Dienstag, 13. Mai 2008

Adorno und das Ressentiment

Zu den schändlichen Schauspielen, die Adorno, der meist misstönende Sohn einer Sängerin, geliefert hat, gehören seine Ausführungen über Schiller in seinen hoch geschraubten und doch allzu dünn gebohrten „Minima Moralia“. Zu Recht schreibt der Münsteraner Philosoph Volker Gerhardt in einem erfrischenden Beitrag des schönen von Jan Bürger herausgegebenen Buches „Friedrich Schiller. Dichter, Denker, Vor – und Gegenbild“ (Göttingen: Wallstein 2007), dass Adornos abgründige Neid- und Hasstirade - „das pure Ressentiment“ (V. Gerhardt) - gegen Schiller im Grunde ein Fall für Psychoanalytiker ist und Adornos Leser für alle Zeiten vor ihm hätte warnen müssen.

Dass eine Zeitschrift wie „Cicero“ das adornosche Geifern im Schiller-Jahr 2005 zustimmend neu veröffentlichte und damit der „posthumen Denunziation eines Schlechtweggekommenen durch einen von der Geschichte selbst Verratenen“ (V. Gerhardt) den Beifall der intellektuell Ahnungslosen schenkte, ist zwar betrüblich, aber leider nicht so verwunderlich. Wenn eine bereits verwundete Gesellschaft sich jahre- und jahrzehntelang den Luxus leistet, Adornos Leere zu goutieren – wie soll dies schadenlos bleiben?

Donnerstag, 8. Mai 2008

Kulturphilosophie und der europäische Absturz

„Kulturphilosophie als Wort finden wir nicht vor dem Beginn unseres Jahrhunderts.“

Der Österreicher Franz Martin Wimmer schrieb dies 1989 in seinem Beitrag „Rassismus und Kulturphilosophie“. Wimmers Feststellung zur historischen Semantik des Begriffs Kulturphilosophie ist allerdings – wie so vieles andere in seiner Abhandlung - haarscharf unzutreffend. Bereits 1899, also noch im 19. Jahrhundert, veröffentlichte der in Bern lehrende jüdische Philosoph Ludwig Stein seinen „Versuch über die Kulturphilosophie“. Der Begriff einer Kulturphilosophie ist sogar noch fast zwei Dekaden älter – eine ganz und gar nicht unerhebliche Zeitspanne in der dynamischen Geistesgeschichte der Neuzeit. Bereits 1881 wird der Terminus – in älterer Rechtschreibung - von dem herausragenden Holsteiner Soziologen und Philosophen Ferdinand Tönnies geschaffen, als dieser in seiner berühmt gewordenen Habilitionssschrift die Thematik von „Gemeinschaft und Gesellschaft“ als „Theorem der Cultur-Philosophie“ behandelt. Darauf weist Ralf Konersmann in der von ihm herausgegebenen „Kulturphilosophie“ (3., aktualisierte Aufl. Leipzig 2004) zu Recht hin. Der Kulturphilosoph Konersmann ist als Professor der Philosophie an der Universität Kiel im übrigen einer der Nachfolger eben jenes in Kiel in den Dreißiger Jahren lehrenden Philosophen Ferdinand Weinhandl, gegen dessen kulturphilosophische Gedanken Wimmer in der eingangs genannten Abhandlung mit antifaschistischem Eifer zu Felde zieht.

Über Ludwig Stein notierte Karl Kraus in seiner „Fackel“ vom 23. November 1906, dabei eine Berliner Zeitung zitierend – und hier nun also selbst Gegenstand eines Zitats:

