilie fest.

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