Die Berliner ›Post‹ schreibt am 14. November unter dem Titel »Ein jäher Fall«: »An der Berner Universität wirkte seit etlichen Jahren der aus Pest gebürtige, aber in Zürich eingebürgerte Philosophieprofessor Doktor Ludwig Stein. Er war namentlich ein großer Anziehungspunkt der russischen Studenten mosaischer Richtung und auch seine sozialdemokratischen Ansätze übten auf die vielen Töchter des Ostens merklichen Einfluß aus. Er galt lange Zeit als hohe wissenschaftliche Zierde der Hochschule der Bundesstadt, und Bern schien ohne Ludwig Stein gar nicht denkbar zu sein. Bezüglich der blumenreichen und schwülstigen Beredsamkeit ist ihm zweifellos ein gutes Zeugnis auszustellen. Im Verlag von B. G. Teubner in Leipzig hat nun Herr Prof. Stein eine Schrift erscheinen lassen, die den Titel führt: ›Die Anfänge der menschlichen Kultur, eine naturwissenschaftlich-kritische Betrachtung‹. Dieses kleine Werk hat durch Prof. Konrad Keller, Lehrer der Zoologie an der Universität Zürich, eine vernichtende Kritik erfahren, in welcher Stein der Kompilation haarsträubenden Unsinns und der Ignoranz in naturwissenschaftlichen Problemen beschuldigt wird. Prof. Keller läßt Herrn Stein eine Abfertigung zu teil werden, die namentlich durch das Stillschweigen des Angegriffenen und das volle intellektuelle Versagen seiner Freunde doppelt verblüffen mußte. Und statt sich zur Wehr zu setzen, hat Herr Prof. Stein in möglichster Eile Bern verlassen und sich in Berlin niedergelassen. Seine prächtig gelegene Villa über dem Aarestrom und der romantischen Hufeisenstadt steht nun einsam und verlassen da und ist zum Verkauf ausgeschrieben …« Um Herrn Stein dürfte seinen Anhängern nicht bange sein. Sie schätzen ihn als spekulativen Philosophen und wissen, dass er auch in Berlin mehrere Häuser besitzt und dort aus dem »Satz vom zureichenden Grund« größten wissenschaftlichen Gewinn gezogen hat.

Ludwig Stein trug mit seinem Programm in seinem erwähnten „Versuch über die Kulturphilosophie“ seinen kleinen Teil dazu bei, das verbreitete Vorurteil über Juden zu festigen, diese seien bei der Betrachtung menschlicher Eigenschaften allzu einseitig auf den Intellekt fixiert. Für Stein war der Intellekt jedenfalls das Kulturheilmittel schlechthin. So schreibt er:

„Fort daher mit allem verweichlichenden Pessimismus und entnervenden Fatalismus, welcher die Kultursysteme der Araber, Inder und Chinas an den Rand des Abgrunds geführt haben! Ihre Geschichte sei für uns das Weltgericht. Lernen wir aus dem selbstmörderischen Schicksal der drei übrigen rivalisierenden Kultursysteme, wie wir es nicht machen sollen. Bilden wir vielmehr unseren Intellekt immer vollkommener, immer allseitiger, immer tiefgreifender aus, und schöpfen wir aus diesem Intellekt Entschlossenheit und Selbstsicherheit in der Niederhaltung aller übrigen Kultursysteme!“

Nur wenige Jahre später waren viele europäische Denker der Überzeugung, dass sie gerade aus ihrem eigenen – europäischen - selbstmörderischen Schicksal - wie es sich im Ersten Weltkrieg vollzog - lernen sollten, „wie wir es nicht machen sollen.“ Zu denjenigen, für die diese Frage wichtigster Inhalt des philosophischen Denkens überhaupt wurde und die sich leidenschaftlich gegen den Absturz der deutschen Kultur in den Abgrund wehren wollten, gehört Ernst Bergmann. Ausdrücklich setzt er an die Stelle des auch von Stein kritisierten Pessimismus und Fatalismus Zuversicht und fichteschen Willen zur Tat. Gleichzeitig kritisiert er aber mit radikaler Vehemenz die Vorherrschaft des männlich bestimmten Intellekts in der europäischen Kultur, ohne deswegen Antirationalität zu propagieren. Im Gegenteil: Die einseitige Höherschätzung des Intellekts ist für ihn krasser Ausdruck von Unvernunft und nicht nur kulturell, sondern auch biologisch letztlich zutiefst verhängnisvoll.

Mittwoch, 7. Mai 2008

Erdphilosophen

Auch wer sich über die fernsten Galaxien oder Quasare oder das abseitigste Jenseits tiefgründige Gedanken macht, bleibt dennoch ein Erdphilosoph. Und jede Weltliteratur ist Erdliteratur.

Dienstag, 6. Mai 2008

Hermann Cohen und Ernst Bergmann - zwei Philosophen, zwei Welten

Hermann Cohen war einer derjenigen jüdischen Denker, die sich viel darauf zugute halten, den Vorrang und die absolute Unabhängigkeit des Geistes gegenüber der Natur zu betonen. Cohen fühlte sich damit bereits berechtigt, psychologische und biologische Forschungen zum Verständnis des Geistes nicht beachten zu müssen; soweit er es trotzdem tat, war dies im Grunde nicht mehr als die Liebhaberei eines intelligenten Mannes. Gerade bei solchen allzu einseitig geistfixierten Menschen erscheint es besonders verlockend, einen Blick auf deren Physis zu werfen. Von dem anhaltinischen einstigen Rabbinerschüler Cohen sind allerdings nur wenige Schilderungen seiner körperlichen Erscheinung überliefert. Eine dieser wenigen Beschreibungen von seinem Auftreten und Aussehen liefert uns Gershom Scholem, der an bewusster Parteinahme für das Judentum Hermann Cohen gewiss nicht nachstand. In seiner autobiographischen Schrift „Von Berlin nach Jerusalem“ (Frankfurt am Main 1994) schildert Scholem den jüdischen Hauptphilosophen seiner Zeit folgendermaßen:

„Wohl aber habe ich einen großen Philosophen, der zugleich eine große menschliche und jüdische Figur war, in Berlin gehört ... Das geschah im Rahmen der öffentlichen ´Montagsvorlesungen´ dieses Instituts, die eine große Zuhörerschaft anlockten. Hermann Cohen, von dem ich spreche, das Haupt der Marburger Schule im Neukantianismus, war eine ehrfurchtgebietende Figur, ob man nun mit seinen Ansichten übereinstimmte oder nicht. Ungewöhnlich klein, aber mit einem außer jeder Proportion dazu stehenden großen Kopf, war nach gewöhnlichen Begriffen häßlich. An ihm habe ich zum ersten Mal begreifen gelernt, welche Schönheit in einem häßlichen Kopf zum Ausdruck kommen kann. In seinem hohen Alter sprach er mit einer leidenschaftlichen Fistelstimme. Eigentlich ragte er nur mit seiner Stirn über das Rednerpult hinaus; nur wenn er von zeit zu Zeit einige Begriffe zum Guten oder Bösen hervorstieß, wie etwa ´Prophetismus´ oder den ihm besonders verhaßten ´Pantheismus´, erschien plötzlich für die Dauer eines Satzes der ungeheure Kopf über dem Pult und strahlte Leidenschaft aus, ein denkwürdiger Anblick.“

Hermann-Cohen
Hermann Cohen

Wenn ich mir Fotos oder andere Bilder von Hermann Cohen anschaue, die ihn in höherem Alter zeigen, so ist mir allerdings nicht im geringsten ersichtlich, warum Hermann Cohen „hässlich“ gewesen sein sollte. Gewiss, die Auffassungen über das Aussehen von Menschen gehen oft weit auseinander, aber nach diesen Aufnahmen des Philosophen zu urteilen, erscheint mir Scholems Einschätzung der cohenschen Hässlichkeit „nach gewöhnlichen Begriffen“ in keiner Weise gerechtfertigt. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass Scholem den von ihm bewunderten Cohen bewusst als einen jüdischen Sokrates stilisieren wollte. Die angebliche Hässlichkeit des Atheners ist bekanntlich immer wieder erwähnt und enstprechend der jeweiligen philosophischen Auffassung instrumentalisiert worden. Seine Anhänger – angefangen bei Platon – erkannten bei Sokrates große wahre Schönheit hinter der Oberfläche der Hässlichkeit, während moderne Kritiker Sokrates´ - wie Friedrich Nietzsche oder Ernst Bergmann – sein als unschön beurteiltes Äußeres als Indiz für die Hässlichkeit seines Philosophierens nahmen. Scholem bewegt sich bei der Beschreibung Cohens allzu deutlich in der platonisch-positiven Sokrates-Tradition und macht das sokratische Aussehen zu einem Beleg für die sekundäre und trügerische Rolle des äußeren Anscheins gegenüber dem tiefer blickenden Geist. Rhetorisch verstärkt wird dieser Triumph des Geistigen von Scholem noch durch seine Hervorhebung der angeblich extremen Kopfgröße des Neukantianers. Dass diese Kopfgröße tatsächlich - wie bei so vielen großen europäischen Philosophen - „ungeheuer“ war, erscheint nach den erhaltenen Aufnahmen eher unwahrscheinlich, wenn auch nicht ausgeschlossen. Auch hier muss man allerdings vermuten, dass es Scholem weniger um eine anthropologisch korrekte Beschreibung Cohens ging als um ein bestimmtes Image, zu dem er seinen Teil beitragen wollte – und beigetragen hat.

Nicht weniger eindringlich wie Cohen die Unwichtigkeit des Körperlichen zur Erfassung des Geistigen betont hat, hat der verfemte und vielfach angefeindete Radikal- und Extremphilosoph Ernst Bergmann die Abhängigkeit des Geistigen vom Natürlichen hervorgehoben. Der Pastorensohn Bergmann versuchte, den menschlichen Geist biologisch zu deuten und untersuchte auch das Philosophieren unter soziobiologischen Gesichtspunkten – lange vor dem Auftauchen des Begriffs der Soziobiologie. Wie stand es nun um die Körperlichkeit dieses deutschen Philosophen der Körperlichkeit des Geistes?
Eine Schilderung der körperlichen Erscheinung und des Auftretens Ernst Bergmanns hat Karl-Heinrich Hunsche 1936 gegeben. In seiner kleinen, aber verdienstvollen biographischen Schrift („Ernst Bergmann. Sein Leben und Werk. Breslau 1936) schreibt er über Bergmann, der damals nicht nur vom Papst als Groß- und Erzketzer betrachtet wurde:

„Ich hatte mir einen temperamentvollen Mann vorgestellt mit dunklen flackernden Augen, fliegendem Haar, hager und abgezehrt, eine Asketengestalt – eben so, wie man sich einen ´bösen´ Ketzer vorstellt. Statt dessen fand ich einen Menschen, hochgewachsen, stark und kräftig, mit gütigen, tiefliegenden Augen, der jeden Schritt, den er tat, ruhig und abgemessen tat und den man eher für einen vornehmen Weltmann halten konnte als für einen Professor der Philosophie. Ruhig stieg er auf das Katheder, setzte sich, schlug seine Mappe auf und ließ erst dann mit etwas zugekniffenen Augen seine Blicke über die Hörer gleiten.“

An dieser Stelle, bei der Erwähnung der etwas zugekniffenen Augen, ist es sicher nicht unangebracht, auf die schweren Augenprobleme hinzuweisen, die Ernst Bergmann über viele Jahre quälten und seine an sich sehr große Produktivität hemmten. Der habilitierte Philosoph Bergmann war im Ersten Weltkrieg als Flieger Elitesoldat gewesen. Bei einem Absturz hatte er sich 1916 eine Netzhautablösung auf beiden Augen zugezogen. Nach jahrelangem Leiden an dieser Augenverletzung bewahrte ihn erst anderthalb Jahrzehnte später schweizerische ärztliche Kunst vor dem düsteren Schicksal, ein im wahrster Wortsinn blinder Seher zu werden. Rudolf Neuwinger schrieb dazu 1937 (R. Neuwinger: Die Philosophie Ernst Bergmanns. Stuttgart-Berlin 1937, S. 7):

„Erst im Jahre 1930, als durch Schweizer Ärzte das Verfahren der Ignipunktur zur Heilung von Netzhautablösung erfunden worden war, wurde er in der Universitätsklinik in Zürich durch drei von Professor Voigt ausgeführte Operationen endgültig von seinem Kriegsleiden geheilt, worauf er sich mit Feuereifer wieder an seine wissenschaftlichen Arbeiten begab, die infolge seiner Körperbehinderung, die ihm ein systematisches Studium unmöglich machte, mehrere Jahre liegen geblieben waren.“

Kehren wir nun zur Beschreibung Bergmanns durch Hunsche zurück:
„Aber alles, was er tat, war ruhig und gemessen. Und man hatte sofort Vertrauen zu diesem würdigen Professor. Denn es war keine Würde, die sich distanzierte oder gar abweisend war. Eine Kluft, wie sie leider manche Hochschullehrer zwischen sich und ihren Hörern aufrichten, war bei ihm nicht vorhanden. Mit jeder, auch mit der kleinsten Frage und dem bescheidensten Einwand konnte man vor ihn hintreten ... Auch in seinem Vortrag war Ruhe und Würde. Ohne jede Hast begann er in der Übung von irgend einem Punkte aus seinen Gegenstand zu behandeln, zu wenden und in immer neuen Formulierungen zu beleuchten, bis auch der Letzte ihn fassen konnte. Erst wenn er glaubte, daß eine Gedankenreihe ganz von uns verstanden war und er an dem leuchten auf unseren Gesichtern sah, auf welch fruchtbaren Boden seine Worte fielen, erst dann ´begann´ er eigentlich, erst dann sprach Bergmann. Es war nicht die übliche schwerverständliche und holprige Sprache vieler Philosophen ... Erst in diesem zweiten Stadium seiner Rede ... konnte man merken, welche Leidenschaft hinter der äußeren Hülle seiner gelassenheit und Ruhe sich verbarg, konnte man eine Ahnung bekommen von den Kämpfen und Stürmen, die hinter dieser Stirn sich austobten ... Wenn Bergmann etwas sagte, dann wußten wir, hier philosophierte einer, nicht um seinen Berufspflichten zu genügen, sondern weil ihm die Fragen um Welt, Mensch und Gott bitter ernst waren und er, ohne sie zu lösen, nicht leben konnte ...“

Was die letztere Bemerkung angeht, so wurde in bemerkenswert ähnlicher Weise wie Ernst Bergmann von Hunsche Hermann Cohen von Franz Rosenzweig wahrgenommen. Dessen Worte über Cohen hätte Hunsche ohne Abstriche für seine Charakterisierung Bergmanns übernehmen können. Rosenzweig notierte:
„Gewohnt, auf philosophischen Kathedern kluge Leute zu finden, feinsinnige, scharfsinnige, hochsinnige, tiefsinnige und wie alle die sinnigen Worte heissen mögen, mit denen man den Denker zu loben meint, fand ich einen Philosophen. Statt Seiltänzern, die auf dem gespannten Draht des Gedankens mehr oder weniger kühn, mehr oder weniger geschickt, mehr oder weniger zierlich ihre Sprünge ausführten, sah ich einen Menschen. ... Hier schwieg die Frage still, hier hatte man das Gefühl: dieser Mensch muss philosophieren.“

Wenn nun Scholem und Rosenzweig Hermann Cohen dafür verehren durften, mit welchem Eifer dieser sein Judentum liebte und philosophisch zu fundieren suchte, dann darf man den Kulturkritiker und Kulturphilosophen Ernst Bergmann nicht dafür tadeln, dass er mit nicht geringerer Leidenschaft und Berechtigung sich für das Deutschtum einsetzte.
Vorläufiges Fazit dieser Betrachtung, aber ohne voreilige Schlussfolgerung: In körperlicher Hinsicht waren Cohen und Bergmann genauso extrem unterschiedlich wie als Philosophen; in ihrer philosophischen Leidenschaft dagegen waren sie sich so ähnlich, wie sich Extreme oftmals ähnlich sind.

Sonntag, 4. Mai 2008

Jüdischer Schöpfungsnihilismus

Der von - vor allem deutschen - Christen so gern angeführte Gedanke des Bewahrens der Schöpfung ist überwiegend kein jüdischer oder biblischer Gedanke. Zu Recht schreibt Prof. Daniel Krochmalnik in seinem Beitrag „Variationen zum Anfang in der jüdischen Tradition“ (Zeitschrift für Ideengeschichte, Sommer 2007, S. 45 – 61) zur Einstellung der Rabbinen: „Wie wenig ihnen die Schöpfung an und für sich bedeutet, zeigen jene Lehren, die den Fortbestand der Schöpfung an die Bedingung der Gesetzesannahme knüpfen. …eine Existenzberechtigung erhält die Schöpfung nur, wenn sie sich nachträglich durch das Gesetz rechtfertigt und durch Gesetzesgehorsam bewährt.“ Damit wird nicht nur der Schöpfung nihilistisch ein eigenständiger Wert abgesprochen, sondern ihr Bestand wird sogar von der dauernden Existenz des Judentums abhängig gemacht. Würden die Juden ihr Judentum aufgeben und damit den Gesetzesgehorsam verletzen, so mag nach dieser biblischen Perspektive die Welt ruhig untergehen. Juden könnten also mit Berufung auf diese rabbinische Sicht konsequent sagen: Nach uns die Sintflut.

Krochmalnik betont, dass das Desinteresse an der Naturhaftigkeit der Schöpfung zur Grundstruktur des rabbinischen Denkens gehört: „Die Schöpfung interessiert nicht als Naturereignis …, sondern als natur- oder besser kreaturrechtliche Präambel zum Gesetz.“ Bei dieser Einschätzung hätte er sich auf das Konzept des „halachischen Menschen“ von Joseph Baer Soloveitchik (1905 – 1993) berufen können, der sich in genau dem gleichen Sinn geäußert hat. Insofern ist es auch kein Wunder, dass das naturwissenschaftliche Interesse des alten talmudischen rabbinischen Judentums auf Medizin und Astrologie/Astronomie beschränkt war, wie Prof. G. Veltri in seinem Aufsatz über „ Theoretical and Empirical Sciences in Rabbinic Judaism“ (Jewish Studies Quarterly, Vol. 5, 1998, Nr. 4, S. 300 – 317) hervorhebt. Diese beiden Wissensbereiche waren diejenigen, die für die Befolgung des Gesetzes bedeutungsvoll waren.

Wenn – wie vor allem im 20. Jahrhundert – jüdische Wissenschaftler wichtige und wichtigste Beiträge zu vielen Naturwissenschaften liefern, so wandeln sie damit ideengeschichtlich grundlegend stärker auf nichtjüdischen-heidnischen Pfaden als auf orthodox jüdischem Weg: Sie folgen - zum Glück! - Aristoteles und Archimedes, nicht Moses und den Propheten.

Mittwoch, 30. April 2008

Inzest und Intelligenz

Ob im Zusammenhang mit dem zuletzt vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelten Fall des deutschen Geschwistern- und Elternpaares oder jetzt anlässlich des niederösterreichischen Inzests von Amstetten:
Unter denen, die im Zusammenhang mit Inzest immer eindringlich auf die Gefahr hinweisen, dass Inzestkinder geistig behindert sein könnten, sind viele, die bestreiten, dass Intelligenz etwas mit Genen und Vererbung zu tun hat.

Montag, 28. April 2008

Ehrenvolle Innovationskraft

Das vergleichsweise kleine Deutschland gehört seit Jahrzehnten zu den führenden Exportnationen und hat sich mehrfach sogar an die Spitze dieser ehrenvollen Liste gesetzt. Ehrenvoll ist sie auch deshalb, weil sie nicht nur einen außerordentlich hohen ökonomischen, sondern auch wissenschaftlich-technischen Leistungsstand zum Ausdruck bringt. Ohne eine bewundernswert große Zahl von Spitzenleistungen der Intelligenz wäre eine solche Position weder zu erreichen noch zu halten.

Diese Höchstleistung ist um so anerkennenswerter, als sie auf eigenen Kräften beruht. Das ist vor wenigen Tagen noch einmal deutlich geworden: Bei der von den USA vorgelegten Liste von Staaten, die geistiges Eigentum verletzen, ist Deutschland nicht zu finden:
http://www.newsdaily.com/stories/n25382000-usa-piracy-report/

Dagegen gehören Staaten wie China, Indien und Israel zur Spitzengruppe derjenigen, denen massive Verletzungen von geistigem Eigentum vorgeworfen werden. Den USA entstehen dadurch jährlich Schäden von über 30 Milliarden Dollar. Da man sicher davon ausgehen kann, dass die urheberrechtsfeindlichen Angehörigen dieser Staaten ihre Aktionen nicht nur gegen die USA richten, sollten sie natürlich auch von deutscher Seite aufmerksam beobachtet werden. Gerade das Entdecker- und Entwicklerland Deutschland ist durch seine in Jahrhunderten bewährte Innovationskraft auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts Angriffspunkt derjenigen, die wenig Respekt vor geistigem Eigentum haben.

Sonntag, 27. April 2008

Duft denken

Den Duft, den ich genieße, will ich auch denken können.

Zum Begriff des Universalgelehrten

Auch ein Universalgelehrter wie Ernst Cassirer hat von unzähligen Wissensgebieten, Fachgebieten und ihren Erforschern und Weiterentwicklern ebenso wie von zahlreichen Dichtern und Künstlern kein oder nur ein sehr geringes Wissen gehabt. Dennoch sollte man ihm nicht deswegen die ehrenvolle Bezeichnung als Universalgelehrter versagen. Um als solcher gelten zu können, muss es genügen, ein wesentlich umfangreicheres Wissen zu haben als der Durchschnittsgelehrte und Durchschnittswissende. Insofern ist der Ausdruck „Polymath“ (Vielwisser) entschieden genauer – wenn auch weniger schönklingend - als der des Universalgelehrten, weil es ein universelles Wissen spätestens seit dem Neolithikum nicht mehr gibt.

Gregor Brand - Aphoristiker & Philosoph

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